Montag, 11. Juli 2016

Belagerung, Invasion, Isolation – John Carpenter wieder- und neuentdeckt

John Carpenter mit cooler Lederjacke am Telefon – ein Cameo in VILLAGE OF THE DAMNED

Ein „Gesamtkunstwerk des Unbehagens“: so wurde John Carpenters Œuvre im Programmheft einer Retrospektive genannt, die im Wiener Gartenbaukino vom 20. Mai bis 2. Juni dieses Jahres lief (dies mit besonderem Hinblick darauf, dass Carpenter die markante Musik zu seinen Filmen oft selbst komponierte). Als Erschaffer von Ur-Erzählungen bezeichnete implizit der von mir sehr geschätzte Oliver Nöding John Carpenter im Rahmen seiner eigenen Werkschau (hier in der Besprechung von ELVIS). John Carpenters Filme seien der (Alb-)Traum einer isolierten, einsamen Insel – so in einem ausführlichen Essay (englische Übersetzung & französisches Original), in dem Emmanuel Siety die Filmemacher  und Howard-Hawks-Fans Jacques Rivette und John Carpenter vergleicht. Ein Poet des radikal verkürzten Tages und der nie enden wollenden Nacht, dessen Filme geradezu obsessiv um die wiederkehrenden Themen Belagerung, Invasion und Isolation kreisen – so könnte man Carpenter auch bezeichnen und das tue ich hiermit mal.
Auch beim Showdown: immer Zeit und Platz für
eine Hawks-Hommage (THE FOG)
Auf der anderen Seite dieses wiederkehrende Narrativ: der Meisterregisseur, der in den 1970er Jahren großartige Filme inszenierte, irgendwann aber anfing, nur noch totalen Mist zu drehen und bei dem die Welt froh sein sollte, dass er offenbar nun keine Filme mehr drehen wird (sondern nur noch musiziert). Der Startpunkt von „des Meisters John unumkehrbare Dekadenz“ variiert je nach Erzählung: manchmal „alles nach THE THING“ (also 1982) und manchmal „alles nach IN THE MOUTH OF MADNESS“ (also 1994). Dieses Meisternarrativ (als Narrativ des „gefallenen Meisters“ und als „Ur-Erzählung“) finde ich schrecklich langweilig, erkenntnisarm – und versuchte es bereits in meiner ausführlichen Besprechung des sträflich unterschätzten und viel geschmähten MEMOIRS OF AN INVISIBLE MAN zu entkräften. Im Zuge einer umfassenden Retrospektive, für die ich die ersten fünf Monate dieses Jahres in Anspruch nahm, habe ich gemerkt, dass ich in beiden Punkten recht habe: ja, MEMOIRS OF AN INVISIBLE MAN ist John Carpenters bester Film, und ja, das Narrativ des gefallenen Meisters ist absoluter Blödsinn!

Aber das ist nicht der Grund, weshalb ich Anfang Januar eine persönliche Carpenter-Retrospektive startete. Ich brauchte vier Filme, bis ich zu dieser Entscheidung kam, akribisch die Filmographie Carpenters abzuarbeiten (wenngleich nicht wirklich „systematisch“ oder gar chronologisch, sondern eher nach rein technischen Möglichkeiten der Verfügbarkeit). THEY LIVE, den ich in der Uralt-DVD-Fassung mit komischem Bildformat (2.17:1) zu Weihnachten bekommen habe, begeisterte mich Anfang Januar bei der Wiedersichtung. Wenig später, bei einer Schnäppchen-Aktion in der Drogerie meines Vertrauens, kamen die beiden Plissken-Filme hinzu: eine fantastische Wiedersichtung bei ESCAPE FROM NEW YORK, ein etwas befremdliches, aber nicht unbefriedigendes Kennenlernen von ESCAPE FROM L.A. Der berühmteste Recycler des abseitigen Films innerhalb des Mainstreamkinos, Quentin Tarantino, brachte mich zum nächsten Carpenter-Film, als er mich Ende Januar mit seinem neuesten Film THE HATEFUL EIGHT milde enttäuschte – zugleich aber das wirklich dringende Bedürfnis hervorrief, jenen Film zu sehen, auf den sein ausgedehnter Dreistünder zum Teil basierte: THE THING. Eine grandiose Zweitsichtung, die mir den Film nach einer etwas distanzierten Erstsichtung „öffnete“. 

Bennett lehnt ein Gläschen Wein ab und möchte lieber bald bezahlt
werden – Carpenters Cameo in THE FOG
Ich sprach eben von „dringendem Bedürfnis“. Nun, nach THE THING war dieses nicht geringer geworden. Denn zwei Wochen später wachte ich an einem Samstag Morgen auf und spürte ein furchterregendes Alien-Ding in meinem Bauch – nun, das jetzt nicht, aber doch den fast schon irrationalen Zwang, jetzt mal endlich was Neues von Carpenter zu sehen. Wieder in der Drogerie meines Vertrauens – François Truffaut bezeichnete Filmliebhaber als kranke Menschen, wie passend, dass ich also für meine Sucht zur „Drogerie“ gehen musste – stillte ich also mein Bedürfnis, setzte quasi meinen Entzugserscheinungen ein Ende, als ich PRINCE OF DARKNESS zu einem leicht erhöhten Preis erwarb und für den Abend nun Stoff hatte. Von nun an, von Anfang Februar bis Ende Mai, schaute ich regelmäßig jedes Wochenende, meist am Samstag Abend, mindestens einen Carpenter-Film. Die Beschaffung des „Stoffes“ organisierte ich dann auch etwas systematischer, auch wenn ich an manch einem Freitag bangte, dass das Paket nicht rechtzeitig kommen würde. Ich habe im Laufe vieler Wochen geradezu physisch erkannt, welch zwanghaftes, suchthaftes Potential Filmliebhaberei haben kann. Es ist wie Kratzen: das Jucken wird nur noch stärker, aber welch grandioses und erleichterndes Gefühl...

Die umfassende Rundreise durch John Carpenters Œuvre hat sich gelohnt. Am Ende stehen sehr viele Wiedersichtungen voller Genuss, viele Neusichtungen voller Überraschungen – und auch einige Enttäuschungen. Aber nun: Lieblingsregisseure zeichnen sich dadurch aus, dass man auch ihre Schwächen liebt oder zumindest verzeiht. Gewissermaßen hat die Retrospektive bestätigt, was ich implizit schon vor dem Jahr 2016 wußte: dass John Carpenter wohl zu meinen Top-10-Lieblingsregisseuren gehört.

Nun zur eigentlichen Rundreise, chronologisch nach den einzelnen Etappen...


