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Montag, 9. Dezember 2013

Moderne Architektur, tanzende Flamingos und Heinz Erhardt

MEIN MANN, DAS WIRTSCHAFTSWUNDER
Bundesrepublik Deutschland 1961
Regie: Ulrich Erfurth
Darsteller: Fritz Tillmann (Alexander Engelmann), Marika Rökk (Ilona Farkas), Conny Froboess (Julia), Heinz Erhardt (Paul Korn), Helmut Lohner (Tommy Schiller)



Ein Flugzeug landet in Berlin. Ein Mann möchte sich zum Ausgang drängeln. Eine Frau lässt ihn nicht durch. Auf der Landebahn passiert dasselbe Spiel und die Frau bezeichnet den Mann beleidigt als Nilpferd. Auf dem Parkplatz warten die jeweiligen Chauffeurs, und beim Hinausmövrieren aus dem Stellplatz krachen beide Autos fast ineinander.

Der Mann, Alexander Engelmann, ist Großunternehmer im Stahl-Geschäft. Er ist ein Workaholic, der ab und zu mit seinem Chauffeur Paul, der auch sein bester und einziger Freund ist, über die alten Zeiten im Krieg plaudert – damals war Alexander Pauls Chauffeur. Der Industrielle ist verwitwet, und zieht alleine eine Tochter groß. Keine einfache Aufgabe: Julia ist nämlich gerade im rebellischen Teenager-Alter und denkt vor allem an Rock‘n‘Roll, Filme und Jungs. Außerdem lässt sich „Alex“ – wie sie ihren Papa immer neckisch nennt – arbeitsbedingt nur höchst selten zu Hause blicken.

Julia mit ihrer "Stiefmutter" Ilona
Engelmann mit Chauffeur Paul
Eine kleine Krisensitzung mit Paul schafft Klarheit: eine neue Mutter muss für Julia her und zwar möglichst schnell. Davon will die Tochter nichts hören, und schwärmt lieber von ihrem neuen Lieblingsstar, der Sängerin und Schauspielerin Ilona Farkas. Kurzerhand entscheidet Engelmann also, „die Farkas“ zu heiraten. Dass diese von ihrem künftigen Eheglück als so ziemlich letzte Person informiert wird, ist dabei das geringste Problem: Ilona Farkas ist die Dame, mit der sich Engelmann am Flughafen verbal geprügelt hat. Da Julia erklärtermaßen nur ihren Lieblingsstar als neue Mutter akzeptieren wird, will der Millionär die Sache trotzdem zähnebeissend durchstehen.

Ein sehr formeller Ehevertrag wird ausgearbeitet: Zweck der Verbindung ist die Erziehung Julias bis Erreichen des 21. Lebensjahres, körperliche Berührungen zwischen den Ehepartnern sind unstatthaft. Ilona Farkas sieht hier nicht so sehr eine Chance auf viel Geld (sie ist selbst reich genug), sondern vor allen Dingen die Möglichkeit, es dem unhöflichen Flugzeug-Rempler so richtig heimzuzahlen...

Das ist natürlich keineswegs die narrative Voraussetzung für einen Rache-Thriller, sondern für eine leichte Komödie, denn im Grunde sind alle Figuren überaus nett. Engelmann zum Beispiel ist sicherlich kein absolut idealer Vater, aber das eben vor allen Dingen, weil er oft tagelang einfach nicht da ist und nicht etwa, weil er seiner Tochter gegenüber besonders streng oder gar unfair wäre. Paul, der Chauffeur, ist der engste Vertraute Engelmanns, versteht sich allerdings auch blendend mit Julia (die ihn im Prinzip öfter als ihren Vater sieht) und agiert mit seiner gutmütigen Art allgemein als Vermittlungsfigur, wenn es Konflikte gibt. Geistig völlig abwesend ist er hingegen, wenn er Lotto spielt und nach allen möglichen zufälligen Zahlen in seiner Umgebung sucht: in seinen Schein versunken zählt er etwa die Anzahl der Treppen, die er besteigt, oder fragt eine Sekretärin nach ihrem Alter oder addiert die Anzahl der Buchstaben, aus denen ein zufällig gesagter Name besteht. Auch Ilona Farkas ist trotz ihres Drangs, dem Millionär Dampf unter den Hintern zu machen, eine herzensgute Person. Ihre „Rache“ besteht vor allen Dingen darin, als neue „Ehefrau“ Engelmanns ihn mit Innenausstattungswechseln und spontanen kleinen Parties zur Weißglut zu treiben. Das tut sie keineswegs „auf dem Rücken“ Julias – schnell merkt sie, dass die Teenagerin im Grunde keine Erzieherin mehr braucht, und versteht sich rasch mit ihrer „Adoptivtochter“.

