Sonntag, 28. April 2013

Randnotiz: Der Film, den es nicht gibt


Preisfrage: Welche Rolle spielt die Tiroler Ortschaft Mayrhofen in der deutschen Filmgeschichte? Ganz einfach: In und um Mayrhofen wurde zuerst VIA MALA (1945/46) gedreht und danach DAS VERLORENE GESICHT (1945) nicht gedreht.

Klingt komisch, ist aber so.

Um genau zu sein: Nur die Außenaufnahmen von VIA MALA entstanden im Zillertal, die Innenaufnahmen wurden in Berlin und Babelsberg gedreht. VIA MALA unter der Regie von Josef von Báky ist ein Überläufer. So nennt man Filme, die in einem bestimmten politischen System entstanden, aber (durch Krieg, Revolution etc.) erst in einem anderen herauskamen. Beispielsweise entstand Helmut Käutners UNTER DEN BRÜCKEN 1944, hatte aber erst 1946 Premiere. Akira Kurosawas DIE MÄNNER, DIE AUF DES TIGERS SCHWANZ TRATEN wurde 1945 gedreht, aber ihn fanden zuerst die japanischen Zensoren zu demokratisch und westlich, und dann die amerikanischen Zensoren zu japanisch und feudal, so dass er erst nach dem Ende der japanischen Besatzung im Jahr 1952 erschien. Bei VIA MALA hat es nicht ganz so lange gedauert. Er wurde zunächst im Sommer und Herbst 1943 gedreht, aber im Propagandaministerium verlangte man einen anderen Schluss, der einen Nachdreh im Juni und Juli 1944 erforderte. Und im März 1945 wurde er dann von der Zensur "wegen seines düsteren Charakters zurückgestellt", also vorläufig verboten. So kam es, dass er erst im November 1946 in Zürich offizielle Premiere hatte. In Ost-Berlin kam er erst im Januar 1948 heraus, und in West-Berlin und in der BRD gar erst 1950. Es gab jedoch schon am 7. April 1945 im Kino von Mayrhofen eine bemerkenswerte inoffizielle Vorpremiere. Anwesend waren nicht nur Einheimische, von denen viele als Statisten mitgewirkt hatten, sondern auch Mitglieder eines Filmteams, von denen manche auch schon an VIA MALA beteiligt waren. Harald Braun, der "Regisseur" (die Anführungszeichen werden gleich erklärt) des zweiten Teams, hielt eine ausufernde Lobrede auf Mayrhofen und seine Einwohner, deren Zweck es war, das angespannte Klima zwischen Einheimischen und Filmleuten zu verbessern.

Damit sind wir bei DAS VERLORENE GESICHT - das ist der Film, den es nicht gibt. (Es existiert ein Film mit diesem Titel von 1948, um den es hier jedoch nicht geht.) Natürlich gibt es viele Filme, die es nicht gibt. Etwa Sternbergs I, CLAUDIUS, Dreyers Jesus-Film, Clouzots L'ENFER, und diverse Filme von schlampigen Genies wie Orson Welles, die wegen Geldmangels abgebrochen werden mussten. Doch DAS VERLORENE GESICHT zeichnet sich dadurch aus, dass man ihn gar nicht drehen wollte. Und das kam so:

Anfang 1945 war es in Berlin ziemlich ungemütlich. Es gab ständig Luftangriffe, und es zeichnete sich ab, dass es in der Endphase des Krieges auch zu Bodenkämpfen in der Stadt kommen könnte. Was tun, wenn man Berliner war? Einfach stiften gehen konnte gefährlich werden, wenn man nicht die passenden Papiere hatte. Man konnte inhaftiert oder gar als vermeintlicher Deserteur erschossen werden. In dieser Situation entwarfen einige Leute bei der UFA einen dreisten Plan. Man müsste zu angeblichen Dreharbeiten zu irgendeinem möglichst abgelegenen und damit sicheren Ort aufbrechen, um dort das Kriegsende abzuwarten. Einmal angekommen, brauchte man nicht wirklich zu drehen beginnen, weil man eh nicht fertig werden würde - es war besser, das Filmmaterial für bessere Zeiten aufzusparen. Einer der Drahtzieher des Plans war Eberhard Schmidt, ein Herstellungsleiter bei der UFA. Seine filmgeschichtlich größte Tat war es, mit seiner Herstellungsgruppe den Renommierfilm MÜNCHHAUSEN mit Hans Albers zu produzieren, und dieselbe Gruppe innerhalb der UFA produzierte auch VIA MALA. Schmidt und seine Mitarbeiter bei VIA MALA wie Produktionsassistent Horst Kyrath und Aufnahmeleiter Ali Schmidt (meines Wissens nicht mit Eberhard Schmidt verwandt) kannten also Mayrhofen, das somit eine naheliegende Wahl für den "Drehort" war. Es wurden bei den für die Genehmigung zuständigen Beamten im Propagandaministerium gleich für zwei Filme Anträge eingebracht. Natürlich war es absurd, im Frühling 1945 noch neue Spielfilme drehen zu wollen. Aber offiziell war ja der "Endsieg" immer noch unausweichlich, und für die Zeit danach mussten ja auch Filme gedreht werden - und mit dieser Argumentation kam man durch. Ob sich das Propagandaministerium wirklich in der eigenen Propaganda verfing, oder ob da jemand den Bluff durchschaute, aber beide Augen zudrückte, sei dahingestellt. Jedenfalls wurden beide Filme genehmigt, und sobald das der Fall war, schwoll die Zahl derer, die dafür "unabkömmlich" waren, beachtlich an - auf insgesamt über 100 Teilnehmer. So setzten sich also Mitte März 1945 zwei Gruppen in Bewegung. Allein nach Mayrhofen brachen über 60 Leute auf, um vorgeblich DAS VERLORENE GESICHT, aber in Wirklichkeit nur Däumchen zu drehen, und der andere Tross zog in die Lüneburger Heide (über diese zweite Expedition weiß ich leider nichts näheres).

Leiter der Mayrhofen-Gruppe war Eberhard Schmidt, Kyrath und Ali Schmidt waren auch dabei. "Regisseur" war, wie oben schon erwähnt, Harald Braun, "Kameramann" war Robert Baberske, Emil Hasler "Filmarchitekt", und als angebliche Hauptdarsteller fungierten Ullrich Haupt und Hannelore Schroth. Und dann gab es das ganze Spektrum von Filmtechnikern, Handwerkern und Arbeitern. Einige brachten auch ihre Angehörigen mit nach Tirol. Vermutlich der letzte, der auf die Liste für Mayrhofen kam, war Erich Kästner, und zwar als "Drehbuchautor". Er saß in Berlin fest, und er hatte keine Ahnung von der Aktion, bis seine Lebensgefährtin Luiselotte Enderle zwei Tage vor dem Abfahrtstermin auf einem Studiogelände Eberhard Schmidt über den Weg lief, der mit Kästner und Enderle befreundet war. Am selben Abend wurde alles besprochen, und Kästner kam auf die Liste. Als Drehbuchautor war er nicht unplausibel. Er hatte zwar als Schriftsteller im Dritten Reich schon lange Schreibverbot, konnte aber unter Pseudonymen und mit Sondergenehmigungen einige Drehbücher verfassen, unter dem Pseudonym Berthold Bürger sogar für MÜNCHHAUSEN (ohne in den Credits und in der deutschen Presse erwähnt zu werden). Gefährlich war es trotzdem, Kästner ohne offizielle Erlaubnis auf die Liste zu setzen, aber technisch war es ganz einfach: Schmidt besaß von Reichsfilmintendant Hans Hinkel unterschriebene Blankoformulare, in die er nur Kästners Namen einsetzen und mit seiner eigenen Unterschrift beglaubigen musste. Damit beschaffte sich Kästner am nächsten Tag alle weiteren nötigen Dokumente, er hob eine größere Menge Bargeld ab, und einen weiteren Tag später ging es los. Luiselotte Enderle brauchte keine Sondergenehmigung. Als bei der UFA angestellte Dramaturgin wurde sie zu angeblichen Gesprächen mit einem Autor nach Innsbruck geschickt, von wo sie leicht nach Mayrhofen gelangen konnte. Obwohl der zweisitzige Wagen, mit dem Kästner und Schmidt von Berlin zunächst nach München fuhren (das Gros rückte getrennt in Lastwägen aus), ohne Feindeinwirkung zweimal Feuer fing, kamen letztlich alle wohlbehalten in Mayrhofen an.

Wirklich gemütlich war es auch in Mayrhofen nicht. Der Ort war schon mit Flüchtlingen aus Deutschland und Österreich überfüllt, und die meisten Einheimischen standen den Fremden (und insbesondere den "Piefkes" aus Berlin) reserviert bis feindselig gegenüber. Und es gab immer noch Funktionäre, die längst unsinnig gewordene Vorschriften und Befehle ausführten (und sei es nur, um nicht selbst von der nächsthöheren Instanz aufgehängt oder erschossen zu werden, was in den letzten Kriegswochen oft genug vorkam). Um die unliebsamen Preußen wieder loszuwerden, leierte irgendwer die sofortige Einberufung aller männlichen Mitglieder des Filmteams zu einer vierwöchigen Wehrübung der Tiroler Standschützen (!) an. Nachdem die Filmleute bei verschiedenen Dienststellen intervenierten (Eberhard Schmidt fuhr sogar extra nach München, um mit Berlin zu telefonieren), löste sich die absurde Einberufungsaktion nach und nach in nichts auf. So unsinnig der Vorgang erscheint, bedeutete er doch reale Gefahr für Leib und Leben. Etwas später, kurz vor Ende der Kampfhandlungen in Tirol, wurden ältere Männer und Jugendliche aus der Gegend eingezogen, um einen Alpenpass zu verteidigen. Gegen die gut bewaffneten und kampferprobten Amerikaner hatten sie natürlich keine Chance, und entsprechend stark wurden sie dezimiert. Als selbst einige Generäle meinten, dass es Zeit zur Kapitulation sei, wurden sie vom örtlichen Kreisleiter zum Weiterkämpfen genötigt. Erst als der Regimentskommandeur in Gefangenschaft geriet, wurde der klägliche Rest von einem gnädigen Major wieder ins Zivilleben entlassen. Ähnliches hätte den Filmleuten auch widerfahren können, wenn man sie wirklich eingezogen hätte. Als die Einberufung noch als Drohung in der Luft lag, schien es geboten, Aktivität vorzutäuschen. Kästner schildert das so:
Mayrhofen, 19. April 1945

