Samstag, 9. Juni 2012

Familienurlaub, Liebe und Massenterror

DIE SONNE, DIE UNS TÄUSCHT (UTOMLENNYE SOLNCEM/SOLEIL TROMPEUR)
RUS/F 1994
Regie: Nikita Michalkov
Darsteller: Nikita Michalkov (Sergej Kotov), Oleg Men’šikov (Mitja), Ingeborga Dapkūnaitė (Marusja), Nadežda Michalkova (Nadja) u.a.


Prolog:

„Utomlennye solncem“ ist eine wunderschöne und typisch russische Instrumental-Konstruktion! Sie bedeutet soviel wie „Die von der Sonne Ermüdeten“. Mit dem sechsten grammatikalischen Fall wird der Titel des sowjetischen Schlagers „Utomlennoe solnce“ (Die ermüdete Sonne) verballhornt. Die melancholische Komposition heißt eigentlich auf polnisch „To ostatnia niedziela“ (Der letzte Sonntag) und stammt aus der Feder des polnischen Jazz-und-Tango-Komponisten Jerzy Petersburski. Zenon Friedwalds dazugehöriger Text handelt vom letzten Treffen zweier getrennter Liebhaber. Aleksandr Cfasmans Jazz Band adaptierte zwei Jahre später, nämlich 1937, eine russisch-sowjetische Version des Lieds unter dem Titel „Utomlennoe solnce“, mit einem ähnlichen Text.
„Utomlennoe solnce“ war zu seiner Erscheinungszeit ein Hit und bildete gewissermaßen den Soundtrack zum Großen Terror. Es ist ein kleiner Goof, dass das Lied von 1937 im Film verwendet wird, der 1936 spielt. Schlichtweg einfacher wäre es gewesen, die Handlung ein Jahr nach hinten zu verlegen, denn die Komposition trägt in allen möglichen Variationen ganz entscheidend zur Atmosphäre des Films bei!

Die ermüdende Sonne:

Morgens um halb zehn: Einige friedliche Bauern wollen auf dem Feld arbeiten, aber plötzlich tauchen aus dem Nichts Panzer auf. Ein Militärmanöver beginnt, ganz egal, wie viel Weizen dabei draufgeht. Die Bauern sind empört und wollen dies natürlich verhindern. Und dann taucht er auf! Ein tapferer Reiter in Leinenhosen und Matrosenunterhemd, der sich den Panzern mutig entgegenstellt. Er weist die Leiter des Manövers wortgewaltig zurecht, schreit einige Befehle und... das ganze wird abgeblasen und soll anderswo stattfinden. Es ist morgens um halb zehn im schönen Sommer des Jahres 1936 in der Sowjetunion.

Der Patriarch, Held des Russischen Bürgerkriegs, Altbolschewik und Oberst der Roten Armee Sergej Kotov (exzellent vom Regisseur Nikita Michalkov dargestellt) versammelt an einem heißen Tag Ehefrau, Tochter, erweiterter Familienkreis und Bekannte in seiner Sommer-Datscha in der Nähe von Moskau. Die Gesellschaft frühstückt, trinkt Tee, plaudert, hört Schallplatten, tanzt, musiziert, macht Witze, geht schwimmen und amüsiert sich prächtig. Es ist die Idylle einer aristokratisch anmutenden Familie, wie Čechov sie nicht besser hätte beschreiben können. Währenddessen entledigt sich das stalinistische Regime im ersten Moskauer Schauprozess der Altbolschewiki Kamenev und Zinov’ev und bereitet eine beispiellose Terrorkampagne vor, die zur Erschießung Hunderttausender Menschen führte. Und dann kommt auch noch ein unerwarteter Gast in Kotovs Datscha.

