Sonntag, 11. August 2013

Die große Rache eines kleinen Fußballers

COUP DE TÊTE (DAMIT IST DIE SACHE FÜR MICH ERLEDIGT)
Frankreich 1979
Regie: Jean-Jacques Annaud
Darsteller: Patrick Dewaere (François Perrin), Jean Bouise (le président Sivardière), Michel Aumont (Brochard), Paul Le Person (Lozerand), France Dougnac (Stéphanie), Maurice Barrier (le patron du „Pénalty), Patrick Floersheim (Berthier), Robert Dalban (Jeanjean), Hubert Deschamps (le directeur de prison), Dorothée Jemma (Marie), Gérard Hernandez (l‘inspecteur de police)




Jean-Jacques Annaud ist sicherlich einer der interessantesten und vor allen Dingen vielschichtigsten Regisseure, die Frankreich in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat. Seit den 1990er Jahren dreht er mit gemischtem Publikums- und Kritiker-Erfolgen vor allen Dingen (überwiegend englisch-sprachige) Blockbuster-Koproduktionen. Den Grundstein für diese Karriere legte er 1986 mit DER NAME DER ROSE, einer Verfilmung eines als praktisch unverfilmbar geltenden Romans. Gezwungenermaßen bildgewaltig waren seine beiden anderen Filme aus den 1980er Jahren, da sie entweder keine klassischen Dialoge enthielten (LA GUERRE DU FEU, 1981) oder nur extrem wenige (L‘OURS, 1988). Annauds erster abendfüllender Spielfilm (er war vorher TV-Spot-Regisseur), LA VICTOIRE EN CHANTANT aus dem Jahr 1976, erhielt bei den 49. Academy Awards ein Jahr später den Oscar als bester fremdsprachiger Film – und zwar offiziell als Beitrag der Republik Côte d‘Ivoire! Die Kolonialismus- und Militarismus-kritische Satire war nämlich eine ivorisch-französisch-bundesdeutsch-schweizerische Koproduktion und wurde zu den Oscars als Film aus der Côte d‘Ivoire ins Rennen geschickt. Annaud drehte also seinen zweiten Film als Regisseur eines Oscar-prämierten ivorischen Films. In seinem Gesamtwerk dürfte COUP DE TÊTE als sein „normalster“ und sicherlich „französischster“ Film (was Story, Setting, Schauspieler und Drehteam betrifft) gelten – und vielleicht gerade deshalb als sein untypischster.

François Perrin ist Reserve-Stürmer in der Zweitliga-Fußballmannschaft des Provinzstädtchens Trincamp. Zweifelsohne ist er der beste Fußballer der Truppe, doch sein sozialer Status ist nicht besonders hoch. Als er bei einem Training aus Versehen Berthier, den Liebling des Club-Präsidenten Sivardière, verletzt, wird Perrin aus der Mannschaft gefeuert. Im „richtigen“ Leben ist Perrin Arbeiter in der größten lokalen Fabrik, die ebenfalls Sivardière gehört und wo Berthier Vorarbeiter ist: seine Entlassung aus dem Unternehmen kommt folgerichtig nur wenige Zeit später. In der Gosse gelandet würde der unglückliche Fußballer zwar am liebsten das miefige Provinz-Kaff Trincamp verlassen, aber er verdingt sich als Hilfsarbeiter in der Straßenreinigung, um weiterhin in der Nähe seiner Geliebten Marie zu sein – die allerdings schon verheiratet ist. Nach einer durchzechten Nacht will Perrin, nachdem er aus dem Café „Pénalty“ von der Berthier-treuen Fußballer- und Fantruppe rausgeschmissen worden ist, sich von Marie verabschieden. Einige Akrobatik-Einlagen und Fummeleien auf dem Malergerüst vor ihrem Fenster später muss Perrin wieder flüchten, für einige Meter gar mit herunter gelassenen Hosen.

