Sonntag, 1. Juli 2012

Afrikanische Tragödie ... an der Côte d'Azur

LA NOIRE DE... (dt. DIE SCHWARZE AUS DAKAR)
Senegal/Frankreich 1966
Regie: Ousmane Sembène
Darsteller: Mbissine Thérèse Diop (Diouana), Anne-Marie Jelinek (als Anne-Marie Jelinck, Madame), Robert Fontaine (Monsieur), Momar Nar Sene (Diouanas Freund), Ibrahima Boy (Junge)


Ein schönes großes weißes Passagierschiff fährt, aus Dakar kommend, in den Hafen von Marseille ein, und unter denen, die von Bord gehen, ist Diouana, eine junge Senegalesin. Ihre Blicke und ein innerer Monolog verraten, dass sie fremd ist in diesem Land. Sie ist nach Frankreich gekommen, um in Antibes an der Côte d'Azur für Madame und Monsieur zu arbeiten, als Kindermädchen - wie sie glaubt. Abgesehen von Diouana und den drei kleinen Kindern von Madame und Monsieur bleiben die Namen aller Personen im Film ungenannt. Später im Film zeigen zwei Rückblenden, wie es zu Diouanas Engagement kam: Sie hatte schon in Dakar für das Paar gearbeitet, das dort eine geräumige Villa mit mehreren Angestellten bewohnte. Diouana musste mit den Kindern spielen und sie zur Schule bringen - eine leichte und angenehme Tätigkeit, und als sie von Madame gefragt wurde, ob sie bald nach Frankreich nachkommen will, sagte sie gerne zu. Mehr noch als um den Lohn ging es ihr darum, das ferne Land kennenzulernen und ihre Verwandten und Bekannten vor Neid erblassen zu lassen, wenn sie ihnen Fotos von sich in Frankreich schicken würde. Diouanas Freund dagegen, ein intelligenter und politisch interessierter junger Mann, hält nicht viel von der ehemaligen Kolonialmacht, und er stand ihren Plänen sehr skeptisch gegenüber. Doch in ihrer jugendlichen Unbefangenheit setzte sie sich über seine Einwände hinweg.


In der 70-minütigen vollständigen Fassung enthält der ansonsten schwarzweisse Film nach Diouanas Ankunft eine ca. zehnminütige Farbsequenz, die Diouanas erste Eindrücke von der Côte d'Azur wiedergibt. Diese Sequenz wurde jedoch schon für den französischen Verleih gestrichen und der Film auf eine knappe Stunde gekürzt. Auf DVD gibt es nur die gekürzte Fassung, die längere mit der Farbsequenz hat aber überlebt (Jonathan Rosenbaum berichtet, dass er sie 2008 sah). In Antibes angekommen, wird Diouana von Madame die Aussicht auf die Küste mit den daran gelegenen Städten gezeigt: Hier Nizza, dort Cannes, dazwischen Antibes. Doch die klingenden Namen bleiben bloße Verheißung, die nicht eingelöst wird. Es erweist sich, dass Madame und Monsieur ihren luxuriösen Lebensstil nur im postkolonialen Dakar pflegen können. Hier in Frankreich sind sie ein ganz normales Mittelklasse-Paar. Sie fahren einen Kleinwagen mit Delle, die Wohnung ist auch nicht besonders groß, und Diouana ist jetzt die einzige Hausangestellte. Und sie ist nicht mehr Kindermädchen, sondern Mädchen für alles: Putzen, Kochen, Geschirr spülen, Wäsche waschen, und nochmal Putzen. Außer zum Einkaufen kommt sie nicht aus dem Haus. Als sie das geforderte Arbeitstempo kaum einhalten kann, wird die anfangs noch freundliche Madame zunehmend ruppig. Monsieur findet das Verhalten seiner Frau zwar übertrieben, aber er gibt sich weitgehend indifferent, statt Diouana beizustehen. Diouana empfindet sich bald nicht mehr als Person, sondern wie ein Einrichtungsgegenstand behandelt. Das bringt auch der ambivalente Filmtitel zum Ausdruck: Das "de..." kann nicht nur für die geographische Herkunft stehen, sondern auch ein Besitzverhältnis anzeigen - "Die Schwarze von Monsieur und Madame" (der plumpe deutsche Titel macht die Ambivalenz natürlich zunichte). Diouanas faktisches Eingesperrtsein wird von Sembène durch die kontrastierende Wahl der Schauplätze veranschaulicht: Während die meisten Szenen in Dakar im Freien spielen, wird Diouana nach der Ankunft in Antibes nur noch in den vier Wänden von Madame und Monsieur gezeigt, so dass sich schnell eine klaustrophobische Stimmung einstellt. Diouanas Gemütsverfassung, die von anfänglicher Neugier und Hoffnung schnell in Ernüchterung, Wut und schließlich Verzweiflung und Resignation übergeht, wird durch ihren per Voice-over vermittelten inneren Monolog dargestellt.