Um zunächst eines klarzustellen: Der Film endet für die wichtigsten Figuren des Films eher schlecht! Und wenngleich „Die Sonne, die uns täuscht“ wahrscheinlich nicht nur einer der besten, sondern auch differenziertesten Filme über den Stalinismus ist, so ist seine Beschäftigung mit dem Thema bis zur letzten halben Stunde sehr subtil und eher verdeckt – zumindest für jeden, der den Film zum ersten Mal sieht. Es dominiert die chaotische Atmosphäre einer Familienkomödie, die von absurd-grotesken Situationen durchzogen ist. Die Datscha gleicht einem Irrenhaus. Onkel Vsevolod schwärmt zusammen mit den zwei Omas von den alten Zeiten, wenn er nicht gerade die hypochondrische und leicht schwachsinnige Haushälterin anbaggert. Onkel Kiriks erratisches Verhalten lässt an seiner geistigen Gesundheit ebenfalls zweifeln, wenn er nicht gerade die Alkoholreserven plündert oder eine junge Musikstudentin anbaggert, die ebenfalls aus unbekannten Gründen das Kotov’sche Anwesen besucht. Dazwischen ist Kotovs Tochter Nadja so quengelig wie ein sechsjähriges Kind es eben sein kann.

Noch mehr Leben in die ohnehin verrückte Bude bringt Mitja. Er ist ein attraktiver Mann in den Dreißigern, humorvoll, eloquent, gebildet, musikalisch geschult und er kommt mit allen beteiligten Personen wunderbar aus. Hinter der fröhlichen Fassade lauert jedoch der Zerfall von Kotovs Familie, denn Mitja ist auch der ehemalige Liebhaber von Marusja, der Ehefrau Kotovs. Die Liebe zwischen den beiden lodert noch unter der Oberfläche. Und Mitja ist Offizier des NKVD und hat den Auftrag, Stalins Terror in die fröhlich-ausgelassene Gesellschaft am ländlichen Rand Moskaus zu bringen.

Mitja ist nicht zuletzt dank der außergewöhnlichen Darstellung Oleg Men’šikovs so interessant geraten. „Utomlennye solncem“ ist dadurch aber noch lange nicht ein Film über einen Täter! Michalkov macht es sich tatsächlich nicht so einfach. Denn obwohl es sich oberflächlich um eine oft absurde Familienkomödie mit einigen melodramatischen Elementen handelt, ist die Darstellung des Stalinismus in diesem Film sehr viel differenzierter und subtiler, als bei der ersten Sichtung denkbar wäre. Dafür muss man sich jedoch von gängigen, von der Totalitarismus-Theorie beeinflussten Sichtweisen entfernen, wonach ein allmächtiger sowjetischer Staat seine eigenen Bürger nur durch Terror unterworfen habe.

Mitja ist als NKVD-Offizier zwar offensichtlich ein Täter. Doch auch er hat eine komplizierte Vergangenheit. Während des Russischen Bürgerkriegs kämpfte er auf Seiten der Weißen Armee und emigrierte nach deren Niederlage. Voller Sehnsucht, seine Heimat und seine Geliebte Marusja wieder zu sehen, ging er mit den sowjetischen Sicherheitsbehörden einen Deal ein und arbeitete aus dem Ausland als Doppelagent. Kurz nach seiner Rückkehr in die russische, nun sowjetische Heimat, beorderte ihn eine hochgestellte Armee-Persönlichkeit wieder in den Auslandsdienst... und nahm Mitja gleich noch die geliebte Marusja weg.

Diese hochgestellte Persönlichkeit ist natürlich niemand anders als Kotov selbst. Kotov, der die Entführung und Hinrichtung emigrierter weißer Offiziere selbst organisiert hat. Kotov, der seinen Dienstrang nicht nur gebraucht, um Urlaubs-störende Panzermanöver zu beenden, sondern auch um einen lästigen Rivalen in Sachen Liebe loszuwerden. Kotov, gläubiger Altbolschewik und Stalinist. Kotov, der nicht nur Stalins Widmung auf einem gemeinsamen Foto hat, sondern auch dessen direkte Kreml-Telefonnummer. Kotov, dessen Name und Beziehungen ihn jedoch vor dem Großen Terror nicht schützen werden.