Komplott bei Tee und Gebäck: Sivardière;
Brochard & Lozerand
In der selben Nacht wird eine junge Frau von einem Mann auf einer Landstraße angegriffen und fast vergewaltigt. Der Autohändler Brochard und der Möbelverkäufer Lozerand, beide feste Stützen von Präsident Sivardières eiserner Provinzkaff-Diktatur und des Fußball-Clubs, sind Augenzeugen dieses Angriffs. Wenig später wird Perrin am Bahnhof verhaftet und der versuchten Vergewaltigung angeklagt. Stéphanie, das Opfer, steht noch sichtlich unter Schock und ist sich bei der Täteridentifizierung unsicher, ob Perrin der Aggressor war. Doch ein übereifriger Inspektor, der Perrin sowieso verabscheut, nötigt sie zu einer Aussage. Perrin kommt ins Gefängnis.

Zurück bleiben der Präsident Sivardière, Brochard und Lozerand, die mit ihrem zynischen Komplott höchst zufrieden sind. Denn nicht Perrin hat auf der dunklen Landstraße die junge Frau zu vergewaltigen versucht, sondern der allseitige Liebling Berthier. Da Berthier und Perrin sich etwas ähnlich sind (lockige braune Haare mit Schnurrbart) war es ein leichtes, ersteren aus der Patsche zu helfen und letzteren einfach zum Sündenbock zu machen. Die drei Verschwörer sind sich einig: Perrin ist so oder so ein Schuft und wird von einem kleinen Gefängnisaufenthalt keinen Schaden nehmen, und wenn Berthier sich von dem Tritt in den Knie erholt hat, den ihm „diese Schlampe“ (O-Ton Brochard und Lozerand) verpasst hat, dann kann er auch wieder rasch spielen. Was ja schlussendlich das wichtigste ist: das Fußballspiel!

Monate später ist der Club Trincamp relativ weit in der Zweitliga-Meisterschaft gekommen. Das erfährt auch Perrin, der immer noch im Knast schmort. Auf der Fahrt zum nächsten Spiel jedoch passiert ein kleines Malheur in der Buskolonne aus Trincamp: Im Fanbus sprechen einige der Passagiere etwas zu stark dem Wein zu und die Übelkeit eines einzelnen Fans führt innerhalb weniger Sekunden zur Massenkarambolage der Trincamp-Fahrzeuge. Bilanz: ein Spieler ist verletzt, und die Mannschaft müsste mit zehn Leuten spielen. Nach langem Grübeln zwischen den Stadt- und Fußball-Notabeln bringt der alte Jeanjean (wahrscheinlich ein ehemaliger Trainer oder Spieler) die Idee ein, dass es ja durchaus einen guten Ersatzspieler gäbe...

Perrin und Stéphanie verstehen sich rasch.
Dank den engen Beziehungen Sivardières zu den relevanten Personen aus Rechtsprechung und Justizvollzug kommt Perrin so blitzschnell aus dem Gefängnis, wie er reingekommen ist: vorerst für lediglich einen Abend, nämlich um bei der Auswärtspartie zu spielen. Doch Perrin denkt nicht daran, für die Leute, die ihn eingebuchtet haben, in die Bresche zu springen und entflieht seinen Begleitern. Vielmehr erstattet er „seinem Vergewaltigungsopfer“ einen Besuch: er will Stéphanie aus Rache für ihre Identifizierung und für seine darauffolgende unrechtmäßige Haftstrafe "à posteriori" vergewaltigen. Vor Ort merkt Perrin sehr schnell, dass er zu einer solchen Tat unfähig ist. Wenig später kommen Stéphanie und er ins Gespräch. Sie versichert ihm, wie verschreckt sie an dem Abend gewesen sei und wie sie im Schockzustand zu einer Identifizierungs-Aussage quasi genötigt wurde. Sie trennen sich in Freundschaft, als Lozerand und Brochard den Fußballer mit Hilfe der Polizei abfangen, um ihn zum Spiel zu bringen.