Eberhard ist aus München zurück, hat Berlin telefonisch erreichen können und erhofft Rückendeckung, denn er traut dem Frieden nicht, und er hat gar nicht so unrecht. Die Seminardirektorin, der Ortsgruppenleiter und ihr Anhang haben die Anweisungen aus Innsbruck und Schwaz geschluckt, aber nicht verdaut. Man ignoriert uns, »den Dolch im Gewande«. Deshalb zog heute, denn die Sonne schien, die Ufa, mit den geschminkten Schauspielern an der Spitze, geschäftig durch den Ort, hinaus in die Landschaft, und drehte, was das Zeug hielt. Die Kamera surrte, die Silberblenden glänzten, der Regisseur befahl, die Schauspieler agierten, der Aufnahmeleiter tummelte sich, der Friseur überpuderte die Schminkgesichter, und die Dorfjugend staunte. Wie erstaunt wäre sie erst gewesen, wenn sie gewußt hätte, daß die Filmkassette der Kamera leer war! Rohfilm ist kostbar. Bluff genügt. Der Titel des Meisterwerks, ›Das verlorene Gesicht‹, ist noch hintergründiger, als ich dachte.
Ende April wurde aus der "Ostmark" wieder Österreich, und Anfang Mai war der Krieg in Tirol zu Ende, ebenso wie in Italien. Im überfüllten Mayrhofen gab es immer noch Zulauf. Reste der deutschen Italien-Armee, die sich nicht an Ort und Stelle ergeben wollten, zogen in kleinen Gruppen über die Alpen und kamen in arg derangiertem Zustand über die südlichen Pässe ins Zillertal. In die andere Richtung fuhr ein Autokonvoi mit Russen in deutschen Offiziersuniformen. Es handelte sich um Stabsoffiziere der Wlassow-Armee, die für Hitler gegen die Rote Armee gekämpft hatte. Sie fuhren weiter nach Hintertux, dem hintersten und höchstgelegenen Ort im Tal, um dort auf die Amerikaner zu warten und sich dann zu ergeben. Die meisten Mitglieder der Wlassow-Armee wurden später von den Amerikanern an die Russen ausgeliefert, wo es ihnen schlecht erging. Ob das für diese Zillertaler Fraktion auch galt, weiß ich nicht. Auch Zivilisten kamen immer noch in Mayrhofen an, darunter Marika Rökk mit ihrer einjährigen Tochter (der späteren Schauspielerin Gaby Jacoby). Und noch jemand traf ein, nämlich Leni Riefenstahl. Sie hatte in ihrer mit Studiotechnik ausgestatteten Villa in Kitzbühel bis zuletzt an der Fertigstellung von TIEFLAND gearbeitet (auch ein Überläuferfilm, der erst 1954 herauskam). Dann ergriff sie etwas kopflos die Flucht. In Mayrhofen und in einem Gasthaus am Tuxer Joch, wohin sie weiter geflüchtet war, traf sie alte Bekannte, von denen aber begreiflicherweise keiner mehr etwas mit ihr zu tun haben wollte. Schließlich gab sie, von einer Gallenkolik geplagt, auf, und kehrte nach Kitzbühel zurück. Sie hätte sich die ganze Mühe sparen können. In Kitzbühel wurde sie festgenommen, ins Hauptquartier der 7. US-Armee nach Dachau gebracht und dort verhört. Aber schon Anfang Juni wurde sie als unbelastet eingestuft und wieder auf freien Fuß gesetzt. Sie ging nach Kitzbühel zurück, wo sie unbehelligt lebte, bis sie von den Franzosen, die die Verwaltung in Tirol übernommen hatten, nach Deutschland ausgewiesen wurde.

Am 5. Mai trafen die ersten Amerikaner in Mayrhofen ein. Die Besatzungssoldaten waren weitgehend freundlich (nicht nur, aber besonders zu den Damen), und einige Mitglieder des Filmteams konnten gut Englisch. Eberhard Schmidt hatte einige Zeit als Angestellter einer Bank in New York gearbeitet, und Ullrich Haupt war sogar in den USA aufgewachsen. Sein gleichnamiger Vater besaß in Chicago ein Theater, wo er als Darsteller und Regisseur wirkte, und er spielte auch in Hollywood-Filmen (u.a. in Sternbergs MOROCCO mit Marlene Dietrich und Gary Cooper). Nach dem vorzeitigen Tod von Haupt sen. bei einem Jagdunfall war der Rest der Familie nach Deutschland zurückgekehrt. In Mayrhofen befreundete sich Haupt mit einem Lieutenant Colonel, der ihm und Harald Braun Ausflüge nach München und sogar nach Straßburg in einem Dienst-Jeep ermöglichte. Aber der Rest des Filmteams saß mehr oder weniger im Zillertal fest. Offizell war man immer noch im Auftrag der UFA vor Ort, aber die hatte schon seit einiger Zeit keine Löhne mehr überwiesen, und die Zukunft des Konzerns war ungewiss. Harald Braun hoffte, jetzt tatsächlich irgendeinen Film drehen zu können, aber das zerschlug sich endgültig, als Mitte Juni die Filmausrüstung und die Lastwägen von der Militärregierung beschlagnahmt wurden. Die Expeditionsteilnehmer, die keine größeren Geldmittel dabei hatten, hielten sich über Wasser, indem sie ihre erlernten Handwerksberufe ausübten oder sich in den lokalen Schwarzhandel einschalteten. Aber inzwischen hatten die meisten genug und wollten nach Hause, vor allem die, die Angehörige zurückgelassen hatten. Nach und nach löste sich die Expedition auf, und als Anfang Juli bekannt wurde, dass die Franzosen Tirol übernehmen würden, war das auch für Kästner und Luiselotte Enderle das Signal zum Aufbruch. Sie zogen zunächst zu Enderles Schwester nach Schliersee. Eberhard Schmidts Spur verliert sich noch 1945. Ullrich Haupt, immer hauptsächlich ein Theatermann, ging für fünf oder sechs Jahre zurück in die USA, wo er Tourneetheater spielte, dann holte ihn Gustaf Gründgens an die deutschen Bühnen zurück. Nebenher drehte er weiter Filme, und später arbeitete er viel fürs Fernsehen (u.a. etliche Auftritte in DER KOMMISSAR, DERRICK und DER ALTE). Harald Braun drehte 1947 mit ZWISCHEN GESTERN UND MORGEN einen der bekanntesten Trümmerfilme, freilich auch ein Reinwaschungsfilm, der vielen alten Mitläufern des Regimes einen Persilschein ausstellte. Danach drehte er vorwiegend Melodramen und Schmonzetten, allerdings verantwortete er als Produzent auch interessante Filme wie NACHTS AUF DEN STRASSEN, MONPTI oder KIRMES. Erich Kästner ließ sich in München nieder, wo er als Journalist und als Kabarett-Autor für die "Schaubude" arbeitete.

Kästner führte vom 7. Februar bis zum 2. August 1945 (wie zuvor schon 1941 und 1943 für jeweils ungefähr ein halbes Jahr) ein stichwortartiges, stenographisches Tagebuch, das ihm als Gedächtnisstütze für einen großen Roman über die Zeit des Nationalsozialismus dienen sollte, den er nach dem Ende des Spuks schreiben wollte. Den Roman hat er dann doch nicht geschrieben, weil er es weder konnte noch wollte, wie er selber sagte. Dafür vervollständigte er 15 Jahre später die Stichpunkte zu einem ausgeschriebenen, für ein Publikum lesbaren Text, wobei er seiner Aussage nach die notwendig enthaltenen Fehler und Irrtümer nicht bereinigte (Kästner: "Denn ich bin nicht vom Verschönerungsverein. Vom Selbstverschönerungsverein schon gar nicht."). Diesen Text, jetzt eine Mischung aus Tagebuch und Erinnerungen, veröffentlichte er 1961 unter dem Titel "Notabene 45". Dieses faszinierende Büchlein (ca. 220 Seiten) wird nach wie vor gedruckt, und man bekommt es zum günstigen Preis. Es ist die Hauptquelle für diesen Artikel. Abgesehen von den Vorgängen um DAS VERLORENE GESICHT hat Kästner noch mehr Nachrichten aus Absurdistan zu vermelden - nicht nur aus Tirol, sondern auch aus Berlin und Umgebung, und über eintreffende Rundfunkmeldungen und Berichte von Flüchtlingen von überall im implodierenden braunen Reich. Der Grundton ist ironisch bis sarkastisch, wie man es von einem Kästner erwartet, aber es gibt auch sehr persönliche Stellen (etwa wenn es um seine Eltern geht, die den Feuersturm von Dresden überlebten), und gelegentlich bricht das nackte Grauen durch. Von mir ein nachdrücklicher Lese- oder Geschenktipp! - Josef von Bákys VIA MALA ist anscheinend nicht erhältlich, dafür bekommt man die Version von 1961 mit Gert Fröbe und den Fernseh-Dreiteiler von 1985 mit Mario Adorf auf DVD. - 1986 drehte Heinrich Breloer für den NDR die Doku DAS VERLORENE GESICHT. EINE REISE MIT ERICH KÄSTNER. Es treten u.a. Ullrich Haupt, Hannelore Schroth und Luiselotte Enderle auf, und Breloer begibt sich in Mayrhofen auf Spurensuche.

Sonntag, 21. April 2013

Von schwarzen Wellen, unendlichen Plansequenzen und wilden Tieren: das 13. goEast Festival des mittel- und osteuropäischen Films



Freitag, 12. April 2013


Nach wenigen Stunden Schlaf bin ich aufgebrochen zum 13. goEast Festival des mittel- und osteuropäischen Films. Dieses Jahr standen nebst aktuellen Filmen im oder außerhalb des Wettbewerbs auch Retrospektiven zum ungarischen Regisseur Jancsó Miklós und zur Jugoslawischen Neuen Welle auf dem Programm.
13.30 Uhr in Wiesbaden angekommen, beim Presse-Counter den Presseausweis abgeholt, erster Espresso getrunken, zu meiner Übernachtungsgelegenheit gelaufen, Sachen abgestellt, umgezogen, dann wieder los, beim Festivalcounter Karten für den nächsten Tag mitgenommen und dann zu Gabriel, einem libanesischen Imbissladen, um die letzte ruhige Mahlzeit für die nächsten Tage einzunehmen, nämlich das beste Falafel-Sandwich auf der ganzen Welt (zumindest auf der Welt, die ich kenne): die Besonderheit liegt wohl daran, dass die Teigrolle knusprig gebacken ist. Ein libanesischer Mokka hinterher. Auf dem Weg von der Innenstadt zum Murnau-Filmtheater verschwindet die Sonne kurzweilig und ein Wolkenbruch überflutet die Straßen und mich gleich mit. Der Regen hört natürlich in dem Augenblick auf, in dem ich wie ein begossener Pudel das modernistische Gebäude in der Murnau-Straße 6 betrete, das sich u. a. die Murnau-Stiftung und die FSK teilen. Doch unvorteilhaftes Aussehen und Feuchte werden – nach einem Espresso – schnell vergessen...