THEY LIVE (1988)
2. Januar – 3. oder 4. Sichtung
Ein Arbeiter und sein Buddy enttarnen eine Invasion neoliberaler Aliens.
Ich habe THEY LIVE bislang immer im Fernsehen gesehen: meist hatte ich den Anfang verpasst und Tugendwächter hatten zusätzlich Hand angelegt (der Hawks‘ianische Kampf zwischen „rivals-to-be-friends“ dauerte dann statt 5 1/2 nur knapp 2 Minuten). So richtig vollständig habe ich ihn nun zwar aufgrund des leicht beschnittenen Bilds nicht gesehen, aber bereits in den ersten Sekunden zeigte sich die schiere Brillanz dieses Films: ein Holzfäller-Typ wandert mit einem großen Rucksack durch die Stadt, lernt dabei verschiedene Winkel kennen (abgeranzte Bahnhöfe, die hektischen Boulevards der Innenstadt, die Slum-Ränder) und wird dabei von Carpenters bluesigen Country-Score begleitet. Mit diesen simplen Mitteln bekommt der Film schon in den ersten Minuten einen eigenen, lebendigen Puls, einen eigenen Rhythmus.
In seinen Themen (es geht wieder einmal um eine Alien-Invasion und um einen Protagonisten, der über weite Strecken des Films komplett isoliert ist) erscheint THEY LIVE als archetypischer Carpenter-Film. Er sticht aber zugleich als sein wohl einzig wirklich politischer Film heraus (vielleicht von gewissen Aspekten der Geschlechterpolitik in THE WARD abgesehen und einigen Details in ESCAPE FROM L.A.). Die persönliche Rache an den „Schrecken der Reagan-Jahre“ bleibt dabei unangenehm ambivalent: Nada und Frank, die Kämpfer gegen die neoliberale Reagan‘schen Invasion, könnten von ihrer Veranlagung her genauso sehr für die andere Seite eingespannt werden. Man kann sie sich heutzutage gut als potentielle Tea-Party- oder Trump-Anhänger vorstellen. Diese Mischung aus dezidiert „linker Reagan-Satire“ und einer Ästhetik des „reaktionär-halbfaschistischen 80er-Jahre Actionkinos“ scheint mir besonders faszinierend (die Anführungszeichen sollen darauf hinweisen, dass ich mir der extremen Vereinfachung des Sachverhalts bewusst bin). Ob er damit singulär ist? Wahrscheinlich nicht (LETHAL WEAPON 2 ist da ein bisschen ähnlich). Trotzdem einer von Carpenters besten und am sträflichsten unterschätzten Filmen.


ESCAPE FROM NEW YORK (1981)
23. Januar – 3. oder 4. Sichtung
Snake Plissken soll aus dem Riesengefängnis Manhattan den Präsidenten retten.
Es ist faszinierend, wie „unspektakulär“ ESCAPE FROM NEW YORK eigentlich ist (worin er nicht nur ASSAULT ON PRECINCT 13 ähnelt – sondern im Bereich der postapokalyptischen Actionfilme auch den ersten beiden MAD MAX-Filmen). Und dabei dennoch so perfekt, so aus einem Guss. Ein Mann, eine Mission, ein Ort, 24 Stunden. Konzentriert, aber nicht gehetzt.
Ich bin etwas enttäuscht, dass ich zu Carpenters vielleicht zweitbestem Film gerade nicht viel mehr zu sagen habe. Kommt das daher, dass er nicht inszeniert wirkt, sondern so, als wäre einfach immer da gewesen?
Die Zivilisation ist untergegangen, Pomp und Kitsch leben weiter:
des Dukes schickes Gefährt
P.S.: recht einzigartig ist der durch und durch individuelle und charismatische Bösewicht, kongenial von Isaac Hayes mit nervösem Gesichtszucken dargestellt. Im Grunde fast ein Unikum in Carpenters Schaffen. Der „Bösewicht“ ist ja oft entweder komplett unsichtbar (THE WARD, SOMEONE'S WATCHING ME!), eine größere Bande (ASSAULT ON PRECINCT 13, VILLAGE OF THE DAMNED), gar eine organisierte Gruppe (THEY LIVE), oder aber ein übertragbares Konzept des Bösen (THE THING) oder gar nur ein Nebel (THE FOG) oder Schleim-Dings (PRINCE OF DARKNESS). Michael Myers in HALLOWEEN würde ich nicht als wirkliche (geschweige denn charismatische) Figur ansehen, sondern eher als latent materialisiertes Konzept. Und Kandidaten aus ESCAPE FROM L.A., VAMPIRES und GHOSTS OF MARS kommen mangels Charisma nicht in Frage. Ernsthafte Konkurrenten findet The Duke (Isaac Hayes) wohl nur in David Jenkins (Sam Neill) aus MEMOIRS OF AN INVISIBLE MAN, aber der hatte nicht einen so furchterregenden Assistenten namens Romero (ein wahrhaft Schrecken einflößender Frank Doubleday) – und auch kein so cooles Auto mit aufmontierten Kronleuchtern und einer Disco-Kugel am Rückspiegel!


ESCAPE FROM L.A. (1996)
24. Januar – Erstsichtung
Snake Plissken soll aus dem Riesengefängnis Los Angeles ein komisches Satellitensteuerungsgerät retten.
Sequel, Remake, auteuristische Variation, Parodie, postmoderne Pastiche?
Es gibt keinen Zweifel daran, dass ESCAPE FROM L.A. über weite Strecken fürchterlich albern ist. Die einzige wirkliche Härte, die erinnerungswürdig ist, kommt relativ früh, als Snake sieht, dass die Leiche seines Verbindungsmanns in einem Casino als Zielscheibe für Messerwurfübungen genutzt wird. Und die unterirdische Schönheitsklinik des Dr. Bruce Campbell ist zugegeben sehr grotesk. Der Rest wirkt ein wenig wie eine Disneyland-Variation von ESCAPE FROM NEW YORK – nicht aus Plastik, sondern größtenteils aus miserablen Computereffekten. Es geht von einem Camp-Höhepunkt zum nächsten, und Snakes Surf-Ritt auf der Welle mit Peter Fonda ist wahrscheinlich die Camp-Krönung von Carpenters gesamten Werk (man könnte ihn aber auch als kleine Selbst-Hommage an den Surf-Ritt am Schluss von DARK STAR sehen).
Nach der Absolvierung verschiedener Stationen wirkt gar der finale Kampf antiklimaktisch. Doch das alles wird irgendwie doch wettgemacht. Denn erstens macht es doch Spaß, Kurt Russell dabei zuzusehen, wie er als Snake Plissken Sachen macht (und seien sie noch so furchtbar albern). Und zweitens hat ESCAPE FROM L.A. das vielleicht stärkste Filmende in Carpenters Karriere. Plisskens Rache ist grausam, aber auch folgerichtig, wenn er mit einem Knopfdruck die Welt ins Mittelalter zurückbeamt. Und plötzlich ergeben die ganzen scheusslichen Computereffekte einen Sinn: Snake Plissken, ein kernig-körperlicher analoger und anarchischer Mann, hat über eine entkörperlicht-digitale, christlich-fundamentalistische Dystopie gesiegt.
ESCAPE FROM L.A. ist nicht der große Wurf, oft holprig inszeniert – aber irgendwie trotzdem liebenswert.


THE THING (1982)
30. Januar – Zweitsichtung
Ein wandlungsfähiges und höchst aggressives Alien-Ding greift eine Polarstation an.
Hochkonzentrierte Paranoia auf engstem Raum – die berühmte Bluttestszene
(und der Beweis, dass sowohl Brian De Palma wie auch Quentin Tarantino
in Sachen Split Diopter von John Carpenter einiges hätten lernen können)
Besonders der fast unmittelbare Vergleich mit Quentin Tarantinos Semi-Remake/Semi-Variation THE HATEFUL EIGHT offenbarte die Stärken von THE THING. Wo Tarantino aus seinem verschneiten Setting ein hoffnungslos ver- und zerlabertes Kammerspielchen macht, bei dem man sich tatsächlich zwischendurch in einer Agatha-Christie-TV-Verfilmung wähnt, lädt Carpenter zu einer wahrhaftigen Apokalypse aus Paranoia und geschundenen Körpern ein.
Ich habe es erst bei PRINCE OF DARKNESS wirklich gemerkt: Carpenters Expositionen wirken oft sehr lang, wann aber die „wirkliche“ Handlung anfängt, bleibt dennoch oft unklar (dazu gleich mehr). Bei THE THING ist das offenkundig. Gerade die Zweitsichtung offenbart, dass von Anfang an etwas nicht in Ordnung ist: natürlich, der Hund, der von den Norwegern verfolgt wird, aber eben auch ein großer Fatalismus seitens der Mannschaft auf der Station.
Überhaupt: Carpenters fatalistischster und pessimistischster Film. Kein Entkommen. Nie wieder ein Ausgang aus der Nacht.