Das Spiel zwischen Trincamp und der bekanntermaßen erheblich stärkeren Gegnermannschaft beginnt. Bis zur ersten Halbzeit kassiert Trincamp ein Tor. In der Spielerkabine treiben Sivardière und co. die Einsätze in die Höhe: Geld- und Materialprämien werden dem Spieler angeboten, der zumindest ein Ausgleichstor schießt. In der zweiten Halbzeit stellt sich die Trincamp-Mannschaft wie auch in der ersten etwas tollpatschig. Mehr aus Versehen denn aus Kalkül kommt es dazu, dass Perrin ein Tor „schießt“ (der Ball prallt an seinem Bein ab und landet glücklich im Tor der Gegner). Das Publikum feiert Perrin. Sogar Lozerand und Brochard fangen an, dem verfemten Außenseiter zuzujubeln. Dieser hat mittlerweile nicht nur seine Form, sondern auch sein Selbstbewusstsein wieder gefunden und schießt kurz vor Spielende ein zweites Tor. Das Unmögliche, oder zumindest Unerwartete, wird wahr: Trincamp siegt!

Der Plan, Perrin für ein Spiel aus dem Gefängnis rauszuholen und ihn danach wieder dorthin zurückzubringen, geht plötzlich nicht mehr ganz so glatt auf. Der wegen einer versuchten Vergewaltigung (freilich zu Unrecht) verurteilte Mann ist nämlich bei den Fan-Massen der Held des Tages. Hier beginnt die eigentliche Erzählung des Films: der Vorspann zeigte Perrins Siegesparade durch die Straßen von Trincamp, es folgte dann seine Erzählung, wie es zu diesem seiner Meinung nach völlig unwahrscheinlichen Vorgang gekommen ist. In dieser bequemen Position des Volkshelden holt unser gebeutelter Protagonist zu seiner großen Rache gegen seine früheren Peiniger aus...

Die Zusammenfassung des Inhalts mag etwas düster klingen: Vergewaltigung, Dysfunktionalität zivilgesellschaftlichen Lebens in der Provinz, massives Mobbing und fingierte juristische Verfolgungen unschuldiger Menschen sind schließlich per se keine sehr witzigen Themen. Doch COUP DE TÊTE ist in erster Linie eine Komödie, wofür nicht zuletzt der Name des Drehbuchautors und Dialogschreibers steht: Francis Veber. Dieser hat sich seit Beginn der 1970er Jahre als Verfasser von überaus witzigen und gewitzten Komödien einen Namen gemacht. Für und mit Georges Lautner, Yves Robert, Édouard Molinaro, Philippe de Broca, Pierre Granier-Deferre und Henri Verneuil hatte Veber bereits für zahlreiche Komödien, aber auch für einige wenige Krimis, zusammengearbeitet, bevor er COUP DE TÊTE verfasste.

Was mich bei der wiederholten Sichtung des Films nun besonders frappiert hat, ist die erstaunliche Ökonomie der Erzählung, der flotte Rhythmus des Films, sein narrative Dichte. In den knapp ersten 20 Minuten (bei ziemlich genau Minute 21 liegt Perrin auf seiner Gefängnispritsche) werden alle Parameter der Geschichte auf den ersten Blick etwas unscheinbar, aber mit großer Präzision eingeführt. Mittels Perrins Off-Kommentaren und einer relativ raschen Abfolge an kleinen episodischen Szenen wird der Zusammenbruch von Perrins Leben dargestellt. Auf teils sehr subtile Weise werden Informationen vermittelt (ein kurzer Kameraschwenk offenbart uns etwa, dass Berthier leitender Vorarbeiter ist, mit weißem Kittel und eigenem Arbeitstelefon). Die stickige Atmosphäre des Kleinstädtchens Trincamp wird uns deutlich gemacht, da nach jeder Station der Ausschluss Perrins erfolgt: vom Fußball-Feld, von der Fabrik, dann folgt der Verweis aus dem Café „Pénalty“, die Entlassung aus dem respektablen Leben in die Gosse (wenn er zusammen mit anderen Außenseitern, namentlich westafrikanischen Immigranten, die Straße fegt), und schließlich der Ausschluss aus Maries Leben, als deren Ehemann sie auf dem Malergerüst in flagranti ertappt. Diesen Sumpf aus Korruption, Klüngel, Klientelismus, Borniertheit, Rassismus und provinzieller Feindseligkeit, der ihm nur Hass und Verachtung entgegen bringt, will er schließlich freiwillig verlassen, aber ausgerechnet dann verhaftet ihn die Polizei. Auch der Rest des Films verknüpft fast untrennbar und oft gleichzeitig Humor-Pointen, das Vorantreiben der Erzählung und die Vertiefung der Atmosphäre.