17.00 Uhr, Murnau-Filmtheater
CSILLAGOSOK, KATONÁK (THE RED AND THE WHITE)
Regie: Jancsó Miklós
Ungarn / UdSSR 1967, 90 Minuten, 35mm

Magyar Filmunio
Der Russische Bürgerkrieg: eine stumpfsinnige Aneinanderreihung brutaler Morde, für die jegliche ideologische Rechtfertigung nur Makulatur ist – wenn eine solche denn überhaupt bemüht wird! Denn in einer Gewöhnung an Morden und in einer Ritualisierung des Tötens ergreifen alle gegnerischen Parteien Möglichkeiten, die ein zivilisationsfreier Gewaltraum eröffnen kann.
So stilisiert Jancsós Vision des Bürgerkriegs auch ist, hat er möglicherweise seine Essenz besser erfasst, als jegliche realistische oder naturalistische Darstellung es könnte. Stilisiert ist auch die Gewalt, dadurch aber nicht weniger schockierend – ganz im Gegenteil. In einem Film, dessen einzige Handlung darin besteht, dass desillusionierte Soldaten sich gegenseitig in einer Steppenlandschaft jagen, wird tödliche Gewalt zur handlungstreibenden Kraft. Soldaten fallen irgendwo ein, töten Leute, dann kommen andere Soldaten, töten die vorherigen Soldaten und noch weitere Leute und so weiter und so fort. Die filmische Verdichtung einer Situation, die in Zeugenberichten, Tagebucheinträgen und sonstigen zeitgenössischen Quellen oft ähnlich beschrieben wird.
Janscós Herz schlägt zwar für die Roten. Doch der anwesende Filmhistoriker Forgács Iván formulierte eine interessante Deutung, als er meinte, dass uniformierte Soldaten die Weißen seien, und die nackten und halbnackten Männer in Hemden die Roten. Das klingt plausibel: wenn die (vermuteten) Roten nach begangenen Gewalttaten ihre Armeejacken ausziehen, in weißen Hemden die Arbeiter-Marseillaise anstimmen und dem übermächtigen Feind entschlossen entgegenmarschieren, dann schleicht sich großes Pathos in einen ansonsten relativ pathosfreien Film ein. Eine Szene von einer Schönheit, die Gänsehaut erregt, wie so viele andere in diesem verstörenden Meisterwerk.

CSILLAGOSOK, KATONÁK lief als Double-Feature mit einer anschließenden Dokumentation über die Entstehung des Films.

ca. 18.30 Uhr, Murnau-Filmtheater
SZOVIET-MAGYAR KOPRODUKCIÓ (SOVIET-HUNGARIAN COPRODUCTION)
Regie: Forgács Iván, Kodolányi Sebestyén
Ungarn 2011, 52 Minuten, DigiBeta

CSILLAGOSOK, KATONÁK ging als erste sowjetisch-ungarische Filmproduktion in die Geschichte ein. In teilweise etwas langatmigen und nichtssagenden Interviews beleuchtet SZOVIET-MAGYAR KOPRODUKCIÓ die Produktionsumstände, wobei die üblichen Probleme solcher Interview-Dokus entstehen: die Befragten sagen spekulative oder belanglose Sachen und loben sich und ihre Mitarbeiter, wie toll sie es damals gemacht haben. Überaus interessante Ausschnitte aus einem zeitgenössischen Making-Of zeigten die Dreharbeiten am westlichen Rand Russlands (und offenbaren, dass Jancsó diesen Film wohl die meiste Zeit bis auf eine weisse Unterhose nackt inszeniert hat). Nach Ende der Produktion wurde die ungarische Fassung in der Sowjetunion noch umgeschnitten. Interessanterweise schnitt Mosfilm vor allen Dingen bei den Nacktszenen! Auch die „Marseillaise“-Szene wurde beschnitten – indem kurz vor dem Fall der weißen Hemden Bilder von Reiter einmontiert wurden. Dieselben Reiter, die die Scham der nackten Bäuerin wenige Minuten zuvor ebenso bedecken mussten (entsprechende Lacher im Publikum).
In der Nachdiskussion erörterten die beiden anwesenden Filmemacher auch den ambivalenten Stand des Janscó-Werkes im neuen Orbán-Ungarn. So wurde CSILLAGOSOK, KATONÁK zwar vor kurzem im Fernsehen im Rahmen einer Retrospektive der „100 besten ungarischen Filme“ gezeigt. Andererseits gilt Jancsó als unerwünschter Kommunist, und die Edierung seiner Werke auf DVD erfährt so gut wie keinerlei Unterstützung.
Ein weiteres interessantes Detail: der kryptische Titel des Films CSILLAGOSOK, KATONÁK entstammt einem ungarischen Lied der Arbeiterbewegung und bedeutet in etwa „Die Soldaten mit den rot-besternten Mützen“.

Wenige Minuten und ein Espresso später...

20.00 Uhr, Murnau-Filmtheater
TRI (THREE)
Regie: Aleksandar Petrović
Jugoslawien 1965, 80 Minuten, 35mm

 goEast Filmfestival
Die Filmkopie selbst hatte keine Untertitel, diese wurden per Digitalprojektion auf eine Leiste unter der Leinwand ergänzt und waren teilweise vom Timing her suboptimal. Doch Petrovićs revisionistischer Partisanenfilm funktionierte ohnehin die meiste Zeit fast ausschließlich über seine unfassbaren Bilder. Der Titel ist Programm für die narrative Dreiteilung. Kurz nach der Bombardierung Belgrads steht eine Menschenmenge auf der Flucht an einem Bahnhof und wartet auf den nächsten Zug. Spannung liegt in der Luft: Soldaten ebenso wie Zivilisten sind bereit, alles was vorbeifährt und nicht niet- und nagelfest ist, mitzunehmen. Ein Mann, der etwas im Abseits steht, fällt der Meute negativ auf, und sieht sich in kürzester Zeit der absurdesten Spion-Beschuldigungen angeklagt: er beteuert, auf seine Frau und sein Kind zu warten. Von den drei Soldaten, die mit der Bewachung des Bahnhofs betraut werden, wird er schließlich in einem Farce-Prozess verurteilt und an Ort und Stelle erschossen. Seine Frau und sein Kind tauchen wenige Minuten später auf und suchen verzweifelt nach Ehemann und Vater. Ein Student hat vergeblich versucht, sich für den Angeklagten einzusetzen. Dieser Student flüchtet im zweiten Teil des Films als Partisan in einer Berg- und später einer Sumpflandschaft vor deutschen Besatzungssoldaten. Er trifft einen anderen flüchtigen Partisanen, der schließlich gefasst und in einer Strohhütte lebendig verbrannt wird. Im dritten Teil ist der Ex-Student und Ex-Partisan nun ein Offizier der siegreichen Volksbefreiungsarmee, die mit rächender Hand gegen ehemalige Kollaborateure vorgeht. Auf den ersten Blick verliebt sich der Protagonist in eine inhaftierte Frau, die die Geliebte eines Gestapo-Offiziers war. Zwischen Pflichterfüllung und (plantonischer) Liebe entscheidet er sich gezwungenermaßen für ersteres, und bleibt mit einem Gefühl quälender Leere zurück...
Umwerfende Bilder von schroffer Direktheit und einnehmender Poesie schaffen Petrović und sein Kameramann Tomislav Pinter. Sie werden von einem kargen, aber höchst eindringlichen Soundtrack ergänzt. Im ersten Segment ist wird der Ursprung der Musik gezeigt: ein Mann spielt am Bahnhof auf einer Handtrommel und lässt dazu einen Bären tanzen. Die Kamera tanzt dazu um den Bären, während das primitive Scheppern erklingt. Immer wieder taucht es unvermittelt auf, dieser musikalisch unsaubere Klang wie aus dem Jenseits, und sagt oftmals mehr aus als die ohnehin spärlichen Dialoge.
Herrschen im ersten Teil noch offenes Chaos, so bietet auch die klare Struktur der Landschaft im zweiten Teil keineswegs Schutz für den Antihelden: er verliert sich zusammen mit seinem Kameraden in der sumpfigen Schilflandschaft, während seine Verfolger im Flugzeug das Gesamtbild klar überblicken. Ruhe kehrt im dritten Segment ein, doch die Spannung der Blicke, die der Mann mit der gefangenen Frau tauscht, verstören ihn so sehr, dass er einen Lagebericht immer neu anfangen muss. Er kann sie nicht retten, er kann sie nicht einmal berühren: nur aus der Ferne anschauen, und ihr ein Stück Wassermelone bringen lassen, und leiden.
Schaurig schöne Bilder, die wie flüchtige Verbindungen immer wieder angesichts des allgegenwärtigen gewaltsamen Todes zerrinnen. Erwähnt sei der Moment, wo sich der Antiheld liegend in einer Schafherde versteckt – und die Tiere auseinandergehen. Umarmen wollte ich beim sich ankündigenden Ende die Leinwand, sie anflehen, weiterzumachen. PET oder ŠEST hätte es sein sollen. Aber vielleicht, nein sogar ziemlich sicher ist es besser so.
Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern: TRI ist mein persönlicher Festival-Liebling!


Noch ein Espresso später...


22.00 Uhr, Murnau-Filmtheater
JUTRO (THE MORNING)
Regie: Puriša Đorđević 
Jugoslawien 1967, 95 Minuten, 35mm

Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, und in einer jugoslawischen Kleinstadt muss der Sieg nun in Lebensalltag umgesetzt werden. Wer hat kollaboriert? Wer steht wie zum neuen Regime? Wer muss in welcher Frist verhaftet und hingerichtet werden? Und vor allem: wer schläft mit wem? Wie eine zerkratzte 33er-Platte in 45er- und manchmal gar 78er-Geschwindigkeit eilt Đorđević durch Bruchstücke von Handlungen, die motivisch als tragikomische Farce mit Musical-Elementen daherkommen. Lustig und komisch ist das oft, manchmal skurril und unbegreiflich, an einigen Stellen allerdings auch  im negativen Sinne anstrengend und entnervend. Stellenweise hat man das Gefühl, dass im Kontext der Jugoslawischen Neuen Welle Monty Python vorweggenommen wird (und zwar sowohl das frisch-freche frühe wie auch das verkrampft-bemühte späte Flying Circus).