Der Vorspann als Architektur-Montage
MEIN MANN, DAS WIRTSCHAFTSWUNDER ist ein einfaches Lustspiel mit Screwball-Komödien- und Musical-Elementen (ja, zwischendurch wird auch gesungen). Das Drehbuch ist eher simpel und strotzt nicht gerade vor Originalität. Auch das vielleicht zu erwartende satirische Element – ein reicher Wirtschaftswunder-Gewinner „kauft sich“ auf die Schnelle eine Ehefrau – ist eher rudimentär ausgebildet und fordert nicht wirklich zu großen interpretatorischen Rundumschlägen heraus. Weitaus bemerkenswerter, und das, was den Film ziemlich hervorstechend macht, ist seine visuelle Gestaltung. Bereits der Vorspann macht ein zentrales Element von MEIN MANN, DAS WIRTSCHAFTSWUNDER deutlich, nämlich die Inszenierung von Architektur.

Beim sehr kurzen Vorspann werden Gebäude in Außensicht fotografiert. Im weiteren Verlauf spielt dann vor allem die Innenarchitektur eine bedeutende Rolle. Die Gestaltung der Innenräume (Set-Designer: Ernst H. Albrecht und Max Vorwerg) nimmt im Film eine zentrale Rolle ein, denn oft werden die Figuren nicht in Nahaufnahme gefilmt, sondern in Totalen, in denen sie nur einen kleinen Teil des Bildausschnitts darstellen. Die für eine solche „triviale“ Komödie sehr exzentrisch wirkende Gestaltung kann man aber durchaus als konsistent mit dem Narrativ interpretieren: den zentralen Figuren werden gewisse Formen von Innenarchitektur und bestimmte Raumarrangements zugeschrieben, die sie charakterisieren. Ihre Konflikte tragen sie dadurch aus, dass sie die Räume anderer Personen mit ihrem eigenen Stil ändern.

Engelmanns Geschäftsräume...
Alexander Engelmann etwa gebietet über zwei Raum-Komplexe: sein Büro und seine Villa. Ersteres ist eine geradezu puristische Manifestation architektonischen Modernismus: große weite Räume, auf reine Funktionalität reduzierte Möbel, auf dem leicht überhöhten Schreibtisch des Chefs stehen lediglich eine Knopfleiste und ein halbes Dutzend Telefone (unwillkürlich fragt man sich, warum es noch nicht mal ein Regal für Aktenordner gibt, aber sogar der erscheint hier überflüssig). Selbst der Blick aus dem Fenster offenbart nur eine Business-Skyline. Deren kantige Linien, in Kombination mit den Lamellenjalousien, „durchschneiden“ oft das Haupt des Industriellen – als würde diesem Workaholic die Arbeit manchmal über den Kopf wachsen. Trotzdem: hier fühlt sich Engelmann ganz und gar in seinem Reich. Wenn jemand diese minimalistische Harmonie stört, dann ist es Paul (wenn er die Empfangssessel verrückt) oder Julia (wenn sie ihren Vater besucht und die Knopfleiste auf dem Schreibtisch hoch- und runterdrückt). Ilona Farkas hingegen, nachdem das erste Eheanbahnungs-Gespräch unbefriedigend verläuft, meint hingegen aufgebracht: „Nicht einmal was zum kaputt schmeißen gibt es hier.“

... und sein Zuhause.
Sie und Engelmann scheinen generell architektonisch inkompatibel zu sein. Denn die Villa des Industriellen ist im Prinzip eine Art Duplikat des minimalistischen Modernismus seiner Geschäftsräume – trotz einiger doch persönlicheren Noten (eine bizarre Vorliebe für kitschige Engel-Plastiken und eine gemütlich-fluffige Hänge-Schaukel-Couch). „Stell dir vor, man müsste in so etwas wohnen. Eiskalt!“ sagt Ilona zu ihrer Chauffeurin und Agentin, als sie erstmals die Engelmann-Villa besucht – und niest daraufhin spontan: „Schon verkühlt.“