Perrin posiert als Geheimagent – in einem
Kellner-Jackett; Perrin mit den anderen
sozialen Außenseitern Trincamps.
Die Komödie COUP DE TÊTE ist vor allem auch eine ätzende Satire: über Fußball-, Fan- und Star-Kultur, über politisch-wirtschaftliche Klüngeleien, über Klassenkonflikte, über zynische Menschenverachtung und Doppelmoral. In der kleinen Welt, in der der Film spielt, dreht sich alles um Fußball. Das lenkt auch gut von anderen Dingen ab, oder wie der Präsident Sivardière gerne sagt: „J‘entretient 11 imbéciles pour en calmer 800. [Ich unterhalte 11 Idioten, um 800 ruhig zu stellen.]“ Wenn ein Fußballspiel stattfindet, dann ist das öffentliche (und private) Leben lahm gelegt. Ein kleines Krankenhaus mutiert zu einer Fanmeile voller brüllender (und sich übergebender) Personen. Die Polizei hat zwar noch Bereitschaft, aber nur bei eingeschaltetem Radio (und nimmt Stéphanies Antrag auf Aussagenänderung nur sehr widerwillig entgegen). Die Suche nach einem Vergewaltiger ist in Trincamp ja schließlich angesichts dessen, dass ein Spiel gewonnen werden muss, gar nicht so wichtig. Demokratisch ist das Fußball-Spiel hier keineswegs: er spiegelt nur die Konflikte außerhalb (wobei es dieses „außerhalb“ zeitweilig nicht mehr gibt) wider: der Arbeiter Perrin ist auch und gerade auf dem Feld ebenso nur ein Underdog, wie im „richtigen“ Leben – zumindest, bis er ein Tor schießt. Zur Erinnerung: hätte er das nicht geschafft, wäre er am selben Abend wieder schnurstracks ins Gefängnis zurück gewandert. Die „vergessene“ Provinz als korruptes Mikrokosmos, in dem ein einzelner Mann gegen eine ganze Stadt Rache nehmen will – einige Themen und Charakterzüge von Annauds und Vebers COUP DE TÊTE lassen ihn wie ein lustigeres Pendant zu Henri Verneuils und Michel Audiards LE CORPS DE MON ENNEMI aussehen. Beide Filme würden jedenfalls ein hervorragendes thematisches Double-Feature ergeben.

