Donnerstag, 28. Januar 2016

Krakatit - der gefährlichste Sprengstoff der Welt!

KRAKATIT
Tschechoslowakei 1948
Regie: Otakar Vávra
Darsteller: Karel Höger (Prokop), Jiří Plachý (d'Hémon), Florence Marly (Prinzessin Wilhelmina), Eduard Linkers (Carson), František Smolík (Dr. Tomeš), Nataša Tanská (Anči Tomeš), Miroslav Homola (Jiří Tomeš), Vlasta Fabianová (verschleierte Frau), Jaroslav Průcha (Kutscher)

Der Protagonist - er hat schon bessere Zeiten gesehen (rechts unten mit Jiří Tomeš)
Ironischerweise gilt Otakar Vávras KRAKATIT als einer seiner besten und das von ihm selbst inszenierte Remake TEMNÉ SLUNCE (DUNKLE SONNE, 1980, auf Video auch als NEUTRONENINFERNO) als einer seiner schlechtesten Filme. Doch der Reihe nach!

Bei Dr. Tomeš auf dem Land ist die Welt noch in Ordnung - vorerst
Wie eine Einblendung am Anfang des Films ganz überflüssigerweise erklärt, handelt es sich bei der Geschichte um ein Fiebertraumgebilde. - In einem Krankenhaus schwebt ein Unbekannter, der ohne Papiere aufgefunden wurde, an schwerer Meningitis leidend und mit merkwürdigen Verletzungen und Verbrennungen an den Händen, zwischen Leben und Tod. Während sich ein Arzt und eine Krankenschwester um ihn kümmern, dringt die Kamera sozusagen in seinen Kopf ein, und wir erfahren - eben als seinen Fiebertraum - seine Geschichte. Somit bleibt unklar, zu welchen Anteilen die Geschichte eine "echte" Rückblende oder aber ein Wahngebilde ist, und dieser Erzählmodus erlaubt es Vávra, zwischen weitgehend realistischen Passagen immer wieder ohne Erklärungsnot ins Surreale zu gleiten. Der Protagonist ist ein Chemieingenieur namens Prokop, und seine Geschichte beginnt damit, dass er, gesundheitlich schon angeschlagen und halb im Delirium, in Prag auf der Straße umherirrend von seinem Studienkollegen Jiří Tomeš aufgegriffen wird. Dieser nimmt Prokop zu sich in seine Wohnung, steckt ihn ins Bett und erfährt aus Prokops wirren Erzählfetzen den Grund für seinen desolaten Zustand: Prokop hatte in seinem Labor einen gigantisch starken atomaren Sprengstoff namens Krakatit entwickelt, und eine winzige Menge war - aus zunächst völlig unbekanntem Grund - spontan detoniert und hatte Prokop verletzt und kontaminiert. (Der Name des Sprengstoffs leitet sich natürlich vom Krakatau ab, dessen Eruption 1883 einer der stärksten Vulkanausbrüche in historischer Zeit - und im Zeitalter des Telegrafen auch bereits ein weltweites Medienereignis - war.) Tomeš gelingt es, Prokop die Formel für Krakatit zu entlocken, dann packt er seine Sachen und lässt den Studienkollegen zurück, um, wie er auf einem Zettel hinterlässt, seinen Vater auf dem Land zu besuchen.

Noir-typische Gitter
Als Prokop am nächsten Morgen allein in Tomeš' Wohnung erwacht, erscheint dort eine verschleierte, sich mysteriös gebende Frau, die Prokop dringend bittet, Tomeš einen Brief von ihr zu überbringen. Ihren vagen Andeutungen entnimmt Prokop, dass Tomeš in Geldnöten steckt und sich deshalb das Leben nehmen könnte. Obwohl kaum gesünder als am Vortag, erklärt sich Prokop bereit, mit dem Brief in das Dorf zu fahren, wo Tomeš' Vater als Arzt praktiziert. Dort angekommen, erfährt Prokop, dass Tomeš überhaupt nicht hier ist, und kollabiert dann erst mal, wird aber von Dr. Tomeš und seiner Tochter, Jiřís Schwester Anči, wieder hochgepäppelt. Prokop, der sich kaum an die Ereignisse der letzten Wochen erinnern kann, bleibt auf Einladung von Dr. Tomeš erst einmal im Dorf. Der Doktor ist ein sympathischer Humanist, und Anči verliebt sich in Prokop, was der aber, in seine Gedanken versunken, kaum bemerkt. Diese Sequenz im Dorf ist die realistischste im ganzen Film, und die einzige, die keinem Albtraum entspricht. Doch bald ist es damit vorbei. Prokop liest in der Zeitung eine Notiz, in der ein gewisser Carson in Zusammenhang mit Krakatit erwähnt wird. Das Stichwort "Krakatit" bringt Prokops Erinnerung teilweise zurück, und er bricht sofort auf, um in sein Labor zurückzukehren, wo er dem mit einer Pistole bewaffneten Carson in die Arme läuft. Wie sich herausstellt, ist Carson ein Vertreter des ausländischen Kapitalismus. Der englische Name kommt also nicht von ungefähr, er benutzt auch gelegentlich Anglizismen. Derzeit vertritt Carson die Interessen der Balttin-Werke, eines Rüstungskonzerns im fiktiven europäischen Staat Balttin.

Die Exzellenzen von Balttin - in Agonie erstarrt
Wie Carson nun ausführt, hatte sich Tomeš an die Balttin-Werke gewandt, um das Krakatit, das er in Prokops Labor in jener Nacht entwendet hatte, mitsamt der Formel zu verkaufen. Die Versuche damit verliefen erfolgreich, doch die Formel allein genügte nicht, weil es den Chemikern von Balttin nicht gelang, den Sprengstoff selbst herzustellen. Deshalb braucht man nun Prokop, damit er die Details des Herstellungsprozesses herausrückt, und die Zeitungsanzeige diente nur dazu, ihn aus der Reserve zu locken. Carson erzählt auch, dass regelmäßig zweimal pro Woche ein vorerst unbekannter starker Störsender in Aktion tritt, um alle Radiostationen in Europa vorübergehend lahmzulegen, und dass dieser Sender als Nebeneffekt jegliches Krakatit in seiner Reichweite, das nicht in Bleibehältern sicher verwahrt ist, zur Detonation bringt. Das war auch der Grund für die scheinbar spontane Explosion in Prokops Labor, und dafür, dass nur eine kleine Menge, die auf dem Labortisch herumlag, detonierte. Wäre die sicher verstaute Hauptmenge (die später Tomeš mitgehen ließ) betroffen gewesen, wäre nicht nur das Labor, sondern ganz Prag in die Luft geflogen. - Carson macht nun also das Angebot, Prokop 20 Millionen Kronen zu bezahlen, wenn er sein Wissen preisgibt. Doch der lehnt entschieden ab, weil er nicht am zu erwartenden Massenmord eines neuen Krieges mitschuldig werden will. Deshalb entführt Carson ihn kurzerhand nach Balttin.

Prinzessin Wilhelmina
Und nun wird der Film für einige Minuten wieder ziemlich surreal. Balttin ist ein Fürstentum, und der gefangene Prokop wird nun im Palast der Fürstenfamilie vorgestellt. Dabei handelt es sich um lauter ältere bis sehr alte Herrschaften, die alle regungslos auf ihren Stühlen sitzen. Nur die unvermeidlichen ganz minimalen Bewegungen zeigen an, dass es sich überhaupt um Menschen und nicht um Wachsfiguren handelt. Doch die Botschaft ist eindeutig: Es handelt sich um eine in Agonie erstarrte Kaste, die unvermeidlich ihrem endgültigen Aussterben entgegendämmert. Die einzige Ausnahme ist die junge und schöne Prinzessin Wilhelmina, die noch sehr lebendig ist - doch sie ist auch kalt, arrogant, standesbewusst, und sie setzt ihre Reize nicht nur ein, um Prokop zu ihrem persönlichen Vergnügen um den Finger zu wickeln, sondern auch, um ihm aus Gründen der Staatsraison das Geheimnis des Krakatits zu entlocken. Nachdem ihr Prokop kurzzeitig verfallen ist, durchschaut er sie bald, woraufhin sie vor seinen Augen zu einer Statue erstarrt - auch das ein sehr surrealer Moment.

Prokops Bewacher in Balttin - Assoziationen an Wehrmacht und Gestapo
Prokop hält auch in Balttin dem Druck stand und gibt seine Geheimnisse nicht preis. Zwar demonstriert er seine Fähigkeiten, indem er eine Puderdose der Prinzessin in Sprengstoff verwandelt, der jedoch nicht an Krakatit heranreicht. Ansonsten aber wartet er nur auf eine Gelegenheit zur Flucht. Auf dem Gelände der Balttin-Werke ist er von elektrisch gesichertem Stacheldraht eingeschlossen, und er wird von einer ganzen Kompanie Soldaten bewacht, deren Uniformen und Helme stark an die der Wehrmacht erinnern, was gerade mal drei Jahre nach Kriegsende schwerlich irgendwem im Publikum entgangen sein kann. Auch einige deutsche Wortfetzen sind von den Soldaten zu hören, und dass Prokops persönlicher Bewacher in den Balttin-Werken mit seinem schwarzen Ledermantel wie ein Gestapo-Mann aussieht, ist sicher auch kein Zufall. Zusammengenommen präsentiert Vávra hier also eine aristokratisch-kapitalistisch-faschistische Achse des Bösen - eine Tendenz, die den neuen Machthabern im Land wohl nicht schlecht gefallen hat (die Kommunisten hatten im Februar 1948 die vollständige Kontrolle in der Tschechoslowakei übernommen).

Oben die geheimnisvolle verschleierte Frau, unten nochmals die Prinzessin
Noch jemanden hat Prokop im Fürstenpalais kennengelernt, nämlich den sinistren Baron d'Hémon, der nicht zur Fürstenfamilie und zu den Balttin-Werken gehört, sondern der sein eigenes Süppchen kocht. Der verhilft nun Prokop zur Flucht, indem er mit seiner schweren Limousine, Prokop auf dem Beifahrersitz, die Wachsoldaten einfach über den Haufen fährt. Nachdem man Balttin hinter sich gelassen hat, gerät der Film nun in seinen finalen surrealen Taumel. Zunächst erweist sich, dass der Name des Barons Programm ist: d'Hémon = Dämon. Er solle ihn nun "Kamerad Dämon" nennen, meint der Baron zu Prokop, den er seinerseits "Kamerad Krakatit" nennt. Zusammen besuchen sie nun eine wilde, frenetische Versammlung von abgesetzten, vertriebenen, entmachteten Potentaten, Kapitalisten, Raffkes aller Art, die einen neuen großen Krieg fordern, um mit dessen Hilfe wieder an ihre alten Macht- und Vermögenspositionen zu gelangen, und der dämonische Baron stellt Prokop gegen dessen Willen als den Mann vor, der ihnen mit Hilfe des Krakatits dazu verhelfen werde. Doch das ist noch nicht das eigentliche Ziel der Reise. Auf diese Leute sei kein Verlass, meint der Baron, und er gibt sie der Vernichtung preis, indem er einen Restposten Krakatit unter ihnen verteilt.