Zur Arbeitsüberlastung und Isolation kommen kleinere und größere Demütigungen. Es beginnt schon damit, dass Madame ihr verbietet, schöne Kleider und Schuhe eigener Wahl zu tragen und ihr stattdessen schmucklose Arbeitskleidung aufnötigt. Als Madame und Monsieur Gäste bewirten, gibt ein älterer Herr Diouana einen Schmatz - weil er "noch nie eine Negerin geküsst" hat, wie er ganz unverblümt sagt. Der konsternierten Diouana bleibt nichts übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Peinlich gestaltet sich auch die Ankunft eines Briefs von Diouanas Mutter. Da Diouana Analphabetin ist, liest Monsieur den Brief vor: Die Mutter beklagt sich, dass Diouana noch kein Geld geschickt hat, weil sie wohl alles verprasst - dabei hat sie noch gar keinen Lohn erhalten. Als wäre das noch nicht genug, macht sich Monsieur gleich daran, den Brief zu beantworten. Weil ihm Diouana trotz seiner Aufforderung nichts diktiert, schwadroniert er selbst eine Antwort zusammen, natürlich ohne auf die tatsächliche Situation von Diouana einzugehen. Diese ist in dieser Situation sprachlos, ihr fehlen komplett die Worte.

Madame, Monsieur und einer ihrer Gäste
Monsieur hat die Zeichen verstanden und händigt Diouana nun den ausstehenden Lohn aus, aber er dringt nicht mehr zu ihr durch - sie hat sich nun emotional komplett von ihrer Umgebung abgekapselt, selbst den Sohn von Madame und Monsieur ignoriert sie jetzt. Am Beginn ihrer Anstellung in Dakar hatte sie Madame eine Maske geschenkt, die sie einem kleinen Jungen aus der Nachbarschaft für wenig Geld abgekauft hatte. Als Zeichen ihrer inneren Kündigung nimmt sie die Maske nun wieder an sich, worauf es zu einer regelrechten Rauferei mit Madame kommt. Danach packt Diouana ihre Koffer. Doch sie wagt sich nicht ins fremde Frankreich hinaus. Stattdessen legt sie sich in die Badewanne und schneidet sich mit einem Rasiermesser die Kehle durch. Etwas später sieht man Monsieur am Strand liegend, wie er in der Zeitung eine dürre Notiz über Diouanas Selbstmord liest. In einem Epilog versucht er, offenbar vom schlechten Gewissen geplagt, in Dakar Diouanas Lohn und ihre Habseligkeiten an ihre Mutter auszuhändigen. Doch er prallt am Stolz der Mutter und ihrer Nachbarn ab, das Geld wird nicht angenommen. Nur der Junge nimmt die Maske an sich, die ihm schon einmal gehört hatte. Obwohl ihn niemand bedroht und ihm außer dem Jungen mit der Maske niemand folgt, gestaltet sich Monsieurs Rückzug zur Flucht - eine Szene, die man auch allegorisch verstehen kann.