"Gradeso, so wie du, sieht der Held in meinen
Träumen aus..." Bizarre Montage der Verspieltheit
Julia hingegen wird im Rahmen der so charmanten wie auch zutiefst bizarren Musical-Nummer „Gradeso, so wie du“ in ihrem Zimmer dem Zuschauer erstmalig vorgestellt. Die harte geometrische Grundstruktur des Zimmerzuschnitts weicht sie vor allem mit allen möglichen Starportraits (darunter zum Beispiel Marilyn Monroe, Burt Lancaster und Ilona Farkas) auf, sowie mit einem Regal voller mechanischer Spielzeuge (über die symbolische Kontrastierung von unschuldiger Kindlichkeit und erwachender Sexualität ließe sich bestimmt auch eine ganze Menge sagen). Was diese Spielzeuge eigentlich von diesem jungen Mädchen und ihrem Tanz halten, ist schwer zu sagen: manche schütteln den Kopf, manche nicken. Denn die Musical-Nummer wird visuell immer wieder von Großaufnahmen der mechanischen Spielzeugfiguren unterbrochen. Eine interessante, weil auch sehr bizarre Montage. Klar ist nur: Julia steht generell für innenarchitektonische Verspieltheit.

Ilonas architektonische Charakterisierung fällt eher knapp aus, da man sie nur kurz in ihrer eigenen Wohnung sieht: eine Mischung aus altmodisch, barock, ein bisschen verkitscht, aber trotzdem (oder gerade deswegen) gemütlich. Während ihrer arrangierten Ehe mit Engelmann wird sie, mit Julia und auch Paul als Komplizen, nach und nach die privaten Räume des Industriellen erobern, und über deren Grundstruktur ihre eigene „Schicht“ auftragen. Das fängt zunächst damit an, dass sie zur Hochzeitsfeier eine Unmenge an Menschen einlädt, die das riesige „kalte“ Wohnzimmer mit ihrer Präsenz füllen und zu den Klängen einer „ungarischen“ Zigeuner-Combo tanzen. Die Wände werden mit (wahrscheinlich) knallbunten Bändern geschmückt. Später, nachdem Engelmann seine Abneigung gegen Gartenzwerge in einem Nebensatz erwähnt hat, füllt sich die Villa wie durch ein Wunder mit Gartenzwergen.

Aus "kalt" mach "lustig"
Der Höhepunkt der Verwandlung findet jedoch in den Keller-Räumen statt, wo Ilona mit Julia, Paul und Julias Verehrer, dem Journalisten Tommy, eine eigene kleine architektonische Utopie für Julias 17. Geburtstag errichtet: einen Jazz-Keller. Dieser an nur einem Nachmittag errichtete Party-Raum ist geradezu ein „Who‘s who“ des zeitgenössischen Jazz: die Wände sind vollgepackt mit Festival- und Konzert-Postern sowie mit Portraits berühmter Jazzmusiker. Zu Julias Geburtstagsfeier kommen tatsächlich eine ganze Menge Leute (darunter sogar ein Flamingo!), die sich dann unter den Blicken der Jazz-Prominenz tanzend vergnügen. Louis Armstrong auf einem Riesentransparent ist gewissermaßen der Conférencier des Abends, aber auch Sidney Bechet, Benny Goodman, Django Reinhardt, Ray Anthony und Max Roach sind anwesend. In absentia, aber namentlich aufgeführt, nehmen auch Art Blakey, Albert Mangelsdorff, Jay Jay Johnson, Benny Carter, Coleman Hawkins, Stan Getz, Don Byas, Roy Eldridge, Jo Jones, Cándido (Camero), Ella Fitzgerald, Oscar Peterson und nicht zuletzt der Jazz-Impressario Norman Granz an der Feier teil. Sie alle sind passive Beobachter des bunten Treibens im Keller. Oder vielleicht auch richtige Nebenfiguren? Benny Goodman jedenfalls scheint aufmerksam über die Annäherung zwischen Julia und Tommy zu wachen, während Louis Armstrong offenbar großen Spaß daran hat, Alexander vollkommen überfordert zu sehen.