PRINCE OF DARKNESS (1987)
13. Februar – Erstsichtung
Ein Kessel mit grünem Satanszeug wird im Keller einer Kirche gefunden und einige Wissenschaftler versuchen, damit irgendwie fertig zu werden.
PRINCE OF DARKNESS enthält möglicherweise die merkwürdigste Exposition in Carpenters Filmographie (und damit meine nicht nur, weil die opening credits mit 9 Minuten so lang sind). Seine Expositionen sind oft sehr lang – auch, weil die Situation, in die die Protagonisten hineingeraten, von Unsicherheit geprägt sind, und der „Startpunkt“ der „eigentlichen“ Handlung fast immer etwas unklar bleibt. Die Expositionen bei Carpenter sind oft verlängerte Momente der totalen Unsicherheit – wenn diese Momente überhaupt aufhören. Auf eine gewisse Weise fangen also viele seiner Filme „mittendrin“ im Geschehen an. Nun: Carpenter erscheint mir oft eher als „Realist“ denn als „Expressionist“ oder „Impressionist“. Doch die ersten 15-25 Minuten seines ersten Nicht-Studiofilms seit ESCAPE FROM NEW YORK wirken tatsächlich impressionistisch – unfokussiert, unkonzentriert könnte man das nennen, wie hier verschiedene Figuren eingeführt werden: Wissenschaftler, Priester, und diese beiden Studenten, die sich ineinander verlieben, während der andere lieber sein Wochenende beim Feiern als bei semi-obligatorischen Praxisstunden in einer Kirche verbringen möchte. Doch durch die merkwürdige Montage wirkt das alles so flüssig in der Ordnung und so flüchtig in den Emotionen...
So ist der Anfang von PRINCE OF DARKNESS in seiner Machart schon ein wenig jenseitig, verträumt. Der Rest des Films, der Carpenters übliche Themen verarbeitet (eine Invasion durch das grüne Schleimding, eine Belagerung durch die zombieartigen Obdachlosen, Isolation durch zunehmende Dezimierung und Paranoia), ist von der merkwürdigen Exposition nur mäßig geprägt und bietet solides Carpenter-Handwerk. Beide Teile passen irgendwie nicht wirklich zusammen, stehen sich aber nicht im Weg.
Weitere Sichtungen werden vielleicht dennoch offenbaren, dass hier möglicherweise sogar große Carpenter-Kunst lauert.


THE FOG (1980)
20. Februar – Zweitsichtung
Ein tödlicher Nebel mit schauerhaften Geistern belagert eine Küstenstadt und eine Radiomoderatorin muss den Tag retten.
Die wundervolle Adrienne Barbeau als Stevie Wayne
„Solides Carpenter-Handwerk“ war wohl ungefähr mein Urteil bei der Erstsichtung Anfang 2014. Nach der Zweitsichtung revidiere ich: THE FOG ist „große Carpenter-Kunst“. Auf jeden Fall ist er vielleicht der Carpenter-Film mit den schönsten Figuren. Nick und Elizabeth (Tom Atkins und Jamie Lee Curtis), die sich in der einsamen Nacht auf der Straße ein Bier teilen – und später das Bett und ansonsten völlig verloren durch diese Belagerungsgeschichte wandeln. Die windige, aalglatte Bürgermeisterin (Janet Leigh) mit ihrer dauerangepissten Assistentin (Nancy Loomis) – „You‘re the only person I know who can make ‚yes, Ma‘am‘ sound like ‚screw you‘!“. Hal Halbrook als weinseliger Priester. Am wunderschönsten ist sicherlich Stevie Wayne, in der Adrienne Barbeau ihre wohl schönste Rolle (zumindest in Carpenter-Film) gefunden hat und die die wunderbarste weibliche Carpenter-Figur ist, noch vor Laurie Zimmers Leigh in ASSAULT ON PRECINCT 13. Wirklich bewundernswert ist, wie THE FOG sie vollkommen und zu 100 % akzeptiert: dass die Hauptfigur eine alleinerziehende Mutter ist und einem eher „männlichen“ Beruf nachgeht, wird in keiner Weise thematisiert oder gar problematisiert  – sie ist es einfach und vor allem rettet sie den Tag (bzw. bei einem Carpenter-Film: die Nacht). Nicht das „Sein“ bestimmt das „Bewusstsein“ – das „Handeln“ bestimmt das „(Weiter-)Sein“ – was im Kern ziemlich Hawks‘ianisch ist.
(In Zeiten, in denen tatsächlich Leute ernsthaft rumpöbeln, weil eine Frau dieses komische Spiel mit den 22 Spielern und dem Ball kommentiert, ist das alles offenbar keine Selbstverständlichkeit.)


BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA (1986)
27. Februar – Erstsichtung
Ein Trucker plagt sich mit komischen chinesischen Geistern in Chinatown rum.
Manche Filme laufen nebenbei wie im Autopilot-Modus: man sieht sie, registriert sie also audiovisuell, statt sie wirklich zu schauen, also intellektuell und emotional zu verarbeiten. So bei mir BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA. Die Erinnerungen an diesen Film sind größtenteils bereits wieder verblasst. Kein schlechter Film, nein, sogar makellos gemacht. Aber irgendwie trotzdem egal. In kaum einem anderen Film ist es Carpenter „gelungen“, sich so sehr seelenloser Mainstream-Massenware anzunähern... In Sachen „irgendetwas Fantasy-mäßiges mit ostasiatischem Exotik-Einschlag“ bleibe ich lieber bei THE GOLDEN CHILD.


CHRISTINE (1983)
5. März – Zweitsichtung
Die zarte Liebesgeschichte zwischen einem gemobbten Schüler und einem tödlich eifersüchtigen Auto.
Das unvergesslichste Bild aus CHRISTINE 
Vielleicht der erste Carpenter, den ich jemals sah: damals, in meiner frühen Teenager-Ära als großer Fan von Stephen King, gehörte er zum Pflichtprogramm. Nun, Jahre später, bin ich etwas enttäuscht. Den Ansatz, CHRISTINE als proto-Cronenberg‘ianischen Film über Fetische zu lesen, als Vorgänger von CRASH, finde ich höchst spannend (THE THING könnte man im Grunde auch als proto-Cronenberg‘ianischen body-horror sehen): mir hat sich diese Deutung leider keineswegs aufgedrängt oder als „am Text“ (also an den Bildern) nachvollziehbar gezeigt. Davon habe ich nur Trümmerteile (bad pun intended) gesehen. Vor allem wirkte für mich CHRISTINE wie ein unfokussiertes Teenager-Melodrama, in dem zwischendurch auch ein Killer-Auto zu sehen ist. Ein Film, der nicht weiß, ob Dennis oder Arnie oder Christine die Hauptfigur sein soll (anscheinend irgendwie alle). Neben vielen laberseligen Momenten bleiben aber dennoch einige unvergessliche Bilder hängen. Die junge Frau, die nachts im Inneren des überhell erleuchteten Autos sitzt, das sie offenbar umbringen will (wie genau, versteht man nicht – wohl irgendwie „erwürgen“ oder „ersticken“ – und gerade das macht es noch gruseliger). Und natürlich das ikonische brennende Auto, das eines der Gangmitglieder verfolgt, es überrollt und dann brennend in der Nacht liegen lässt...