Carson (links oben) und der dämonische Baron
Und nun zeigt sich die ganze Tragweite seiner Pläne: Mit Prokop fährt er weiter zu einer geheimen Sendestation - kein anderer als der Baron selbst betreibt jenen geheimen Sender, der Krakatit zur Detonation bringen kann. Mit Hilfe des zunächst ahnungslosen Prokop nimmt der Baron den Sender in Betrieb, und in der Raffke-Versammlung, in Balttin, in einer weiteren Fabrik, wo Jiří Tomeš inzwischen auf eigene Faust am Krakatit forscht, sowie an weiteren Orten, wo Flugzeuge im Auftrag des Barons Krakatit abgeworfen haben, detonieren alle noch verbliebenen Reste des Sprengstoffs und lösen ein (wenngleich immer noch begrenztes) atomares Inferno aus. Wenn Prokop nun neues Krakatit produzieren werde, erläutert der Baron, hat dieser mit Sender und Krakatit in einer Hand unbegrenzte Machtmittel zur Verfügung. Mit anderen Worten, der Baron bietet nichts Geringeres als die Weltherrschaft. Prokop, der das alles überhaupt nicht will, versucht, den Baron zu erwürgen, doch der löst sich vor seinen Augen in Luft auf. Nunmehr allein in desolater Landschaft, torkelt Prokop, dem Delirium nahe, ziellos umher, bis er von einem Kutscher aufgegriffen wird - demselben, der ihn noch vor kurzer Zeit ins Dorf zu Dr. Tomeš gebracht hatte. Doch handelt es sich mittlerweile um einen Fuhrmann des Todes, oder wird er ihn zurück ins Leben bringen?

Das atomare Inferno wird in Gang gesetzt
KRAKATIT ist eine wüste und faszinierende Mischung mehrerer Genres und Stile, mit SciFi mit leichtem Horror-Einschlag und Film Noir als Hauptbestandteilen - und nebenbei gibt es auch noch die politische und pazifistische Botschaft. Otakar Vávra kann mit Hilfe seines Kameramannes Václav Hanuš vor allem im Visuellen punkten. Nicht selten fühlt man sich optisch an klassische Hollywood-Werke erinnert, etwa von Murnau, oder auch von John Ford in den 30er und 40er Jahren. So erinnert etwa die Sequenz am Schluss, als Prokop bei Dunkelheit und Nebel durch die Landschaft irrt, stark an eine Szene in SUNRISE. Die Prinzessin wiederum wird mit ihrem Geschmeide funkelnd und schillernd in Szene gesetzt, wie es einst Sternberg mit Marlene Dietrich gemacht hatte. Und dann gibt es wieder Bilder, wie man sie von Siodmak und anderen Noir-Spezialisten kannte. - Technisch gesehen ist das, was man über Krakatit erfährt, meilenweit von dem entfernt, was 1948 schon in der allgemeinen Öffentlichkeit über Atomwaffen bekannt war. Aber erstens ist das ganze ja, wie schon mehrfach erwähnt, ein Fiebertraum. Und zweitens beruht der Film auf dem gleichnamigem Roman, den Karel Čapek 1922 geschrieben und 1924 veröffentlicht hatte, und natürlich kann man nicht verlangen, dass Čapek damals schon der Realität späterer Atombomben nahe kam (auch wenn Eric Ambler genau das in seinem Debütroman The Dark Frontier von 1936 erstaunlich gut gelang). Čapek war ein durchaus vielseitiger Schriftsteller, aber heute kennt man ihn vor allem als einen Vertreter der Fantastik und Science Fiction (bekanntlich prägte er in einem seiner Werke den Begriff "Roboter").

Der Baron ist zufrieden mit seinem Werk; unten ein etwas merkwürdiger Kutscher
Otakar Vávra (1911-2011) konnte am Ende seines langen Lebens auf rund 50 Filme und zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen zurückblicken. Er hatte auch einige Jahrzehnte als Dozent an der Prager Filmhochschule FAMU gewirkt, die er selbst mitgegründet hatte. Unumstritten war er indes nicht: Man warf ihm gelegentlich vor, er habe sein Fähnlein in den Wind gehängt, um sich mit den jeweiligen Machthabern zu arrangieren. Wenn man sich sein Œuvre ansieht, dann fallen über die Systeme hinweg (Tschechoslowakische Republik der 30er Jahre, Nazi-Okkupation, kommunistische Tschechoslowakei vor und nach dem Prager Frühling) zumindest zahlenmäßig keine Brüche auf. Ob er aber wirklich ein Opportunist war oder nur Selbstschutz in einem legitimen Ausmaß betrieb, das kann und will ich von hier aus nicht beurteilen.


Es gibt KRAKATIT auf zwei verschiedenen tschechischen DVDs. Die eine hat noch einen zweiten Film (von einem anderen Regisseur, aber ebenfalls mit Karel Höger in der Hauptrolle) sowie engl. Untertitel an Bord. Die andere enthält nur KRAKATIT und keine Untertitel (man findet aber engl. Untertitel im Internet zum Download). - Verwirrende Angaben herrschen bezüglich der Laufzeit des Films. Laut engl. Wikipedia und IMDb sollen es 110 Minuten sein, laut tschechischer Wikipedia dagegen nur 106 Minuten. Das Lexikon des internationalen Films nennt eine Laufzeit von 98 Minuten, was sich offenbar auf eine deutsche Fassung bezieht, die erstmals 1974 im DDR-Fernsehen lief. Falls die 98 Minuten die Fernseh-Laufzeit sind, entspricht das im Kino 102 Minuten. Auf meiner DVD wiederum (die zweite der oben erwähnten) dauert der Film nur 96:30 Minuten, was im Kino 100:30 entspricht. Und für die erstgenannte der beiden DVDs habe ich jetzt auf die Schnelle sowohl eine Angabe von 97 Minuten (was natürlich auch aufgerundete 96:30 sein können, womit die beiden Versionen identisch wären) als auch 106 Minuten gefunden. Da soll einer schlau draus werden ...

Bilder wie bei Murnau oder Ford

Sonntag, 17. Januar 2016

Keaton aquaphob: die "deleted scenes"

A SEA DOG‘S TALE
USA 1926
Regie: Del Lord
Darsteller: Billy Bevan (Wilbur Watts), Andy Clyde (King Gumbo), Madeline Hurlock (Princess Vanilla), Vernon Dent (Jo Jo)

Buster Keaton war bekanntlich nicht gerade ein ideenarmer Mensch. Das, was wir in seinen Filmen sehen, zeigt vielleicht nur einen Bruchteil der Visionen, die dieser geniale Filmemacher hatte. In THE NAVIGATOR, den ich hier schon besprochen habe, taucht die Keaton-Figur im letzten Drittel des Films unter Wasser, um das Schiff zu reparieren: ein toller Moment Keaton‘schen Surrealismus‘. Die Sequenz sollte allerdings ursprünglich länger dauern. Eine der Ideen war, dass Rollo (so Keatons Figur) von einem rasenden Fischschwarm überrollt wird, sich in Reaktion darauf einen Seestern an die Brust heftet und anfängt, den Fischverkehr unter Wasser zu regulieren. Eine (wie vieles bei Keaton) unglaublich aufwendige Szene, bei der wohl Aberdutzende von Gummifischattrapen an Fäden durch das Wasser manövriert wurden (das ganze wurde ja tatsächlich unter Wasser gedreht). Die Szene war sogar fertig gedreht und soll wohl grandios ausgesehen haben. Doch aus Gründen des dramaturgischen Rhythmus – die Unterwassersequenz unterbricht die eigentliche Handlung bereits für mehrere Minuten – trennte sich Keaton schweren Herzens von dieser Szene, die also leider „verloren“ ging...

...oder eben nicht ganz „verloren“. Das Filmmaterial, das offenbar sogar für Trailer genutzt wurde, ist tatsächlich mittlerweile verloren (wie auch etwa zwei bis drei Minuten des eigentlichen Films, die als verschollen gelten). Doch Keaton schenkte seine Idee ganz einfach an Billy Bevan und Mack Sennett, die auf dieser Grundlage einen eigenen Film drehten: A SEA DOG‘S TALE.

Eines vorweg: es handelt sich, mit Verlaub, um Grobian-Slapstick der wirklich ganz fürchterlichen Art. Das geht so: auf der Salami-Insel im Wurst-Archipel organisieren die Eingeborenen (gemeint: weiße Darsteller in Blackface und Fettkostümen) Speerwurfwettbewerbe. Der dickste unter ihnen, Jo Jo, ist ganz besonders geschickt, stößt aber aus Versehen den Stammeschef King Gumbo mit dem Hintern voran in den Kessel mit der Mittagssuppe. Der ist natürlich wütend und verurteilt Jo Jo zu Tode. Währenddessen entdecken zwei andere Eingeborene eine Flaschenpost mit einem Zeitungsausschnitt. Prinzessin Vanilla, die schönste Tochter von King Gumbo, verliebt sich sofort in den Mann, der auf der Titelseite abgebildet ist: Wilbur Watts – der offenbar einen Kuchenesswettbewerb gewonnen hat. Vanilla möchte ihn sofort heiraten. Gumbo begnadigt daraufhin Jo Jo unter der Bedingung, dass er den abgebildeten Mann findet und auf die Insel bringt. Das macht Jo Jo zusammen mit einigen anderen Eingeborenen tatsächlich. Er findet Wilbur in einer Kirche...
...wo dieser gerade dabei ist, seine Verlobte zu heiraten, die (wie er selbst, worauf die Inszenierung allerdings nicht hinweist) wahrscheinlich eher durch innere Werte als durch Schönheit glänzt. Jo Jo macht es nicht kompliziert: er haut Wilbur eine Keule über den Kopf und entführt ihn, während dessen die Nochnicht-Ehefrau schwört, ihn notfalls auch am anderen Ende der Welt zu finden. Dort wird Wilbur tatsächlich gebracht. Zunächst lernt er King Gumbo kennen. Aus einem Zelt kommen ganz viele Frauen (gemeint: weiße Männer in Blackface und Fettkostümen) und Wilbur fragt neugierig, wer denn die ganzen „fat mommas“ seien. Seine Töchter, antwortet pikiert King Gumbo und fügt hinzu, dass er eine von ihnen heiraten wird, was Wilbur etwas beunruhigt.
Nach all der Aufregung sind aber alle erst einmal hungrig. An der Tafel lernt Wilbur die seltsamen Tischsitten der Eingeborenen kennen. Das Brot baumelt an einem Seil, wird von einem Tischgesellen zum nächsten balanciert und wer ihn fängt, kann gleich herzlich reinbeissen. Wilburs Stimmung hellt sich auf, als ihm die hübsche Vanilla vorgestellt und als seine künftige Ehefrau präsentiert wird. Und sinkt wieder in den Keller, als die Vorspeise kommt, denn die Suppe wird von Hand mit einem Schwamm serviert: als Wilbur gerne auf eine derart servierte Vorspeise verzichten möchte, saugt der „Kellner“ sie von seinem Teller einfach mit dem Schwamm zurück. Als Hauptspeise gibt es Spaghetti. Da wilde Südseebewohner natürlich kein Besteck haben, wird mit der Hand gegessen: reingreifen, die Spaghetti wild fuchtelnd über dem Kopf zusammenrollen und dann die ganze Hand mit den noch dran klebenden Spaghetti in den Mund stecken. Als Wilbur das versucht, landen die Teigwaren in King Gumbos Gesicht, der vor Wut kocht. Jo Jo, natürlich mit Hintergedanken, schlägt vor, dass Wilbur als Buße an einem mysteriösen Spiel teilnehmen soll (wie das in dem Zwischentitel genau hieß, weiß ich nicht mehr). Es geht darum: Wilbur soll den Zahn eines ganz bestimmten Hai im Meer fangen.