Unbeschwerte Tage in Dakar
Sembène enthält sich in seinem ersten Spielfilm jeder Sentimentalität und Melodramatik. Stattdessen ist LA NOIRE DE... betont nüchtern gestaltet, die Tragödie wird sachlich-analytisch protokolliert. Sembène moralisiert auch nicht. Madame und Monsieur sind keine Bösewichter. Sie können kaum anders handeln, weil sie die Situation überhaupt nicht begreifen. Als Diouana am Ende kurz vor dem psychischen Zusammenbruch steht, kommen sie nur auf den Gedanken, dass sie krank sein könnte. Dass sie selbst etwas damit zu tun haben, kommt ihnen nicht im Entferntesten in den Sinn. Es geht wohlgemerkt nicht darum, dass die Europäer nicht in der Lage wären, das "unergründliche" Afrika zu verstehen. Derlei Exotismus ist einem afrikanischen Regisseur wie Sembène natürlich fremd. Madame und Monsieur fehlt schlicht jedes Verständnis für Diouanas Bedürfnisse als Person, es fehlt vor allem am Respekt. Wie auch an der Unterhaltung mit den erwähnten Gästen deutlich wird, handelt es sich letztlich um die latent rassistische Ignoranz der ehemaligen Kolonialherren.


Die nüchterne Machart von LA NOIRE DE... bedeutet nicht, dass es sich um einen filmsprachlich schlichten Film handeln würde. Sembène arbeitet viel mit betonten Kontrasten. Kameramann Christian Lacoste (ein in Dakar lebender Franzose) fängt viele harte Schwarzweiß-Kontraste ein, was man durchaus als bewusste Metaphorik deuten kann. Im Soundtrack findet sich - passend zum jeweiligen Schauplatz - westafrikanische neben europäischer Musik (ein Stück, das zweimal angespielt wird, erinnert stark an Georges Delerues Klaviermusik aus SCHIESSEN SIE AUF DEN PIANISTEN). Die Gegenüberstellung afrikanischer Außen- und europäischer Innenräume wurde schon erwähnt. Sembène nimmt auch, nicht weiter verwunderlich, gewisse Anleihen bei der Nouvelle Vague, und der Einfluss des Neorealismus (der bei Regisseuren aus Ländern mit unterentwickelter oder fehlender Filmindustrie, wie damals der Senegal, auch nach seinem Abklingen in Italien noch Vorbildfunktion hatte) ist noch spürbar, wenn auch nicht so deutlich wie in Sembènes Kurzfilm BOROM SARRET von 1963 (der ähnlich wie FAHRRADDIEBE endet). Wie in den meisten Filmen Sembènes sind auch in LA NOIRE DE... alle Darsteller Laien (Mbissine Thérèse Diop war damals Näherin, Anne-Marie Jelinek und Robert Fontaine waren auch im echten Leben miteinander verheiratet, und sie hatten eine "koloniale" Vergangenheit - Fontaine wurde in Saigon geboren, und Jelinek in Algerien). Sembène selbst übernahm eine Cameo-Rolle als Grundschullehrer in Diouanas Viertel in Dakar, der als Nebenbeschäftigung gegen eine Gebühr Schreibarbeiten für die Bevölkerung übernimmt - ein nebenbei verabreichter Hinweis auf den weit verbreiteten Analphabetismus im damaligen Senegal.

Harte Schwarzweiß-Kontraste
LA NOIRE DE... ist eines der Gründungswerke des schwarzafrikanischen Kinos (die Einschränkung auf Schwarzafrika ist nötig, weil es in Ägypten mit Regisseuren wie Youssef Chahine schon deutlich früher losging). Er gilt als der erste Spielfilm eines schwarzafrikanischen Regisseurs, der wenigstens teilweise in einem afrikanischen Land entstand. In Französisch-Westafrika war Einheimischen das Drehen von Filmen schlichtweg verboten, so dass Regisseure aus dieser Region vor 1960 nur außerhalb Afrikas arbeiten konnten. (Wichtig war vor allem der 1955 in Paris entstandene Kurzfilm AFRIQUE-SUR-SEINE von Paulin Soumanou Vieyra, aus Benin stammend und danach ebenfalls Senegalese. Vieyra war später mit Sembène befreundet und arbeitete gelegentlich mit ihm zusammen, z.B. als Produzent von Sembènes XALA (1975), und er schrieb mehrere Bücher über das afrikanische Kino, darunter 1972 eines über Sembène.)

