Sonntag, 23. Mai 2010

Elfen mit Trichtergrammophon

Diesen Eintrag möchte ich speziell meinem Foren-Freund Bob widmen, damit er sich wenigstens am Film delektieren kann, sollte er mit der Lektüre des Stücks wider Erwarten nicht zurechtkommen.

Ein Sommernachtstraum
(A Midsummer Night's Dream, Italien/Grossbritannien/USA 1999)
Regie: Michael Hoffman
Darsteller: Kevin Kline, Michelle Pfeiffer, Stanley Tucci, Rupert Everett, Calista Flockhart, Dominic West, Christian Bale, Anna Friel, Sophie Marceau, Sam Rockwell u.a.


Michael Hoffman’s Verfilmung von Shakespeare’s “A Midsummer Night’s Dream” wurde von verschiedenen Seiten heftig angegriffen, wobei die Palette der Begründungen von abstrus (“Shakespeare schrieb seine Stücke nun mal für die Bühne, weshalb eine Adaption für den Film einer starken Bearbeitung bedarf“) bis nachvollziehbar, zum Teil berechtigt (“Hoffman schwimmt im Fahrwasser von Kenneth Branagh und setzt durch die Verlagerung der Handlung in die Toscana der Jahrhundertwende auf realistischen, zum Teil oberflächlichen Witz, der die Magie des Stücks vernachlässigt und zugleich altmodisch wirkt“) reichte. Da die Kritikpunkte oft ineinander übergreifen, sich zum Teil auch widersprechen, möchte ich zusammenfassend zu ihnen Stellung nehmen:

Niemand vermochte überzeugender als der grosse Laurence Olivier  aufzuzeigen, wie sehr die Einbildungskraft des Zuschauers sich wohl nicht nur im spärlich eingerichteten  Elisabethanischen Theater  bemühte, ein Bühnenstück in wahrhaftiges Leben umzuwandeln: In seinem “Heinrich V.“  (1944) werden aus überschminkten Schauspielerfratzen nach und nach  echte Menschen, mit denen wir leiden und lieben, die lediglich Schauplätze andeutende Bühnenszenerie entwickelt sich auf wundersame Weise zum Schlachtfeld bei Agincourt.  Olivier veranschaulichte diese Verwandlung im Geiste des Zuschauers mit Hilfe des Mediums Film, das wohl gerade einem Autor wie Shakespeare besonders gerecht wird, möge man die Vorlage drastisch überarbeiten (Orson Welles’ “Macbeth”, 1948) oder ihr weitgehend treu bleiben und “abgefilmtes Theater” in Kauf nehmen. - Nun wird “A Midsummer Night’s Dream”, dies zeigte schon die grandiose Verfilmung aus dem Jahre 1935, zum Beispiel nie die  zu Verfilmungen verlockenden Schauplatzwechsel wie etwa “Much Ado About Nothing” ermöglichen, da dem im Wald vor Athen spielenden Hauptteil etwas Bühnenhaftes, nach Kulissen Schreiendes innewohnt, auch wenn man noch so mit Tricks arbeitet, mit denen eine Freilichtbühne im Regent’s Park nicht aufwarten kann. Und diesen Umstand gilt es zu seinem Vorteil auszunutzen.

Viele Fans von “A Midsummer Night’s Dream” hängen natürlich am Reinhardt/Dieterle-Film (1935), der das Stück als wirkliches Kunstwerk mit poetischer Magie umzusetzen versuchte (allein die rund sieben Minuten dauernde Ouvertüre und die Ballettszenen lassen die Messlatte erkennen, die sich der grosse österreichische Theaterregisseur und sein filmerfahrener Helfer gesetzt hatten). Allerdings konnte dieses Meisterwerk, das ich jedem Filmfreund ans Herz legen möchte (James Cagney spielte den Bottom, Mickey Rooney legte einen umwerfenden Puck hin!), nicht der Weisheit letzter Schluss sein, da Shakespeare von jeder Generation neu entdeckt werden will. Und es ist sicher nicht verwunderlich, dass sich Hoffman an Kenneth Branagh anhängte, der den grössten Bühnenautor aller Zeiten in den frühen 90er Jahren für den Film  "aufgefrischt" und “Much Ado About Nothing” (1993) als regelrechte “Screwball-Comedy” auch in der Toscana statt in Sizilien inszeniert hatte.. - Dabei mag Hoffman’s Verlagerung der Handlung in ein malerisches italienisches Dörfchen des späten 19. Jahrhunderts
deutschen Theatergängern, die vielleicht eher einen “Sommernachtstraum” mit Shakespeare’s Text lediglich stammelnden Figuren in einer radioaktiv verseuchten Welt (im Basler Schauspielhaus dürften als Dekoration noch ein paar Statuen von  Muammar al-Gaddafi und Kim Jong-il in einer verwüsteten Turnhalle herumstehen) gewohnt sind, schon sehr altmodisch, eventuell sogar kitschig vorkommen. Gerade in England selber bemüht man sich jedoch oft (etwa die Royal Shakespeare Company), dem Barden halbwegs gerecht zu werden, ihn nicht mit zum Teil verändertem Text für leicht abwegige Zwecke zu benutzen respektive zu misbrauchen. Und in der Komödie des Elisabethanischen Zeitalters ging es eben vor allem darum, das Publikum zu unterhalten und zu verzaubern. Weshalb also nicht zur Abwechslung den Witz eines Stücks betonen?