Feiern, lieben und streiten
unter den Blicken der Jazz-Prominenz
Der Kameramann Albert Benitz fängt diese komplexen räumlichen Arrangements in wunderbaren, prägnanten Bildern ein. Von der Kameraarbeit her dürfte manch ein Film aus den 1950er Jahren schlechter gealtert sein. So wird zum Beispiel eine Szene in einer Bar „künstlich“ zu Cinemascope verengt: der Blick der Kamera aus einer Position hinter der Theke wird oben und unten von einer Reihe Gläser begrenzt. Benitz, geboren 1904, hatte sein Metier noch in der Stummfilm-Ära gelernt, vor allen Dingen für Arnold Fanck. Später blieb er dem Bergfilm weiterhin treu und wurde zum Stammkameramann Luis Trenkers, sowohl während der ausgehenden Weimarer Republik, des Dritten Reiches wie auch in der frühen Bundesrepublik. In den 1950er Jahren arbeitete er auch mit Helmut Käutner.

Ulrich Erfurth, der Regisseur von MEIN MANN, DAS WIRTSCHAFTSWUNDER, ist wesentlich unbekannter (gewesen und geblieben). Er war vor allen Dingen ein Mann des Theaters, und erst nachrangig Filmregisseur. 1956 sorgte sein Film FRUCHT OHNE LIEBE (auch unter dem Titel GEHEIMNISSE EINER EHE veröffentlicht) für einen Skandal, weil er künstliche Befruchtung thematisierte. Ab den frühen 1960er Jahren drehte Erfurth, neben seiner Hauptbeschäftigung als Theater-Regisseur und -Intendant zwischen Hamburg, Essen, Frankfurt und dem Wiener Burgtheater, vor allem für das Fernsehen.

Fritz Tillmann, der den stets ein wenig überforderten Alexander Engelmann wunderbar verkörpert, spielte in den 1950er und 1960er Jahren in mehreren Filmen Helmut Käutners, unter anderem in DAS HAUS IN MONTEVIDEO. Mit Heinz Rühmann wirkte er in zwei weiteren Adaptionen von Curt Goetz-Stücken mit. Ab den späten 1960er Jahren war er vor allen Dingen im Fernsehen zu sehen und arbeitete auch als Synchronsprecher, als Leihstimme für unter anderem Karl Malden, Orson Welles, Peter Ustinov und Ernest Borgnine.

Conny Froboess als rebellische Julia in einer
Cinemascope-Bar
Marika Rökk wurde in den 1930er Jahren zu einem großen Star der Ufa für die Sparte Operettenverfilmungen und Revuefilme, besonders als Partnerin von Johannes Heesters. Ihr „sprudelnder Charme“ und der „Paprika im Blut“ wurde stets gelobt. Letzteres eine Anspielung auf ihre ungarische Herkunft: von einem deutschen Vater und einer ungarischen Mutter in Kairo geboren, wuchs sie in Budapest auf und lernte das Tanzmetier in Paris und New York und behielt im Deutschen stets einen „exotischen“ Akzent. Nach einer kurzzeitigen Karrierepause (aufgrund ihrer Involvierung in die nationalsozialistische Unterhaltungs- und Propagandaindustrie) spielte sie auch in den 1950er und 1960er im größtenteils selben Repertoire weiter: Musicals und Komödien.

Cornelia Froboess ist vor allem als Deutschlands Beitrag zum 7. Eurovision Song Contest im Jahre 1962 bekannt geworden, wo sie mit dem Schlager „Zwei kleine Italiener“ zwar nur auf den sechsten Platz kam, aber später trotzdem einen großen Hit in (West-)Deutschland landete. Die Schlagersängerin ist noch bis heute als auch Schauspielerin für Kino, Fernsehen und Theater tätig. Erwähnenswert ist auch, dass der gebürtige Wiener Helmut Lohner, der Julias Verehrer Tommy spielt, ein renommierter Opern- und Operetten-Regisseur ist und in seiner Heimatstadt (mit einer kurzen Unterbrechung) neun Jahre lang Direktor des Theaters in der Josefstadt war – ein Amt, das von 1933 bis 1935 Otto Preminger inne hatte.