Hier erst mal eine kleine Pause. A SEA DOG‘S TALE könnte man als zutiefst rassistisch bezeichnen, wenn er nicht so plump und teils lächerlich inszeniert wäre (vielleicht könnte der Film in einigen Kreisen heute als „Camp“ durchgehen). Allerdings ist der rassistische Content nicht das zentrale Element des Films und jemand wie Griffith hat für wahrhaftig verabscheuungswürdige, antihumanistische Fantasien wesentlich effizientere und manipulativere Bilder erschaffen. Aber auch jenseits jeglicher Ideologiekritik ist A SEA DOG‘S TALE Grobian-Slapstick der üblen „Leute-in-lächerlichen-Kostümen-schubsen-sich-gegenseitig-um“-Manier. Zu grobschlächtig für alles: zu grobschlächtig, um es dem Film wirklich übel nehmen zu können, und zu grobschlächtig, um daran irgendwie Gefallen zu finden.

Dann passiert plötzlich etwas erstaunliches, etwas, das wirklich schwierig zu fassen ist. Als der Film zu der aussortierten Idee aus THE NAVIGATOR kommt, weht plötzlich ein Hauch Keaton‘scher Poesie durch diesen Grobianfilm.

Nun: Gumbo, Jo Jo und Wilbur stehen auf einem Floß und Wilbur soll den Haifischzahn fangen. Er wird von Jo Jo ins Wasser geschubst und findet sich auf dem Meeresboden wieder, wo allerlei Gerümpel liegt. Da ist eine Schatztruhe, die aufgeht – ein Skelett kommt zum Vorschein, erschrickt Wilbur und schwebt Richtung Meeresoberfläche. Dort angekommen dient es für Gumbo und Jo Jo als Signal, dass Wilbur wohl schon von Haien gefressen wurde. Der versucht sich allerdings gerade unter Wasser zu orientieren und zündet ein Streichholz an. Als das nicht hilft, wirft er es weg und löst damit einen kleinen Brand unter Wasser aus (allerspätestens hier schleicht sich ein Keaton-Touch in den Film). An der Oberfläche sehen Gumbo und Jo Jo, wie schwarzer Rauch aus dem Meer steigt. Währenddessen ist Wilbur, der ja nicht dazu gekommen ist, etwas zu essen, hungrig und beginnt, eine Sardinenbüchse zu öffnen, die er gefunden hat. Doch statt Ölsardinen schwimmen quicklebendige Sardinen aus der Dose raus und dann gleich weg. Dann wird Wilbur von anderen Fischen, die unkontrolliert durch das Meer schwimmen, bedrängt. Er greift sich einen Seestern vom Meeresboden, heftet ihn sich an die Brust, und beginnt, den Fischverkehr zu regulieren. Auf sein Kommando hin bleiben die Fische dann auch stehen – oder schwimmen eben weiter. Schließlich kommt eine Meerjungfrau angeschwommen und flirtet Wilbur an, der davon sichtlich begeistert ist. Doch seine Verlobte fliegt schon mit einem Flugzeug über das Meer, wirft einen Anker aus und holt sich ihren Verlobten wieder an die Meeresoberfläche. Der will aber nicht und springt ins Meer zurück. Ende!

Wie gesagt: das Bemerkenswerteste an A SEA DOG‘S TALE ist zweifelsohne, dass die Atmosphäre des Films unter Wasser plötzlich kippt und dabei tatsächlich einen eigenartigen Keaton-Touch entwickelt. Die Gags sind plötzlich keine groben Körperkapriolen mehr, sondern entwickeln plötzlich eine feine surrealistische Note (die Sardinen, die aus der Dose schwimmen) oder entstehen aus dem Zusammenspiel von Körperlichkeit und Raum (das Regulieren der Fische) oder sind sogar mehrteilig und mit einem Verzögerungselement versehen (das Skelett, das 1. zuerst auftaucht, 2. Wilbur verschreckt und 3. an der Oberfläche den anderen Beteiligten eine „falsche“ Information vermittelt). Alles Elemente, die man so eher von Keaton als von Slapstick-Stangenware kennt. Das ganze bleibt natürlich unter dem Inszenierungsniveau des „Mannes, der niemals lachte“. Die Unterwasserszene ist nicht unter Wasser, sondern mit einem starken Weichzeichnereffekt gefilmt, mit Ausnahme der Nahaufnahme der Sardinendose (zugegeben war Billy Bevan nicht ein Stuntman wie Keaton und die Szene hatte die Schwierigkeit, dass sie ohne Taucheranzug gespielt werden musste). Die Fische, die den Befehlen des selbsternannten Verkehrspolizisten folgen, sind nur sehr schemenhaft zu erkennen (offenbar wurden schwimmende Fische in einem Aquarium von oben gefilmt und mit einem Freezeframe „gestoppt“).

Der Regisseur von A SEA DOG‘S TALE ist der Kanadier Del Lord, der im Filmgeschäft ursprünglich als Stuntman für Mack Sennett begann und besonders als Fahrer für gefährliche Autostunts in Filmen mit den Keystone Cops sehr geschätzt wurde. Später übernahm er auch Regie für Mack-Sennett-Produktionen. Ab 1935 wurde er persönlich nicht berühmt, führte aber bei den bekanntesten und erfolgreichsten Filmen der „Three Stooges“ Regie. Er hat über 200 Regie-Credits bei der IMDb, die meisten bei stummen oder tönenden Kurzfilmkomödien. Sein letzter Film ist PARADISE FOR BUSTER, von 1952... mit Buster Keaton in der Hauptrolle! Interessanterweise wurde diese mäßig gelungene 40-Minuten-Komödie von  dem Landtechnikunternehmen John Deere produziert (gleichwohl nichts in dem Film erkennbar ist, das man Schleichwerbung nennen könnte).

Der Australier Billy Bevan gehörte in den 1920er Jahren zum Inventar der Mack-Sennett-Komödien und arbeitete über zehn Jahre lang mit dem kanadischen Filmpionier zusammen. Dabei trat er oft mit Andy Clyde zusammen auf, so auch in A SEA DOG‘S TALE. Er hat bei IMDb über 250 Schauspiel-Credits, unzählige davon allerdings in den Filmen selbst ohne Erwähnung. So spielte er kurze Rollen etwa in Howard Hawks‘ BRINGING UP BABY, in Hitchcocks REBECCA und in Willam Wylers MRS. MINIVER. Sein Name wird übrigens wie die Zahl 7 („Seven“) im Englischen, aber mit einem B am Anfang, ausgesprochen.

A SEA DOG‘S TALE taucht in „ausgewählten“ Filmographien Bevans, Lords oder gar Sennetts nicht auf, dürfte also zu den unbekannteren Filmen der drei Künstler zählen. Selbst Screenshots aus dem Film zu finden ist keine einfache Sache (gefunden habe ich nur zwei Stück hier und hier). Verschollen ist der Film allerdings nicht, denn ich habe ihn ja schließlich mit eigenen Augen gesehen, und zwar bei zwei verschiedenen Projektionen auf einer 16-mm-Kopie aus dem Privatarchiv des Weimarer Stummfilmpianisten Richard Siedhoff. Da, lieber Leser, Richard mobil ist und seine persönlichen 16-mm-Filmrollen auch ab und zu mitbringt, kann es sein, dass der Film irgendwann einmal in einem Kino in deiner Nähe gespielt wird.

Dienstag, 5. Januar 2016

Furien, Magier und andere Bekanntschaften: 2015 im persönlichen Rückblick


Und wieder einmal ein Jahr voller Filme rum!

Zunächst einmal zum Negativen: ich habe 2015 wieder weniger Filme gesehen als im Vorjahr, allerdings auch aus einem erfreulichen Grund (dank des ersten Vollzeitjobs meines Lebens). Ich bin auch seltener ins Kino gegangen, und besonders auch seltener zu aktuellen Filmen: nach meiner Zählung waren es gerade mal 13 Stück (zumindest außerhalb von Filmfestivals und der einen Bond-PV). Mein Desinteresse an vielen der gezeigten Filme ging hier eine unheilige Symbiose mit meinem verknappten Zeitbudget ein, zumal ich, trotz eines Umzugs, immer noch Bewohner einer cinematographischen Wüstenregion bin. Dafür habe ich einiges auf DVD nachgeholt (und in diesem Format auch einige der besten Filme des Jahres gesehen). Und in der Filmwüste namens Thüringen gibt es dennoch eine kleine Oase für durstige Cinephile: die regelmäßigen Stummfilmaufführungen im Lichthaus-Kino und im Café Wagner mit meinem Lieblingsstummfilmbegleiter- und stummfilmprogrammkurator Richard Siedhoff (hier habe ich insgesamt 28 Filme gesehen, davon einige zugegeben doppelt).

Nun wieder aus den 1920er Jahren gen 2015, passenderweise, wenn man so will... Der beste, wunderschönste, berührendste, begeisterndste und natürlich zugleich actionreichste Film des Jahres war MAD MAX: FURY ROAD, dem es gelungen ist, Franchise-Aufwärmung, intim-emotional-feministisches Autorenkino, bombastisches Blockbuster-Entertainment und eine Neudefinition des Actionfilms nicht nach der Tradition des 1980er-Jahre-Actioners, sondern nach der Tradition des Stummfilms, unter einen Hut zu bringen. Den zweiten Platz in meiner Jahresbestenliste erhält ein anderer Actionfilm, nämlich JOHN WICK... was danach kommt, wußte ich nicht so genau zu ordnen. Deshalb habe ich meine Bestenliste 2015  es sind nun 13 Filme  nicht nummeriert, sondern in thematische Blöcke geordnet.


