Freitag, 31. März 2017

Von irischen Frauen und ihren Männern

Zwei Filme von Desmond Davis nach Vorlagen von Edna O'Brien

Weiß zufällig jemand, wann die letzte öffentliche Bücherverbrennung durch die katholische Kirche stattfand? Ich weiß es nicht, aber 1960 kam es jedenfalls im an sich beschaulichen westlichen Irland zu solch einem unrühmlichen Vorgang: Der Dorfpfarrer von Edna O'Briens Heimatgemeinde verbrannte öffentlich drei Exemplare ihres Debütromans The Country Girls. Der Roman wurde auch von der irischen Zensur verboten, ebenso wie ihre nächsten sechs Romane. Es war aber auch zu unerhört, was sie den Lesern da auftischte: Sex von unverheirateten jungen Frauen und herbe Kritik an der Kirche und am Patriarchat.

Die Protagonistinnen der beiden Filme
Die 1930 geborene Edna O'Brien, zunächst Apothekerin, hatte 1954 gegen den Willen ihrer Eltern den 16 Jahre älteren Schriftsteller Ernest Gébler geheiratet, mit dem sie 1959 nach London zog, um der irischen Enge zu entfliehen (1964 ließ sie sich scheiden, die Ehe mit Gébler war für sie letztlich auch ein Gefängnis). In London schrieb sie 1960 für ein Honorar von 25 Pfund in drei Wochen ihren ersten Roman, der in London, New York und anderen weniger rückständigen Gebieten der englischsprachigen Welt als Irland ziemlich einschlug und bald auch in diverse Sprachen übersetzt wurde (1961 auf Deutsch). The Country Girls bildet zusammen mit den nächsten beiden Romanen The Lonely Girl (1962, später als Girl with Green Eyes wiederveröffentlicht) und Girls in Their Married Bliss (1964) die Country Girls Trilogy. Die Trilogie ist stark autobiografisch - wie ihre Heldinnen Caithleen "Kate" Brady und Bridget "Baba" Brennan hatte O'Brien ein repressives katholisches Internat besucht, wie Kate litt sie unter einem nichtsnutzigen Trunkenbold als Vater, wie Kate hatte sie eine problematische Beziehung zu einem älteren Mann (Gébler), der ihr zunächst intellektuell (oder zumindest an Weltläufigkeit) überlegen war. GIRL WITH GREEN EYES, der eine der beiden Filme, um die es hier geht, ist die Verfilmung des mittleren Teils der Trilogie, und Edna O'Brien lieferte nicht nur die Vorlage, sondern sie schrieb auch das Drehbuch. - Längst hat es sich auch in Irland herumgesprochen, dass die mittlerweile 86-jährige O'Brien zu den bedeutenden Literaten des Landes gehört, und seit der Jahrtausendwende hat sie einige größere Ehrungen und Auszeichnungen in ihrer Heimat empfangen. Spät, aber doch.

GIRL WITH GREEN EYES - Freundinnen: Kate und Baba
Der 1926 in London geborene Desmond Davis errang 1981 mit CLASH OF THE TITANS seinen mit Abstand größten Erfolg als Regisseur. Das Griechische-Götter-Spektakel mit Laurence Olivier als Zeus, Claire Bloom, Maggie Smith und Ursula Andress als Göttinnen und Harry Hamlin als jung-dynamischer Perseus (und zugleich Ray Harryhausens Schwanengesang) ließ die Kasse kräftig klingeln. Der Erfolg von CLASH OF THE TITANS sei ihm natürlich gegönnt, er verdeckt aber ein bisschen die Tatsache, dass Desmond Davis auch ein (zu) wenig bekannter Vertreter der British New Wave ist. Bei diesem Begriff denkt man normalerweise an Tony Richardson, Karel Reisz, Lindsay Anderson, vielleicht noch an John Schlesinger, aber kaum an Desmond Davis. Und das ist schade, denn die beiden hier besprochenen Filme sind einen Blick wert. (Vielleicht gilt das auch für THE UNCLE (1965), SMASHING TIME (1967) und A NICE GIRL LIKE ME (1969), seine weiteren Spielfilme aus den 60er Jahren, aber die kenne ich nicht.)