VILLAGE OF THE DAMNED (1995)
12. März – Erstsichtung
Ein Alien-Geist schwängert in einer Art massenhaften „unbefleckten Empfängnis“ alle Frauen einer Stadt und die heranwachsenden Kinder bereiten später den Erwachsenen der Gemeinde große Probleme.
Hier soll er also sein: John Carpenters Totalabsturz in die völlige Mediokrität. VILLAGE OF THE DAMNED – für viele ein Mahnmal der Dekadenz eines einst großen Regisseurs, der spätestens in den 1990er Jahren dem totalen Blödsinn verfiel. Viele finden allerdings auch Toast Hawaii lecker und das Spiel mit den 22 Typen und dem Ball total spannend!
VILLAGE OF THE DAMNED, und das kam für mich aufgrund der vielen unfreundlichen Worte über diesen Film überraschend (auch, wenn ich gegenüber solchen Urteilen erst einmal bis zur Sichtung skeptisch bleibe), ist ganz große Carpenter-Kunst. Wie irgendjemand auf die Idee kommt, diesen Film als lächerlichen „baddie“ abzutun, ist mir ein Rätsel.
VILLAGE OF THE DAMNED ist vielleicht Carpenters am wenigsten „abstrakter“ Film, möglicherweise vor allem sein humanistischster. Das Böse ist in den meisten seiner Filme eine absolute, alles infizierende Kraft (am heftigsten in HALLOWEEN) – und hier kommt die Figur des kleinen Jungen David, der aus dem Geist des Bösen gezeugt wurde und für das Böse bestimmt ist, aber im Laufe des Films immer mehr Zweifel an den Tag legt, weil er Gefühle und ein Gewissen entwickelt – und damit zum totalen Außenseiter wird. VILLAGE OF THE DAMNED ist hier fast schon utopisch: das Böse ist gestört, und Humanität kann in Ansätzen doch siegen. Die andere Seite der Medaille ist natürlich, dass die „bösen“ Kinder teilweise mit Erwachsenen konfrontiert werden, die kleinlich, borniert, dumm und teils selbst keine Engel sind – sie zerstören keine Idylle, sondern ein brodelndes Etwas mit einer idyllischen Fassade. Das Mitgefühl des Films gehört auch einer jungen Dorfbewohnerin, die unter schweren Depressionen leidet und in der Gemeinde als Außenseiterin lebt.
In VILLAGE OF THE DAMNED passiert auch ein Wunder. Die Offenbarung des David als Alien-Brut mit menschlichen Gefühlen passiert unter freiem Himmel im Gespräch mit Christopher Reeves Arztfigur. Es ist sonnig hell, aber während des Dialogs verschwindet für einige Sekunden die Sonne (nachdem David gefragt hat „You've lost someone too?“), um dann wieder – gefühlt noch heller – aufzutauchen. Wahrscheinlich ein ungeplanter Umstand, der der Szene eine ungemeine Kraft verleiht.
VILLAGE OF THE DAMNED ist vielleicht auch jener Carpenter-Film, in dem er seine Meisterschaft des Cinemascope-Formats am eindrücklichsten unter Beweis stellt.

Meisterhafte Cinemascope-Komposition mit zwei Außenseitern
Magischer Moment mit verschwindender und wieder auftauchender Sonne

MEMOIRS OF AN INVISIBLE MAN (1992)
19. März – 10., 11. oder 12. Sichtung (?)
Ein totaler Nobody wird unsichtbar, muss damit klar kommen und nebenbei seine Traumfrau erobern sowie einem tödlichen CIA-Agenten entfliehen.
Carpenters Gottwerdung. Sein bester Film. Einer der besten Filme der 1990er Jahre. Ein praktisch unübertreffbares Meisterwerk.
MEMOIRS OF AN INVISIBLE MAN ist Carpenters „Hitchcock“-Man-on-the-run-Film, aber nach der offenbarenden Sichtung von Howard Hawks‘ MAN‘S FAVORITE SPORT? bin ich mir sicher, was die größte Stärke des Films ist: er ist voll und ganz „spät-Hawks‘ianisch“ – ein absolut perfekter Film, der dabei von größtmöglicher Lockerheit und Wärme ist.
Was ich bereits einmal hier auf diesem Blog über diesen Film geschrieben habe, scheint mir weiterhin sinnvoll.


HALLOWEEN (1978)
27. März – Zweitsichtung
Michael Myers flieht aus der Irrenanstalt, um seiner Heimatstadt einen überaus tödlichen Besuch abzustatten.
HALLOWEEN ist sicherlich einer von Carpenters best-inszenierten Filmen aus einer rein technischen Perspektive. Geradezu ein filmästhetisches Lehrstück in Sachen ultrakonzentriertes Filmemachen (also zumindest für erwachsene Zuschauer).
Zugleich ist HALLOWEEN auch Carpenters kältester und auch unmenschlichster Film. Ich bin mir nicht sicher, ob sich das Böse in Form des Michael Myers möglicherweise nicht nur in die intradiegetische Umgebung des Films, sondern auch in den kompletten Film an und für sich hineingefressen hat. In diesem Sinne wäre der Film „übergelungen“.
Ein bemerkenswerter Film, mit dem ich allerdings auch beim zweiten Mal nicht so richtig warm (im fast wörtlichen Sinne) wurde.


IN THE MOUTH OF MADNESS (1994)
2. April – Erstsichtung
Ein Privatdetektiv sucht einen verschollenen Horrorschriftsteller und gerät in dessen tödliche literarische Welt.
Hier ist er also: John Carpenters angeblich „letzter guter Film“ oder zumindest „letztes interessantes Werk“, bevor die völlige Dekadenz zuschlug... Das Narrativ des Regisseurs, der es irgendwann einmal nicht mehr bringt, kennt zumeist ein Zäsurwerk – der letzte Film vor dem Abstieg in die Mediokrität. Als solcher gilt gemeinhin IN THE MOUTH OF MADNESS. Ich widerspreche dem. Das hier ist nicht Carpenter auf dem Weg zu seinem Schlechtesten: vielmehr ist das hier schlicht und ergreifend sein schlechtester Film!
Mit seiner Verzahnung aus 1990er-Jahre-Ironie und postmoderner Dekonstruktion der Erzählung schafft IN THE MOUTH OF MADNESS eine Gruselgeschichte, die nicht gruselig ist, weil sie eh nur „Dekonstruktion“ ist, und zugleich eine Dekonstruktion, die sich als besonders originell geben möchte, aber nicht merkt, dass das Genre der „Dekonstruktion“ seine eigenen Klischees hervorbringt. Kurz: der Film war zumindest für mich einfach nur vollkommen egal. Überhaupt fällt es mir schwer, mich an irgendwelche Bilder zu erinnern. Carpenters Handschrift scheint mir recht abwesend zu sein, und man erkennt sie am ehesten beim „Übergang“ des Protagonisten in die jenseitige Welt, als er durch die schwarze Nacht fährt und dabei einen unheimlichen Radfahrer trifft...
Aber das ist auch schon alles! IN THE MOUTH OF MADNESS ist vielleicht der einzige Film in Carpenters Werk, bei dem ich erst einmal wirklich keine Lust verspüre, mich in näherer Zukunft damit wieder auseinanderzusetzen.