Top 2015


Aktion!

MAD MAX: FURY ROAD (George Miller: Australien / USA 2015)
In einer postapokalyptischen Wüste entführt die Kriegerin Imperator Furiosa einen Fuhrpark inklusive den Frauen des Diktators Immortan Joe, um in die Freiheit zu fahren. Der Tyrann setzt alles daran, um die Frauen zurück zu bekommen, doch diese erhalten Unterstützung von Max Rockatansky.
1. Ich schlafe mittlerweile in einem MAD-MAX-T-Shirt...
2. Es gibt ein Video, das Buster Keatons THE GENERAL mit der Musik aus MAD MAX: FURY ROAD unterlegt. Die „Analyse“ geht dabei nicht weiter als bis zur Feststellung, dass das irgendwie rockt. Ich finde allerdings, dass sich hier tatsächlich eine wesentlich intensivere Beschäftigung lohnen würde. MAD MAX: FURY ROAD knüpft thematisch zweifelsohne an MAD MAX 2 an, ästhetisch und in seiner Struktur in vielerlei Hinsicht aber auch an den großartigsten Actionfilm aller Zeiten, nämlich eben THE GENERAL. Wo von manchen Mangel an Plot festgestellt wird, herrscht eine zielgerichtete Konzentration auf pure Bewegung, auf den nackten Geschwindigkeitsrausch, wie in Keatons Meisterwerk. Wie THE GENERAL ist MAD MAX: FURY ROAD eine einzige, große, lange Verfolgungsjagd, die im letzten Drittel die Richtung ändert.
3. Einer der großartigen Filme, deren Titelfigur eigentlich eine Nebenfigur ist. Spontan fällt mir noch JOHNNY GUITAR ein. Was irgendwie auch passend ist: ein Film, in dem die männliche Titelfigur de facto die meiste Zeit passiv ist und der eigentlichen Heldin mehr oder weniger als Helfer dient. Charlize Theron ist großartig!

JOHN WICK (Chad Stahelski / David Leitch: USA 2014)
John Wick, ein ehemaliger Profikiller, stürzt in tiefe Trauer, als seine Frau stirbt und ihm als letztes Geschenk einen Hund hinterlässt. Der Sohn eines Mafiabosses und seine Freunde sind der Meinung, es sei eine gute Idee, diesen Mann zu verprügeln, seinen Hund zu töten und sein Auto zu klauen. War es aber nicht...
Roger Ebert hat einmal gesagt, BODY HEAT sei deshalb so toll und erfrischend, weil man beim Anschauen das Gefühl bekommt, zum ersten Mal in seinem Leben einen film noir zu sehen (wie recht er hatte!). In gewisser Weise kann man bei der Sichtung von JOHN WICK das Gefühl erhalten, zum ersten Mal im Leben einen Actionfilm zu schauen. Oder eine Parallelmontage. Oder vielleicht sogar vergessen, dass Keanu Reeves einmal im MATRIX-Franchise mitspielte (bei der Stahelski als Stuntman mitwirkte). Mit unglaublicher Präzision und Konzentration erschaffen hier zwei ehemalige Stunt-Koordinatoren und Second-Unit-Regisseure aus dem Stand einen Film, der tatsächlich nur aus Aktion, aus Handlung besteht. Der Begriff „formalistisch“ hat immer einen etwas seltsamen Beigeschmack, passt hier aber perfekt. Alle Nebenerklärungen werden rein visuell erklärt: der Polizist, der bei John Wick klingelt, im Hintergrund eine Leiche sieht und sich lieber dezent zurückzieht; das merkwürdige Hotel, das für bezahlte Killer ein Refugium bildet und nach eigenen Regeln funktioniert, die nicht erklärt, sondern einfach gezeigt werden; John Wick, der wie ein Wahnsinniger in seinem Sportwagen Runden dreht und so sein Inneres nach Außen kehrt; der kurze Austausch mit dem Türsteher, in dem klar wird, dass er John Wick vorbeigehen lassen muss, um leben zu können... Oder wie in der Szene im „Red Circle“ (herzlichen Gruß an Jean-Pierre Melville) die Schnittfrequenz mit zunehmendem Adrenalinpumpen zunimmt, der Film aber in jeder Sekunde visuell übersichtlich bleibt. Überhaupt: Die Actioninszenierung lässt einen Jahre und Jahre an fürchterlichen Schnittgewitter-Exzessen vergessen. Hier sitzt jeder Schlag und jeder Schlag tut auch weh!
Fazit: Unterschätze niemals einen Second-Unit-Director!

SIMINDIS KUNDZULI / CORN ISLAND (George Ovashvili: Georgien / Deutschland / Frankreich / Tschechische Republik / Kasachstan / Ungarn 2014)
In einem georgisch-abchasischen Grenzfluss wachsen von Frühling bis Herbst immer kleine und äußerst fruchtbare Inseln. Ein alter abchasischer Bauer und seine Enkelin beginnen, dort Mais anzubauen...
SIMINDIS KUNDZULI sieht auf den ersten Blick nicht wie ein Film aus, der in eine Rubrik „Aktion“ passt. Doch tatsächlich besteht auch dieser Film nur aus Handlung. Gefilmt in traumhaften Cinemascope-Bildern, die Plot lieber links liegen lassen, um ganz in Aktion aufzugehen (wie ALL IS LOST im letzten Jahr, mit nur wenig mehr Dialog). 
Mehr zu diesem Film meinerseits hier.

COLT 45 (Fabrice Du Welz: Frankreich / Belgien 2014)
Ein junger idealistischer Polizist baut in seiner Freizeit gerne Spezialmunition. Er gerät in unangenehme Situationen, als ein Krimineller, der sich als Polizist ausgibt, ihm einen Mord unterjubelt, seine Spezialpatronen für Raubzüge mittels Erpressung abnimmt und ihn dann indirekt dazu zwingt, gegen sich selbst zu ermitteln.
Mit großer Könnerschaft mengt Fabrice Du Welz harte Action, Cop-Thriller und film noir zusammen. Dabei gelingt es ihm, gleichermaßen körperlich wie psychologisch ausgefeilt zu inszenieren, voller Brutalität und Paranoia. Gleich von den ersten Bildern an dominiert eine Atmosphäre des Todes und der absoluten Unsicherheit. Was William Friedkin einst in der letzten Viertelstunde von TO LIVE AND DIE IN L. A. macht, praktiziert Du Welz in Ansätzen schon nach dem ersten Drittel. „Wenn man ein Talent wie das Ihre hat, herrscht man in der Hölle, man dient nicht im Paradies!“, sagt eine Figur zu Beginn des Films. Du Welz ist wahrlich ein teuflischer Choreograf.


Fleisch

GERMAN ANGST (Jörg Buttgereit / Michal Kosakowski / Andreas Marschall: Deutschland 2015)
Ein junges verwahrlostes Mädchen hält einen Mann (ihren Vater?) gefangen... Ein polnisches, taubstummes Pärchen wird von Nazis attackiert und nutzt dann einen mysteriösen Talisman... Ein Mann gerät in einen gefährlichen Fetisch-Geheimbund...
Nicht weniger als die „dämonische Leinwand“ wieder nach Deutschland zu bringen wollten die drei Macher des besten deutschen Filmes des Jahres, und das ist ihnen wahrlich gelungen! Alle drei Teile von GERMAN ANGST sind auf ihre eigene Weise fantastisch.
Jörg Buttgereits „Final Girl“ ist weniger Film als eine assoziative Bilderpoesie des Grauens, geschaffen aus einer Wohnung, einem jungen Mädchen, einem Meerschweinchen und einem gefesselten Mann. Michal Kosakowski hat hingegen etwas gedreht, was ich als politisches Filmessay bezeichnen würde: ein Versuch über Erinnerung, deutsche Verbrechen im 2. Weltkrieg, Schuldverdrängung, Täter-Opfer-Verdrehungen und (aktuelle) politische Gewalt in Deutschland. Die ARD hat wohl einen Film über die NSU gedreht, aber ich denke, dass Kosakowskis „Make A Wish“ wesentlich mehr über dieses Thema zu sagen hat, als es GEZ-gefördertes Polit-Entertainment im Talkshow-Vorlage-Modus je könnte. Dem schmerzhaftesten (Teil-)Film des Jahres folgt das verhältnismäßig konventionellste Segment von GERMAN ANGST: die schauerliche, anbetungswürdig schöne und detailverliebte body-horror-Erzählung „Alraune“ von Andreas Marschall.
Mehr zu GERMAN ANGST meinerseits gibt es hier zu lesen.

WELCOME TO NEW YORK (Abel Ferrara: USA / Frankreich 2014)
Ein in Politik und Finanzwelt bedeutender Mann vergewaltigt ein Zimmermädchen in New York. Infolgedessen wird ein Prozess gegen ihn geführt.
Ein Skandalfilm, der gar keiner ist. Die Verwurstung einer aktuellen Begebenheit, der alles Marktschreierische komplett fehlt. Die Verfilmung der „DSK-Affäre“ als intime Studie über Obsessionen und Zwänge. BAD LIEUTENANT im Katermodus. Selten habe ich einen Film gesehen, der so unvoyeuristisch ist – aber eben auch so gnadenlos in seinen distanzierten Beobachtungen.
Eine Jahrhundertleistung von Gérard Depardieu, der hier so körperlich ist wie nur selten: als schreiendes, stöhnendes, schaufendes, röchelndes, grunzendes Riesenbaby. Nur zu leicht könnte Ferrara seine Hauptfigur der Lächerlichkeit und der moralischen Empörung (auch eine Form der Triebabfuhr) preisgeben. Doch er hat sich für den schwierigen Weg entschieden: einen Menschen zu zeigen, der im Gefängnis seines eigenen Lebensmilieus und seiner klassenbedingten Mentalität steckt. Beobachten und nicht urteilen, ergründen und nicht verdammen, verstehen und nicht verteufeln möchte der Film – ein so schmerzhafter wie fruchtbarer Prozess. So ist WELCOME TO NEW YORK auch ein extrem demokratischer Film: er sagt dem Zuschauer nicht, wie er sich zum Gezeigten verhalten muss, sondern überlässt ihm seiner eigenen, qualvollen Wahl.