„François Perrin“ ist übrigens eine „wiederkehrende“ Figur in vielen Filmen, für die Francis Veber das Drehbuch geschrieben hat. Zum ersten Mal spielte Pierre Richard einen „François Perrin“ in LE GRAND BLOND AVEC UNE CHAUSSURE NOIRE (1972, Regie: Yves Robert) und dessen Sequel von 1974. Zwei Jahre später spielte Richard erneut einen „François Perrin“ in Georges Lautners ON AURA TOUT VU sowie im von Veber selbst inszenierten LE JOUET. Patrick Dewaere übernahm quasi als „Nachfolger“ die Perrin-Figur in COUP DE TÊTE, bevor Jean-Pierre Marielle in CAUSE TOUJOURS... TU M‘INTÉRESSES! (Édouard Molinaro, 1979), Pierre Richard zum fünften Mal in LA CHÈVRE (Veber, 1981) und Patrick Bruel in LE JAGUAR (Veber, 1996) sie spielten. „François Perrin“ ist, wie sein sehr gewöhnlicher Name suggeriert, ein sehr durchschnittlicher „Ottonormal“-Franzose, der sich im allgemeinen durch scheue Freundlichkeit, Verbindlichkeit und Loyalität auszeichnet. Wie aus dem nichts wird er dann mit Schwierigkeiten, Unglücken und Abenteuern konfrontiert, denen er (zumindest anfänglich) meist sehr hilflos gegenübersteht. In den letzten beiden Perrin-Filmen wurde ihm ein Buddy namens Campana zur Seite gestellt, der ganz im Gegensatz zu Perrin eher Züge einer klassischen Heldenfigur trägt (und der von Gérard Depardieu in LA CHÈVRE und Jean Reno in LE JAGUAR gespielt wurde). Als Variation dieser Figur, dieses typischen Durchschnittsfranzosen „Perrin“, schuf Veber 1973 „François Pignon“, der ähnliche Züge hat und in sieben Filmen mit Vebers Beteiligung auftrat – zuerst von Jacques Brel dargestellt in Molinaros L‘EMMERDEUR, später abermals von Pierre Richard, dann von Jacques Villeret, Daniel Auteuil, Gad Elmaleh und Patrick Timsit.

Denkwürdiges Entlassungsgespräch
Die Perrin-Figur in COUP DE TÊTE weicht vielleicht am meisten durch seine Verwurzelung in der Arbeiterschaft von den vielen anderen Perrins (und Pignons) ab, die meist eher künstlerischen, freiberuflichen Tätigkeiten nachgehen oder Angestellte sind. Auch ist er von Anfang an ein äußerst resoluter Mensch, der die Stimme hebt und Taten, manchmal handgreiflich, sprechen lässt – nicht wunderlich, wenn er von einem Schauspieler dargestellt wird, der wesentlich außergewöhnlicher ist als etwa Pierre Richard. Denn mindestens genauso wie Annaud und Veber gehört COUP DE TÊTE Patrick Dewaere! Wenn es nach dem Produzenten der Gaumont, Alain Poiré, gegangen wäre, dann hätte nicht Dewaere, sondern Gérard Depardieu den Protagonisten gespielt. Dahinter standen freilich keine künstlerische, sondern produktionstechnische Überlegungen: Dewaere galt wegen seiner wiederkehrenden Drogensucht als schwierig und unberechenbar. Annaud, der Dewaere für weitaus fähiger hielt, eine vor allem auch melancholische Figur zwischendurch auch leise zu spielen, setzte sich mit seiner ersten Wahl trotzdem durch. Kaum auszudenken, wie COUP DE TÊTE ohne Dewaere ausgesehen hätte! Zu viel Ausdruck, zu wenig Ausdruck, zu theatralisch, zu naturalistisch, mit flüchtiger Verletztlichkeit und zorniger Gewalt: selten scheint Dewaere im richtigen Maß zu spielen, und wahrscheinlich genau deswegen scheint er stets perfekt und auf den Punkt eine solch gebrochene Figur wie Perrin zu spielen (oder vielleicht besser: zu leben?), eine Figur, die der Regisseur Annaud als „verstimmtes Klavier“ bezeichnet hat.