Müde... zum „Schlachthof“ 50 Meter weiter gelaufen, wo die goEast-Party stattfinden sollte. Letztes Jahr war sie super, was nicht nur daran lag, dass kostenloser Wodka verteilt wurde. Nun komme ich nicht rein mit meinem Presse-Ausweis. Nur Gästeliste. Zehn Euro Eintritt (vier mehr als letztes Jahr) sind mir zu viel und wenn ich mir die drei Leute anschaue, die in der leeren Halle zur Musik der Band unmotiviert vor sich hin wippen, dann anscheinend nicht nur mir! Feierabend also...


Samstag, 13. April 2013


ca. 10.15 Uhr, Sichtungsraum im Festivalzentrum (Gebäude der Wiesbadener Casino-Gesellschaft)
KRUGOVI (CIRCLES)
Regie: Srđan Golubović
Serbien / Deutschland / Frankreich / Slowenien / Kroatien 2013, 112 Minuten, Screener

Haris, ein bosnisch-muslimischer Kiosk-Besitzer, wird während des Bosnien-Kriegs von einer Einheit serbischer Soldaten malträtiert. Deren Kollege Marko versucht die Situation zu deeskalieren und wird von ihnen ermordet. Jahre später lebt Haris in Deutschland, wo er mit einer deutschen Frau eine Familie gegründet hat. Er wird ebenso von der Vergangenheit eingeholt wie Markos Verlobte und die Verwandten von Markos Mördern.
Fragmentarische Handlungsstränge verbinden sich zur Frage, inwiefern gute Taten sich tatsächlich lohnen. Mitunter ist diese „dichte Beschreibung“ der Kriegsfolgen anhand „kriegsferner“ Einzelschicksale weniger dicht, als man sie sich wünschen würde. Die melodramatischen Wendungen scheinen oft bemüht, banal und nicht gänzlich klischeefrei. Das ist schade, findet der Film doch gerade in ruhigen Momenten seine vollste Kraft. Wenn etwa Markos Vater und der Sohn von Markos Mörder sich in gegenseitigem Einvernehmen und Verständnis am Küchentisch bei Kaffee und Raki anschweigen, oder wenn Haris seine innere Anspannung unter Begleitung der großartigen meditativen Titelmusik beim nächtlichen Autofahren zu lösen versucht, dann entstehen kleine und zu seltene Momente der Magie. Die Verleihung des Preises der Landeshauptstadt Wiesbaden für die Beste Regie ist angesichts der wenig originellen Machart dieses Films eher erstaunlich.


Fliegender Screenerwechsel...


ca. 12.15 Uhr, Sichtungsraum im Festivalzentrum (Gebäude der Wiesbadener Casino-Gesellschaft)
STROITELI (CONSTRUCTORS)
Regie: Adilkhan Eržanov
Kazachstan 2013, 67 Minuten, Screener

Dem 31-Jährigen Kasachen hätte der Preis für die Beste Regie im Prinzip viel besser gestanden. Sein Film transzendiert mit einem absurden und sehr bitteren Humor die extreme formale Strenge der Inszenierung. Ein Mann, ein Teenager und ein kleines Mädchen fliegen aus ihrer Wohnung raus und wollen auf einem Grundstück am Stadtrand mit bloßen Händen ein Haus bauen. Streitsüchtige Nachbarn, ein Vertreter für Leuchtdioden und staatliche Beamten stehen diesem Vorhaben im Wege. Mit stoischer Ruhe erduldet der Protagonist (entweder Vater oder großer Bruder der beiden anderen Figuren und großartig besetzt!) die Zwischenfälle. Genauso stoisch wie die unbewegliche Schwarzweiss-Kamera. Rhythmus erzeugt nur die Montage, die expressive Beleuchtung und die Bewegung der Figuren im Raum, dies jedoch aber großem Effekt. Humor und Poesie, aber letztlich auch humanistisches Mitgefühl mit Außenseitern am (wörtlichen) Rande der urbanen Transformationsgesellschaft sorgen trotz einiger Hänger im zweiten Drittel für ein so kunstvolles wie unterhaltsames Filmerlebnis, das entfernt an den frühen Jarmusch erinnert.


Nein! Der Taboulé bei Gabriel ist alle. Stattdessen also noch ein Kaffee.
Dafür gibt es eine positive Überraschung: nicht im Alpha-Saal, sondern im Atelier-Saal finden die Projektionen im Apollo-Kinocenter statt. Er entpuppt sich als größerer und atmosphärisch sympathischerer Saal.


14.00 Uhr, Atelier-Saal im Apollo-Kinocenter
TIGRE V MESTE (TIGERS IN THE CITY)
Regie: Juraj Krasnohorský
Slowakei 2012, 90 Minuten, DCP

Links: Kristína Tóthová als Rudolf.  goEast Filmfestival
Ausgehend von den Schriften Carl Gustav Jungs lotet der junge slowakische Regisseur in seinem Debütfilm die Schwierigkeiten der menschlichen Seele in einer postmodernen urbanen Umgebung aus... Heisst soviel wie: die Abenteuer Rudolfs und seiner zwei besten Freunde um Liebe, Eifersucht und Auseinandersetzungen mit der russischen Mafia werden nicht mit dem Körper Rudolfs, sondern mit seiner Seele dargestellt – und die ist in ihrer materialisierten Form weiblich. Was wir also sehen: die wundervolle Kristína Tóthová in der Rolle Rudolfs. Was wir dabei hören: die überaus männliche und tiefe Stimme Tomáš Maštalírs.
Zwischendurch habe ich mich gefragt, ob dieses Konzept für eine eigentlich banale Komödie mit Liebesfilm- und Krimi-Elementen tatsächlich für 90 Minuten trägt. Die Antwortet ist ja: dieser Gender-Kniff präsentiert uns einen komplexen und im wahrsten Sinne des Wortes ambivalenten Protagonisten und die Witze, die aus einer männlichen Figur in weiblicher Darstellung mit männlicher Stimme entstehen, sind stets so angelegt, dass diese nicht vorgeführt wird, sondern dass der Zuschauer zum ständigen Nachdenken über Genderstereotypen angeregt wird.
Der Regisseur, so im Nachfilm-Gespräch, wollte keinen 3D-Film machen, wie sie seiner Meinung nach das slowakische Kino zu sehr dominieren. Gemeint hat er das Triptychon aus depression, drugs & death. Alle drei Elemente tauchen doch auf, aber meist durch die Brille dessen, was Krasnohorský bewusst als leichte Sommerkomödie konzipieren wollte. Heutzutage wird man immer später erwachsen, findet man immer später seinen beruflichen und privaten Weg, und das wollte der 32-jährige Regisseur in seinem Film zeigen: die Suche von Endzwanzigern nach Glück, solchen Hindernissen wie etwa ein depressiver Killer der russischen Mafia zum Trotz – gewissermaßen eine Coming-Of-Age-Komödie.
TIGRE V MESTE war der Höhepunkt der aktuellen Außerwettbewerbs-Filme und hat mit einer wundervollen Leichtigkeit demonstriert, wie aus durchschnittlicher Genrekost Kunst werden kann.


Für jedes Yin gibt es bekanntermaßen auch ein Yang. Und so zeigte der nachfolgende Film, wie man aus fehlgeleiteten Arthouse-Ambitionen Dreck machen kann.


16.00 Uhr, Atelier-Saal im Apollo-Kinocenter
PANIHIDA
Regie: Ana-Felicia Scutelnicu
Deutschland / Moldawien 2012, 61 Minuten, DCP

Eine alte Frau stirbt in einem moldawischen Bergdorf und es folgt das Begräbnis. Und über eine Stunde dürfen wir bei dieser „scheinbar einfachen Geschichte“ zuschauen, wie sich die deutsch-moldawische Regisseurin als große Künstlerin inszeniert, und letztlich genau so viel heiße Luft bläst, wie ein Sommerwind in den kargen Bergen Moldawiens. Endlose Kadrierungen auf völlig sinnentleerte Berglandschaften sollen die künstlerischen Ambitionen der dffb-Alumna ganz besonders bedeutungsschwanger unterstreichen und für „berückende Schönheit“ sorgen. Das Spektakel sturzbetrunkener alter Männer, die nur Blödsinn vor sich hinbrabbeln und sich auch sonst peinlich und asozial benehmen, wird zu einer „Feier des Lebens“, und wenn die Schauspielerin, die die Enkelin der Verstorbenen spielt, in kunstvoll ruckelnden Zeitlupen Sonnenblumenkerne zerkaut und ausspuckt, dann sind wir definitiv im Reich der „Poesie“ angelangt – oder beim Wunsch, tatsächlich vor Langeweile zu sterben, um von der Qual dieses Machwerks erlöst zu werden! (Anmerkung: die Worte und Wortgruppen in Anführungszeichen entstammen der Filmbeschreibung im Programmheft, denn Realsatire ist und bleibt unschlagbar!)


Check: vom Apollo-Kinocenter bis zum Murnau-Filmtheater braucht man bei zügigem Schritt genau 18 Minuten, wenn man dabei eine Banane und ein Müsli-Riegel verspeist.


18.00 Uhr, Murnau-Filmtheater
RDEČE KLASJE (RED WHEAT)
Regie: Živojin Pavlović
Jugoslawien 1970, 85 Minuten, 35mm

Ein Sittenbild der landwirtschaftlichen Kollektivierung in einem slowenischen Dorf kurz nach dem Weltkrieg – ein Projekt, das Anfang der 1950er Jahre abgebrochen wurde. Ein junger Parteiaktivist versucht dieses Vorhaben mit verschiedenen Mitteln in die Tat umzusetzen: Gewalt, Propaganda, sexuelle Verführung.
Moralisch durch und durch verrottet ist dieser Aktivist. Immer wieder zeigt uns Pavlović, wie er sich genüsslich vollfrisst und vollsauft bei jenen Bauern, die er zuvor als Kulaken beschimpft hat. Schamlos nutzt er die Gastfreundschaft der Landwirte aus und streckt dann auch seine Fühler nach mehr aus: nach den Töchtern des Hauses, nach der Mutter des Hauses. Nur um sie dann wegzuwerfen wie angebissene Äpfel. Doch der Wind wird sich drehen, und das ganze wird für ihn wie auch für alle anderen Stalin-Anhänger schlecht enden.
Pavlović hatte, so der Kurator der Retrospektive vor der Vorführung, eine ganze Theorie über „drastische Bilder“ entwickelt. Aus heutiger Sicht scheint es, dass diese etwas an Bisskraft verloren haben. Trotzdem ein sehenswerter Film.