Sowohl Mitja wie Kotov differenzieren sich im Verlaufe des Films und lösen Zuordnungen wie „Täter“ und „Opfer“ zunehmend auf. Die „Bösen“ sind keine absoluten Bösen, und die „Guten“ haben selbst Schmutz (und Blut) an ihren Händen kleben. Die drei dargestellten NKVD-Schergen sind keine sadistischen Schläger, sondern „normale“ Leute: Sie schwitzen (weil es eben Sommer und extrem heiß ist), sie packen ihre Mittagsbrote aus (weil sie eben hungrig sind), sie fahren einen Häftling nach Moskau, wo er wahrscheinlich erschossen sind (weil es eben ihr Job ist). In wenigen Bildern erfährt hier der Zuschauer hundert Mal mehr über die Vollstrecker des stalinistischen Terrors als etwa in Andrzej Wajdas überaus krudem Machwerk „Katyń“.

Oberflächlich folgt die Haupthandlung des Films der klassischen Chruščev’schen Deutung des Stalinismus: der Große Terror als „Große Säuberung“, als Selbstzerstörung des Partei-, Armee- und Staatsapparats, letztlich als Selbstviktimisierung der bolschewistischen Elite. In einem charakter-zentrierten Film mit komplexen individuellen Hauptfiguren ist es sicherlich schwierig, den Massencharakter der stalinistischen Gewalt darzustellen. Doch zeigt der Film zumindest bei einer Figur, dass der Terror jeden treffen konnte, und zwar ganz besonders jene, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Doch gerade in seiner Stalinismus-Darstellung jenseits des reinen Terrors läuft „Utomlennye solncem“ zu Hochform auf. Dass der Film sich oft so anfühlt, als hätte ausgerechnet der Fellini der Spätphase Čechov beim Verfassen des Drehbuchs geholfen, ist für die treffende Charakterisierung der Stalin-Ära durchaus hilfreich. Wenn es nicht gerade um die Aushandlung zwischenmenschlicher Beziehungen geht, verfällt der Film in ein befremdliches und bizarres Chaos oder montiert völlig irrationale Handlungen aneinander. Als sich die Kotov’sche Gefolgschaft an einem Flussstrand mit zahlreichen anderen Badegästen gerade entspannt, taucht aus dem Nichts eine Bürgerwehr auf, die eine spontane und dilettantische Gasmaskenübung veranstaltet. Der ganze Spaß endet im völligen Chaos: Personen werden verletzt, die Liegetragen sind nicht für Frauen über 100 Kilo konzipiert und das ganze dient scheinbar letztlich nur dazu, dem Chef der Bürgerwehr eine kleine Nacktbade-Sitzung zu ermöglichen. In dieser befremdlichen Szene ist ein Kern-Wesenszug der Sowjetunion der 1930er festgehalten: das stalinistische Regime war ein Mobilisierungs-Regime, das ganz bewusst mit inszeniertem Chaos die Bevölkerung in permanenter Alarmbereitschaft halten wollte und das die Gesellschaft mit dem militanten Kampfgeist der Bürgerkriegs-Ära durchdringen wollte.

Der Stalinismus ließ den Geist des Russischen Bürgerkriegs für eine Generation wieder aufleben, die ihn selbst nicht aktiv erlebt hatte. Während Getreidebrigaden in den Dörfern den Bürgerkrieg wieder in Echt aufleben ließen, wurden Schlachtfelder an anderer Stelle künstlich in Form sozialistischer Monumentalprojekte geschaffen. Die Moskauer Metro, aber auch der Weißmeer-Ostsee-Kanal zeugen noch heute davon. In „Utomlennye solncem“ werden hingegen in der Nähe von Kotovs Datscha auf Großbaustellen Heißluftballons und Zeppeline gebaut. Das ist sicherlich als Satire auf die stalinistischen Monumentalvorhaben mit ihrem blinden und militanten Aktionismus zu verstehen – besonders angesichts ihres Verwendungszwecks! Obwohl sich tatsächlich nicht ausschließen lässt, dass ein sozialistischer Wettbewerb zum Heißluftballon-Bau tatsächlich stattgefunden hat.