GIRL WITH GREEN EYES - neue Bekanntschaft
Davis hatte sich sozusagen von der Pike hochgedient, bevor er 1963 mit GIRL WITH GREEN EYES seine erste Regiearbeit übernahm: Vom clapper boy in den 40er Jahren zum zweiten und ersten Kameraassistenten (focus puller und camera operator) in den 50er und frühen 60er Jahren. In letzterer Position arbeitete Davis u.a. bei A TASTE OF HONEY, THE LONELINESS OF THE LONG DISTANCE RUNNER und TOM JONES, alle von Tony Richardson inszeniert. Davis war also 1963 kein Quereinsteiger in die British New Wave, die damals ja schon ungefähr ein halbes Jahrzehnt alt war (oder ein ganzes, wenn man die Dokumentarfilme des Free Cinema mitzählt), sondern er war schon einige Jahre dabei. Und Tony Richardson, der Executive Producer von GIRL WITH GREEN EYES, wusste, mit wem er es zu tun hatte, als die von ihm (gemeinsam mit John Osborne und Harry Saltzman) gegründete Woodfall Film Productions Davis mit seiner ersten Regie betraute. Nachdem er in den 60er Jahren fünf Kinofilme inszeniert hatte, arbeitete Davis in den 70ern ausschließlich für das Fernsehen, um dann mit CLASH OF THE TITANS zur großen Leinwand zurückzukehren - doch nur, um danach wiederum fast nur noch Fernsehfilme zu drehen. Einzige Ausnahme ist die Agatha-Christie-Verfilmung ORDEAL BY INNOCENCE von 1984 mit Donald Sutherland und Faye Dunaway. Im selben Jahr drehte Davis mit THE COUNTRY GIRLS auch eine Fernsehfassung des ersten Teils der Trilogie. Auch hier lieferte Edna O'Brien nicht nur die Romanvorlage, sondern schrieb auch das Drehbuch. - Nun aber endlich zu den Filmen!



GIRL WITH GREEN EYES (DAS MÄDCHEN MIT DEN GRÜNEN AUGEN, auch DIE ERSTE NACHT)
Großbritannien 1964
Regie: Desmond Davis
Darsteller: Rita Tushingham (Kate), Peter Finch (Eugene Gaillard), Lynn Redgrave (Baba), Maire Kean (Josie), Arthur O'Sullivan (Kates Vater), Joe Lynch (Onkel Andy), Liselotte Goettinger (Joanna), Julian Glover (Malachi Sullivan), Yolande Turner (Mary Maguire), T.P. McKenna (Pfarrer)

GIRL WITH GREEN EYES - weltmännisch: Eugene Gaillard
Die beiden Freundinnen Kate und Baba leben als junge Frauen in Dublin. Sie stammen aus demselben Ort im westlichen Irland und hatten zusammen eine Klosterschule besucht, bis sie durch einen bösen Streich, den sie den Nonnen spielten, ihren Rauswurf provozierten. Das und ihre erste Zeit in Dublin bildet den Inhalt des ersten Teils der Romantrilogie, im Film wird diese Vorgeschichte aber nur nebenbei erwähnt. Nun wohnen sie also zusammen in der Hauptstadt in der Pension der mütterlichen Joanna, die wohl (ebenso wie ihre Darstellerin Liselotte Goettinger) geborene Österreicherin ist. Die bodenständige Baba arbeitet als Sekretärin und interessiert sich hauptsächlich für ihre Freizeitgestaltung. Kate, die als Verkäuferin in einem Tante-Emma-Laden arbeitet, ist zwar auch kein Kind von Traurigkeit, aber etwas romantischer veranlagt, und sie tut etwas für ihre Weiterbildung, indem sie regelmäßig eine Bücherei aufsucht und anspruchsvolle Literatur liest. Die beiden früheren Landeier schlagen in der (vergleichsweise) großen Stadt nicht über die Stränge, und Dublin ist nicht das Swingin' London, aber die Umbrüche der 60er Jahre machen sich auch hier schon bemerkbar.

GIRL WITH GREEN EYES - Arbeit und Freizeit in Dublin in den 60er Jahren
Bei einem Ausflug in die weitere Umgebung lernen die beiden den gut betuchten Eugene Gaillard kennen, der ungefähr so alt ist wie sie beide zusammen, und der allein ein Landhaus bewohnt und nur von der vierschrötigen Haushälterin Josie mit Essen (und Dorfklatsch) versorgt wird. Gaillard, Sohn einer Irin und eines Ungarn, ist viel herumgekommen in der Welt, und jetzt schreibt und übersetzt er Bücher. Mit seiner selbstsicheren Art macht er großen Eindruck auf Kate und Baba, die ihrerseits versuchen, ihn zu beeindrucken und für sich zu interessieren. Das geht nicht ohne Missgeschicke: Als Eugene zu Kaffee und Kuchen bei Kate, Baba und Joanna eingeladen ist, fällt Kate, die sich besonders lässig geben will, die Zigarette in den Ausschnitt, und Baba muss mit einem Krug Wasser löschen. Aber der peinliche Lapsus hat keine negativen Folgen - Kate, die sich letztlich mehr für Gaillard interessiert als Baba, kann ihn mit ihrer offenen und lebhaften Art durchaus beeindrucken, und es entwickelt sich eine zunächst platonische Freundschaft. Es ist klar, dass Kate auf mehr zusteuert, aber Eugene hält noch eine gewisse Distanz, weil er vor einer emotionalen Bindung zurückscheut, wie er ihr offen sagt. Immerhin schläft sie bald bei ihm, sogar im selben Bett, aber noch nicht mit ihm. Einen ersten Rückschlag erleidet sie, als sie nebenbei - und nicht von ihm selbst - erfährt, dass er verheiratet ist. Seine Frau lebt seit einiger Zeit in den USA, wo sie im Scheidungsparadies Reno die Scheidung einreichen will (im damaligen Irland gab es bekanntlich keine Scheidung). Doch es wird deutlich, dass sich Eugene emotional noch nicht ganz von seiner Noch-Frau abgenabelt hat, und etwas später erfährt Kate ebenso nebenbei, dass die beiden auch eine gemeinsame Tochter haben, die sich bei der Mutter in den USA befindet.