Die Maske und ihr alter und neuer Besitzer
Ousmane Sembène (1923-2007) war schon in seiner Jugend in den 30er Jahren ein eifriger Kinogänger. "Wir kannten die Filme von George Raft, Charlie Chaplin und Shirley Temple auswendig", erinnerte er sich einmal. Am meisten beeindruckte ihn und seine Freunde in Dakar aber Leni Riefenstahls OLYMPIA. Nicht etwa wegen seiner filmischen oder gar propagandistischen Qualitäten, sondern weil sich mit Jesse Owens ein Schwarzer erdreistete, die Weißen zu besiegen. Sembène wurde zwar islamisch erzogen, wandte sich aber als junger Mann dem Sozialismus zu. 1944 wurde er zu den Senegal-Schützen, einer Abteilung der französischen Armee, eingezogen, und er kämpfte unter de Gaulle gegen die Nazis. Nach seiner Entlassung 1946 ging er zunächst in den Senegal, wo er in einen großen Eisenbahnstreik involviert war, aber 1948 ging er wieder zurück nach Frankreich. Indem er sich in einem feinen Anzug unter die Passagiere eines Dampfers mischte, erschlich er sich die freie Überfahrt, so wie es auch 1973 das Paar in Djibril Diop Mambétis TOUKI BOUKI in Angriff nimmt. Er arbeitete als Fabrik- und Hafenarbeiter, zunächst kurz in Paris, dann jahrelang in Marseille. Sembène wurde Mitglied der Gewerkschaft CGT und der Kommunistischen Partei Frankreichs, und er war wieder an Streiks beteiligt, die den Nachschub für den Kolonialkrieg in Indochina behindern sollten. Mitte der 50er Jahre begann er zu schreiben, wobei er vorwiegend autobiographische Erfahrungen verarbeitete. Um 1960 herum stellte sich der Erfolg als Schriftsteller ein, doch Sembenès auf Französisch verfasste Romane und Kurzgeschichten wurden fast nur von Europäern gelesen. Um auch die Massen seiner Landsleute erreichen zu können, beschloss er, auf Filmregisseur umzusatteln.


Sembène bewarb sich in verschiedenen Ländern um entsprechende Stipendien, und er wurde 1961 in Moskau angenommen. Nach einem Jahr an der staatlichen Filmhochschule WGIK und einem weiteren Jahr Praktikum in den Gorki-Studios (zu seinen Lehrern gehörten Mark Donskoi und Sergej Gerassimow, nach dem die Filmhochschule heute benannt ist) ging er 1963 mit einer 35mm-Kamera im Gepäck in den Senegal, wo er mit 40 Jahren seine ersten Filme drehte. Zunächst im Auftrag der Regierung von Mali eine kurze Doku über die Geschichte des historischen Reichs Songhai, dann den schon erwähnten BOROM SARRET, bereits mit Christian Lacoste an der Kamera. Er behandelt einen Tag im Leben eines Mannes, der mit einem Pferdekarren ein Einmann-Fuhrunternehmen in Dakar betreibt. Am Ende des Tags steht er ohne Arbeitsgerät und damit ohne Einkommensquelle da. BOROM SARRET gewann einen Ersten Preis bei einem Filmfestival in Tours, und Sembenès nächster Kurzfilm NIAYE, der von einem Inzestskandal in einer Dorfgemeinschaft handelt, erhielt einen Preis in Locarno. Dann folgte schließlich LA NOIRE DE..., der ebenfalls nicht ohne Auszeichnungen ausging - Erste Preise bei Festivals in Dakar und Karthago, und in Frankreich einen Prix Jean Vigo.


Alle Filme bis LA NOIRE DE... kamen französisch nachsynchronisiert in die Kinos (Sembène konnte mit seiner einfachen Ausrüstung damals ohnehin keinen brauchbaren Direktton aufnehmen), alle weiteren bis auf den letzten wurden dann auf Wolof (die wichtigste Sprache des Senegal und Sembènes Muttersprache) gedreht und veröffentlicht (je nach Thema des Films auch mit Einschüben von Französisch und weiteren Sprachen). Wie auch einige andere seiner Filme, beruht LA NOIRE DE... auf einer von Sembènes literarischen Arbeiten, die 1962 in der Kurzgeschichtensammlung Le Voltaïque erschienen war, und diese wiederum wurde von einem wahren Ereignis inspiriert, dem Selbstmord einer afrikanischen Hausangestellten, von dem Sembène 1958 in einer südfranzösischen Regionalzeitung las - dieselbe Zeitung, die Monsieur nach Diouanas Tod am Strand liest.