THE TOWN THAT DREADED SUNDOWN (Alfonso Gomez-Rejon: USA 2014)
Ein Serienkiller, der offensichtlich einen historischen Serienkiller nachahmt, beginnt in Texarkana sein blutiges Handwerk zu verrichten. Ein Mädchen, das sich unter anderem gerne die Fingernägel in Türkis färbt, begibt sich auf die Suche... 
THE TOWN THAT DREADED SUNDOWN präsentiert sich an der Oberfläche wie ein fantasieloses Remake im neunmalklugen Meta-Modus, entpuppt sich aber als äußerst eleganter Neo-Giallo. Thematisch ist er ein typisch US-amerikanischer Slasherfilm, aber in seinem obsessiven Gestaltungswillen, um nicht zu sagen Gestaltungswahn, wirkt er zutiefst italienisch und erinnert entfernt an den 1970er-Giallo der Argento- oder Martino-Tradition: extrem stilisierte, fast psychedelische Farbsetzung, dutch angles, das Alternieren zwischen komplexen Plansequenzen und assoziativen, fast subliminalen Montagen, vermeintliche Point-Of-View-Sequenzen, die die Kamera zur eigenen, tobenden Figur erheben.
Nicht, dass THE TOWN THAT DREADED SUNDOWN ein schlechter Titel ist, aber ich nenne ihn privat gerne „La ragazza con le unghie in turchese“.

COMPULSION (Egidio Coccimiglio: Kanada 2013)
Eine psychisch labile Frau, die am liebsten eine TV-Köchin wäre, versucht sich mit ihrer Nachbarin, einer magersüchtigen Schriftstellerin, anzufreunden und beginnt sie zu stalken.
COMPULSION ist das Remake eines koreanischen Films, den ich nicht kenne und stammt zwar aus dem Jahr 2013, wurde aber erst 2015 in Deutschland veröffentlicht (direct-to-video). Man könnte den Film als überkandidelt-sleazigen, lesbischen Hagsploitationfilm mit Kannibalenhorror-Elementen bezeichnen, aber das würde ihm wahrscheinlich nicht gerecht werden. Der Film ist voller grotesker Elemente und ist auch immer haarscharf an der Grenze zum Camp: Heather Graham, die sich auf dem gedeckten Esszimmertisch von ihrem Freund lecken lässt, dessen Papagei abschlachtet und brät, in hochhackigen Schuhen durch eine imaginäre Kochsendung stolziert und über die Auswahl und Zubereitung der richtigen Zutaten in einer Manier spricht, die an schweinisches Dirty Talk erinnert. Doch schlussendlich ist COMPULSION vor allem auch ein trauriger Film über Vereinsamung und Entfremdung. Was diese beiden Frauen machen, mag vielleicht teilweise grotesk sein (und oft extrem beunruhigend), aber der Blick des Films auf sie ist von Zärtlichkeit und Mitgefühl geprägt.


Lachmuskeln & Liebe

SHE‘S FUNNY THAT WAY (Peter Bogdanovich: USA / Deutschland 2014)
Ein (eigentlich glücklich verheirateter) Broadway-Schriftsteller bucht eine Prostituierte und gibt ihr ein kleines Vermögen unter der Bedingung, dass sie ihren momentanen Beruf für immer aufgibt. Später bewirbt sie sich als Schauspielerin für sein Stück...
Bogdanovichs neuer Film wurde (leider) als eine Art Schmalspurverschnitt von Woody Allen gesehen. Wie grundfalsch: Allen war schon immer ein Zyniker, während sich Bodganovich als Humanist, fast schon naiver Moralist zeigt. Er kann die Zuschauer zum Lachen bringen, auch ohne seine Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben. Insofern wünsche ich mir sogar umgekehrt, dass Allen mehr Bogdanovich in seine Arbeit einfließen lassen würde.

BROS BEFORE HOS (Steffen Haars / Flip Van der Kuil: Niederlande 2013)
Zwei Brüder versprechen sich gegenseitig, niemals eine feste Beziehung mit einer Frau einzugehen. Bis der eine sich dann verliebt... in die neue feste Freundin seines Bruders...
Wie einst in den radikalen Satiren NEW KIDS TURBO und NEW KIDS NITRO gelingt es Haars und Van der Kuil, zwei (wenn nicht sogar drei) Filme in einem zu zeigen: eine Parodie auf die romantische Komödie – und eine aufrichtige romantische Komödie (und eine Reflexion über gestörte Frauenbilder). Er sieht Liebe nicht durch eine rosarote Brille, sondern durch die Brille existentieller Absurditäten und stellt das Lustige neben das Vulgäre, das Zotige neben das Zärtliche, bis die Grenzen anfangen, sich aufzulösen. Am Ende eröffnen Haars und Van der Kuil ihren beiden Protagonisten gar einen Ausweg aus ihrer eigenen mentalen Beschränktheit: eine humanistische Wende im Schaffen der beiden holländischen Extrem-Satiriker?

LOVE IS STRANGE (Ira Sachs: USA / Frankreich / Brasilien / Griechenland 2014)
Ben und George heiraten. Nichts wirklich Aufsehenerregendes in den 2010er Jahren, besonders bei zwei älteren Herren, die schon seit über 40 Jahren zusammen leben. Doch George verliert seinen Job in einer katholischen Musikschule und durch dieses Ereignis etwas aus der Bahn geworfen gestaltet sich die Ehe der beiden Männer etwas schwierig.
Trotzdem LOVE IS STRANGE so etwas wie eine Liebeskomödie ist, erscheint er mir außerordentlich „rein“. So absolut selbstverständlich er die Liebe der beiden älteren Männer akzeptiert, so respektvoll ist er gegenüber allen Figuren und gegenüber der Intelligenz des Zuschauers. Nichts wird erklärt, jede einzelne Figur nur über ihre Körperhaltung, ihre Mimik und ihre Aktionen gezeigt. Ellipsen sorgen dafür, dass der Film arm an Plot bleibt und mehr Zeit hat, sich Ben und George und ihren Bekannten zu widmen.


In jedem Traumzuhause ein Herzschmerz...

KREDITIS LIMITI
Die Betreiberin eines Tifliser Imbissladens wird von Gläubigern geplagt und begibt sich auf eine zermürbende Suche nach Geld...
Ein Horrorfilm über eine Frau, die in einer unaufhaltsamen Schicksalsmaschine gefangen ist, erzählt als urbane Komödie. Mehr über diesen formal meisterhaften Debütfilm schrieb ich hier in meinem goEast-Festivalbericht.

THE END OF THE TOUR
Der Rolling-Stone-Reporter David Lipsky interviewt einige Tage lang den berühmten Schriftsteller David Foster Wallace.
Fantastisches Schauspielerkino, in der die Zeit im Dialog fast schon fieberhaft wegfließt. Mehr über diesen tollen Nicht-Biopic schrieb ich in meinem Viennale-Festivalbericht.


Wenden wir uns der dunklen Seite der Medaille zu. Erfreulich ist, dass ich es dieses Jahr nicht schaffe, auf überhaupt 10 Titel zu kommen, sondern nur auf 4 Filme, und einen „Bonusfilm“ in Sachen schwere Enttäuschung.

Flop 2015

LEVIAFAN (Andrej Zvjagincev: Russland 2014)
Böser russischer Staat (heißt: schmierig-fetter Bürgermeister) unterdrückt den armen russischen Arbeiter (heißt: weinerlicher Alkoholiker mit Märtyrer-Fantasien).
Nach diesem Film und nach ELENA werde ich wohl kein Freund dieses sibirischen Regisseurs werden. Nicht einmal zwanzig Minuten braucht es, bis deutlich wird, worauf das ganze hinauslaufen soll, und in den restlichen zwei Stunden formuliert der Film dies bedeutungsschwanger und pompös aus, bestätigt sich selbst salbungsvoll, was er und der Zuschauer schon wussten. Die männerbündische Wodka-Romantik des Films und die Art, wie er Frauen systematisch zu Stichwortgeberinnen oder gar Plot-Verfügungsmasse degradiert sind mir richtig sauer aufgestoßen (wobei letzteres mich etwas an den unerträglichen DAS LEBEN DER ANDEREN erinnerte).
Mehr von mir zu diesem Rezeptionshaltungsbestätigungsfilm hier.

ELSER (Oliver Hirschbiegel: Deutschland 2015)
Werdegang und Folgen eines Attentats auf Hitler.
DER ÖNTERGANG 2, wenn man so will. Eine Hagiographie, die sich vor allem an der Gewalt, die ihre Hauptfigur erleidet, ergötzt.

LOST RIVER (Ryan Gosling: USA 2014)
Wirtschaftskrise, alleinerziehende Mutter, komische Sage, merkwürdiger Fetischclub etc.
Wer einen Film von Nicolas Winding Refn anschauen möchte, sollte lieber das Original nehmen. Dort gibt es wenigstens gekonnt inszenierte und teils sogar originelle Szenen.

IT FOLLOWS (David Robert Mitchell: USA 2014)
Ein Fluch, den sich Teenager beim Sex holen, geht um.
Ich habe wirklich keine Ahnung, warum dieser Film von manchen als Neuerfindung des Horrorfilms gehandelt wurde. Mich hat er angeödet und vor allem in seinen handwerklich perfekten, aber stets absolut sterilen Bildern gar abgestoßen.

Enttäuschung

FRANK (Lenny Abrahamson: UK / Irland / USA 2014)
Jon, ein Möchtegerne-Popstar, schließt sich der Band „Soronprfbs“ an, deren Chef Frank permanent ein Pappkopf trägt.
Ich glaube, mein größtes Problem mit diesem Film ist, dass der Titel HI, IT‘S ME, I‘M JON, AND I‘M HANGING AROUND WITH SOME FREAKY CRAZY GUYS AND ONE OF THEM WEARS A GIANT PAPIER-MÂCHÉ-HEAD ALL THE TIME AND IS CALLED FRANK AND I‘M GOING TO TELL YOU SOMETHING ABOUT ALL THIS besser gepasst hätte. Oder anders ausgedrückt: der Film bequemt sich darin, seine Außenseiterfiguren aus der Perspektive und mit den Augen des Mainstreams zu betrachten. Ob er dies sogar mit seinen Inszenierungsmethoden macht, müsste ich noch einmal prüfen (das wäre vielleicht gar nicht so uninteressant), aber er tut dies auf jeden Fall mit der Figur des Jon. FRANK distanziert sich bewusst von seiner eigenen Titelfigur, er traut sich nicht, sie seinen Zuschauern filterlos (oder böse ausgedrückt: „unzensiert“) zuzumuten. Das ist nicht nur schade, sondern auch ethisch fragwürdig, denn damit führt er Frank zugleich vor, macht ihn zum Freak und zur Witzfigur, mit der man dann aber gefälligst Mitleid zu haben hat, als herauskommt, dass er geistig behindert ist. Da wird er gar zur dramaturgischen Funktion degradiert. Im Finale eröffnet FRANK einen ganz kurzen Blick darauf, was er hätte werden können: in der abgestandenen Bar (wo sich allerdings auch der unerträgliche Jon aufhält) kommt Frank und beginnt mit seiner ehemaligen Band, einen Song zu improvisieren. Für diese etwa zwei Minuten meint man, FRANK würde endlich einmal sich seiner Titelfigur annähern. Diesen Film, den man in den letzten beiden Minuten schemenhaft erkennen kann, hätte ich sehr gerne gesehen. Aber schlussendlich entblösst sich FRANK wieder, als er die letzten Bilder wieder Jon schenkt. So bleibt eine bestenfalls mild-amüsante Komödie mit einer unausstehlichen de-facto-Hauptfigur und einigen sehr unangenehmen „Freak-ploitation“-Elementen.