“A Midsummer Night’s Dream” wird im allgemeinen nicht zu den ganz grossen Shakespeare-Komödien (“As You Like It”, “Much Ado About Nothing”, “Twelth Night or What You Will”) gezählt, erfreut sich jedoch ausserordentlicher Beliebtheit - und kann beinahe als eine Art “Metakomödie” betrachtet werden, eine Komödie, die das Wesen der anderen Komödien erklärt - ihre Leichtigkeit, die die Bedeutungslosigkeit der eigentlichen Handlung (man beachte die Titel, die alle auf ein kleines Nichts verweisen) hervorhebt,  sich auf das Aufzeigen der Flüchtigkeit menschlicher Gefühle beschränkt  --- und im Gegensatz zu den Tragödien etwas erkennen lässt, was in “As You Like It” in unsterbliche Worte gefasst wurde:
“All the world’s a stage,
And all the men and women merely players...”
Das Besondere an “A Midsummer Night’s Dream”: Es wird (beinahe zur Entlastung menschlicher Schwächen) eine Welt in die Geschichte mit einbezogen, deren magische Kräfte nicht ganz unschuldig an unseren Verwirrungen sind, die aber selber höchst menschlichen Regungen ausgesetzt ist. - Wie setzt Hoffman diese Begegnung zweier Welten um?


Die in ein  Monte Athena genanntes Dörfchen verlegte Handlung  wird im wesentlichen beibehalten, der Text - was ich sehr schätze - nur leicht gekürzt übernommen. Der opulente Anfang, der uns Bilder von den Vorbereitungen für die Hochzeit des Fürsten Theseus zeigt, lässt beinahe ein farbenfrohes filmisches Grossereignis im Stil von Branagh’s Komödienverfilmung erwarten (man achte auf die Elfen, die sogar tagsüber als kleine Diebe neuer Errungenschaften der Menschheit unterwegs sind). Wer die Geschichte kennt, weiss, dass sich jedoch bald junge Liebende im nächtlichen Wald vor dem Dorf herumtreiben und zu zunehmend verwirrten Opfern einer ehelichen Krise zwischen Elfenkönig Oberon und seiner Gattin Titania werden. Dieser Zauberwald  mit seinen seltsamen Bewohnern kann schlicht nicht realistisch dargestellt, sondern muss trickreich in ein romantisches  Theaterrreich verlegt werden. - Hoffman versucht dieser Notwendigkeit des Bühnenhaften entgegenzuwirken, indem er etwa das neu erfundene Fahrrad mit ins Spiel einbezieht (ziemlich unglücklich, da die auf Drahteseln herumirrenden jungen Menschen nicht sonderlich interessant wirken und höchstens einen grauhaarigen Puck mit Glatze faszinieren, der sich das Ding zur Erfüllung seiner Aufträge denn auch zunutze macht) oder Elfen mit einem Trichtergrammophon spielen lässt (herrlich: die armen Dinger setzen sich den Trichter als Hut auf und benutzen die Schellackplatten als Servierteller). - Trotzdem bereitet das Treiben im nächtlichen Wald oft durchaus  Vergnügen, was neben den herausragenden Darstellern und Schauplätzen wie einem Weiher, in dem man ein malerisches Bad nimmt, nicht zuletzt an kleinen Ideen liegt, die das Stück bereichern und interpretieren (auch die “Sterblichen” werden von der den Elfen - einer zum Teil wilden Horde - eigenen Nacktheit  “ergriffen”, was ihnen am folgenden Morgen  die Welt ganz verändert, einfacher vorkommen lässt). Besonders berührend: Das Staunen der Elfenkönigin und ihres Geleits
über Bottom’s "gekonnten" Umgang mit dem Grammophon, das plötzlich eine Opernarie erklingen lässt und Titanias Äusserung über den Eselskopf (“Thou art as wise as thou art beautiful”) einen seltsam neuen Sinn verleiht. - Allerdings verbreiten mehrere   Szenen (die sich auf gleiche Weise wiederholenden Streitereien zwischen den Liebenden, Oberons blumige Sprache) gelegentlich auch eine unnötige Langeweile, die in einer Theateraufführung vermieden würde...