Patrick Dewaeres grandiose Präsenz soll nicht darüber hinweg täuschen, dass auch in den Nebenrollen eine erstklassige Riege von Darstellern glänzt. 1980 erhielt Jean Bouise für seine herrlich trockene Darstellung des Präsidenten Sivardière – die derbe Bemerkung Brochards „On ne marque pas avec ses pieds, on marque avec ses couilles!“ [Man schießt keine Tore mit seinen Füßen, sondern mit seinen Eiern] übersetzt Sivardière süffisant mit „On ne gagne pas avec sa téchnique, on gagne avec sa haine!“ [Man gewinnt nicht mit seiner Technik, sondern mit seinem Hass!] – den César des besten Nebendarstellers. Alle weiteren Schauspieler zu würdigen würde hier den Rahmen sprengen, es sei jedoch besonders Robert Dalban mit seiner rührenden Darstellung von Jeanjean erwähnt: dem wohl einzigen Menschen im Club-Umfeld, der Perrin nicht nur menschlich mag, sondern auch für einen erstklassigen Fußballer hält. Mit seinem fortgeschrittenen Alter ist er womöglich ein Relikt aus früheren (besseren und weniger korrupten) Zeiten, und hält wie einen Anker immer eine Dose Cachou in Griffweite.

Einer gesonderten Erwähnung bedarf sicherlich auch die immer wieder kehrende Titelmusik des Films, deren Ton sehr merkwürdig zwischen Fröhlichkeit und Melancholie schwankt, und deren Besonderheit darin besteht, gepfiffen zu sein. Der Chanson-Sänger Pierre Bachelet, der sie komponiert hat, hatte bereits für Annauds ersten Film LA VICTOIRE EN CHANTANT die Musik geschrieben, war aber vor allem durch seinen musikalischen Beitrag zu EMMANUELLE in der Filmwelt bekannt. Ursprünglich wollte er die Volkstümlichkeit der Melodie durch das Akkordeon ausdrücken, doch er war mit dem Resultat nicht zufrieden, und so kam es dazu, dass sie gepfiffen werden sollte. Der professionelle Pfeifer, der die Musik aufnehmen sollte, erschien jedoch dermaßen betrunken im Aufnahmestudio, dass er nach Hause geschickt wurde. Aus zeitlichen und budgetären Gründen verdonnerte Annaud an Ort und Stelle Bachelet dazu, selbst den Part zu übernehmen. Das Resultat lässt sich hören (hier in der Vorspann-Variante und hier in der Reggae-aufgepeppten Abspann-Variante).



Irgendein Mitarbeiter des Tobis-Filmverleihs in Deutschland dürfte ungefähr genauso betrunken gewesen sein, wie der eben erwähnte Pfeifer, als er COUP DE TÊTE für die deutsche Kinoauswertung „Damit ist die Sache für mich erledigt“ nannte. Unter diesem Titel jedenfalls ist der Film hierzulande auch auf DVD erschienen. Diese enthält offenbar den Film ungekürzt, im richtigen Bildseitenformat 1,66:1 und inklusive der Originalversion mit deutschen Untertiteln, und scheint ganz empfehlenswert zu sein. Die französische Doppel-DVD-Edition, auf die diese Besprechung basiert, ist nicht nur durch ihre zahlreichen Boni (unter anderem das Faksimile eines Briefes von Hauptdarsteller Dewaere an Regisseur Annaud), sondern auch durch ihre Machart (schmucker Pappschuber mit einem als Fußballtrikot Perrins gelayoutetem Inlay!) bedingungslos zu empfehlen – aber leider nur für die Zuschauer, die einem französischen Film ohne Untertitel mühelos folgen können.
Letzteren empfehle ich übrigens auch diese höchst interessante Besprechung, der ich für einige kleine Details in meiner Besprechung zum Dank verpflichtet bin.

Kommentare:

  1. Bisher kannte ich Annaud nur als den Regisseur der internationalen Großproduktionen (von denen mir nicht alle gefallen haben), aber natürlich war klar, dass er vorher auch Filme mit normalen Dimensionen gemacht haben musste. Dass bei Veber die beiden Namen mehrfach vorkommen, wusste ich schon, aber dass das solche fast schon epischen Ausmaße annimmt, war mir neu. Und wer hätte gedacht, dass die Elfenbeinküste schon einen Oscar gewonnen hat. Ich hab gerade nachgesehen, wer damals für Frankreich ins Rennen ging - es war COUSIN, COUSINE von Jean-Charles Tacchella, und der war auch in der Auswahl der 5 Endkandidaten.