Das Regime ließ seinen Bürgern aber auch sehr wohl Freiräume zur Entspannung und zum Rückzug, ja gar zu einer geradezu kleinbürgerlichen Familienidylle. Gerade die gemeinsamen Szenen zwischen Kotov und seiner Tochter Nadja (gespielt von der Tochter des Regisseurs und Hauptdarstellers Nadežda Michalkova) sind auf ehrliche Weise bewegend und rührend. Sie sind auch die einzigen Momente, in denen Spannung und Chaos weichen... zumindest vorübergehend. Denn Anspannung, Alarmbereitschaft und Aktionismus wurden als Ausnahmezustand zum Normalzustand, während der Rückzug als potentieller Normalzustand zur Ausnahme wurde. Diese extreme Anspannung der frühen Stalin-Zeit ist immer vorhanden und dominiert, wenngleich meist latent, die Grundstimmung des Films: sei das nervöse Klopfen auf ein Wasserglas, das subtile und leicht aggressive Minderwertigkeitsgefühl Kotovs gegenüber der aristokratisch-intellektuellen und frankophilen Familie Marusjas, die herumliegenden Glasscherben am Badestrand, die beiläufige Erwähnung von Säuberungen an der Fakultät beim Frühstück oder die Narben an Mitjas und Marusjas Körper, die von vergangenen tödlichen Kämpfen und Selbstverletzungen zeugen.

Mit dem Zweiten sieht man angeblich besser. Bei „Utomlennye solncem“ werden die meisten Zuschauer vielleicht erst ab der dritten Sichtung etwas sehen, da der Film aufgrund seiner Vielschichtigkeit durchaus überwältigen kann. Selbst bei der vierten Sichtung kann man noch kleine Details erkennen, die die Komplexität des Films weiter bereichern – ohne ihn unbedingt logischer machen zu müssen: Z.B. die überaus schwierige Beziehung Mitjas zu Marusja, deren Ursprünge im Grenzbereich zwischen Inzest und Pädophilie vermutet werden können. Auch die Frage, wie der Prolog und der Epilog chronologisch zusammengehören, kann je nach Sichtung eine andere Antwort finden: liegt ein ganzer Tag zwischen ihnen oder trennt sie nur wenige Minuten? Eine interessante Frage, die an Mitjas Schicksal nichts ändert, sehr wohl aber die Bedeutung des Telefonats im Prolog: trägt Stalin oder Mitjas eigenes Gewissen eine größere Schuld am Verderben des charmant-teuflischen NKVD-Offiziers?

Epilog:

„Utomlennye solncem“ hat 1994 den Großen Preis der Jury beim Cannes-Festival und ein Jahr später den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewonnen. Dies trug wohl dazu bei, dass Michalkov den Erfolg irgendwie erneuern wollte, etwa durch eine Fortsetzung. Da am Schluss des Films eigentlich alle wesentlichen Figuren tot sind und Michalkov keine Fortsetzung als Zombie-Version drehen wollte – was in einer gewissen Weise gar nicht so unpassend gewesen wäre – hat er eine riesige, großkalibrige „deus ex machina“ ausgepackt. Die Figuren sind eigentlich gar nicht gestorben oder gestorben worden, sondern kämpfen nun gegen das faschistische Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Das ganze ist 2010 rausgekommen, heißt „Utomlennye solncem 2“ und sieht vom Plakat her aus wie eine Art „Rambo à la russe avec moustache“... Vielleicht sind die Zombies der geplanten Untoten-Version einfach nur abgehauen, nachdem sie Michalkov das Gehirn weggefuttert haben.