2015: Ein persönlicher Kanon aus Erstsichtungen


Von den unerfreulichsten nun zu den erfreulichsten Filmen und zu meinem persönlichen Jahreskanon 2015. In den letzten Jahren listete ich immer 52 Filme (für jede Woche quasi einen). Dieses Jahr sind es etwas weniger, nämlich 45. Wer den Verlust der sieben Filme nicht verkraften kann, sei auf die anschließende, speziell für diesen Jahresrückblick neu entwickelte Rubrik „Wiedersehen macht Freude“ verwiesen.

1 FOR FOR FAKE (Orson Welles: Frankreich / Iran / Bundesrepublik Deutschland 1973)
Um einen experimentell-avantgardistischen Film zu drehen, der gleichzeitig derartig locker, beschwingt, von Lebensfreude durchdrungen ist, muss man wahrlich ein großer Meister sein. Wie eine entspannte Plauderei in einem Café, allerdings mit fantastisch verschlungener Bild- und Tonmontage.

2 LA SEMANA DEL ASESINO (Eloy de la Iglesia: Spanien 1973)
Der Slasherfilm als doppelbödige Faschismus- und Konsum-Satire. Mehr von mir zu diesem außergewöhnlichen Film hier.

3 MAD MAX 2 (George Miller: Australien 1981)
Faszinierend in seiner merkwürdigen Abstraktion: die erste Hälfte ist ein Actionfilm auf Beobachterposten. Ein Protagonist, der andere Figuren dabei beobachtet, wie sie Sachen machen: nicht aus Voyeurismus, sondern weil er einfach nur Benzin möchte, um weiterzufahren. Insofern erzählt MAD MAX 2 gewissermassen vom zeitweiligen Stillstand der Titelfigur mit den Mitteln der puren Bewegung...

4 BRICHA EL HASHEMESH / ESCAPE TO THE SUN (Menahem Golan: Israel / Frankreich / Bundesrepublik Deutschland 1972)
1. Hier ein Ausschnitt aus einem Festivalbericht, der leider nicht veröffentlicht wurde (einen in diesem Blog veröffentlichten findet man hier) und den ich hier etwas ausführlicher zitiere, weil ich mangels Sichtungsmöglichkeiten leider wohl nicht so schnell wieder über diesen Film schreiben werde:
„BRICHA EL HASHEMESH ist ein Film, der jegliche Vorstellungen über gutes oder schlechtes Filmemachen, über guten und schlechten Geschmack zerstört und der gängige Ideen darüber, wie man eigentlich „ernsthafte“ Themen inszenieren sollte, wuchtig beiseite wischt (nach dessen Sichtung konnte man sich fragen, wie SCHINDLER‘S LIST von Menahem Golan inszeniert wohl ausgesehen hätte). Wer sich auf BRICHA EL HASHEMESH einlässt, findet kein Zurück mehr und wird vielleicht sogar sein cineastisches Weltbild erschüttert sehen. [...]
Antisemitismus in der Sowjetunion der 1960er und 1970er Jahre: Golan hat sich eines durchaus ernsthaften Themas angenommen. Was er daraus gemacht hat, lässt aber Hirne schmelzen, Augen platzen und Herzen in Unterhosen rutschen. BRICHA EL HASHEMESH ist überhitzte polemische Agitation, manisches Melodrama, naiv-sensationalistischer Abenteuertrash und sadomasochistische Passionsgeschichte in einem. Ein Film, der sich immer wieder genüsslich in purem Sleaze, hemmungslos pathetischem Kitsch und inszenatorischen Spielereien suhlt, nur um dann zwischendurch in langen Expositionsdialogen zu schnarchen [...].
Menahem Golan war definitiv ein Verrückter, ein Durchgeknallter, aber einer von den Guten, die die Welt besser machen. Für Filme wie BRICHA EL HASHEMESH wurde das Kino erfunden.“
2. Beim Liebster-Award sagte ich, dass ich nicht als Produzent tätig sein möchte. Ich korrigiere: ich würde gerne eine Zeitreise machen, Steven Spielberg das Projekt SCHINDLER‘S LIST wegnehmen, vorher noch Cannon Films vor dem Ruin retten und Menahem Golan SCHINDLER‘S LIST als Cannon-Produktion inszenieren lassen. Das Resultat wäre trashiger, sleaziger, durchgeknallter und (noch?) perverser als Spielbergs Film und würde wohl bis heute als peinliche Geschmacklosigkeit und cineastische Entgleisung gelten. Aber er wäre wohl auch ehrlicher, mutiger, offener, ambivalenter, erkenntnisreicher und wahrscheinlich auch schmerzhafter und authentisch emotionaler...
3. Ich glaube nicht, dass ich diesen Film wirklich „verdaut“ habe. Es ist eher so, dass er weiterhin an mir rumnagt.

5 ARTIFICIAL INTELLIGENCE: AI (Steven Spielberg: USA 2001)
À propos Filme, die an mir rumnagen...
Steven Spielberg und Stanley Kubrick: was hätten die beiden zusammen noch für Filme machen können. In jeglicher Hinsicht haben sie sich nicht nur ergänzt, sondern ihre oft konträren Eigenschaften auch noch verstärkt (im Negativfall hätten sie sich neutralisiert): Spielberg‘scher Kitsch wird durch Kubrick‘sche Analyse in ungeahnte emotionale Höhen getrieben, Kubrick‘sche Analyse wird durch Spielberg‘schen Kitsch zu erschreckenden Erkenntnissen getrieben.
Das wird besonders in der Schluss-Szene deutlich, als ein schwer traumatisierter Roboter in einem Kinderkörper seine lebenslange ödipale Fantasie endlich auslebt, indem er mit einem digitalen Klon seiner Adoptivmutter ins Bett geht und damit nicht nur die Menschheit, sondern auch jegliche Erinnerung an die Menschheit auslöscht. Ein perfides „unhappy happy ending“, auf den Jonathan Rosenbaum hinwies. Rosenbaum selbst fand den Film wohl nicht weniger verstörend als ich und weiß wohl auch nicht so recht, wie er damit umgehen sollte...

6 BIGGER THAN LIFE (Nicholas Ray: USA 1956)
Ray gelingt hier nicht nur eine bitterböse Satire über pervertierte Familienwerte, sondern hat auch einen der größten Psychopathen-Filme (über einen Mann, der seine Hypermännlichkeitsfantasien gewaltsam auslebt) – kaum zu glauben, dass ein Werk von einer solchen emotionalen Gewalt im Hollywood der 1950er Jahre entstanden ist. Auch einer der größten Cinemascope-Filme überhaupt.

7 HUSTLE (Robert Aldrich: USA 1975)
Es gibt in HUSTLE einen kleinen Moment, wo Phil Gaines beschlagnahmtes Geld abzählt, dann zu einem Rom-Kalender schaut. Er wollte immer schon mit einer geliebten Nicole nach Rom. Und schaut auf das Geld, überlegt sichtlich, ob er ein bisschen davon „abzweigen“ soll. Und zählt dann sichtlich desillusioniert weiter (jetzt, wo ich das schreibe, weiß ich tatsächlich nicht, ob das wirklich in dem Film ist). HUSTLE, den Oliver Nöding als Robert Aldrichs „deprimierendsten Film“ bezeichnete, ist voller solcher „kleiner“ großer Momente. Ein unterschätzter Film von einem der unterschätztesten und größten Regisseure aller Zeiten!

8 THE TRAGEDY OF OTHELLO: THE MOOR OF VENICE (Orson Welles: USA / Italien / Marokko / Frankreich 1952)
„Movies should be rough“, sagte Orson Welles einmal. Eigentlich kaum zu glauben, dass ein Film mit einer solchen Bild- und Tonmontage von 1952 ist: als solcher könnte man ihn als Vorläufer von F FOR FAKE sehen.

9 LORENZO‘S OIL (George Miller: USA 1992)
Jonathan Rosenbaum schrieb einmal einen ausführlichen Artikel mit dem Titel „Mise en scène as miracle in Dreyer‘s ORDET“. Den gleichen Artikel würde ich gerne über LORENZO‘S OIL lesen, denn tatsächlich inszeniert Miller am Ende von LORENZO‘S OIL nichts anderes als ein Wunder. Ich (als Atheist) wüsste spontan auch keinen anderen Film, der Wissenschaft und Glauben so überzeugend versöhnt. Nein, noch radikaler: sie überhaupt nicht als Gegensätze begreift, sondern als potentielle komplementäre Elemente.

10 CANNIBAL HOLOCAUST (Ruggero Deodato: Italien 1980)
Mit SALÒ versprach Pasolini, den vielleicht ultimativen Film über Faschismus und menschliche Niedertracht zu drehen. Ein Versprechen, das nur teilweise eingehalten wurde. CANNIBAL HOLOCAUST ist dieser Film. Ein „Endpunkt-Film“ in jeglicher Hinsicht, bei dem ich mich frage, ob Elem Klimov ihn für seinen eigenen „Endpunkt-Film“ IDI I SMOTRI als Inspiration sah?

11 CRUISING (William Friedkin: USA / Bundesrepublik Deutschland 1980)
Ein Film über Selbstaufgabe, der sich irgendwann im letzten Drittel sogar selbst aufgibt, sich fast auflöst...

12 YUKCHEUI YAKSOK / PROMISE OF THE FLESH (Kim Ki-young: Republik Korea 1975)
Ich weiß nicht mehr, wer Roger Fritz‘ MÄDCHEN: MIT GEWALT als „Rape Culture: der Film“ bezeichnete, aber dieser schockierende Titel hat sich YUKCHEUI YAKSOK eher verdient. Eine Frau wird wiederholt von Männern ausgetrickst und vergewaltigt, bis sie eines Tages durchdreht und einen Angreifer in Notwehr tötet. Doch selbst als Gefangene, die Freigang hat, um das Grab der Mutter zu besuchen, ist sie nicht gefeit vor sexuellen Angriffen, wenn die Wärterin, die sie begleitet, sie einem jungen Passagier zum Frass vorwirft. Das Fürchterliche: mittlerweile hat sie ihr Schicksal akzeptiert und gibt sich in einem perversen Stockholm-Syndrom-Twist dem ganzen hin.
Kim Ki-young ist der transgressive koreanische auteur par excellence, doch einen schockierenderen Film als YUKCHEUI YAKSOK habe ich von ihm bislang noch nicht gesehen.