Ousmane Sembène in einer Cameo-Rolle als Lehrer in Dakar
1963 rief die französische Regierung ein Filmbüro ins Leben, das afrikanische Filmemacher technisch und finanziell unterstützen sollte, und BOROM SARRET war der erste davon geförderte Film. Das eingereichte Drehbuch für LA NOIRE DE... war dem Filmbüro jedoch nicht genehm und wurde abgelehnt. Sembène musste dennoch nicht ohne französische Hilfe auskommen. Wie schon NIAYE, ist LA NOIRE DE... eine Coproduktion von Sembènes eigener Firma Filmi Domirev und der französischen Wochenschau Les Actualités Françaises. Deren damaliger Herausgeber André Zwoboda, in den 30er Jahren ein Freund und Mitstreiter von Jean Renoir, fungierte als Produzent, und in den Einrichtungen der Wochenschau fand auch die Postproduction von LA NOIRE DE... statt.


Nach den Festivalerfolgen seiner frühen Filme war Sembène eine anerkannte Größe - 1967 saß er bereits in den Jurys bei den Festivals von Cannes und Moskau -, und er blieb bei Publikum und Kritik erfolgreich. Bis zu seinem letzten Film MOOLAADÉ von 2004, der die Genitalverstümmelung von Mädchen in Afrika anprangert, gewann er jede Menge Preise und Auszeichnungen, und er ist die Ikone des schwarzafrikanischen Films. LA NOIRE DE... ist mit BOROM SARRET als Bonusfilm in den USA bei New Yorker Films auf DVD erschienen (engl. Titel BLACK GIRL), ebenso wie etliche weitere Filme Sembènes. MOOLAADÉ gibt es auch in Deutschland und England auf DVD.

Kommentare:

  1. Ich bin zwar ein hoffnungsloser Dilettant in Sachen Afrika; aber der Name des Regisseurs war mir tatsächlich bekannt. Dies verdanke ich zwei Senegalesen, die mich vor ein paar Jahren veranlassten, Infos zum Land zu sammeln. Einer wohnte in unserer Nachbarschaft und erlangte durch seine Einbrüche eine gewisse "Berühmtheit". Beim anderen handelte es sich um den UNO-Sonderbeauftragten Doudou Diène, der die Schweiz auf Rassismus abklopfen sollte. Er lobte den Senegal als Gast in einer Fernsehsendung derart über den grünen Klee (mit Bildern von Dakar als das Paradies Afrikas), dass ich seine Laudatio doch überprüfen wollte. - Und in dem Zusammenhang erfuhr ich nicht nur, dass seine Begeisterung insofern berechtigt war, als der Senegal eine der wenigen Demokratien Afrikas ist, sondern las auch von Ousmane Sembène als dem "Vater des afrikanischen Films".

    Es wäre mir freilich nie in den Sinn gekommen, eines seiner Werke aufzuspüren, und ich bin deshalb froh, dass du es getan hast. Der Senegal war ja bis 1960 eine französische Kolonie, und dies erklärt vielleicht sowohl das noch immer latente Bewusstsein der Versklavung als auch die gar nicht abwegige Geschichte. Schade, dass die Szenen in Farbe rausgeschnitten wurden. Sie hätten sicher eine tiefer einfahrende Bedeutung (der Traum vom Wohlstand, der rasch von der Wirklichkeit eingeholt wird) gehabt als andere farbige Sequenzen in Schwarzweiss-Filmen (Cukor's "The Women" etc.).

    Ob ich mich "La noire de..." aussetzen würde, kann ich nicht beurteilen. Trotz des heissen Themas bleiben mir der Kontinent und seine Kulturen fremd, und vermutlich würde mich erst eine Fernsehausstrahlung zur Sichtung veranlassen. Danke, dass du hier mit dem ersten Film aus Afrika aufwartest und mit deiner spannenden Besprechung weniger egozentrische (aber nicht rassistische!) Leute erreichen wirst.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, der Senegal ist tatsächlich eine Demokratie, und in den ersten 20 Jahren seiner unabhängigen Existenz saß mit Léopold Sédar Senghor sogar ein Dichter und Denker im Amt. Der jetzige Präsident Wade zeichnet sich eher als Bauherr denn als Denker aus.