Technischer Hinweis:

Der Film ist im deutschsprachigen Raum nicht auf DVD zu finden. Wenn er im deutschsprachigen Fernsehen läuft, dann nur massiv (um etwa 20 Minuten) gekürzt! Der gepflegte Cinephile findet den Film in einer britischen DVD-Ausgabe, hier mit der ungekürzten Laufzeit von 146 Minuten.

Kommentare:

  1. Du beginnst deine erste Besprechung hier sehr musikalisch. Lass mich auch meinen Kommentar mit ein wenig Musik beginnen! - Das also ist "davids" Vorstellung in "Whoknows Presents", und es ist eine Vorstellung, auf die ich sehr stolz bin. Die spannende Beschreibung mit erläuternden Details, die vielen Screenshots machen dich zu einem Mitautor, von dem man noch viele Beiträge lesen will. Sei herzlich willkommen!

    Ich sah "Die Sonne, die uns täuscht" in der zweiten Hälfte der 90er Jahre tatsächlich (ohne es zu wissen) in der stark gekürzten Fassung im Fernsehen. Farbenpracht und Thema faszinierten mich; gleichzeitig empfand ich die Handlung als äusserst gewöhnungsbedürftig (will heissen: Ich verstand die Oscarvergabe nicht so recht). Du hast mir den Film jetzt entschieden näher gebracht, und ich werde mich um die Originalversion kümmern, verzichte aber gleichzeitig auf die Zombie-Fortsetzung. ;)

    An Tschechow musste ich offen gestanden nie denken, da mir dessen Stücke zu sehr von einer müden Sehnsucht beherrscht scheinen, während in Michalkovs Film oft das pure Chaos dominiert, finde es aber interessant, dass du ihn erwähnst (abgesehen davon: du bist als Europa-Kenner der Tschechow-Spezialist, nicht ich).

    Und last, but not least: Das "Lexikon des internationalen Films" bezeichnet "Die Sonne, die und täuscht" als ein Werk, das auf allen Ebenen scheitere. Wer vom Lexikon derart disqualifizert wird, muss per definitionem gut und mehr als sehenswert sein. :)

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    1. Wenn ich die Augen schließe, dann Ich höre die Engel singen. Wenn ich sie öffne, merke ich, dass es nur der Dresdener Kreuzchor ist ;-)
      Vielen lieben Dank für die netten Willkommensworte. Ich werde versuchen, auch in Zukunft Texte zu schreiben, die ihrer würdig sind...
      Ich hoffe doch sehr, dass du den Film bei Gelegenheit (ungekürzt) ein wiederholtes Mal siehst. Es lohnt sich! Ich selbst hätte eine Zombie-Fortsetzung lieber gesehen als die nun tatsächlich existierende Rambo-2-Fortsetzung.
      Was Tschechow betrifft: die müde Sehnsucht ist ja durchaus in der Form des älteren Onkels und der beiden Omas vorhanden, die ein Stück der alten aristokratischen Datscha-Idylle mit sich tragen. Ich bin aber sehr stolz, dass du mich einen "Tschechow-Spezialisten" nennst, angesichts der Tatsache, dass ich in Wirklichkeit nur einige wenige Kurzgeschichten von ihm gelesen habe...
      Stellt sich die Frage, wie das "Lexikon" wohl zu Wajdas "Katyn" steht?

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    2. Jetzt hast du mich tatsächlich neugierig gemacht. Leider scheint sich das "Lexikon" über Wajdas "Katyn" zumindest online auszuschweigen. Es ist schwer zu sagen, was es von ihm hält, beurteilt es doch andere Filme des Regisseurs höchst unterschiedlich.