DARK STAR (1974)
9. April – 4. Sichtung
„Warten auf Godot“ im Weltall... (O-Ton Carpenter selbst) – oder: Die Besatzung eines Raumschiffs kämpft mit tödlicher Langeweile, neckischen Gummiballon-Aliens und redseligen Atombomben.
DARK STAR war jetzt ein paar Jahre der „nette kleine Geheimtipp“ und besonders bei meiner dritten Sichtung (März 2015) sah ich ihn sogar als potentiell „großen Carpenter“. Ich weiß nicht warum, aber dieses Mal hat er mir einen Tick weniger gefallen. Trotz der kurzen Dauer schienen mir viele Szenen etwas zu sehr in die Länge gezogen. Die träumerische Melancholie, die mir beim letzten Mal so gefallen hatte, war nicht mehr so greifbar. Trotzdem: immer noch ein sympathischer, entspannter Film, und lieber als jeder einzelne Teil der ALIEN-Teile ist er mir auch. Vielleicht eine Frage der Tagesform.


THE WARD (2010)
17. April – Erstsichtung
Eine pyromanische junge Frau wird in eine Psychiatrie eingewiesen, wo der böse Geist einer ehemaligen Patientin ihr und ihren Mit-Insassinnen nach dem Leben trachtet.
In einer Welt leben zu müssen, in der – zumindest außerhalb Frankreichs – ein so wunderbarer Film praktisch einhellig als totaler Mist gilt, ist zutiefst deprimierend und traurig. THE WARD ist kein Meisterwerk im engeren Sinne, aber er ist unverkennbar das Werk eines Kinomeisters, der alle Register seines Fachs kennt und dabei trotzdem fast nonchalant wirkt. Man könnte auch sagen: THE WARD enthält deutliche Spuren „spät-hawks‘ianischen Feelings“.
Sicher: die Auflösung mag etwas klischeehaft und an den Haaren herbeigezogen sein und der Showdown ist nach dem sehr langsamen Aufbau schlussendlich etwas zu überstürzt. Aber wie viele Filmemacher können schon lange, leere Gänge so unheilschwanger inszenieren? Wie viele Regisseure schaffen es, auf eine derartig filmische, fast dialogfreie Weise die Grundsituation des Geschehens zu fotografieren? Und einen finalen Jumpscare mit einer kleinen Verzögerung von einigen Sekunden so effektiv hinzubekommen?
Ausgelassen tanzende Insassinnen – kurz vor dem Schreckmoment
THE WARD handelt von Frauen, die in einer extrem autoritären Psychiatrie (der Film spielt in den 1960er Jahren) eingesperrt sind, obwohl ihnen eine betreute Sozial-WG, oder ein entspannender zweiwöchiger Urlaub oder eine etwas weniger sexistische, sexuell sexuell repressive, frauenverachtende und latent gewalttätige Gesellschaft ganz gut tun würde. In dieser bedrückenden Umgebung schleicht sich dann dennoch einige „spät-hawks‘ianische“ Momente ein, unter anderem, als die Mädchen sich eine Pause gönnen, eine Rock‘n‘Roll-Platte („Run Baby Run“ von den Newbeats) auflegen und zu tanzen beginnen. Vielleicht einer der schönsten, zumindest einer der ausgelassensten und fröhlichsten Momente in Carpenters Filmographie (der aber auch jäh wieder unterbrochen wird – wir befinden uns schließlich in einem Horrorfilm). Die schönsten und dabei furchterregendsten opening credits hat THE WARD ohnehin.
Bei THE THING war das schon bemerkbar und hier wird es wieder deutlich: wenn Carpenter einem externen Komponisten mit einem Score beauftragt, haucht er ihnen offenbar vorher seinen Geist ein (mit Ausnahme von MEMOIRS OF AN INVISIBLE MAN, wo der Score eher an Bernard Herrmann orientiert wurde) – der wunderschöne und effektive Score des Südafrikaners Mark Kilian wirkt für mich extrem Carpenter‘ianisch (auch wenn viele das verneint haben), wie einst Ennio Morricones Score zu THE THING Carpenter‘ianisch klang.


GHOSTS OF MARS (2001)
17. April – Erstsichtung
Auf dem Planeten Mars soll ein Gefangener von einem Ort in den anderen eskortiert wird, was sich aufgrund eines roten Nebels, der die Anwohner in wilde Dekapitations-Junkies verwandelt, schwierig gestaltet.
GHOSTS OF MARS ist die kleine, verschmutzte, radioaktive Recycling-Tonne in Carpenters Œuvre: als hätte er einen Teil ASSAULT ON PRECINCT 13, einen Teil THE FOG, einen Teil THE THING, einen Teil Uran und einen Teil materialisierte Albernheit in einen Mixer gesteckt und durchgequirlt – um dann die Mischung einem anderen Regisseur zu geben...
Tatsächlich scheint GHOSTS OF MARS thematisch der absolut ultimative Carpenter-Film zu sein, eine Art Resumee seiner bisherigen Filme – und ist ästhetisch zugleich vollkommen untypisch: GHOSTS OF MARS scheint oft unruhig inszeniert, nervös, voller merkwürdiger point-of-views mit Handkamera, mit Szenen, die sich in befremdlichen Fade-Outs geradezu auflösen. Einige Wochen später merkte ich, dass dieser Ansatz bereits im Vorgänger VAMPIRES angelegt war und hier radikalisiert wurde. Ein ästhetisches Experiment, das meiner Meinung nach recht misslungen ist. Die verschachtelte Struktur (die eigentliche Handlung ist ein Flashback, in dem es dann wiederum eigene Flashbacks gibt – die teilweise selbst „Unter-Flashbacks“ haben) wirkt zudem weniger überfordert als teils eher wie eine Parodie ihrer selbst.
Dennoch: GHOSTS OF MARS würde ich in Richtung ESCAPE FROM L.A. einordnen (tatsächlich war er ursprünglich als dritter Plissken-Film geplant). Vorwürfe eines Qualitätskinos sind hier undenkbar, eine leichte Albernheit durchzieht viele Szenen, die Macho-Atmosphäre (gleichwohl gebrochen durch die weibliche und andeutungsweise lesbische Hauptfigur) mit ihren vielen nur teils gelungenen One-Linern wirkt irgendwo zwischen ranzig und bemüht – aber irgendwie kann ich diesem Film nicht wirklich böse sein und habe ihn fast schon ein klein wenig lieb. Nun gut: Betonung auf „klein wenig“. 


MASTERS OF HORROR: CIGARETTE BURNS (2005)
7. Mai – Erstsichtung
Ein Kinobesitzer sucht nach einem Film, dessen Sichtung in Chaos, Gewalt und Mord münden soll.
Nach GHOSTS OF MARS war Carpenter angeblich kurz vor dem Zusammenbruch durch Erschöpfung und dies war seine erste Rückkehr zum Film – erst einmal im Fernsehformat. Und vieles in CIGARETTE BURNS fühlt sich ein wenig nach Fernsehformat an. Über das Niveau okay kommt er kaum je hinweg. Dass das Thema des Films im Film nicht für postmodern-ironische Uneigentlichkeits-Spielchen genutzt wird, ist eigentlich angenehm, aber Carpenter macht weder semantisch noch visuell wirklich etwas aus dem spannenden Grundthema, dass Film etwas grundsätzlich Gefährliches ist. Nur gegen Ende taucht eine wirklich tolle Idee auf: ein Filmbesessener schlitzt sich den Bauch auf, nimmt seine Gedärme raus und versucht, sie in einen Filmprojektor einzuwickeln. Ein drastischer, grausig-splatteriger Moment, vor allem aber auch ein sehr poetisches und tiefsinniges Bild über das Filmemachen und das Filmelieben (auch wenn übereifrige Tugendwächter hierzulande anderer Meinung sind).
Ansonsten: für einen einstündigen Film okay, plätschert etwas vor sich hin, aber Norman Reedus hält das ganze mit seiner charismatischen Präsenz etwas zusammen.