Check: vom Murnau-Filmtheater bis zum Apollo-Kinocenter zurück braucht man auch 18 Minuten (wohl wieder dank Banane und Müsliriegel).


20.00 Uhr, Atelier-Saal im Apollo-Kinocenter
DOMESTIC
Regie: Adrian Sitaru
Rumänien 2012, 85 Minuten, DCP

In einem rumänischen Mietshaus wohnen, wie auch in den meisten Mietshäusern der restlichen Welt, nicht nur Menschen, sondern auch Tiere: Katzen, Hunde, Vögel etc. Implizit spielen sie die Hauptrolle in Adrian Sitarus wundervollem DOMESTIC.
In den Beziehungen zwischen den Menschen und den Tieren widerspiegeln sich die Beziehungen zwischen den Menschen untereinander. Immer wieder bringen Eltern ihren Kindern Tiere nach Hause, sei es ein Hase oder ein Huhn, und können und wollen dann die Tiere doch nicht behalten. Das bedeutet auch, das sie den Kleinen die Übernahme von Verantwortung für andere Lebewesen verweigern – und manchmal die Konsequenzen dafür tragen müssen. Ein schreckliches Ereignis teilt die beiden Segmente (erste Hälfte: „Tod“; zweite Hälfte: „Leben“): die Tochter des Herrn Lazar stirbt bei einem Unfall. So müssen er und seine Frau lernen, ein Verhältnis zu ihrer menschlichen und tierischen Umwelt wieder aufzubauen.
Schwer zu beschreiben ist dieser Ensemblefilm, der trotz des zentralen tragischen Ereignisses und vieler nachdenklicher Momente auch einen herrlichen Humor an den Tag legt. Dialoge verwischen zu einer fast unverständlichen Geräuschkulisse, wenn alle menschlichen Protagonisten gleichzeitig aufeinander einreden und erinnern an den subtilen Humor Robert Altmans.
 goEast Filmfestival
Am charakteristischsten sind sicherlich die extrem langen Plansequenzen mit ihrer meist sehr ruhigen Kameraführung. Das sie nicht langweilig oder gar pompös wirken, liegt daran, dass die großartigen Darsteller (Menschen und Tiere) das Setting der (Studio-)Wohnungen in der ganzen Breite und Tiefe für ihre Entfaltung nutzen. Exemplarisch ist eine Sequenz am Anfang: Frau Lazar bringt ein Huhn nach Hause, zwischen Tochter und Vater Lazar entsteht eine Diskussion darüber, was mit dem Tier geschehen soll. Der Vater will das Tier eigentlich verspeisen, will es aber nicht selbst schlachten. Die Tochter bietet an, die Schlachtung gegen 50 Lei (etwa 11 Euro) zu übernehmen. Nach einigen Fehlstarts tut dies das junge Mädchen tatsächlich und saut das ganze Bad ein. Derweilen streiten sich die Eltern über die Erziehung ihres Kindes und zwei Nachbarn kommen in die Wohnung, um über einen streunenden Hund im Mietshaus und eine entlaufene Katze mit Herrn Lazar zu reden. In dieser über 10- (vielleicht auch 15-)minütigen Plansequenz verdichten sich alle Qualitäten des Films: absurder Humor, engagiertes Ensemble-Spiel und die stringente und radikale künstlerische Vision eines vollendeten Regietalents.
Der beste Film in der Wettbewerbssektion! In der Pressemitteilung zur Preisverleihung schändlicherweise noch nicht einmal erwähnt!


Vom Sonnenschein in die Traufe...


22.00 Uhr, Atelier-Saal im Apollo-Kinocenter
EASTALGIA
Regie: Darija Onyščenko
Deutschland / Ukraine / Serbien 2012, 93 Minuten, DCP

Wann wurden Episodenfilme, in denen alle Figuren in verschiedenen Teilen eines Kontinents schicksalhaft irgendwie miteinander verbunden sind, zum reinen, sich selbst reproduzierenden Klischee? Warum gibt es immer noch Leute, die Wackelkamera für das beste Mittel halten, um „Realismus“ zu erzeugen? Und warum gibt es so viele Zuschauer, die sich solche Fragen nicht stellen? EASTALGIA ist definitiv ein Film, der diese Fragen gänzlich unfreiwillig aufwirft und naturgemäß nicht beantworten kann. Es ist nicht zu leugnen: einige Momente haben zumindest von der Grundidee her einen gewissen Charme und der junge Schauspieler Ivan Dobronrarov hat ein ganz großes Potential und spielt alle anderen an die Wand, aber das reicht für 93 Minuten einfach nicht.


Nach einem eher enttäuschenden Tagesabschluss stelle ich fest, dass ich seit um 9.30 Uhr morgens nichts richtiges gegessen habe (außer Bananen und Müsli-Riegel). Also nun zu Moritz, dem türkischen Imbiss in der Nähe des Appollo-Kinos. Der scharfe Couscous ist sehr lecker, wird mir aber aufgrund des hohen Knoblauch-Gehalts jegliche potentielle soziale Interaktion bei der Filmschool-Party im Caligari ziemlich erschweren. Nebst der Tatsache, dass ich nach sieben Filmen hintereinander wohl nicht nur wie ein Zombie gehe, sondern auch wie ein solcher spreche. Auf dem Weg vom Eingang des Caligari zum Tresen ist meine Befürchtung tatsächlich wahr geworden... Filmfestivals können anstrengend sein, sobald man aus dem Kino raus ist...


Sonntag, 14. April 2013


ca. 10.15 Uhr, Sichtungsraum im Festivalzentrum (Gebäude der Wiesbadener Casino-Gesellschaft)
MÓJ ROWER (MY FATHER‘S BIKE)
Regie: Piotr Trzaskalski
Polen 2012, 94 Minuten, Screener

Opa sitzt alleine zu Hause herum, weil ihn seine Frau verlassen hat. Er schwelgt nostalgisch von seinen Zeiten als Jazz-Klarinettist. Sein Sohn ist ein erfolgreicher Konzertpianist, der zu wenig Zeit hat, um seinen Vater zu besuchen oder sich um seinen Sohn zu kümmern. Der ist sowieso gerade in seiner spätpubertär-rebellischen Hiphop-Phase. Alle drei rappeln sich dann doch einmal auf, um gemeinsam die Oma in Ostpolen auffindig zu machen, wo sie offenbar mit einem ehemaligen Jetpiloten Romanze spielt.
MÓJ ROWER ist ein nettes Drei-Generationen-Roadmovie. Ein bisschen weniger Familiendrama-Klischees und ein bisschen mehr Energie hätten dem Film gut getan, aber die Darsteller waren dafür sehr überzeugend und sympathisch, allen voran der Jazz-Saxophonist und -Violinist Michał Urbaniak als kauziger Großvater.


Angeblich habe ich am Samstag meine Reservierung für den Sichtungsraum nicht korrekt getätigt. Nachdem ich meine Reservierung für Montag nun unmissverständlicher aufgegeben habe, werde ich „hinauskomplimentiert“... Und dann hat auch noch Gabriel geschlossen! Mini-Döner bei Moritz gegessen. Spazieren gegangen.


14.00 Uhr, Atelier-Saal im Apollo-Kinocenter
ROCKER
Regie: Marian Crişan
Rumänien 2013, 91 Minuten, DCP

Am Schlagzeug der fantastische Dan Chiorean als Victor.  goEast Filmfestival 
Verstohlen läuft ein Mann in Lederjacke durch ein Ski-Gelände. Bewegt sich bemüht unauffällig, und wirkt dadurch noch auffälliger. Blickt verängstigt um sich. Und klaut schließlich ein Paar Damen-Skier. Immer wieder wird er auf der Straße oder in Garagen Leute ansprechen und versuchen, ihnen die Ware anzudrehen. Vergeblich. Zu verdächtig sieht dieser über 40-jährige Mann in Punker-Klamotten aus.
Drogensucht betrifft bekanntlich nicht nur den Süchtigen, sondern auch sein ganzes Umfeld. In diesem Fall ist der Amateur-Rocksänger Florin der Süchtige. Sein Vater Victor, der ebenfalls Musik als Leidenschaft betreibt, ist der „Kollateral-Süchtige“: er beschafft mittels kleiner Tricksereien mehr oder weniger erfolgreich Geld, besorgt seinem Sohn Heroin, muss die naturgemäß eher unangenehmen Kontakte mit der Drogenmafia abwickeln. Wenn er dann noch Zeit findet, dann trifft er sich auch mal mit seiner Freundin, einer alleinerziehenden Friseurin. Aber das ist eher selten, denn die meiste Zeit seines Lebens widmet er sich dem Lebensunterhalt seines süchtigen Sohns. Florin ist zwar ein cholerisches, arrogantes, herrisches, verantwortungsloses, gefühlskaltes Arschloch. Aber er ist trotzdem sein Sohn. Für ihn opfert Victor sein Leben. Auch wenn die einzige kommunikative Verbindung zwischen den beiden die Rockmusik ist.
ROCKER hat keine narrative Entwicklung, keinen dramaturgischen Handlungsverlauf, keine Spannungsdramaturgie und solche Sachen braucht der Film im Grunde auch nicht, denn er hat Dan Chiorean. Der Bühnendarsteller am Nationaltheater Cluj-Napoca spielt den Victor auf unfassbare Weise. Ohne jegliche Mühe deckt er alle emotionalen Ausbrüche und Contenancen seiner Figur: zwischen stoischer Resignation und unkontrollierten Zuckungen, wenn er sich beim Zuhören völlig in die Musik verliert. Der Regisseur Marian Crişan hat gut verstanden, was er an Chiorean hatte, und filmt oft nicht Handlungen selbst, sondern Victors Reaktionen darauf. Die Faszination der grandiosen One-Man-Show ROCKER wurde mir erst richtig klar, als die Abspann-Credits schwarz auf weiß (sic!) begannen: ich hatte gerade ein Meisterwerk gesehen!