Die Schauspieler (beinahe die Crème de la Crème) bereiten durchwegs Freude und bemühen sich, dem Zuschauer neben der Leichtigkeit des Stücks auch Shakespeare’s gar nicht so schwer zu verstehende Sprache näher zu bringen. - Kevin Kline darf als sich für schauspielerisch talentiert haltender Bonvivant und Weber Bottom seine komödiantischen Fähigkeiten natürlich voll ausspielen und das Stück  an sich reissen; er  macht auch als Esel eine gute, menschliche Züge bewahrende Figur  (interessantes Detail: ausgerechnet dieser selbstgefällige Trottel erhält, wie sein nachdenkliches Betrachten der Statuen im Schlosspark am nächsten Morgen  zeigt, das Privileg, von den Ereignissen der Nacht eine Ahnung bewahren zu dürfen). Rupert Everett (wer in der Bezeichnung “Fairy King” für den sich im Gras räkelnden Nackedei keine ironische Anspielung erkennt, ist mit schwuler Blindheit geschlagen) gibt einen recht phlegmatischen Pascha, weshalb sich Michelle Pfeiffer, die mittlerweile auch Weichzeichner benötigt, wohl  lieber einem Eselskopf zuwendet (man erhält in “A Midsummer Night’s Dream” grundsätzlich den Eindruck, einige Liebesverstrickungen würden ohne Zauber ebenfalls funktionieren!)  und ihn mit einer herrlich übertriebenen Erotik und Köstlichkeiten aus aller Welt für sich einzunehmen versucht (ihn gelüstet es freilich eher nach etwas Heu). Da man sich die Figur des Puck gerne als ausserordentlich lebhaft vorstellt, ist Stanley Tucci in der Rolle etwas gewöhnungsbedürftig. Seine Versuche, die Positionen seines faul herumliegenden Königs Oberon nachzuahmen, sind freilich umwerfend - und das Fahrrad verhilft ihm ja letztlich zu der Quirligkeit, die einem Mann in seinem Alter sonst fehlt. - Die jungen Liebenden sind eben junge Liebende, was nichts über die schauspielerischen Leistungen von Bale, West etc. aussagt, sondern lediglich über die Rollen, zu denen sie "verurteilt" wurden; immerhin erweist sich Serienstar Calista Flockhart  als erstaunlich begabt. - Die grösste Überraschung beschert vielleicht die Aufführung der von den Handwerkern so fleissig geprobten “lustigen” Tragödie von Pyramus und Thisbe vor der erlauchten Hochzeitsgesellschaft am Schluss des Films: Während Bottom als Pyramus effektvoll mehrere Tode zu sterben versucht, gelingt ausgerechnet Francis Flute, der sich so dagegen wehrte, eine Frau spielen zu müssen,  die Darstellung seines Lebens, weil er zu Thisbe wird, sich in die Figur hineinversetzt - und die Zuschauer zutiefst anrührt.


Im Gegensatz zur Verfilmung von 1935, die ganz auf Mendelssohn-Bartholdy setzte, lässt Hoffman - vielleicht der Zeit angemessen - eher Opernmelodien von Verdi, Puccini und Rossini erklingen (um Mendelssohns “Hochzeitsmarsch” kommt freilich auch er nicht herum). - Eine gesamthaft liebenswerte Verfilmung, “abgefilmtes Theater” im positiven Sinne - wenn auch mit einigen Längen. Hoffman gelingt es sicher nicht, an Branagh’s meisterhafte Adaption von “Much Ado About Nothing” anzuknüpfen - und Freunde älterer Filme werden der Magie von Reinhardts/Dieterles überragendem “A Midsummer Night’s Dream” verständlicherweise den Vorzug geben, da der Witz in der Verfilmung von 1999 gelegentlich etwas schal anmutet. Allein schon die Darsteller lohnen jedoch eine Sichtung von Hoffman’s “Sommernachtstraum” - und Zeitgenossen, die um jedes Theater einen grossen Bogen machen, erleben eine zu mehr verlockende, wunderschön fotografierte Begegnung der eher konventionellen Art mit Shakespeare.

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