Zu Heinz Erhardt, einem DER bundesdeutschen Allround-Entertainer der 1950er und 1960er Jahre, müssen wohl nicht allzu viele Worte gesagt werden. Die Rolle des stets etwas gedankenverlorenen Chauffeurs Paul ist ihm auf den Leib geschrieben. Allerdings spielt er in MEIN MANN, DAS WIRTSCHAFTSWUNDER tatsächlich „nur“ eine Nebenrolle, auch wenn er in den Anfangs-Credits noch vor Fritz Tillmann erwähnt wird. An mancher Stelle merkt man ein bisschen die Bemühung der Macher, durch zusätzliche Dialoge und Musical-Nummern Erhardt mehr screening time zu geben, als seine Figur dramaturgisch eigentlich hergibt. Wer den Film also nur wegen Erhardt schaut, dürfte letztendlich trotzdem enttäuscht sein.

Ein merkwürdiger Party-Gast

Auch heutzutage wird MEIN MANN, DAS WIRTSCHAFTSWUNDER als reines Heinz Erhardt-Vehikel vermarktet. Das Intergroove-Sublabel „Dynasty Film“ bringt seit kurzem sukzessiv eine „Heinz Erhardt Filmklassiker“-Reihe heraus, in der nun im November 2013 auch MEIN MANN, DAS WIRTSCHAFTSWUNDER erschienen ist. Die DVD ist minimalistisch gehalten , die Bild- und Ton-Qualität des Films lassen jedoch kaum was zu wünschen übrig.

Montag, 23. Mai 2011

Vom Marlene-Ersatz mit Paprika im Blut

Frauen sind doch bessere Diplomaten
(Frauen sind doch bessere Diplomaten, Deutschland 1941)

Regie: Georg Jacoby
Darsteller: Marika Rökk, Willy Fritsch, Aribert Wäscher, Hans Leibelt, Georg Alexander, Leo Peukert, Erika von Thellmann, Herbert Hübner, Rudolf Carl, Inge Landgut u.a.

Die Geschichte ist bekannt: Goebbels wollte die Dietrich. Die aber dachte nicht im Traum daran, nach Nazi-Deutschland zurückzukehren. Ersatz musste her, und man fand ihn in der Schwedin Zarah Leander, die wohl ebenso ergreifend wie Marlene barfuss in die Wüste gezogen wäre,  für diese Szene jedoch weite Hüllen benötigt hätte. Denn die Leander, die anlässlich der “Orgien” in ihrer Villa im Grunewald  jeden SS-Mann unter den Tisch soff, hatte wesentlich mehr als ein paar Pfündchen  zu viel auf den Knochen  (was man in ihren Filmen geschickt zu kaschieren wusste). - Sie mochte sich also für die schmachtende Seite von Marlene eignen, sogar mit prägnanter Altstimme brillieren; die etwa in "Destry Rides Again" (1939) vorgeführte verführerische Ausgelassenheit deckte sie nicht ab. - Doch auch hierfür fand man Ersatz. Er hatte zwar wesentlich kürzere Beine als die Hollywood-Ikone, verfügte jedoch über eine umfassende Tanzausbildung, wartete mit  beeindruckenden gesanglichen Fähigkeiten auf - und hatte (eine “Auszeichnung”, mit der sie, obwohl von den Nazis verliehen,  noch in den 70ern kokettierte)  Paprika im Blut.