16.00 Uhr, Atelier-Saal im Apollo-Kinocenter
IZMENA (BETRAYAL)
Regie: Kirill Serebrennikov
Russland 2012, 115 Minuten, DCP


 goEast Filmfestival
Ein Film wie ein Alptraum, der nicht enden will! Arztpraxen, die wie ein Vorhof zur Hölle aussehen. Ein Regensturm scheint die Apokalypse zu bringen. Schräge Hotelflure aus ewig langen Treppen. Dazwischen eine Normalität, die jeden Moment in Hysterie, oder Qual, oder Tod umzuschlagen droht.
Eine Ärztin teilt einem Patienten mit, dass seine Ehefrau ihn mit ihrem Ehemann betrügt. Und hinweg ist das sichere bürgerliche Leben des Patienten. Immer wieder sucht er die Nähe der Ärztin, bis sie ihm schließlich die geheimen Treffpunkte der betrügenden Ehepartner zeigt – eine Szene, die unwillkürlich Assoziationen an Scottie Fergusons Verfolgung der Madeleine in VERTIGO hervorruft. Beide werden (vielleicht) Liebhaber, ihre Angetrauten sterben jedoch eines makabren Todes. Die Polizei ermittelt zwar, ist aber nicht besonders an Resultaten interessiert. Ist die Ärztin eine Mörderin? Ist der Patient ein Mörder? Das interessiert die Ermittler nicht, genauso wenig wie offenbar den Regisseur Kirill Serebrennikov. Ab etwa der Mitte löst sich der Film nahezu vollkommen auf: Personen und Handlungsstränge verschwinden ohne Erklärung, die übrig gebliebenen Figuren verhalten sich immer weniger rational, eine irrsinnige Szene wird an die nächste gereiht und die anfängliche Selbstsicherheit der Ärztin genauso zerschlagen wie jegliche auch noch so kleine Spur an Gewissheit. Verstörende Szenen häufen sich: wie wenn etwa die Ärztin sich einseift und mit dem Rasierer ihres toten oder vielleicht nicht toten Ehemanns oder vielleicht auch Ex-Liebhabers über Gesicht, Brust und Achseln fährt.
Serebrennikov löst die anfängliche Neo-Noir-Thriller-Stimmung nach und nach komplett in Surrealismus auf. Ein beunruhigendes Werk ist ihm gelungen, ein sicherlich sehr sperriger Film, den nicht alle im Publikum (besonders nicht der Herr direkt neben mir) mochten, was sich besonders in Gelächter und abfälligen Bemerkungen niederschlug, die bei den erratischen Handlungen der Figuren manchmal ertönten. Gegen Ende hängt IZMENA dann in der Tat ein wenig durch, doch das ist angesichts seiner sonstigen Stärken durchaus zu verkraften.


Die Toiletten im Alpha-Kino haben einen Wienerischen Baustil: selbst für nur eine Person ist das ganze ziemlich eng. Was macht also der durchschnittliche männliche Kino-Besucher an einem solchen Ort? Natürlich: einfach mal stehen bleiben (ist ja so gemütlich), sich minutenlang unterhalten (ist der passende Ort dazu) und allen anderen Leuten damit den Weg versperren (sollen ihnen doch die Blasen platzen)...


18.00 Uhr, Atelier-Saal im Apollo-Kinocenter
CSAK A SZÉL (JUST THE WIND)
Regie: Fliegauf Bence
Ungarn / Deutschland / Frankreich 2012, 98 Minuten, DCP

Die wahrscheinlich größte Enttäuschung des Festivals! Natürlich waren die Erwartungen sehr hoch, aber einen dermaßen schlechten und schlecht aussehenden Film hätte ich niemals erwartet. Fangen wir zunächst damit an, dass hier wieder einmal „Realismus“, „Direktheit“ und „Unmittelbarkeit“ dem Zuschauer durch ein möglichst kräftiges Durchschütteln der Kamera „nahe gebracht“ werden. Eine „motion sickness“-Warnung vor der Vorführung wäre nicht schlecht gewesen.
In Verbindung mit dieser unsäglichen Wackelkamera-Ästhetik stellte sich dann aber auch  irgendwann ein gewisses Unwohlsein über das Inhaltliche ein. Gezeigt wird ein Tag im Leben der Mitglieder einer ungarischen Roma-Familie. Ihre Roma-Siedlung ist in den letzten Wochen von einer Mordserie erschüttert worden. Am Ende des Films werden auch sie ermordet werden. Doch größtenteils präsentiert sich CSAK A SZÉL als Milieustudie über Roma-Armut. Mir persönlich schien dabei, dass die Grenzen zwischen Milieustudie und Sozialpornografie, zwischen „realistischer“ Erzählung und reinem Armuts-Voyeurismus allzu fließend gestaltet waren. Der Regisseur schien es regelrecht zu genießen, seine Figuren ganz wörtlich in Dreck baden zu lassen. Humanismus scheint ihm völlig fremd zu sein, so dass er seine Protagonisten jeglicher Würde beraubt hat – auch wenn er vielleicht nur die Intention hatte, zu zeigen, „wie es eigentlich [gewesen] sei“.
Im allerschlimmsten Fall werden hier Roma-Bilder produziert, die sich von jenen der Rechtsradikalen rein äußerlich nicht besonders unterscheiden (auch wenn Fliegauf selbstverständlich andere Schlüsse aus ihnen zieht). Im besten Fall jedoch sieht der Film aus wie eine Doppel- oder Dreifachfolge dessen, was unter dem Begriff „Unterschichten-RTL2-TV“ üblicherweise summiert wird.


Die Kombination aus nervendem Film und voller Blase hat mich fast in den Wahnsinn getrieben. Kurz nach Abspann-Beginn rausgerannt, um eine vielleicht zumindest halbleere Toilette vorzufinden. Geschafft! Jedoch dürfte das Gespräch mit dem Regisseur Fliegauf Bence interessant gewesen sein, denn dafür wird ein stark verschobener Start des nächsten Films sehr billigend in Kauf genommen.


(nach) 20.00 Uhr, Atelier-Saal im Apollo-Kinocenter
POKŁOSIE (AFTERMATH)
Regie: Władysław Pasikowski
Polen / Russland 2012, 104 Minuten, DCP

„Neighbors“, Jan Tomasz Gross‘ Abhandlung über die Ermordung der jüdischen Bevölkerung Jedwabnes im Sommer 1941, schlug in Polen wie eine Bombe ein. Gross wies nach, dass hier Polen weitestgehend in Eigenregie ihre jüdischen Nachbarn ermordet hatten. Eine kontroverse Debatte über die Mitschuld Polens am Holocaust und über die Stichhaltigkeit des Status Polens als Opfer folgte.
Władysław Pasikowskis POKŁOSIE ist gewissermaßen ein filmischer Nachklang zur Jedwabne-Debatte. Nach jahrelangem Exil besucht Franciszek Kalina in sein Heimatdorf, wo sein Bruder Józef einen immer schwereren Stand bei seiner Umgebung hat: er birgt geschändete jüdische Grabsteine, die als Straßenpflaster missbraucht worden sind, und stellt sie in seinem Weizenfeld auf. Dafür wird er angefeindet. Nach und nach kommt immer mehr von der unangenehmen Wahrheit ans Licht.
Ein solider und überaus intelligenter Film ist Pasikowski gelungen, der sich nicht vordergründig mit den historischen Ereignissen selbst, sondern ganz explizit mit ihrer Aufarbeitung befasst und besonders gegen Ende mit drastischen Bildern einen Alarm gegen Antisemitismus in Polen schlägt. An manchen Stellen mangelt es sicherlich an Subtilität, und meistens erkennt der Zuschauer zehn bis fünfzehn Minuten vor den Figuren, was Sache ist (natürlich vor allem die Tatsache, dass die Juden des Ortes von ihren polnischen Nachbarn ermordet worden sind). Damit dürfte der hervorragend fotografierte und gespielte Film aber gerade in den erzkonservativen Teilen der polnischen Gesellschaft umso wirksamer einschlagen.
Zutiefst bizarr erscheint die Tatsache, dass Władysław Pasikowski nur fünf Jahre zuvor das Drehbuch von Andrzej Wajdas KATYŃ verfasst hatte, einem pathos-triefenden Monument zu Ehren der polnischen Opfer-Selbstvergewisserung. Hat ein Sinneswandel stattgefunden? Vielleicht!


22.00 Uhr, Atelier-Saal im Apollo-Kinocenter
SEENELAÏK (MUSHROOMING)
Regie: Toomas Hussar
Estland 2012, 93 Minuten, DCP

Mein erster estnischer Film überhaupt. Ein voller Erfolg!
Ein Parlamentsabgeordneter und seine Ehefrau brechen an einem Wochenende zum Pilzesammeln auf. An einer Tankstelle nehmen sie einen biertrinkenden Rocksänger per Anhalter mit. Dann verlieren sie sich im Wald, wo komische Haare aus Bäumen wachsen und bizarre konkurrierende Pilzsammlerinnen ihr Unwesen treiben. In einer aberwitzigen Odyssee suchen sie aus dem dichten Wald einen Ausweg.
EIn herrlich absurder Humor durchzieht SEENELAÏK: sei es die Komik der Gesamtsituation oder die schrulligen Figuren. Da ist Villu, der einen Notruf aus politischen Erwägungen so lange unterdrückt, bis dem Mobiltelefon der Saft ausgeht. Seine Frau Viivi scheint sich derweilen ein bisschen in Zäk, dem Rocker, verguckt zu haben. Dem bleibt das Dosenbier im Halse stecken, als ein überaus aggressiver Hinterwäldler-Typ ihm zuerst helfen, und ihn dann später angreifen und umbringen will. So durchläuft Toomas Hussars offenbar erster Film seit zwölf Jahren viele Stadien durch (Screwball-Komödie, Backwoods-Horror, Survival-Thriller und purer Slapstick), um schließlich als Polit-Farce zu enden.
Ein herrlicher kleiner Film.


Von da nur todmüde zur Übernachtungsgelegenheit getorkelt...