GIRL WITH GREEN EYES - Booze and religion: Lebenselixiere der irischen Landfamilie
Nachdem so die Beziehung zwischen Kate und Eugene etwas stagniert und in der Schwebe ist, erscheinen eines Tages Kates Vater und ihr Onkel angetrunken an ihrem Arbeitsplatz, dem Tante-Emma-Laden. Sie wurden durch einen anonymen Brief über ihr "unzüchtiges Treiben" mit einem verheirateten Mann informiert, und nun wird Kate vor erstaunten Kunden harsch abgekanzelt und gegen ihren Willen zur sofortigen Rückkehr ins Heimatdorf gezwungen. Weniger überrascht wirkt Kates ältliche Chefin, die Ladenbesitzerin - wer weiß, vielleicht hat sie selbst den Brief geschrieben. Im heimatlichen Dorf macht Kates Tante ihr weitere moralinsaure Vorhaltungen wegen ihres "ehebrecherischen" Verhältnisses. Als Kate zaghaft erwidert, dass sich Eugene ja scheiden lasse, bekommt sie an den Kopf geworfen, dass Scheidung schlimmer als Mord sei. Und als ob das noch nicht reichen würde, erscheint nach einigen Tagen auch noch der Pfarrer (ob sich wohl der Bücherverbrenner in ihm wiedererkannt hat, falls er je den Film sah?), bleut ihr ein, dass sie wegen des Ehebruchs im Zustand der Todsünde lebe, und er verlangt ihren Eid, dass sie Eugene niemals wiedersehen wird. Doch damit hat er das Fass zum Überlaufen gebracht, und er erreicht genau das Gegenteil von dem, was er wollte. Mit einem Wutschrei nimmt sie die Beine in die Hand, rennt zum nächsten Bahnhof und fährt zurück nach Dublin. Nach einem Zwischenstopp bei Baba erscheint sie bei Eugene, der schon vom Eklat im Laden gehört hat, und der jetzt gar nicht anders kann, als sie bei sich aufzunehmen. Doch damit ist die Sache noch nicht ausgestanden. Nach einigen Tagen tauchen Kates Vater und Onkel und einige weitere Männer aus dem Dorf in höchst aggressiver Stimmung auf und verschaffen sich Eintritt im Landhaus. Während sich Kate vor Angst versteckt, versucht Eugene, die Invasoren abzuwimmeln, doch er kommt nicht weit. Einer streckt ihn mit einem Faustschlag nieder, und nun wollen sich alle gemeinsam auf ihn stürzen. Das könnte böse enden, wenn nicht im letzten Moment Josie mit einer Schrotflinte erscheinen würde. Mitten im Wohnzimmer gibt sie einen Warnschuss ab und schlägt damit den Mob in die Flucht. In einem Irland-Film von John Ford würde das eine komische Szene abgeben, aber hier ist es nicht sehr zum Lachen.