    Depardieu wäre wohl wirklich die schlechtere Wahl gewesen. Natürlich war er damals viel schlanker als später, aber wenn ich ihn mir in BUFFT FROID vorstelle, der ja aus dem selben Jahr ist, dann sehe ich da keinen Fußballer vor mir. Und Dewaere konnte vielleicht wirklich von seinen eigenen Dämonen zehren und sie in schauspielerische Leistung umsetzen. Schreibt er denn in diesem Brief irgendwas interessantes?

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    1. Annaud wurde hier ja bereits erwähnt, und zwar mit BLACK GOLD in der Flop-Five meiner 2012-Jahresabschluss-Liste. Kaum zu glauben, dass der gleiche Mann mit COUP DE TÊTE einen meiner Lieblingsfilme (zumindest ein Kandidat für eine All-time-top-100) gedreht hat!
      Depardieu kann ich mir in dem Film auch überhaupt nicht vorstellen. Das mindert natürlich nicht im geringsten sein schauspielerisches Talent, aber es ist ein Glück, dass sich Annaud gegen Poiré durchgesetzt hat und ihn weitestgehend auch Lügen gestraft hat: bis auf die letzten paar Drehtage war Dewaere clean und hat gemäß Annaud äußerst professionell und effizient gearbeitet.
      In dem Brief schreibt Dewaere in Antwort wohl auf einen vorherigen Brief Annauds, dass ihm der Dreh und die Arbeit mit Annaud ebenfalls sehr gut gefallen hat und dass er COUP DE TÊTE, neben SÉRIE NOIRE, für den besten Film hält, den er je gedreht hat. Er schreibt auch, dass es ihm sehr schwer auf dem Magen liegt, dass der Film nur einen mäßigen kommerziellen Erfolg hat [COUP DE TÊTE wurde erst durch spätere TV-Ausstrahlungen berühmter]. Er bereut auch seine Attitüde gegenüber dem Fernsehen [Dewaere hat zu der Zeit, wie auch andere Schauspieler, sich strikt geweigert, in TV-Sendungen aufzutreten, weil er das Fernsehen als Konkurrenz zum Kino wahrgenommen hat. Eine Haltung, die er mit teils sehr drastischen Statements unterstrichen hat]. Er hofft dann, dass Annaud ihm deswegen nicht böse ist und meint, dass er sehr gerne wieder mit ihm drehen würde. Er prophezeit, dass er genau so nervös und unsicher sein wird, wie beim Dreh von COUP DE TÊTE, vertraut aber auf Annauds Talent als Regisseur und lobt ihn für seine Ideen und seine Führung (und für sein gutes Aussehen) und sieht keine Hindernisse dabei, beim nächsten Mal einen weltweiten Hit zu produzieren.

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  2. Also für meine Begriffe kann man diesen Film wohl kaum genug loben. Eine gelungene Sozialsatire, die das provinzielle Leben mitsamt der immer zu seltsamen Formen neigenden Fußballfankultur aufs Korn nimmt und dabei doch trotzdem sehr ernst bleibt, auch um den problematischen Zuständen eine Kritik entgegenzuhalten. Von Annaud habe ich bisher vier Filme gesehen und finde sie alle wunderbar: SEHNSUCHT NACH AFRIKA (1976), DAMIT IST DIE SACHE FÜR MICH ERLEDIGT (1979), AM ANFANG WAR DAS FEUER (1981) sowie DER BÄR (1988), wobei ich Nummer 2 und Nummer 4 schon als 'ne Art Beinahe-Meisterwerke ansehe.