Montag, 15. April 2013


ca. 10.15 Uhr, Sichtungsraum im Festivalzentrum (Gebäude der Wiesbadener Casino-Gesellschaft)
POUPATA (FLOWER BUDS)
Regie: Zdeněk Jiráský
Tschechische Republik 2012, 91 Minuten, Screener

POUPATA ist ein Ensemble-Film, der in einem kleinen Industriestädtchen der tschechischen Provinz spielt und für einige Tage das Leben der dortigen Unterschicht mitverfolgt: Eine sozialpornografische Mischung aus RTL2-Realityshow und Impressionen, die man an Wochenenden vor gewissen Discos sammeln kann.
Die 16-jährige Mandy ist schwanger geworden und derweilen hat sich ihre beste Freundin Jacqueline ein Schmetterling-Tattoo stechen lassen. Der ältere Bahnhofswärter Harry ertrinkt geradezu in Spielautomaten-Schulden, während der 18-jährige Kevin sich in die neue Stripperin der Dorfdisco verliebt. Selbstverständlich trägt diese Freakshow tschechische Namen, aber interessanter wird sie dadurch nicht.


Fliegender Screener-Wechsel...


ca. 11.45 Uhr, Sichtungsraum im Festivalzentrum (Gebäude der Wiesbadener Casino-Gesellschaft)
DESPRE OAMENI ŞI MELCI (OF SNAILS AND MEN)
Regie: Tudor Giurgiu
Rumänien 2012, 92 Minuten, Screener

Letztes Jahr habe ich beim goEast-Festival keinen einzigen rumänischen Film gesehen. Dieses Jahr hingegen sind diese entweder grandiose Knaller oder zumindest exzellent. Wie diese Komödie, die kurz nach der Wende spielt. Eine Fabrik soll an Franzosen verkauft und umstrukturiert werden, Massenentlassungen inklusive. Die Arbeiter wollen sich dagegen wehren. Ihr Plan: die Fabrik selbst aufkaufen mit Geld, das sie durch Samenspenden verdienen könnten. Nicht überall wird die Idee ernst genommen und die Ehefrauen der Arbeiter sind erst recht nicht glücklich. Derweilen verliebt sich der Sohn des französischen Investors in die Sekretärin des rumänischen Fabrikchefs.
Als leichte und anspruchslose Sommerkomödie könnte man DESPRE OAMENI ŞI MELCI schimpfen. Denn mit Klischees wird nicht gerade gespart: hier der opportunistische und ungebildete Fabrikboss, dort der hübsche Gewerkschaftsführer mit Casanova-Attitüde. Auch ist das historische Setting tatsächlich nur Setting, und die Ansätze zur Kritik an den Fehlern der politischen Transformation sind eher mild. Der Film will nicht das Komödien-Genre neu erfinden, eine tiefe Botschaft vermitteln oder ein Zeitbild sein, sondern offenbar nur unterhalten. Das genau das gelingt ihm wunderbar.


Übrigens: der erste richtig schöne und warme Frühlingstag dieses Jahr... Zeit für einen kleinen Snack im Park, und dann ab ins Caligari!


14.00 Uhr, Caligari FilmBühne
DOUBLE FEATURE KROATISCHE KINEMATHEK

LAKAT KAO TAKAV (THE ELBOW)
Regie: Ante Babaja
Jugoslawien 1959, 17 Minuten, DigiBeta

 goEast Filmfestival
1982 wurde in Deutschland „Ellenbogengesellschaft“ zum Wort des Jahres gewählt. 23 Jahre zuvor wurde der Begriff in Jugoslawien gewissermaßen verfilmt. Ein Zwillingsgeschister-Paar liefert sich ein gnadenloses Duell um die besten Plätze in der Gesellschaft, und zwar mit ihren Ellenbogen. Mit diesem Körperteil wird geschubst, gar Leute hochkant aus Geschäftsräumen hinausgeprügelt. In klinischen Abteilung für Ellenbogenkunde wird dieses Instrument in harten Trainingseinheiten gestählt. Und wehe dem, der die Abschlussprüfung nicht besteht.
Eine ätzende Satire, komplett ohne Dialog praktisch wie ein Stummfilm gedreht. Mit grotesk größenverzerrten Bauten in einer komplett weißen Welt. Vollkommen halluzinatorisch. Ich fühlte meine Kinnlade vor diesem unfassbaren Film in Ehrfurcht herunterklappen!


LISICE (HANDCUFFS)
Regie: Krsto Papić
Jugoslawien 1969, 77 Minuten, 35mm

Der international berühmte Bruch Titos mit Stalin führte nicht nur zum besonderen jugoslawischen Selbstverwaltungssozialismus, sondern zunächst vor allem zu einer massiven Säuberung der Partei von Stalin-Anhängern. Gewissermaßen Antistalinismus mit stalinistischen Mitteln.
Diese Ereignisse greift auch Krsto Papićs LISICE auf. Eine Hochzeitsgesellschaft wird von einem (Stalin-treuen) Geheimpolizisten flankiert, dem besten Kumpel des Bräutigams. Zwei (Tito-treue) Sicherheitskräfte besuchen nach einer Verhaftung ebenfalls die Hochzeitsfeier. Unbehagen breitet sich bei den Feiernden aus, und mündet schließlich in Chaos, Vergewaltigung und Mord.
Meine extrem subjektive Meinung zu diesem Film lautet wie folgt: irgendwie hat er mich nicht überzeugt. Zumindest die Teile, die ich gesehen habe, denn um Ehrlichkeit walten zu lassen, muss ich gestehen, dass ich während der Projektion mehrmals eingeschlafen bin. Wenn ich mich bei den meisten anderen Filmen relativ gut in Form halten konnte, war es eben LISICE, der den berüchtigten Filmfestival-Müdigkeits- und Schlafattacken zum Opfer gefallen ist. Eine Korrelation zwischen der Qualität des Films und meinen Sekundenschlaf-Anfällen mag ich weder bestätigen noch ausschließen.


Einer der beiden Mitarbeiter der Kroatischen Kinemathek hatte zwar nicht wirklich viel interessantes zu erzählen, hat sich aber trotzdem wahnsinnig gerne selbst sprechen hören. Muss daher zum Apollo-Kino rennen, nur um dort zu merken, dass mein nächster Film so oder so zu spät angefangen wird...


16.00 Uhr, Atelier-Saal im Apollo-Kinocenter
ISTEN HÁTRAFELÉ MEGY (GOD WALKS BACKWARDS)
Regie: Jancsó Miklós
Ungarn 1991, 95 Minuten, 35mm

Jancsó, sonst eher für historische Settings bekannt, greift hier einen ganz tagesaktuellen Stoff auf: ISTEN HÁTRAFELÉ MEGY ist seine Vision der politischen Transformation in Ungarn, die 1988 begonnen hat und in einer gewissen Art und Weise bis heute nicht abgeschlossen ist.
Die Plansequenzen sind nicht kürzer geworden, aber interessanterweise zeigt der Ungar hier seinen großen Sinn für Humor. Denn mögen SZEGÉNYLEGÉNYEK und CSILLAGOSOK, KATONÁK Meisterwerke sein, besonders lustig sind sie nicht. Die choreografierten Ballette durch die Steppe werden hier in eine belagerte Villa verlegt. Zwei Journalisten wollen über einen nationalistischen Politiker eine Reportage machen und stoßen dabei in ein Grundstück, in dem alles drunter und drüber geht. Verschiedene Fraktionen bekämpfen sich zu Tode, während alles gleichzeitig vom Fernsehen übertragen wird: zwischendurch filmt Kende János‘ Kamera die Bildschirme der überall in der Villa verteilten Fernseher. Und eine nackte Frau darf natürlich auch in diesem Jancsó-Film nicht fehlen!
Viel Sinn ergibt das ganze nicht wirklich, aber das macht nichts, denn die überdrehte Atmosphäre trägt sich sehr gut und mit großer Leichtigkeit durch die Plansequenz-Choreografien.


18.00 Uhr, Atelier-Saal im Apollo-Kinocenter
GRZELI NATELI DGEEBI (IN BLOOM)
Regie: Nana Ekvtimišvili / Simon Groß
Georgien / Deutschland / Frankreich 2013, 102 Minuten, DCP

Nach vielen positiven Erfahrungen mit (sowjetisch-)georgischen Werken beim letztjährigen goEast-Festival waren meine Erwartungen an diesen Film hoch. Vielleicht zu hoch. Aber trotzdem kann ich schlussendlich nur feststellen, dass GRZELI NATELI DGEEBI ein zutiefst nichtssagender Film ist – in ästhetischer, narrativer, schauspielerischer, fotografischer und emotionaler Hinsicht.
Es geht grob gesagt um die Coming-of-age-Geschichte zweier Mädchen im Georgien der frühen 1990er Jahre und wie sie gesellschaftliche Missstände (Mangelwirtschaft, Patriarchat, dysfunktionale Familie) zu überwinden versuchen. Falls das gerade wie eine Soziologie-Vorlesung klingt: genau so hat sich der Film für mich angefühlt. Gesellschaftskritisch, sozial höchst relevant, und dabei von einer fast unerträglichen emotionalen Sterilität. Vielleicht haben mich die beiden permanent unmotiviert dreinblickenden Darstellerinnen genervt. Vielleicht die Tatsache, dass Emotionen zwar vorkamen, aber mich als Zuschauer nicht ergriffen. Vielleicht waren es die häufigen Griffe in die Klischeekiste des Familiendrama-Arthouse: die linear verlaufende Reifung der beiden Mädchen zu erwachseneren Menschen, ihr Außenseiterstatus an der Schule, der betrunkene Vater am Essenstisch, die holzschnittartigen Macho-Charaktere und nicht zuletzt das mit einem überdimensionierten Vorschlaghammer eingetrichterte „offene Ende“. In einem Moment droht eines der beiden Mädchen in völlige Raserei und zornige Hysterie zu verfallen, aber sie tut es nicht, weil es sich wohl für einen sauberen Film, der Festivalpreise einheimsen möchte, nicht gehört. In einem anderen Moment tanzt eines der beiden Mädchen auf einer Hochzeitsgesellschaft solo. Was anderswo zu einem herrlichen emotionalen Overkill hätte werden können, gefriert hier zu einer fast gruseligen Leblosigkeit. Fast so gruselig wie die Tatsache, dass ausgerechnet dieser Film den Festival-Hauptpreis gewonnen hat!


Eine enttäuschende letzte Vorstellung im Apollo dieses Jahr. Beim Sprinten zum Caligari zurück ein Müsliriegel verputzt und gleichzeitig noch ein Telefonat erledigt. Rechtzeitig angekommen, wenn auch nur für die zweite Sitzreihe.