      Was Tschechow anbelangt: Vielleicht habe ich mich ein bisschen zu sehr von Theaterregisseuren der 70er und 80er Jahre beeinflussen lassen, die im "Kirschgarten", in "Drei Schwestern" oder "Onkel Wanja" die Leere in den Figuren, die Öde stark betonten. Kommt hinzu, dass man in Übersetzungen allgemein Dinge hineinliest, die sich vielleicht im Original ganz anders auslegen lassen. - Und wenn ich dich richtig einschätze, stürzt du dich jetzt gleich auf sämtliche Tschechow-Dramen und wirst über Nacht zu dem, was ich in meiner Kristallkugel zu sichten beliebte. :D

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  2. Sehr informativer Text. Ich erinnere mich dunkel, dass ich seinerzeit in einem TV-Magazin (vermutlich "Apropos Film") einen Drehbericht sah, aber seitdem war der Film von meinem Radar verschwunden. Bei deiner Beschreibung der verschwimmenden Rollen von Opfern und Tätern musste ich an Renoirs "Jeder hat seine Gründe!" denken. Außerdem kam mir Abuladses DIE REUE in den Sinn, der auf surreal-allegorische Art auch mit dem Stalinismus abrechnet. Auch da endet manche Szene im Chaos, vor allem eine, in der ein geplatzter Hydrant einen ganzen Straßenzug unter Wasser setzt.

    Glückwunsch zum gelungenen Einstand, und nun starren alle gebannt ins Land der lila Kühe und warten darauf, dass QBrick nachzieht! :-Þ

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    1. Meinst du jetzt "La règle du jeu"?
      Abuladzes "Die Reue" habe ich bislang noch nicht gesehen, deine Bemerkung wird ihn jedoch in meiner To-Do-Liste um einige Ränge nach vorn katapultieren.
      Tatsächlich scheinen beim Film eine surreal-allegorische Annäherung an den Stalinismus künstlerisch fruchtbarer zu sein als ein "realistischer" Zugang wie etwa im - ich zitiere mich mal selbst - "kruden, pathetischen und in seiner geradezu lustvollen Gewaltdarstellung grenzwertig voyeuristischen 'Katyń'". (ja ich mag diesen Film nicht). Gerade Surrealismus, Allegorien und Symbole können Ambivalenzen und die Gleichzeitigkeit von Freude und Angst, von Entspannung und Gewalt, von Humor und Terror zulassen. Ich bin mal auf "Die Reue" gespannt.

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    2. Ja, das Zitat ("Le drame dans ce monde, c'est que chacun à ses raisons") ist aus DIE SPIELREGEL, wo es der von Renoir selbst gespielte Octave äußert, aber es durchzieht als Motto noch weitere seiner Filme. Z.B. LA MARSEILLAISE, wo Renoirs Sympathie zwar schon den Revolutionären gehört, wo er aber König und Aristoktatie nicht verdammt, weil sie eben auch ihre Gründe haben.

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  3. Sehr mitreißend geschrieben auch. Das klingt so gut, daß ich schon fast wieder Angst habe, zu hohe Erwartungen aufzubauen. Mal sehen, wann mir der vor die Glubscher läuft.

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    1. Das Problem mit den Erwartungen habe ich ja angesprochen. Bei mir ist erst bei der dritten Sichtung "der Groschen gefallen" (hier war jetzt meine vierte). Dies liegt vielleicht daran, dass ich ihn erst beim dritten Mal in der ungekürzten Originalfassung gesehen habe... vielleicht auch daran, dass ich mich zwischen der zweiten und der dritten Sichtung von einem Student im fünften Semester zu einem "fertigen" Osteuropahistoriker mit einem etwas größeren Verständnis von Stalinismus entwickelt habe... vielleicht aber auch daran, dass der Film wirklich eine harte Nuss ist. Aber es lohnt sich: nimm dir so viele Anläufe, wie du brauchst ;-)

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