13 ENGEL, DIE IHRE FLÜGEL VERBRENNEN (Zbyněk Brynych: Bundesrepublik Deutschland 1980)
Ein toller Hotelfilm über die Beschissenheit, jung in einer Welt voller alter Menschen zu sein, die sich im Zweifelsfall gar zu Lynchmobs zusammenrotten.

14 UN BIANCO VESTITO PER MARIALÉ (Romano Scavolini: Italien 1972)
Es gibt wohl nur wenige Filme, bei denen wirklich jede auftretende Figur stirbt. Und das, nachdem alle sich in einer wilden Feier selbst entblösst haben. Und diese Musik!

15 MURDER BY CONTRACT (Irving Lerner: USA 1958)
Ein Profikiller stolziert durch die Welt, als hätte er den Begriff „Coolness“ erfunden, und bricht umso krachender zusammen, nachdem er sein neues Opfer kennenlernt. Der Prototyp des „coolen“ Profikillerfilms und zugleich schon seine Dekonstruktion.

16 HEIMAT: HERMÄNNCHEN, 1955/56 (Edgar Reitz: Bundesrepublik Deutschland 1984)
Der grausame Faschismus, die absolute Niedertracht, die ätherische Zärtlichkeit, die tiefe Traurigkeit, die (un)gezügelten Gefühlsausbrüche, die Reitz‘ HEIMAT ausmachen, finden in dieser fast 140-minütigen Episode (die am besten als „unabhängiger Film“ funktionieren könnte und praktisch so konzipiert ist) ihren Glanzpunkt.

17 BABE: PIG IN THE CITY (George Miller: Australien 1998)
Ein kleines Schwein auf der Suche nach Erlösung und Vergebung. Ausführlicheres dazu von mir in meinem Viennale-Festivalbericht.

18 CONFESSIONS OF AN OPIUM EATER (Albert Zugsmith: USA 1962)
Einer der Einträge in Jonathan Rosenbaums alternativer Liste der besten 100 US-amerikanischen Filme. Vincent Price stolpert darin durch ein Gebäude, das wie eine riesige surrealistische Installation wirkt. Zwischendurch stolpert er raus in der wohl merkwürdigsten Slow-Motion-Szene, die je gedreht wurde.

19 BLOW OUT (Brian De Palma: USA 1981)
Hören, sehen, schreien, töten.

20 HISTOIRES EXTRAORDINAIRES: TOBY DAMMIT (Federico Fellini: Italien / Frankreich 1968)
Entfaltet besonders nach den schnarchigen Episoden Vadims und Malles seine ganze unbändige Energie. 

21 THE OUTLAW (Howard Hughes / Howard Hawks: USA 1943)
Jane Russells Busen sorgte für einen Riesenskandal. Nach der Sichtung des Films kann ich nur vermuten, dass Hughes ihn als Ablenkung für das Hays-Office benutzte. 62 Jahre vor BROKEBACK MOUNTAIN (und 11 Jahre vor dem subtextual lesbischen JOHNNY GUITAR) hat Hughes einen Western über eine homosexuelle ménage-à-trois gedreht. Ein Film voller lustvoller männlicher Blicke auf männliche Lustobjekte. Das Hollywood der 1940er Jahre ist voller Überraschungen.

22 DREILEBEN – ETWAS BESSERES ALS DEN TOD (Christian Petzold: Deutschland 2011)
Der Titel ist Programm: statt Tod gibt es eine stürmische Liebe, die dennoch vom nahenden Tod überschattet wird.

23 BAD TIMING (Nicolas Roeg: UK 1980)
Puh... verstörend... und verunsichernd...

24 PRAXIS DR. HASENBEIN (Helge Schneider: Deutschland 1997)
Eine Perle des abseitigen, anderen Kinos. Schneider schafft ein kleines Universum voller kleiner, lebendiger Details, in dem der Alltag das Absurde und das Absurde Alltag sind. Sein Blick auf Arbeitsroutinen, Trivialitäten, Feierabendentspannung und Spaziergänge ist voller Zärtlichkeit geprägt. Der wiederholte Besuch im Krämerladen ist die schönste filmische Huldigung eines kleinen Alltagsrituals, die ich bislang sehen durfte.

25 THE DAMNED (Joseph Losey: UK 1963)
Wie eine Vorlage zu Kubricks DR. STRANGELOVE und A CLOCKWORK ORANGE, aber gewissermassen radikaler: was sind schon die Umtriebe eines selbstverliebten Straßenschlägers, wenn „respektable“ Militärs und Beamte kleine Kinder als Geiseln festhalten.

26 EVENT HORIZON (Paul W. S. Anderson: UK / USA 1997)
In Provokationslaune würde ich ihn den besseren ALIEN nennen.

27 SEIJU GAKUEN / SCHOOL OF THE HOLY BEAST (Suzuki Noribumi: Japan 1974)
Auch ein Dario Argento kann mal von einem japanischen Nunsploitation-Film inspiriert werden.

27 SNIPER (Luis Llosa: USA / Peru 1993)
Südamerikanischer Söldner-Actioner als intime Reise ins eigene Ich.

28 12 ANGRY MEN (William Friedkin: USA 1997)
Wo Sidney Lumet ein moralisches Lehrstück in Sachen gelebter Demokratie inszenierte, dreht William Friedkin einen Film über existentielle Verunsicherung, über die Erkenntnis, dass es im Leben keine Sicherheiten gibt – überhaupt keine. Das letzte Bild gehört konsequenterweise einem alten müden Mann, dem man zutrauen könnte, aus dem nächsten Fenster zu springen.

29 X312: FLUG ZUR HÖLLE (Jess Franco: Bundesrepublik Deutschland / Spanien 1971)
Oder wie ein „straighter“ Actionfilm von Jess Franco aussieht. Mehr von mir hier.

30 IT‘S A GIFT (Hugh Fray: USA 1923)
Der australische Stummfilmkomiker Snub Pollard startet mit einer Art Rip-Off von Buster Keatons THE SCARECROW: ein Haus voller platzsparender Gadgets, die nach dem Aufwachen das Leben erleichtern. Mit einem riesigen Magneten in der Hand hängt er sich in einem kleinen Gefährt sitzend dann auf der Straße an vorbeifahrenden Autos heran, und fliegt dann irgendwann sogar weg (metaphorisch und wörtlich).

31 NOT WANTED (Elmer Clifton / Ida Lupino: USA 1949)
Unterdrückte Frauen holen sich das zurück, was ihnen gehört, die Erste. Mehr zu diesem seltenen Film hier in meinem Viennale-Festivalbericht.

32 TAGEBUCH EINER VERLORENEN (Georg Wilhelm Pabst: Deutschland/Weimarer Republik 1929)
Unterdrückte Frauen holen sich das zurück, was ihnen gehört, die Zweite. Vergewaltigt, verstoßen, verschmäht und in die Prostitution getrieben holt Louise Brooks aus, um ihren Peinigern ihre Heuchelei um die Ohren zu schlagen. Nebenbei enthält der Film eine Sequenz, die man wohl als Vorläufer von Women-in-Prison-Exploitation zählen kann. Und eine unvergessliche Louise Brooks (was alle mit der Dietrich haben?).

33 MS. 45 (Abel Ferrara: USA 1981)
Unterdrückte Frauen holen sich das zurück, was ihnen gehört, die Dritte. Und Gewalttätigste. Und Ambivalenteste. Diese schönen Rehaugen, dieser grausame, schweigsame Mund...

34 THE FROZEN NORTH (Buster Keaton, Edward F. Cline: USA 1922)
Mordlust und Lustmorde... Buster Keaton schleicht sich durch den surrealistischsten seiner Filme auf der Suche nach ein bisschen mehr „ultra-violence“. Hemmungslos raubt er Leute aus, vergewaltigt, mordet, nachdem er sich vorher noch mit ein paar Drogen (namentlich einem Schluck aus einer Cola-Flasche) aufgegeilt hat. Und verbeugt sich dabei auch noch vor dem Mann, den man zu hassen liebt.
Keaton hatte natürlich immer eine morbide Seite, eine Faszination für das Düstere (man denke nur an das ultrasarkastische Ende von COLLEGE oder das fatalistische Finale von COPS). Hier, in diesem filmischen Alptraum, diesem Strudel aus Irrsinn und Gewalt, den man unter Umständen auch als den ersten „Acid Western“ überhaupt bezeichnen könnte, finden Keatons morbide Fantasien ihren unvergesslichen, grausamen und schockierenden Höhepunkt.

35 HALLOWEEN III: SEASON OF THE WITCH (Tommy Lee Wallace: USA 1982)
Ein Film, der eindrücklich zeigt, dass kommerziell ausgeschlachtete Feste etwas Gruseliges haben – und bizarr aufgeräumte Suburbia-Siedlungen ebenso.

36 DOTTIE GETS SPANKED (Todd Haynes: USA 1993)
„Coney Island Baby“, der zärtlich-bittersüße Song aus dem gleichnamigen Album von Lou Reed, der von dem schmerzhaften Prozess des coming out erzählt, ist mir bei der Sichtung dieses Films eingefallen. Ein kleiner TV-Film über einen Jungen, der einfach nur mal seine liebste Fernsehmoderatorin kennen lernen möchte und dabei schon unfreiwillig Geschlechterrollen hinterfragt.

37 STEPFATHER, die Trilogie
THE STEPFATHER (Joseph Ruben: UK 1987)
STEPFATHER II (Jeff Burr: UK / USA 1989)
STEPFATHER III (Guy Magar: UK / USA 1992)
Nach der Sichtung aller drei Filme würde ich sie tatsächlich als Gesamtkunstwerk mit Einheitscharakter sehen, trotz Variationen. Jetzt, einige Wochen später, vermischen sich die Motive der drei Filme zu einer Einheit. Natürlich: der erste Teil zeigt einen Zustand, der zweite Teil eine Entwicklung und der dritte fasst alles noch einmal konzentriert zusammen. Ich habe sie weniger als wirkliche Slasherfilme denn viel eher als potentielles Sequel zu Nicholas Rays BIGGER THAN LIFE verstanden (falls Ed Avery am Ende seine Familie wirklich ermordet hätte). Ein großer, dreiteiliger Film über sekundäre Familientugenden, die nur dann einen Wert haben, wenn sie eine menschliche Basis haben (und ansonsten zum Alptraum werden).