      Dass Du mit Afrika wenig anfangen kannst, ist insofern schade, dass dich deine Phobie gegen DVD-Bestellungen im Ausland nicht behindern würde, denn das Schweizer Label trigon hat da einige interessante Filme im Angebot. Zwar nichts von Sembène, aber z.B. den im Artikel kurz erwähnten TOUKI BOUKI von Djibril Diop Mambéti. Dessen letzter Spielfilm HYÄNEN ist übrigens eine Adaption von Dürrenmatts "Besuch der alten Dame". Was man als Sujet eines senegalesischen Films ja auch nicht auf Anhieb erwarten würde.

      Übrigens hatten wir hier mit DILEMMA schon einen Film "aus Afrika", wenn auch von einem dänischen Regisseur.

      Löschen
    2. Übrigens hatten wir hier mit DILEMMA schon einen Film "aus Afrika", wenn auch von einem dänischen Regisseur.

      Meine zunehmende Vergesslichkeit bereitet mir langsam Sorgen, weshalb ich heute einen Arzt aufsuchte. Der Scharlatan zog sich aber mal wieder mit Latein aus der Schlinge und meinte, es handle sich um die für mein Alter übliche "mens gaga, mens reducta". :D

      Es ist natürlich schade, dass ich mir mittlerweile nicht mehr die Mühe gebe, mich gegenüber anderen Kulturen zu öffnen. Das klappte noch, als ich mich als Student mit der unter anderem für Afrika bezeichnenden "oral poetry" beschäftigte. Eigentlich sollte da etwas geändert werden, damit es nicht beim "weinenden Kamel" bleibt. Aber bedenke, dass ich nur mit der drohenden japanischen Mafia im Rücken mal die Besprechung eines Films von Masumura schaffte! Das kann ja heiter werden.

      Vorläufig tröste ich mich mit dem Gedanken, dass "Dilemma" ein dänischer Film ist.:P

      Löschen
  2. Meine spontane freie Assoziation mit dem Titel ging eher in Richtung „Madame de...“, geradezu als würde die Maske die Rolle der Ohrringe übernehmen...
    Spannender Artikel, der neugierig macht auf diesen Film und auf mehr aus Westafrika. „LA NOIRE DE...“ ist anscheinend bei einem gängigen Videoportal vollständig zu sichten... was ich im Verlaufe der nächsten Tage (vielleicht auch Wochen) tatsächlich wohl machen werde. Ich kann mich noch lebhaft an Sembènes vorletzten Film „FAAT KINÉ“ erinnern, den ich vor acht Jahren während der Weimarer interkulturellen Wochen gesehen habe: die Geschichte einer beruflich erfolgreichen allein-erziehenden Mutter, die sich mit viel Energie in einer patriarchalen Welt durchsetzt. Das feministische Grundthema wurde nicht mit moralischem Vorschlaghammer, sondern - viel effizienter - mit einem sehr angenehmen Humor und einer so liebenswerten wie streitbaren Hauptfigur verarbeitet.
    HYÈNES von Mambéty ist mir hingegen nicht als wirklich großartig in Erinnerung geblieben.
    Dank unserem liebsten internationalen frankophonen Sender und unserem liebsten deutsch-französischen Kultursender kann man ja „gelegentlich“ Werke des westafrikanischen Kinos genießen. In Erinnerung sind mir vor allem zwei Filme aus den 1990er des Burkiner Regisseurs Idrissa Ouedraogo geblieben (die zumal irgendwo in meiner Wohnung auf VHS vor sich hin verstauben). „TILAI“, eine „mythologische“ Dorf-Tragödie, die in vormodernen Zeiten spielt und „SAMBA TRAORÉ“, ein neorealistisch angehauchtes Sozialdrama, bei der mir vor allem eine Szene mit einem freundschaftlich-zweisamen Palmbier-Trinken im Gedächtnis haften geblieben ist. Beide Filme haben mich durch eine völlig eigene und fesselnde Ästhetik beeindruckt, die schwer zu beschreiben ist.
    Nun... den Senegal mit Burkina Faso zu vergleichen ist möglicherweise etwa so, als würde man Estland mit Serbien vergleichen: die Hauptstädte der jeweiligen Paare liegen geographisch jedenfalls gleich weit entfernt.
    Lange Rede kurzer Sinn: ein Blick auf das westafrikanische Autorenkino lohnt sich tatsächlich allemal!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, auf dem "gängigen Videoportal" gibt es den Film komplett, aber ohne Untertitel und vermutlich nicht ganz legal. Offiziell kann man dagegen fast alle Filme von Sembène (und viele mehr) gegen je 5$ hier online ansehen oder runterladen.