GIRL WITH GREEN EYES - Josie hat ein zweiläufiges Argument
Der gerade noch vereitelte Überfall fungiert nun als eine Art Katalysator - Kate und Eugene schlafen zum ersten Mal miteinander, und am nächsten Tag feiern sie in Dublin eine Art inoffizielle Hochzeit mit einem Austausch von Ringen - in Wirklichkeit ist Eugene ja immer noch verheiratet. Es folgt nun zunächst eine unbeschwerte Zeit ohne weitere Einmischung von Verwandten und sonstigen "besorgten Bürgern". Doch im Alltag bekommt die Beziehung schnell Risse. Kate hält trotz ihrer Erfahrungen mit Nonnen und Priestern am Katholizismus fest und will sogar regelmäßig die Messe besuchen, weil ihr sonst etwas fehlt. Eugene, der in Bezug auf Religion mindestens ein Skeptiker, wenn nicht gar überzeugter Atheist ist (auch wenn er das so explizit nicht sagt), bringt dafür wenig Sympathie auf. Ein weiterer Graben entsteht, als Eugenes englischer Freund Malachi Sullivan und die gemeinsame Bekannte Mary ihn im Landhaus besuchen. Kates Bemühungen um Bildung waren durchaus erfolgreich - als etwa Eugene einmal eine Zeile von James Joyce zitiert, erkennt sie den Autor auf Anhieb. Doch gegen die forciert geistreiche Konversation der Gäste kommt sie dann doch nicht an, und der vordergründig joviale Malachi lässt sie wohl auch bewusst auflaufen. Dass Mary eine Freundin von Eugenes Noch-Frau ist, stärkt Kates Position bei ihr auch nicht gerade. Und Eugene steht ihr nicht etwa bei oder wirft die Freunde hinaus, sondern er beteiligt sich an der Konversation, so dass sich Kate schließlich gekränkt zurückzieht. Danach konstatiert Eugene wieder einmal einen ihrer "Gefühlszustände" (emotional states), wie er das sarkastisch und wenig einfühlsam nennt, und er sagt ihr ganz unverblümt, dass er sich für sie nicht neu erfinden und den Simpel spielen werde.

GIRL WITH GREEN EYES - der Herr Pfarrer weiß über die Todsünden bescheid
Zum Bruch kommt es, als Eugenes Frau ihm eine Einladung in die USA samt Flugticket schickt, um die weitere Entwicklung zu besprechen. Der Brief enthält auch abfällige Bemerkungen über Kate, offenbar haben also Malachi oder Mary über die Situation Bericht erstattet. Eugene hat Kate nichts von der Einladung gesagt, und er hat sich noch nicht entschieden, ob er sie annimmt, doch Kate hat eigenmächtig den Brief geöffnet und so alles erfahren. Es kommt nun also zum offenen Streit, und Kate geht erst mal zurück in die Pension zu Baba. Eigentlich nur für ein paar Tage, wie sie meint. Doch Baba hat sich inzwischen entschlossen, nach London zu ziehen, und sie fordert Kate zum Mitkommen auf. Kate sagt halbherzig zu - eigentlich hofft und erwartet sie, dass Eugene sie zur Rückkehr ins Landhaus auffordert, was sie freudig annehmen würde. Doch es kommt nichts von ihm, und als sie deshalb sogar Baba zu Eugene schickt, bringt sie nur dessen Meinung, dass es so wohl am besten sei. Damit sind die Würfel gefallen. Kate und Baba verabschieden sich an einem Pier von Joanna und ein oder zwei Freunden - Eugene ist nicht da - und besteigen die Fähre nach England. Die letzten zwei Minuten zeigen Kate in London, wo sie als Verkäuferin in einem Buchladen arbeitet, und ihr Voice-over berichtet von ihrer Situation: Ein Brief von Eugene mit ein paar allgemeinen Floskeln, danach seit Monaten keine Nachricht mehr von ihm; Weiterbildung in der Abendschule; neue Freunde und Bekannte, neue Männer. Der Film hat seine gut 90 Minuten absolviert und ist hier zu Ende. Der letzte Teil der Romantrilogie behandelt Kates und Babas Abenteuer in London, wo beide heiraten werden, wie der Titel Girls in Their Married Bliss schon andeutet. Aber das ist Stoff für einen anderen Film (den bisher noch keiner gedreht hat).

GIRL WITH GREEN EYES - Dublin ade, London, wir kommen!
Desmond Davis lieferte mit seinem ersten Film eine souveräne Leistung ab, wobei er sich auf seine vorzüglichen Darsteller stützen konnte, allen voran Rita Tushingham, die mit ihren Hauptrollen in A TASTE OF HONEY und THE KNACK ...AND HOW TO GET IT eines der Gesichter der British New Wave schlechthin war und ist. Mit ihrem gleichermaßen sensiblen und dynamischen Spiel ist sie die Idealbesetzung für Kate, und der jederzeit souveräne Peter Finch steht ihr nicht nach. Zwar steht die letztlich problematische Beziehung zwischen Kate und Eugene im Vordergrund des Films, aber das Drehbuch und die detailfreudige Regie gewähren auch Einblicke in viele Facetten des irischen Lebens in den frühen 60er Jahren - und nicht alle davon sind erfreulich. - Über den sozialen und politischen Gehalt der englischen kitchen sink films wird manchmal vergessen, dass sich viele davon auch durch vorzügliche Kameraarbeit auszeichnen, und das gilt auch für GIRL WITH GREEN EYES. Davis, der bisherige camera operator, und sein Kameramann Manny Wynn zeigen, dass es dafür nicht immer so bekannte Leute wie Walter Lassally oder Freddie Francis an der Kamera brauchte (die einige Klassiker der New Wave filmten). Es wurde viel vor Ort gedreht, schöne Aufnahmen irischer Landschaft (die nie in Postkartenklischees abgleiten) gibt es ebenso wie reichlich Aufnahmen auf den Straßen Dublins (ein- oder zweimal mit Handkamera, die Kate folgt und sie umkreist). Das Wellington Monument wird in Szene gesetzt, indem dort Baba mit schallender Stimme einen leicht abgewandelten Shakespeare deklamiert: "Mitbürger! Freunde! Römer! Hört mich an: Begraben will ich Eugene, nicht ihn preisen." Das alles fügt sich zu einem sehr erfreulichen Film zusammen, der mehr Bekanntheit verdient hätte.