MASTERS OF HORROR: PRO-LIFE (2006)
7. Mai – Erstsichtung
Ein christlich-fundamentalistischer Fanatiker belagert mit seinen Söhnen eine Abtreibungsklinik, wo sich seine von Satan geschwängerte Tochter barrikadiert hat.
Der Beginn ist recht unscheinbar und könnte ein bisschen von einem beliebigen TV-Schichtarbeiter stammen. Doch die zweite Hälfte von PRO-LIFE hat es in sich und vereint alles Gute, was man von einem Ur-Carpenter‘schen Belagerungsszenario erwartet, mit einem netten kleinen Paradoxon als Beigabe (der christliche Fundamentalist, der im Grunde die Geburt des Antichristen befürwortet). Und bietet dann trotzdem noch einige Überraschungen. Der Vater (vorzüglich grimmig von Ron Perlman gespielt) ist rasch als Un-Sympath etabliert, doch wie später die Satansbrut und der Satan dargestellt wird, hat es in sich – zumal in einem Film, der nur die Episode einer Fernsehserie ist: das Biest wird erstaunlich menschlich und verletzlich dargestellt und schlussendlich gar als trauerndes Elternteil. Wie vielen Filmemachern würde es gelingen, dies zu zeigen, ohne, dass es lächerlich wirkt? Und wie Carpenter am Ende das Schicksal einer der Figuren einfach durch eine Ellipse offen lässt, hat fast schon etwas freches. Von wegen Carpenter bringt es seit Anfang der 1990er nicht mehr!


BODY BAGS (1993)
7. Mai – Erstsichtung
Rahmenhandlung: ein verrückter und recht pietätsloser Pathologe, der verdächtig wie John Carpenter aussieht (wahrscheinlich, weil er von ihm gespielt wird) brabbelt im Leichenschauhaus verwirrtes Zeug und führt die drei Episoden ein.
„The Gas Station“: eine Studentin wird bei ihrem Nachtjob an der Tankstelle von zweifelhaften Gestalten und einem Serienkiller belagert.
„Hair“: ein Mann in den „besten Jahren“ mit leichten Geheimratsecken probiert ein Wundermittel gegen Haarausfall, das drastische Nebenwirkungen hat.
„Eye“ (inszeniert von Tobe Hooper): nach einer Augentransplantation bekommt ein Ex-Baseballspieler furchterregende Visionen und mörderische Impulse.
Belagerung des Tankstellen-Kassiererhäuschens: hier ein penetranter,
aber noch harmloser Kunde
Carpenter auf Fernsehformat ist gewissermaßen die Belagerung eines Tankstellen-Kassiererhäuschens und die Episode „The Gas Station“ bietet mit seinem nächtlichen Serienmörder-Belagerungsszenario in knapp einer halben Stunde ein funkelndes Stück Carpenter-Essenz: trotz der albern-selbstironischen Rahmenhandlung 100 % straight, von der ersten Minute an spannend, voller Unheil in jeder Ecke des Bildes – und auch zusammengestaucht auf das Format 1.33:1 schlägt sich Carpenter überaus tapfer (sehr geschickt baut er einige Bildkompositionen statt in der Horizontale in der Vertikale auf).
„Hair“ präsentiert in den ersten Momenten etwas, was wie eine manische Screwball-Komödie im übersteuerten Camp-Modus wirkt und zugleich auch wie eine hintergründige Satire auf Männlichkeitsfantasien. Ein wunderbarer Stacy Keach –
...ein kleiner Exkurs an dieser Stelle: eine sträflich unterschätzte Qualität Carpenters ist jene, oftmals das Beste aus seinen Schauspielern herauszubekommen. Ja, es gibt einige schwache Filme in seiner Filmographie, doch abgesehen von vielleicht DARK STAR, wo die Darsteller manchmal etwas hölzern wirken, fiele mir spontan kein Carpenter-Film mit schlechten Darstellern ein. Die Sorgfalt reicht bis zu den Nebendarstellern, die oft sehr charaktervoll und charismatisch sind – man denke nur an Charles Cyphers, der gleich sechs frühe Carpenter-Filme mit seinem unvergesslichen Gesicht veredelte, oder Frank Doubleday, ohne dessen markante Präsenz weder ASSAULT ON PRECINCT 13 noch ESCAPE FROM NEW YORK denkbar wären.
– ein wunderbarer Stacy Keach also jammert sich durch den Beginn der Episode, weil sein Haupthaar schwindet und legt seiner Freundin das ganze als absolut ultimative existentielle Krise dar. Als er seine Kur bei einem zwielichtigen Arzt bekommen hat, weicht die absurde Screwball-Komödie einem bizarren Fetisch-Groteske: dieser Mann findet fast schon erotisches Vergnügen an seinen neuen, Rockstar-mäßig langen Haaren (das hat fast schon was von einem Cronenberg-Film, den Cronenberg nie drehte) – ein bisschen lustig ist das schon, wenn Stacy Keach mit, ähm, „Haarteil“ quietschvergnügt vor dem Spiegel steht und sich bewundert. Dann endet das ganze mit einem typischen Carpenter-Invasions-Szenario (die Haarimplantate waren Alien-Dinger, die nun das Gehirn des eitlen Mannes übernehmen).
Die von Tobe Hooper gedrehte Episode „Eye“ ist übrigens auch toll, und Mark Hamill bekam dann wiederum von Carpenter später die schöne und tragische Rolle des Gemeindepriesters in VILLAGE OF THE DAMNED.

Ein Toupet sieht nicht schick aus, stattdessen gibt es neue Haare beim Wunderdoktor
– mit streitbaren ästhetischen Ergebnissen und schrecklichen Nebenwirkungen

SOMEONE‘S WATCHING ME! (1978)
7. Mai – Erstsichtung
Eine junge Frau wird von einem Telefon-Stalker bedroht.
In Form und Inhalt ist der TV-Film SOMEONE‘S WATCHING ME! Carpenters allerreinster „Hitchcock-Film“: ohne die vielen Implikationen über Voyeurismus und vielleicht ein bisschen länger, als es ihm gut tut. Solide, wenngleich nicht übermäßig originelle Thriller-Kost.
Ein bemerkenswertes Detail ist sicherlich, dass Adrienne Barbeaus Nebenfigur, eine Arbeitskollegin der Protagonistin, bei einem kurzen Dialog als lesbisch präsentiert wird – das aber im Verlauf des Films nicht mehr die geringste Rolle mehr spielt. Sie ist einfach nur da und hilft dann auch der Protagonistin im Kampf gegen den Stalker. Ein wundervoller Respekt für eine Nebenfigur – wie Brian De Palma das ganze schamlos ausgeschlachtet hätte, ist gut vorstellbar.