      Löschen
    2. Und was mir gerade noch eingefallen ist: FAAT KINÉ ist nicht der einzige Film von Sembène mit einem feministischem Zug. In EMITAÏ sind es die Frauen, die sich gegen die franz. Kolonialmacht zur Wehr setzen, während ihre Männer dabei keine so gute Figur machen. Und in MOOLAADÉ schließt sich eine Gruppe von Frauen zusammen, um die Beschneidung ihrer Töchter/Enkelinnen zu verhindern. Aber Sembène macht es sich nicht zu einfach: Zu denen, die die alten Traditionen weiterhin durchsetzen wollen, gehören nicht nur (vorwiegend alte) Männer, sondern ebenfalls Frauen.

      Löschen
    3. Äh - Kennt einer von euch beiden "Gone With the Wind" zufällig? Ich komme mir langsam etwas dumm vor... :P

      Ich habe den Film auf dem "gängigen Videoportal" gerade entdeckt. Dass die Sache vermutlich nicht ganz legal ist, hat derjenige zu verantworten, dem wir den Upload "verdanken". Er bleibt, bis diverse Reklamationen eingehen (oder er ist so raffiniert, seine Filme nur für eine gewisse Zeit im "gängigen" - Na, ihr wisst schon zu belassen). - Uns entsteht kein Schaden, wenn wir ihn uns anschauen. Schliesslich gibts dort keine Download-Möglichkeiten. Jede DVD würde uns nach drei Minuten informieren, dass das Dng gelöscht ist.

      Ich möchte in diesem Zusammenhang auch betonen, dass ich auf Downloads grundsätzlich verzichte, obwohl sie in der Schweiz seltsamerweise noch erlaubt sind. Es liegt mir viel daran, Künstler nicht um ihr Einkommen zu bringen.

      Löschen
    4. Äh - Kennt einer von euch beiden "Gone With the Wind" zufällig?

      Nie gehört!

      Obwohl ... moment mal. Genau! Das ist doch dieser revolutionäre neue Film aus Mauretanien von Abu Ibrahim al-Mansur, der vier Stunden lang nur den Wüstenwind zeigt!

      Löschen
    5. :D - Die späte Fortstzung des Klassikers "The Living Desert" (1953).

      Löschen
  3. Habe deine Kommentare unter dem Artikel von Leon verfolgt und war gespannt, was du so auf deinem Blog bietest. Ich muss sagen puuh.. sehr ausführliche Artikel. Da sieht man, dass du dir Mühe gibst. Und wie du schon erwähntest, sage ich jetzt "ich nehme dich mal in meine Blogroll auf". Wäre über Rückmeldung und Kritik an meinem Blog sehr froh.

    Grüße Paul

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Der Vorteil von "Whoknows Presents": Ich habe mittlerweile zwei Sklaven angeheuert, von denen ich doppelt so gute Leistungen fordere wie von mir. :D - Die Besprechung von "La noire de..." verdanke ich zum Beispiel meinem Co-Admin Manfred Polak.

      Selbstverständlich revanchiere ich mich gern und nehme dich auch in unsere Blogroll auf. Wenn "Media Monday" an der Reihe ist, werde ich dich wie auch andere Blogs nicht anklicken. Ansonsten nehme ich die Besprechungen von befreundeten Bloggern gern zur Kenntnis und mache immer mal wieder das, was ich mal empfohlen habe: Ich kommentiere gelegentlich und versuche auch kritische Rückmeldungen in Worte zu fassen, die anspornend statt frustrierend wirken sollen. :)

      Löschen
    2. Super! Ja, der "Media Monday" ist für mich ein jeden Montag wiederkehrendes Event, dass ich gerne absolviere aber ist ja selbstverständlich keine Lesepflicht. Ansonsten wünsche ich uns einfach eine schöne Blog-Freundschaft.

      Löschen