20.00 Uhr, Caligari FilmBühne
NEBESNYE ŽENY LUGOVYCH MARI (CELESTIAL WIVES OF THE MEADOW MARI)
Regie: Aleksej Fedorčenko
Russland 2012, 106 Minuten, DCP

 goEast Filmfestival
Erotische Hexereien, gruselige Totenbeschwörungen, zärtliche Rendezvous, derbe Sexwitze, brüllend komische Missgeschicke und vieles mehr. 22 wundervolle erotisch-humorige Episoden, in denen jeweils eine Mari-Frau die Hauptrolle spielt, deren Vornamen mit dem Buchstaben „O“ beginnt. Einige der Sequenzen sind nicht einmal zwei Minuten lang und dermaßen verkürzt und reduziert, dass sie wie abstrakt-poetische Impressionen wirken. Andere wiederum dauern über zehn Minuten und entwickeln eine eigene Spannungskurve. So zum Beispiel eine Episode, in der eine Sängerin ein Studienstipendium für die Großstadt gewinnt. Ihr etwas lästiger Verehrer will sie nicht gehen lassen und von der Zurückweisung beleidigt hetzt er ihr deshalb einen Untoten an den Hals. Derweilen bandelt die junge Frau in der Stadt mit ihrem kleinwüchsigen, über 50-jährigen Gesangslehrer Herr Gennadij an, den sie beim Sex auch mal „Genni“ nennen darf. Der Untote wird schließlich von einem Polizisten mit einer magischen Perlenkette aufgehalten und geht zu seinem Beschwörer zurück – und auf ihn los...
In NEBESNYE ŽENY LUGOVYCH MARI, fast komplett in Mari-Sprache gedreht, passieren überhaupt Sachen, die nicht mit gesundem Menschenverstand und noch nicht einmal mit der inneren Logik von Volksmärchen zu erklären sind. Das Unerwartbare wird zum Programm erhoben und so entzieht sich Fedorčenkos Film jeglicher narrativer Konvention: jede Szene interessant, wenngleich oft nicht verständlich. Ein Experimental-Werk von einer unbändigen  und leichtfüßigen Energie, die das Klischee vom bleischwer-depressiven osteuropäischen Autorenkino mit Verve Lüge straft. 


22.00 Uhr, Caligari FilmBühne
RANI RADOVI (EARLY WORKS)
Regie: Želimir Žilnik
Jugoslawien 1969, 87 Minuten, 35mm

„Irgendwie anstrengend“, dachte ich nach spätestens etwa einer Viertelstunde: ein paar junge Kommunisten ziehen Marx-zitierend durch die Gegend und wollen ihre frohe Kunde unter die Menschen bringen. „Irgendwie anstrengend“ ist dafür natürlich keine besonders tiefgründige oder analytische Wertung, zugegeben. Der Film wirkte Ende der 1960er Jahre mit seiner zerfaserten Machart sicherlich provokant. Heutzutage dürfte ich nicht der einzige Zuschauer sein, dem RANI RADOVI ein Gähnen hervorlockt. Mir haben die Bilder nichts gesagt. Dass ab und zu was in die Luft gesprengt wird (u. a. ein Auto) hat mich sporadisch zu milden Lächeln animiert. Ansonsten war er verkrampft in seinem Bemühen, durchgeknallt zu sein und berechnete Verrücktheit wirkt nunmal oft bleischwer, um mal das Wort „prätentiös“ zu vermeiden. Irgendwie anstrengend halt. Als linksradikale Kritik an und aus einem realsozialistischen Staat erscheint Žilniks Film als zeithistorisches Kuriosum mit allenfalls musealem Wert.


Vor RANI RADOVI wurde angekündigt, dass der neueste Film Žilniks im Anschluss gezeigt werden würde. Beginn wäre kurz vor Mitternacht gewesen. Dass der erste Film mir nicht gefallen hatte, erleichterte mir die Entscheidung, auf den zweiten zu verzichten. Außerdem wäre ich wahrscheinlich vor Müdigkeit und/oder Hunger im Sessel eingeschlafen oder umgekippt. Nach einem späten Abendessen aus einem selbst gemachten Landjäger-Sandwich und einer Dose friesischen Biers bin ich zu meiner Übernachtungsgelegenheit fast zurückgekrochen, dankbar darüber, dass sie nur drei Steinwürfe vom Caligari entfernt war.


Dienstag, 16. April 2013


Eigentlich wollte ich im Sichtungsraum mit POSLEDNIJA POSTAJA (THE LAST STOP) von Jože Babič und VRANE (CROWS) von Goran Mihić und Ljubiša Kozomara das Festival abschließen. Aber ersterer hatte in der Screener-Fassung nur serbische Untertitel für slowenische Dialoge und kündigte sich als schwer dialoglastiger Film an, und zweiterer war überhaupt nicht als Screener verfügbar. Dann also Schwarze Welle Schwarze Welle sein lassen und wieder zu Janscó.

ca. 10.15 Uhr, Sichtungsraum im Festivalzentrum (Gebäude der Wiesbadener Casino-Gesellschaft)
SZERELMEM, ELEKTRA (MY LOVE ELEKTRA)
Regie: Jancsó Miklós
Ungarn 1974, 76 Minuten, Screener

Tanzende Menschenmassen, Reiter, halbnackte Frauen und einige Sprechrollen werden in unendlichen Plansequenzen in der ungarischen Steppe choreografiert. Irgendwie geht es zwar ein bisschen um die Elektra-Sage, aber wen interessiert das ernsthaft. Genauso wenig wie die Tatsache, dass es in MÉG KÉR A NÉP (RED PSALM) irgendwie um einen Bauernaufstand ging. In SZERELMEM, ELEKTRA sind freilich die Plansequenzen noch länger, und die durchschnittliche Einstellungslänge soll gemäß imdb rekordverdächtige 350 Sekunden betragen.
Möglicherweise hatte Jancsó seit MÉG KÉR A NÉP nichts mehr zu sagen, denn aus narrativer Perspektive ist auch SZERELMEM, ELEKTRA eine einzige Schnarchnummer. Aber wie Jancsó das ganze nicht sagt, sieht schon richtig toll aus! Menschliche Schauspieler gibt es zwar auch, aber der Hauptdarsteller, das sind die Bewegungen der Kamera, die die Massenchoreografien einfangen. Ein Film, der selbstzweckhaft und zugleich mit Genuss auf sein eigenes Medium zurückgeworfen ist. Fast möchte man sich fragen, wie ein von Jancsó inszeniertes Musical ausgesehen hätte.


Weiter mit Jancsós ÍGY JÖTTEM (MY WAY HOME). Leider stellte sich auch hier heraus, dass in dem Film zwar gesprochen wird, jedoch der Screener über keinerlei Untertitel verfügte. KELIJ FEL, KOMÁM, NE ALUDJÁL! (WAKE UP MATE, DON‘T YOU SLEEP!) hätte ich dann gerne gesehen, aber der war nicht als Screener vorhanden – und der wäre gestern zur Sichtungszeit von RANI RADOVI im Apollo-Kino gelaufen (es ist einfach zum Schreien!). Dann also etwas aus der „Beyond Belonging“-Sektion.


ca. 11.30 Uhr, Sichtungsraum im Festivalzentrum (Gebäude der Wiesbadener Casino-Gesellschaft)
W SYPIALNI (IN A BEDROOM)
Regie: Tomasz Wasilewski
Polen 2012, 72 Minuten, Screener

Edyta, eine Frau, die scheinbar aus dem Nichts kommt, prostituiert sich über das Internet. Der Akt wird aber nie vollzogen, denn sie betäubt ihre Freier, um sie auszurauben und sichert so ihren Lebensunterhalt. Eines Tages trifft sie den Kunstfotografen Patryk, mit dem sie zunächst das gleiche Spiel abzieht. Doch sie bleibt bei ihm, und versucht, eine ernsthafte menschliche Beziehung aufzubauen.
Unfassbar steril sind die Bilder aus der urbanen Peripherie Warschaus: kalte Straßenschluchten, neon-beleuchtete Autobahntunnels, leblose Suburbia-Wohnungen. Das zieht den Zuschauer ziemlich herunter und wird auch schnell repetitiv. Doch nach über zwanzig Minuten hat sich die Geduld gelohnt, als plötzlich so etwas wie Leben, Wärme, Sympathie durch diese Eiskruste durchbricht, um sich der Sonne zuzuwenden. Doch W SYPIALNI verwehrt sich einer linearen Entwicklung: keine Entwicklung vom „Tod“ zum „Leben“, sondern vielmehr kurze Wachmomente in einem schweren Winterschlaf. Wenn Edyta und Patryk bekifft an einem Flussufer liegen und sich dämlich kichernd des Tages erfreuen – dann hat sich schon nur für diesen Augenblick dieser sperrige Film gelohnt.

Es ist heiss, ich schwitze, ich bin müde, meine Zeiteinteilung war viel zu großzügig geplant, mein Rucksack ist schwer und es gibt auf der Welt schönere Orte als die Bahnhofsstraße und der Bahnhof Wiesbadens. Aber es hat sich gelohnt! Ich komme wieder!


Zum Abschluss die Filme noch einmal in Wertungslisten zusammengefasst.

Wettbewerbsfilme

1 DOMESTIC (5/5)
2 ROCKER (5/5)
3 NEBESNYE ŽENY LUGOVYCH MARI (4,5/5)
4 IZMENA (4,5/5)
5 STROITELI (3,5/5)
6 KRUGOVI (3/5)
7 MÓJ ROWER (3/5)
8 GRZELI NATELI DGEEBI (1,5/5)
9 POUPATA (0,5/5)
10 PANIHIDA (0/5)

Aktuelle Filme außerhalb des Wettbewerbs

1 TIGRE V MESTE (5/5)
2 POKŁOSIE (4,5/5)
3 SEENELAÏK (4/5)
4 DESPRE OAMENI ŞI MELCI (4/5)
5 W SYPIALNI (3,5/5)
6 SZOVIET-MAGYAR KOPRODUKCIÓ (2,5/5)
7 EASTALGIA (1,5/5)
8 CSAK A SZÉL (0,5/5)


Retrospektiven-Programm (Schwarze Welle / Janscó Miklós / Kroatische Kinemathek)

1 TRI (5/5)
2 LAKAT KAO TAKAV (5/5)
3 CSILLAGOSOK, KATONÁK (5/5)
4 ISTEN HÁTRAFELÉ MEGY (4/5)
5 SZERELMEM, ELEKTRA (3,5/5)
6 RDEČE KLASJE (3/5)
7 JUTRO (2,5/5)
8 LISICE (2,5/5)
9 RANI RADOVI (1/5)