38 UNSTOPPABLE (Tony Scott: USA 2010)
Zwei Typen retten den Tag, weil sie es tun können und es einfach tun müssen. Tony Scotts und Denzel Washingtons letzter großer „Sieg über das Unvermeidliche“.

39 LAS ACACIAS (Pablo Giorgelli: Argentinien / Spanien 2011)
Die Reise des Truckers Rubén, der alleinerziehenden Mutter Jacinta und ihrer kleinen Tochter Anahí ist ruhiger und weniger aufregend als Franks und Wills Zugreise, doch sie ist nicht weniger emotional. Am Schluss wird kein Tag gerettet (weil es keinen Bedarf gibt), aber doch der Keim einer potentiellen Freundschaft (und vielleicht mehr) gelegt.

40 THE BLOOD OF HEROES (David Webb Peoples: Australien / USA 1989)
Ein wunderschöner MAD-MAX-2-Ripoff. Trotz seiner leicht fernsehartigen Ästhetik (das Format 1.33:1 trägt ein wenig dazu bei) ist es ein wunderbar konzentrierter Film, der seinen Figuren (postapokalyptische Gladiatoren) erlaubt, sich vollkommen über ihre Handlungen zu definieren (und darauf verzichtet, die Regeln des Spiels zu erklären).

41 ČOVEK I ZVER (Edwin Zbonek: Jugoslawien / Bundesrepublik Deutschland 1963)
Mensch und Bestie, oder Kain und Abel durch die Brille der „Schwarzen Welle“. Mehr von mir dazu in meinem goEast-Festivalbericht.

42 THE KID BROTHER (Ted Wilde, J. A. Howe, Harold Lloyd, Lewis Milestone: USA 1927)
Am beeindruckendsten ist sicherlich die Lust und Selbstverständlichkeit, mit der besonders in den Außenszenen die Kamera bewegt wird. Siehe besonders die Kransequenz, als Harold immer höher an einem Baum hochklettert, um die eben getroffene junge Frau noch Sachen zuzurufen.

43 UND SOWAS NENNT SICH LEBEN (Géza von Radványi: Bundesrepublik Deutschland 1961)
Ein Becher voller Säure in das Gesicht von Papas Kino ein Jahr vor dem Oberhausener Manifest: voller Jugendlicher, die sich saufend, feiernd und vögelnd ins Leben stürzen und die von ihren Vätern, die dasselbe im Verborgenen machen, dafür heuchlerisch gerügt werden. 11 Jahre vor Michael Winners THE MECHANIC diese schockierende Szene, in der ein junger Mann in aller Seelenruhe dem Selbstmord seiner Freundin beiwohnt.

44 CHANGELING (Clint Eastwood: USA 2008)
Man ist doch von Fetzen aus den Boulevardmedien geprägt und so hätte ich nicht erwartet, dass Angelina Jolie eine so tolle Schauspielerin ist. Außerdem weiß ich nicht, was alle mit MYSTIC RIVER und GRAN TORINO haben...

45 HEREAFTER (Clint Eastwood: USA 2010)
...deshalb setze ich den jetzt auch auf die Liste. Ein Film, der in den Untiefen von New-Age-Kitsch fischen könnte, was Eastwood mit seiner klassischen, ruhigen, nüchternen und unsentimentalen Regie gekonnt verhindert.


Wiedersehen macht Freude


1 RIO BRAVO (Howard Hawks: USA 1959)
etwa 7., 8. oder vielleicht 9. Sichtung; zum ersten Mal seit mehreren Jahren
Faszinierend: ein Film, der in so vielerlei Hinsicht nicht funktionieren kann – und der dank Hawks‘ makelloser Inszenierung dennoch perfekt und absolut makellos ist, ohne dabei gezwungen zu sein. Grandiose Filmkunst!

2 HATARI! (Howard Hawks: USA 1962)
Sichtungszahl auch kurz vor zweistellig, noch ein Tick länger nicht mehr gesehen
Man muss schon ein absoluter Großmeister sein, um im Urlaub einfach mal so nebenbei ein Meisterwerk zu drehen. Bemerkenswert, wie mit Ausnahme vielleicht der letzten 10 Minuten der Film vollständig plotfrei ist. Da ist nur eine Handvoll Leute, die in der Safari arbeiten und sich Abends dann entspannen.

Bei (kontrafaktischen) Erstsichtungen in diesem Jahr wären die beiden Filme wohl direkt in der Top-10 meines Kanons gelandet. Ich muss mich mehr mit Hawks beschäftigen!

3 UNFORGIVEN (Clint Eastwood: USA 1992)
dritte oder vierte Sichtung, ich glaube nach über 10 Jahren Pause
Von den vier großen Eastwood-Westerns hatte ich zu diesem stets die größte Distanz und es nie geschafft, wirklich reinzufinden. Das ist mir jetzt endlich gelungen. Gehört nun definitiv zu meiner Eastwood-Top-10.

4 HELLRAISER (Clive Barker: UK 1987)
zweite Sichtung, erste vollständige Sichtung nach einer massakrierten Fassung im TV vor vielen Jahren (noch in der Schulzeit)
Auf solche Weise hat Ingmar Bergman niemals Entfremdung in der Ehe inszeniert.

5 LE JOUR SE LÈVE (Marcel Carné: Frankreich 1939)
zweite Sichtung nach einer unerfreulichen Erstsichtung Anfang 2013...
...wo ich den Film als bestenfalls mittelmäßig bezeichnet hätte, besonders im Vergleich zu LE QUAI DES BRUMES. Beängstigend, wie sehr Tagesform offenbar die Filmrezeption beeinflussen kann.


(Keine) Retrospektiven (fertig)


Ich habe es dieses Jahr nicht geschafft, abgesehen von einem Grenzfall, eine richtige abgeschlossene oder bestenfalls substantielle Retrospektive zu organisieren.

Kubrick von A bis Z
Der von einem guten Freund (meinem Gastgeber bei der Viennale) inspirierte Plan, mir alle Filme von Stanley Kubrick in kurzer Zeit anzuschauen und dabei auch Lücken (SPARTACUS, EYES WIDE SHUT) zu schließen, versandete komplett – bis auf eine Neusichtung von 2001: A SPACE ODYSSEY, die aufgrund meiner spätabendlichen Müdigkeit eher unglücklich verlief. Ein Projekt, das nun vielleicht 2016 doch noch aufgegriffen wird.

Paul W. S. - Der große Ästhet unter den Andersons
Paul W. S. Anderson ist so etwas wie der Prügelknabe für Leute, die mal einen Prügelknabenersatz für Michael Bay brauchen – meiner Meinung nach aber tatsächlich wesentlich interessanter als seine Namensvetter Paul Thomas oder Wes. Nach der Entdeckung von POMPEII im letzten Jahr wollte ich dieses Jahr tiefer in das Werk des vielgeschmähten Briten eintauchen. Doch auch hier versandete der Plan einer umfassenden Retrospektive, zumal ohne die RESIDENT EVIL-Filme (deren letzten beiden Beiträge wohl auf singuläre Weise abstrakt-expressionistische Tableaus erschaffen und dem Mainstream-Kino Experimentelles einhauchen).

gesehen (in Präferenz-Reihenfolge):
EVENT HORIZON
THE THREE MUSKETEERS
AVP: ALIEN VS. PREDATOR
DEATH RACE

Unersättliche Gier nach neuen Bildern: Orson Welles
Anlässlich des 100. Geburtstag Welles‘ und auch aufgrund der guten Erinnerung an Manfreds Artikel zu TOO MUCH JOHNSON begann ich eine kleine Retrospektive zum Regiewerk des Hollywood-Außenseiters... und blieb leider auf der Mitte des Wegs stecken. Denn was ist schon eine Welles-Retrospektive ohne THE MAGNIFICENT AMBERSONS und MACBETH. Und einer Neusichtung von CITIZEN KANE oder THE LADY FROM SHANGHAI.

gesehen (in Präferenz-Reihenfolge):
F FOR FAKE
OTHELLO
UNE HISTOIRE IMMORTELLE
TOUCH OF EVIL (zweite Sichtung)
FILMING OTHELLO
THE FOUNTAIN OF YOUTH
CHIMES AT MIDNIGHT

auteur down under: George Miller
Nach der Sichtung von MAD MAX: FURY ROAD im Kino wollte ich unbedingt die ersten drei Filme um Max Rockatansky nachholen. Und spätestens nach MAD MAX 2 alles verschlingen, was George Miller sonst noch gedreht hat. Was mir zumindest halbwegs gelungen ist, auch wenn ich TWILIGHT ZONE, HAPPY FEET 2 und die Doku zum australischen Film noch vermisse...

gesehen (in Präferenz-Reihenfolge):
MAD MAX 2 (2 Sichtungen)
LORENZO‘S OIL
MAD MAX: FURY ROAD (2 Sichtungen)
BABE: PIG IN THE CITY
MAD MAX (2 Sichtungen)
HAPPY FEET
MAD MAX BEYOND THUNDERDOME (2 Sichtungen)

Mehr Überlegungen von mir zu George Miller in meiner Besprechung von BABE: PIG IN THE CITY hier.

Double Features, 2015 ausprobiert und für gut befunden


Die Sleaze-Safari
NANA (Mac Ahlberg: Schweden / Frankreich 1970)
EVA NERA (Joe D‘Amato: Italien 1976)

Räuber und Gendarmen
MURDER BY CONTRACT (Irving Lerner: USA 1958)
HUSTLE (Robert Aldrich: USA 1975)

Familienzoff und andere Heiterkeiten (kuratiert von arte)
GRUPPO DI FAMIGLIA IN UN INTERNO (Luchino Visconti: Italien / Frankreich 1974)
GO GO TALES (Abel Ferrara: Italien / USA 2007)

Tod im Nirgendwo
GERRY (Gus Van Sant: USA / Argentinien / Jordanien 2002)
DARK STAR (John Carpenter: USA 1974)

noir, plus noir, le plus noir (zu empfehlen im Sommer bei mindestens 35 Grad)
LE QUAI DES BRUMES (Marcel Carné: Frankreich 1938)
BODY HEAT (Lawrence Kasdan: USA 1981)

down under postapokalyptisch
THE BLOOD OF HEROES (David Webb Peoples: Australien / USA 1989)
MAD MAX BEYOND THUNDERDOME (George Miller, George Ogilvie: Australien 1985)

Proletarisch den Tag retten
UNSTOPPABLE (Tony Scott: USA 2010)
BEVERLY HILLS COP (Martin Brest: USA 1984)

So, genug zurückgeblickt! 2016 wird ein spannendes Filmjahr. Und falls nicht, gibt es immer noch 120 Jahre Kinogeschichte zu erforschen...