STARMAN (1984)
22. Mai – Erstsichtung
Ein hochentwickelter Alien reist mit einer Frau in Gestalt ihres verstorbenen Mannes durch die USA, um sein Raumschiff nach Hause noch rechtzeitig zu bekommen.
Der Starman und Jenny beim Abendessen: Carpenters schönstes Paar
STARMAN wird oft als Carpenters „Entschuldigung“ für die nihilistischen Gewalt-Exzesse von THE THING interpretiert. Ich würde es etwas positiver formulieren: STARMAN ist die B-Seite von THE THING. Den größeren Gegensatz sehe ich eher zu HALLOWEEN, insofern das Roadmovie um das Alien im menschlichen Körper Carpenters wärmster Film ist. Wo in anderen Carpenter-Filmen (und teils auch hier) Menschen oft unmenschlich sind, zeigt er hier, dass man kein Mensch sein muss, um menschlich zu sein. 
Die Mischung aus SciFi, Liebesfilm, Roadmovie und Paranoia- und Verfolgungsthriller ist insgesamt gelungen, auch, wenn ich mir von letzterem etwas weniger gewünscht hätte und dafür ein wenig mehr Roadmovie und Liebesfilm. Es gibt, nach meinem Geschmack, zu viel Plot, zu viele Wendungen, zu viele Verfolgungsmomente. Dafür erscheinen die Szenen, in denen die beiden Protagonisten einfach nur sich selbst und miteinander sein können, mit dieser langsam entstehenden Freundschaft und schließlich Liebe, zu kurz. An Karen Allen und Jeff Bridges wäre das bestimmt nicht gescheitert!
Das ist freilich Jammern auf hohem Niveau. Und wer kann schon einem Film widerstehen, der solche Dialoge hat:
– „Stay clear of that bozo.“
– „Define bozo!“
– „Jerk.“


VAMPIRES (1998)
28. Mai – Zweitsichtung (erste ungekürzte Sichtung)
Vampirjäger jagen Vampire und besonders den Obervampir.
VAMPIRES sollte etwas besonderes sein: nämlich John Carpenters einziger „wirklicher“ Western (ASSAULT ON PRECINCT 13 und später auch GHOSTS OF MARS kommen dem recht nahe und mit viel Fantasie könnte man THE THING als Schnee-Western lesen)! Doch spätestens nach einer Dreiviertelstunde ertappte ich mich dabei, wie ich etwas ungeduldig auf die Uhr schaute. Es gibt keinen Zweifel daran, dass es unendlich viel Spaß macht, James Woods in einer schönen Hauptrolle zu sehen. Und trotzdem ist dieser Film eine Enttäuschung. Ästhetisch mixt er auf sehr uneinheitliche Weise den typisch minimalistisch-ruhigen Carpenter-Stil und ein Herumexperimentieren mit merkwürdigen Überblendungen und Fade-Outs – ohne, dass das auch nur annähernd harmonieren oder gut aussehen würde. 
VAMPIRES ist nicht nur enttäuschend, sondern auch schmerzhaft. Es ist ein Film, bei dem man sich ehrlich wünscht, er sei besser geworden.


ELVIS (1979)
29. Mai – Erstsichtung
Elvis, wie er leibt, lebt und legendet.
ELVIS hat den Atem eines wahren Epos und dabei doch eine kammerspielartige Intimität. Dabei wartet er mit einer tollen Überraschung auf: Kurt Russell – der zur gleichen Zeit als Elvis absolut perfekt und, durchaus im guten Sinne, „fehlbesetzt“ ist. Russell legt, besonders in der ersten Hälfte, seinen Elvis erstaunlich androgyn an, spielt ihn mit einer großen Künstlichkeit und sieht eher wie ein Elvis-Imitator als wie Elvis aus – damit sorgt er für eine sehr erfrischende Irritation. Später (also auch bei zunehmender Legendenbildung) wird Russell immer „natürlicher“, nähert sich dabei paradoxerweise immer mehr der Legende Elvis an, bis man stellenweise fast denkt, dass der „King“ höchstpersönlich da steht. Das ist eine grandiose Leistung von Kurt Russell, und dass Carpenter ihn später für viele weitere Filme verpflichtete, ist kein Wunder.
Jenseits von Russell hat ELVIS, besonders im ersten Drittel, einige schier magische Filmmomente: wenn ein Autokorso in den opening credits zu fetzigem Rock‘n‘Roll durch die Wüste von Nevada fährt – wenn Klein-Elvis durch einen scheinbar magisch belebten Herbstwald voller fallender Blätter rennt – wenn Teen-Elvis auf dem Rasen im Pausenhof seine Gitarre nimmt und zu singen anfängt.
Trotz der scheinbaren Exzentrik im Gesamtwerk ist ELVIS ein geradezu Ur-Carpenter‘ianischer Film über Belagerung und Isolation. Ein Film über eine Märtyrer-Figur, die von hysterischen Fans belagert wird und zwischen Mensch-Sein und Legenden-Sein auch zunehmend im Kreise seiner Freunde und seiner Familie isoliert wird. ELVIS ist dennoch nicht ohne Makel. Mit zunehmender Laufzeit funktioniert er doch etwas zu sehr wie ein typisches Biopic (Kindheit, Aufstieg, Glorie, Fall, Wiederauferstehung) – wobei sich natürlich die Frage stellt, inwiefern der Film selbst ein Klischee geformt hat, dass es so damals noch nicht gab. Unbemerkt blieb ELVIS keineswegs: ich kann mir nicht vorstellen, dass James Mangold Carpenters Film in Vorbereitung zu seinem Johnny-Cash-Biopic WALK THE LINE nicht gesehen hat. 
Mit 163 Minuten ist ELVIS der längste Film in Carpenters Filmographie, die ansonsten keinen einzigen Film über zwei Stunden enthält (und die meisten sind den anderthalb Stunden näher als der 120-Minuten-Marke) – vielleicht einen Tick zu lang. Trotzdem unter den eher unbekannteren Werken des Meisters ein sehenswerter Film.

Klein-Elvis rennt durch einen belebten Herbstwald
Teen-Elvis singt auf dem Pausenhof

ASSAULT ON PRECINCT 13 (1976)
30. Mai – 6. oder 7. Sichtung
Ein Polizist, zwei Polizeisekretärinnen und zwei Schwerverbrecher werden in einer Polizeistation von einer Gang belagert.
Was gibt es viel über dieses Wunderwerk zu sagen? Über diesen Film, der mit jeder neuen Sichtung neues Erstaunen über seine Brillanz hervorruft, und dabei doch immer wieder Neues entdecken lässt.
So etwa der erste Angriff – ein Moment des puren Kinos: mit Schalldämpfern schießen die Gangmitglieder auf das Gebäude, und fast lautlos wird alles im Empfangsraum der Polizeistation zerbrochen oder durch die Luft gewirbelt... Ein Moment, der fast noch spektakulärer ist als die späteren, „richtigen“ Angriffe.
Napoleon und Leigh: das schönste Paar in Carpenters Filmographie,
das nicht zusammen kommt
Dieser wunderschöne „kleine“ Augenblick, bei dem ich tatsächlich drei Mal zurückspulen musste: Napoleon fragt Lieutenant Bishop, ob dieser eine Zigarette für ihn habe, und als dieser mit „No [kurze Pause] I‘m sorry“ antwortet, verliert Napoleon kurz, aber doch sichtlich die Fassung, weil sich eben ausgerechnet ein Polizist bei ihm entschuldigt hat. ASSAULT ON PRECINCT 13 wird oft als Carpenters RIO BRAVO bezeichnet. Wenn Hawks‘ Meisterwerk tatsächlich ein Film darüber ist, wie ein heruntergekommener Mann (Dude – Dean Martin) seine Würde wiederfindet, dann ist ASSAULT ON PRECINCT 13 auch ein Film darüber, wie ein Krimineller mit legendärer Aura (Napoleon Wilson – Darwin Joston) wieder zu einem respektierten, gesellschaftlich integrierten und „normalen“ Menschen wird – wenn auch unter außergewöhnlichen Umständen. Und am Ende aufrecht stehend und gleichberechtigt mit einem Polizisten in die Morgendämmerung hinausläuft.
Und dann auch diese sexuelle Spannung zwischen Leigh und Napoleon: sie war natürlich schon immer da, aber bei dieser Neusichtung spürte ich Funken sprühen wie nie zuvor.