I WAS HAPPY HERE (HIER WAR ICH GLÜCKLICH)
Großbritannien 1966
Regie: Desmond Davis
Darsteller: Sarah Miles (Cass), Julian Glover (Matthew Langdon), Sean Caffrey (Colin), Cyril Cusack (Hogan), Maire Kean (Barfrau im Dorfpub), Eve Belton (Kate), Cardew Robinson (Totengräber)

I WAS HAPPY HERE - Hogan legt Patiencen und unterhält sich mit Cass
Vorlage für I WAS HAPPY HERE ist Edna O'Briens Kurzgeschichte A Woman by the Seaside, und wieder schrieb sie selbst das Drehbuch, diesmal unter Mitwirkung von Desmond Davis. Schauplatz ist ein verschlafenes Fischerdorf von kaum mehr als 400 Einwohnern an der irischen Westküste, in der Grafschaft Clare (aus der auch Kate und Baba sowie in der Realität Edna O'Brien stammen). In einem kleinen Hotel, das zu dieser Zeit ansonsten menschenleer ist, sitzen am Abend nach Weihnachten die melancholische Cass - vollständig Cassandra - und Hogan, der ruhige, altersweise Besitzer des Hotels, an der gemütlichen Bar und unterhalten sich. Cass ist die Frau, die hier einst glücklich war, in unbeschwerten Tagen vor rund einem halben Jahrzehnt, als sie Hogans Angestellte im Hotel war. Jetzt ist sie ihrem Mann in London davongelaufen und in ihren Heimatort zurückgekehrt, und sie bricht nun vom Hotel zu einer abendlichen Wanderung auf, um Colin zu treffen, ihre erste und große Liebe von damals. Kurz danach erscheint ihr Mann Matthew im Hotel, um sie aufzutreiben und zurückzuholen. Er ist Arzt und ein unfreundlicher, blasierter Schnösel - Julian Glover, der schon in GIRL WITH GREEN EYES mit Malachi Sullivan einen ähnlichen Typen spielte, setzt hier noch einen drauf. Als er Cass nicht in ihrem Hotelzimmer vorfindet und wütend schon mal ihren Koffer zusammenpackt, veräppelt ihn Hogan, indem er Sir Walter Scott zitiert: "Daring in love, dauntless in war". Worauf Langdon noch wütender mit Nietzsche antwortet: "Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!" Mit seiner Ankunft sind jetzt alle wesentlichen Protagonisten versammelt, und die Handlung spielt sich nun im weiteren Verlauf dieser Nacht im Umkreis von höchstens ein paar hundert Metern ab. Parallel dazu wird in einer ganzen Reihe von kurzen, fragmentarischen und nichtchronologischen Rückblenden Cass' Geschichte der letzten paar Jahre erzählt. Ich werde die Geschehnisse hier chronologisch wiedergeben.