    Den Lob über Dewaere kann ich nur unterstreichen und halte vor allen Dingen die Bemerkung "selten scheint Dewaere im richtigen Maß zu spielen"
    für eine erfolgreiche Punktlandung. Hat er manchmal vielleicht auch einfach bisschen improvisiert? Er spielte mir auch manches Mal zu ruhig für normale Maße (absolut keine negative Kritik!) und wirkte manchmal gar geistesabwesend. Ich weiß nicht, ob es sich ein wenig böse liest, aber es überraschte mich nicht, als ich hier gelesen hab, dass er süchtig nach Drogen war.

    Den deutschen Titel halte ich jedoch für richtig gut. Meiner Meinung nach spiegelt es die innere Welt der Hauptfigur zum Ende des Films, wo er einen ungewöhnlichen Rachezug startet und schließlich seinen Frieden mit der Welt wiederfindet, sehr gut wider. Der Name mag marketingtechnisch tatsächlich schlecht gewählt worden sein, weil er "merkwürdig-umständlich" ist (das schrieb Marco von FF Bremen letztens), aber dafür ist er auch ziemlich originell, was man beispielsweise vom englischen Titel (zur Info: "Hothead") überhaupt nicht sagen kann. Aber nun gut, da kann man auch andere Auslegungen haben (beispielsweise die, dass der Verleiher doch einfach den Originaltitel hätte übernehmen sollen). Ich wollte nur eine andere Meinung dazu abgeben. Damit ist die Sache für mich erledigt. :)

    BUFFET FROID werde ich mir in nächster Zeit auch mal ansehen, da ich gerade in den Siebzigern unterwegs bin. :D

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    1. „Also für meine Begriffe kann man diesen Film wohl kaum genug loben.“ - Ich habe mein bestes getan ;-)
      „Beinahe-Meisterwerk“ kann ich unterschreiben für COUP DE TÊTE. Könnte unter Umständen auch ohne das Präfix gut leben.
      Ob Dewaere improvisiert hat, vermag ich jetzt nicht zu sagen, zumal der Begriff „Improvisation“ beim Film ja immer so eine Definitionssache ist (zwischen spontanen Einfällen des Darstellers bei der Vorprobe, die dann für das eigentliche Drehen übernommen werden und „Kamera läuft! Mach mal bitte irgendwas“ liegen ja durchaus viele Abstufungen). Mit der Formulierung zum „richtigen Maß“ wollte ich ausdrücken, dass Dewaere vollkommen jenseits von „Schulbuch“-Schauspielerei auftritt und gerade auch dadurch eine ungeheure Präsenz entwickelt. Sein Spiel ist gewissermaßen stets „unsauber“, und dadurch umso wuchtiger und ergreifender. Völlig unvorbereitet habe ich ihn in seinem ersten offiziellen Filmauftritt gesehen, in der Revolutionskomödie LES MARIÉS DE L‘AN II (1971, Jean-Paul Rappeneau), wo er einen revolutionären Soldaten spielt: und sein kurzer, vielleicht halbminütiger Auftritt mit, wenn es hochkommt, zwei Sätzen ist ein Highlight! Sofort war er erkennbar und (TV-Sichtung) er hat gleich den ganzen Bildschirm ausgefüllt.
      Über Sinn und Unsinn deutscher Verleihtitel kann man lange streiten. Ich würde dir insoweit zustimmen, als dass es durchaus dümmere und für die Rezeption des Films schädlichere Exemplare gibt. Allerdings hätte ich eher gedacht, dass das vielleicht ein Ausspruch Sivardières in der Synchronfassung sein könnte: also kurz nach der Verhaftung Perrins, beim Abschluss des Komplotts bei Tee und Gebäck, so nach dem Motto „Berthier kann spielen. Perrin ist hinter Gitter. Damit ist die Sache für mich erledigt.“ Ich habe aber die Synchronfassung noch nie gesehen, und mich dürstet es auch nicht danach.
      Auch bei mir steht BUFFET FROID noch auf der To-Do-Liste.

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