Und jetzt zum Dessert...
(John Carpenter als verrückter Pathologe in BODY BAGS)

John Carpenter wieder- und neuentdeckt – Die großen Überraschungen:
– VILLAGE OF THE DAMNED
– THE WARD
– BODY BAGS


John Carpenter wieder- und neuentdeckt – Die großen Enttäuschungen:
– IN THE MOUTH OF MADNESS
– VAMPIRES
– CHRISTINE


John Carpenter wieder- und neuentdeckt – Eine persönliche und provisorische Präferenzliste:

1 MEMOIRS OF AN INVISIBLE MAN


2 ASSAULT ON PRECINCT 13
– ESCAPE FROM NEW YORK


3 THEY LIVE

4 THE THING


5 THE FOG

6 VILLAGE OF THE DAMNED

7 THE WARD

8 BODY BAGS


9 PRINCE OF DARKNESS

10 STARMAN

11 HALLOWEEN

12 ELVIS


13 SOMEONE‘S WATCHING ME!

14 DARK STAR


15 ESCAPE FROM L.A.

16 CHRISTINE

17 PRO-LIFE


18 GHOSTS OF MARS

19 CIGARETTE BURNS

20 BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA


21 VAMPIRES


22 IN THE MOUTH OF MADNESS

Kommentare:

  1. Das ist ja wirklich eine epische und anscheinend vollständige Behandlung des Werks, wenn man mal die Kurzfilme außer Acht lässt, die er in den 60er Jahren teilweise noch als Jugendlicher gemacht hat. Hast Du da die Eindrücke gleich nach der Sichtung festgehalten, oder erst jetzt alles aufgeschrieben?

    Das "Narrativ" vom Meister, der seine Fähigkeiten einbüßt und in der Bedeutungslosigkeit oder gar der Peinlichkeit versinkt, haftet Carpenter ja in der Tat an wie sonst vielleicht nur noch Dario Argento. Von diesen ungefähr zwei Dutzend Filmen habe ich erst rund die Hälfte gesehen, und das sind fast nur solche, die in der "offiziellen" Rangliste eher oben als unten stehen. Deshalb kann ich zu deiner Aufwertung der schlecht beleumundeten Werke jetzt nicht viel sagen.

    Hast Du bei den beiden offiziellen Remakes THE THING und VILLAGE OF THE DAMNED auch einen Vergleich mit den Originalen parat? Bei letzterem (wo ich die Carpenter-Version nicht kenne) scheint er ja nicht nur stilistisch, sondern auch im Plot vom Original abgewichen zu sein.

    Zu ELVIS:
    wobei sich natürlich die Frage stellt, inwiefern der Film selbst ein Klischee geformt hat, dass es so damals noch nicht gab.

    Nee, das glaube ich nun nicht. Ich hab ja in meiner Jugend die letzten Lebensjahre und den Tod von Elvis noch bewusst miterlebt, und da war das alles schon präsent und wurde in den Monaten nach seinem Tod erst recht breitgetreten.

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    1. „Hast Du da die Eindrücke gleich nach der Sichtung festgehalten, oder erst jetzt alles aufgeschrieben?"
      Ich hatte ursprünglich tatsächlich gar nicht vor, darüber so einen großen und langen Text in dieser Form zu schreiben, sondern dachte mir, dass ich vielleicht den einen oder anderen unbekannteren der Filme rauspicken und dann individuell besprechen könnte (was ich ja immer noch machen könnte). Dann hatte ich aber kurz nach Ende des ganzen den Geistesblitz, dass das als Rundumschlag auch ganz reizvoll wäre – und irgendwie wollte ich dem ganzen einen symbolischen (wenn auch vorläufigen) Schluss geben. Es ist ein umfassender „Schluss“ geworden.
      Bei Argento fand ich persönlich sein DRACULA von 2012 wahrhaftig grauenhaft, kenne aber auch keinen einzigen Argento-Film zwischen diesem und OPERA (also 1987). Gerade LA SINDROME DI STENDHAL, IL FANTASMA DELL‘OPERA und LA TERZA MADRE (die ich alle nicht kenne) scheinen svehemente Verteidiger zu finden. Da ist also bestimmt etwas interessantes zu finden.
      Nybys / Hawks‘ THE THING hatte ich 2012 bei der Viennale gesehen und als fürchterlich zerredeten, wenig stimmungsvollen Film in Erinnerung. Da ist Carpenters Remake atmosphärisch und auch vom Plot vollkommen anders, und das Thema der Körperinvasion kommt im Original, soweit ich es in Erinnerung habe, nicht vor. Das britische Original von VILLAGE OF THE DAMNED kenne ich nicht. Nach kurzer Durchsicht der Inhaltsangabe scheinen die groben Züge und auch viele Details bei Carpenter ähnlich zu sein, bis auf den Punkt, dass es wohl 1960 kein „abtrünniges“ Kind mit menschlichem Gewissen gab – gerade das macht meiner Meinung nach den Kern von Carpenters Version aus.
      Bei ELVIS gibt es wohl ein kleines Missverständnis: mit Klischee meinte ich nicht das mediale Bild von Elvis, sondern die formale Ausgestaltung von Biopics als Filmgenre allgemein.

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    2. Bei VILLAGE OF THE DAMNED meinte ich in der Tat den "Abtrünnigen" als wesentliche Abweichung im Plot. Im Original bilden die Kinder eine geschlossene Front von skrupellosen, nur äußerlich menschlichen Eiszapfen. Was den Film recht gruselig und beklemmend macht.

      Bei ELVIS habe ich das in der Tat falsch verstanden. Ich habe dann aber immer noch Zweifel, ob das stimmt. Biopics als eigenständiges Genre gibt es ja mindestens seit den 30er Jahren (siehe etwa vier oder fünf Filme von Dieterle aus dieser Zeit), und das Muster Aufstieg aus dem Nichts (oder zumindest aus einfachen Verhältnissen) - Erfolg - persönliche und/oder berufliche Krise - Wiederaufstieg und endgültiger Triumph kommt da öfters vor. Beispielsweise auch in YANKEE DOODLE DANDY, dem klassischen Wehrertüchtigungs-Musical-Biopic (oder -Biopic-Musical).

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    3. Das Original von VILLAGE OF THE DAMNED steht auf jeden Fall auf meiner to-do-Liste – und sei es schon alleine, weil der unvergleichliche George Sanders mitspielt.
      Was ELVIS betrifft: erwischt! Mein Versuch, einen Schwachpunkt des Films (sein Abdriften in etwas zu gängige Biopic-Genremuster) in eine potentielle Stärke (der Film habe die gängigen Muster vielleicht mit geprägt) umzudeuten, ist hiermit wohl endgültig gescheitert. Wenn man es bedenkt, hat sogar RICHARD WAGNER von 1913, über den ich einst schrieb, die Struktur Aufstieg-Erfolg-Rückschlag-Wiederaufstieg. Ich hätte es also besser wissen müssen ;-P

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