I WAS HAPPY HERE - frisch verliebtes Paar
Damals waren sie also ein frisch verliebtes Paar, Cass und der kernige Fischer Colin. Doch auf Dauer sieht Cass in dem verschlafenen Nest keine Perspektive für sich, und so geht sie nach London, in der Erwartung, dass Colin bald nachkommen würde. Ihr Leben besteht jetzt aus einem Job als Tankwart und aus Warten auf Colin. Doch der kommt nicht, stattdessen schreibt er ihr schließlich, dass er als Seemann angeheuert hat und auf große Fahrt geht. So lebt sie nun isoliert und ziellos in den Tag hinein, bis eines Tages Matthew mit seinem Cabrio an der Tankstelle aufkreuzt und sie ihm Benzin gibt, obwohl eigentlich schon geschlossen ist. Wenig später begegnen sie sich zufällig in einem Pub. Matthew baggert sie an, und sie lässt sich darauf ein, um der Einsamkeit zu entfliehen. Aber schnell wird ihr klar, dass das eigentlich nichts werden kann. Matthew gibt sich großspurig, ist aber eigentlich ein unsicherer Charakter, und er leidet unter einem Standesdünkel. Seinen Freunden, die wohl auch Ärzte sind oder zumindest aus derselben Gesellschaftsschicht stammen wie er, stellt er Cass als die zukünftige Rezeptionistin der Praxis vor, die er (mit dem Geld seines Vaters) bald eröffnen wird - eine Freundin, die an der Tankstelle arbeitet, ist eine Peinlichkeit, die es zu verheimlichen gilt. Cass registriert das durchaus und will die Beziehung schon beenden, aber mit Geschenken und schönen Worten kriegt er sie noch einmal herum. Und dann wird Cass schwanger, und es wird geheiratet. Doch Matthews Leidenschaft ist nach der Hochzeit schnell erloschen, und als er seine Zeit als Assistenzarzt im Krankenhaus beendet hat und seine Praxis im gutbürgerlichen Wimbledon eröffnet, versinkt die Ehe vollends in Routine und Konventionen.

I WAS HAPPY HERE - Cass' Männer, Colin (links) und Matthew
Ein weiterer Sargnagel für die Beziehung ist es, als die schwangere Cass von einem anfahrenden Bus stürzt, beinahe überfahren wird und dabei das Kind verliert. Als sie nach Wochen aus dem Krankenhaus entlassen wird und das Grab des Ungeborenen besucht, erfährt sie vom Totengräber, dass bei der Beisetzung niemand - also auch nicht Matthew - anwesend war. So lebt sie nun einige Jahre in ihrer unglücklichen Ehe, und bei einem Weihnachtsdinner zu zweit im Nobelrestaurant, das von Anfang an in frostiger Atmosphäre stattgefunden hat, kommt es zum offenen Streit. Matthew wirft Cass an den Kopf, dass sie doch zu ihren rückständigen Leuten nach Irland zurückgehen soll - und zu seiner Verblüffung nimmt sie ihn augenblicklich beim Wort, steht auf und verschwindet. Er braucht wohl einige Zeit, um sich aus seiner Schockstarre zu lösen, so dass sie mit einigen Stunden Vorsprung im Fischerdorf erscheint.

I WAS HAPPY HERE - O'Brien Tower
Und dann taucht also auch Matthew hier auf. Cass ist inzwischen mit Colin zusammengetroffen, der nach dem Tod seines Vaters wieder im Nachbardorf lebt, und der es mit seinem Erbe und mit staatlicher Beihilfe wieder mit der Fischerei versuchen will. Die beiden verziehen sich in Colins Hütte und kommen sich näher, und vielleicht würden sie miteinander schlafen, obwohl Cass nervös und angespannt ist und Colin wegen Cass' Ehe Vorbehalte hat. Doch dann erscheint ein von Hogan geschickter Junge mit der Nachricht von Matthews Ankunft, und bei beiden bricht fast schon Panik aus. Matthew, der durch einen Zettel von Cass' Verabredung mit Colin erfahren hat, hat sich unterdessen auf die Suche nach den beiden gemacht, und im Dorfpub erhält er Colins Adresse. Als er in Colins Nachbarschaft erscheint, verlassen Cass und Colin fluchtartig die Hütte und verziehen sich in die Dünen zum Dorffriedhof. Dort herrscht nun auch zwischen den beiden schlechte Stimmung - Colin wirft Cass vor, dass sie ihn in diese Geschichte hineingezogen hat, und dass es ja schließlich ihre Entscheidung war, Matthew zu heiraten. Außerdem eröffnet er ihr, dass er verlobt ist, so dass es die von Cass erhoffte gemeinsame Zukunft ohnehin nicht geben würde. Matthew ist mittlerweile in Colins Hütte eingedrungen, findet sie aber leer vor. Er bedient sich an Colins Whisky und wartet erst mal, aber dann kommt Colins Verlobte Kate herein, die von der ganzen Geschichte um Cass keine Ahnung hat. Sie ist freundlich zu dem ihr völlig fremden Matthew, aber der fühlt sich nun unbehaglich und verschwindet, ohne Kate viel zu erzählen. Währenddessen hat Cass Colin die unerquicklichen Details ihrer Ehe sowie die Sache mit dem verlorenen Kind erzählt. Er bringt jetzt wieder etwas mehr Verständnis für sie auf, es ist aber trotzdem klar, dass ihre alte Beziehung längst tot ist und es keine Neuauflage geben wird. Schließlich kehrt Colin zu seiner Hütte zurück, während Cass in den Dünen bleibt.

I WAS HAPPY HERE - abendliche Verabredung
Und da erscheint dann bald Matthew, und es folgt Aussprache Numero zwei. Cass sagt nun Matthew, was sie bisher immer heruntergeschluckt oder vor sich hergeschoben hat - dass sie ihn nie geliebt hat und in der Ehe immer unglücklich war. Matthew hat wenig zu erwidern. Widerstrebend schluckt er die für ihn neuen Wahrheiten über sich und Cass, aber er schluckt sie. Auch er zieht schließlich ab und verlässt das Dorf. Es wird wohl bald eine Scheidung geben (in England im Gegensatz zu Irland kein größeres Problem). Am Ende ist Cass wieder am Hotel und unterhält sich kurz mit Hogan, der auf sie gewartet hat. Sie bleibt dann noch etwas im Freien. Sie hat sowohl mit Colin als auch mit Matthew gebrochen und ist damit an einem vorläufigen Endpunkt angekommen. Es ist aber auch der Druck und die Spannung von ihr abgefallen. Irgendwie kann es weitergehen.

I WAS HAPPY HERE - Einsamkeit in London, unten ein trostloses Grab für ein ungeborenes Kind
Im Vergleich zu GIRL WITH GREEN EYES ist I WAS HAPPY HERE der dunklere und melancholischere Film. Während Kate trotz aller Rückschläge immer nach vorne schauen kann, hat Cass einen Teil ihrer Zukunft schon hinter sich. Auch visuell ist I WAS HAPPY HERE dunkler, denn das Geschehen in der Hauptzeitebene spielt zum größten Teil in der Nacht. Allerdings sind diese Aufnahmen heller, als es realistischerweise in einer Winternacht der Fall wäre, so dass man immer genug erkennen kann, und es gibt auch noch genug Tageslicht zu sehen. Auch hier war Manny Wynn an der Kamera, und auch hier liefern er und Desmond Davis vorzügliche Arbeit ab. Etwa in einer mehrminütigen wortlosen Montagesequenz, die Cass' Fröhlichkeit und Ausgelassenheit in ihrer ersten Zeit mit Colin dokumentiert. Teil dieser Sequenz sind auch einige kurz eingeblendete Filmplakate, und hier leistet sich Davis einen kleinen selbstreferenziellen Schlenker, indem er auch Peter Finch und Rita Tushingham zeigt - allerdings nicht in GIRL WITH GREEN EYES, sondern es handelt sich um Plakate von THE SINS OF RACHEL CADE und A TASTE OF HONEY. Keine Selbstverliebtheit der Drehbuchautorin ist es hingegen, dass der Dorfpub "O'Brien" heißt. Vielmehr waren echte O'Briens schon lange in der Gegend ansässig und stellten zeitweise den Lokaladel. Der Überrest der im Film zu sehenden Ruine von Dough Castle heißt tatsächlich O'Brien Tower (heute kann man hier Golf spielen), und in der Nähe gab es ein O'Brien's Castle, von dem aber nichts mehr übrig ist.

I WAS HAPPY HERE - das finale Weihnachtsdinner
Das London, das man in I WAS HAPPY HERE zu sehen bekommt, hat nichts mit dem Swingin' London zu tun, das damals gerade in voller Blüte stand. Eher ist es ein abweisender Moloch, atmosphärisch verwandt vielleicht mit dem London aus Polanskis REPULSION. Aber während es dort wenigstens noch einen jazzigen Score gibt, bekommen Cass und die Zuseher bei Davis hauptsächlich Straßenlärm und Presslufthammer zu hören. Definitiv kein Ort zum Glücklichsein. - Auch I WAS HAPPY HERE kann sich auf überzeugende Darsteller stützen. Die zersplitterte Zeitstruktur, die bei manchen Filmen aufgesetzt oder sogar nervtötend wirken kann, funktioniert hier für mich bestens. Wie GIRL WITH GREEN EYES ist auch I WAS HAPPY HERE ein sehr sehenswerter Film. Er gewann 1966 beim Filmfestival von San Sebastian drei Preise, wurde aber außerhalb von England und Irland trotzdem nicht sehr bekannt. - Beide Filme von Desmond Davis sind in den USA auf DVD erschienen, nicht aber in England (was mich etwas wundert) oder Deutschland (was mich weniger wundert).

I WAS HAPPY HERE - hier war sie glücklich

Kommentare:

  1. Eine schöne Entdeckung jenseits von Richardson und Anderson. Weder die Filme, noch Desmond Davis sagten mir bisher etwas, aber ich kenne mich im Bereich der British New Wave bislang auch nur wenig aus.
    Von GIRL WITH GREEN EYES habe ich einen etwas längeren Ausschnitt bei einem bekannten Filmausschnittportal gefunden (in suboptimaler Bildqualität, aber für‘s erste Kennenlernen ging es). Tatsächlich ein schöner Film und trotz der teils „schweren“ Themen erstaunlich leicht, beschwingt und optimistisch. Vielleicht, weil er „thematisiert, ohne zu thematisieren“ (ich zitiere einen fremden Blog-Kommentar zu einem anderen Film): das Heiligenbild mit den leeren Bierflaschen sagt in einer halben Sekunde mehr als minutenlange Diskurse es könnten. Je mehr ich darüber nachdenke, umso besser gefällt mir der Film. Und Rita Tushingham ist wirklich toll.

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    1. Die Bildqualität der DVD von GIRL WITH GREEN EYES ist auch recht schlecht. Auf einigen meiner Screenshots sieht man es auch, v.a. dem mit dem Pfarrer. Da diente wohl ein altes Magnetband als Vorlage. Wenigstens gibt es auf der DVD nicht das Rauschen und Brummen im Ton wie in dem etwas längeren Ausschnitt. Und als echten Mehrwert (zumindest für mich) gibt es englische Untertitel, denn diesen breiten irischen Slang der meisten Protagonisten verstehe ich nicht sehr gut. Die DVD von I WAS HAPPY HERE hat ein viel besseres Bild. Aber beide Scheiben haben keine Extras. Da könnten z.B. Masters of Cinema oder das BFI mal in die Bresche springen.

      Was SMASHING TIME betrifft: Ich hatte schon in den etwas längeren Ausschnitt hineingesehen und werde ihn bald mal ganz ansehen. Und ich hatte auch überlegt, ob ich ihn als inoffizielles Sequel erwähnen soll. Dass ich es gelassen habe, liegt nicht an den abweichenden Figuren, sondern gerade an seiner Ausgelassenheit. Wie man nämlich dem Wikipedia-Artikel zum dritten Teil entnehmen kann, ist er grimmiger als die ersten beiden (und kam deshalb auch weniger gut an). Und Kindlers Literaturlexikon ergänzt: "Im dritten Roman der Trilogie – die Erzählperspektive wechselt jetzt zu Baba – sind die beiden Mädchen nach London gezogen und heiraten dort: Caithleen ihren Gaillard [sieh an, wer da wieder auftaucht!], Baba einen reichen, aber wenig liebenswerten Bauunternehmer. Der Titel – Girls in Their Married Bliss – ist durchaus ironisch zu verstehen: Baba bringt ihren Mann dazu, das Kind, das sie von einem anderen Mann erwartet, als sein eigenes anzuerkennen; Caithleen fühlt sich bald von ihrem Mann vernachlässigt und wird aus nichtigem Anlaß von ihm ganz verlassen, woraufhin sie sich unfruchtbar machen läßt, um ihre Sehnsucht nach Liebe nicht durch die Angst vor Schwangerschaften zu untergraben." Damit ist dieser Roman atmosphärisch offenbar doch sehr weit von SMASHING TIME entfernt, dafür näher an I WAS HAPPY HERE.



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  2. Kleiner Nachtrag: Du schreibst „Der letzte Teil der Romantrilogie behandelt Kates und Babas Abenteuer in London [...]. Aber das ist Stoff für einen anderen Film (den bisher noch keiner gedreht hat).“
    In gewisser Weise hat Desmond Davis diesen Film, wenn man das sehr, sehr, sehr frei interpretieren möchte, mit SMASHING TIME wenige Jahre später tatsächlich gedreht. Erneut mit Rita Tushingham und Lynn Redgrave als Freundinnen (erstere wieder die etwas schüchterne und zurückhaltende, letztere die extrovertiertere), die als Provinz-Landeier nach London kommen und Abenteuer erleben. Das ganze wieder wunderbar dynamisch gefilmt von Manny Wynn. Mit viel Fantasie kann man SMASHING TIME als Sequel zu GIRL WITH GREEN EYES sehen – wenngleich als Sequel, das nicht in Edna O‘Briens realistischen, irischen Welt, sondern in einer absurden Slapstick-Parallelwelt im Swinging London angesiedelt ist. Die Grenze des guten Geschmacks bekommt dabei die eine oder andere Sahnetorte ins Gesicht geschmissen, aber ich fand den gerade herrlich! Erinnerte mich teils an Premingers vielgescholtenen aber tollen SKIDOO – vielleicht sogar noch ein Tick wilder. Falls du also zufällig eine ungesehene DVD bei dir herumliegen hast, empfehle ich eine baldige Sichtung. Ansonsten gibt es einen (95-minütigen) Ausschnitt des Films bei dem gängigen Videoportal.

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