Marika Rökk, Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin ungarischer Abstammung, wurde 1934 von der Ufa unter Vertrag genommen, und ihr Aufstieg ging förmlich Hand in Hand mit dem der Nationalsozialisten. Man schrieb ihr ihre Rollen in Gute-Laune-Filmen, die die Kinogänger mit eingängigen Melodien (“Ich brauche keine Millionen”, "Kauf Dir einen bunten Luftballon") von der Realität und den Verbrechen der Machthaber ablenken sollten, auf den Leib, baute sie bewusst nicht zuletzt mit gelegentlich für die sich bieder gebende Zeit recht frivolen Szenen zu einem Publikumsliebling auf - und tatsächlich entwickelten  sie und Johannes Heesters  sich unter der Regie ihres späteren Mannes Georg Jacoby zum Traumpaar des Revuefilms. - Man darf annehmen, dass die Rökk völlig in der Glitzerwelt, in die sie geschubst worden war, aufging, sich wegen ihrer mangelnden Kritikfähigkeit auch später nie wirklich von ihr distanzieren konnte und deshalb noch in ihren 1974 erschienen Memoiren schrieb, sie habe sich nach ihrer ersten Einladung zu einem Empfang bei Hitler vor allem überlegt, was sie anziehen solle. Obwohl sie, die zusammen mit ihrem Mann nach Kriegsende vorübergehend mit einem Betätigungsverbot belegt worden war, vielleicht nicht ihre Bedeutung als “Kriegsartikel” (Goebbels: "Die gute Laune ist ein Kriegsartikel. Unter Umständen kann sie nicht nur kriegswichtig, sondern kriegsentscheidend sein.") verstand, jedoch das Geschehene in seiner Grausamkeit hätte ermessen können, fügte sie sogar noch neckisch-naiv hinzu, sie habe immer auf den Führergruss verzichtet, da sie das Heben des rechten Arms als unkleidsam empfand. - Es war sicher lächerlich, sie 1945 der Spionage zu verdächtigen; ihre uneinsichtige Selbstbezogenheit, die sie auch in ihren Filmen der Nachkriegszeit zur Schau stellte, vermag den heutigen Zuschauer jedoch schon zu befremden, ja anzuwidern.


“Frauen sind doch bessere Diplomaten”, eine musikalische Komödie, in der die Rökk für einmal nicht in einer der für sie typischen Rollen (verkanntes Talent feiert am Ende auf der Bühne Erfolge) besetzt wurde, war der erste abendfüllende Farbfilm der Ufa in Agfacolor. Das etwas geschwätzige, aber luftig-lockere, in der Biedermeierzeit angesiedelte Lustspiel erzählt von der verführerischen Tänzerin Marie-Luise, die für ihren Onkel, einen Spielbankendirektor in Bad Homburg, bislang vor allem Männer  zum Geldverlieren animierte. Als 1848 das Kasino auf Beschluss der Frankfurter Nationalversammlung aus “moralischen” Erwägungen dichtgemacht werden soll, stellt sie sich als Vermittlerin zur Verfügung, gerät jedoch in die Gefangenschaft hannoveranischer Truppen, die die Schliessung durchsetzen sollen. Mit ihren kindlich-launischen Kapriolen bringt sie ihren Bewacher, den Rittmeister von Karstein, derart in Verwirrung, dass ihr die Flucht gelingt. Natürlich entwendet sie auch die Truppenpläne, die sie fälscht (sie fügt jeder Zahl eine Null hinzu), um den Homburgern eine kriegerische Auseinandersetzung aus dem Kopf zu schlagen. - Als die Hannoveraner nach einer weiteren Mission der Diplomatin tatsächlich als Freunde in Bad Homburg einmarschieren, setzt sie sogar die Einquartierung des Rittmeisters in ihrem Hause durch, obwohl doch die Frau des Bürgermeisters endlich einen passenden Galan für ihre lispelnde Tochter finden möchte. Doch ein überwältigendes Gartenfest mit Tanz und Gesang  führt noch lange nicht zum Happy-End. Denn einerseits möchte ein etwas eigenwilliger Vertreter der Reichsexekutive die Schliessung mit Gewalt durchsetzen; andererseits weiss von Karstein  nicht so recht, ob die Diplomatin Marie-Luise ("Sie erinnern mich an Helena: schön, aber kalt.") nun wirklich eine in ihn verliebte Frau, eine listige Schlange, die eine Schliessung mit allen Mitteln zu verhindern versucht  oder, wie von  des Bürgermeisters Gattin mehr als angedeutet, eine Verführerin sämtlicher Männer ist. Am Ende lässt er sich sogar von einem anderen Verehrer der Schönen zum Duell auffordern...

Der Farbfilm war für Goebbels Chefsache, betrachtete er ihn doch als Propagandawaffe. Er und sein Führer liebten das Kino, und voller Neid schauten sie sich die seit Mitte der 30er Jahre  im Technicolor-Verfahren hergestellten Farbfilme aus Hollywood an, konnten es beinahe nicht ertragen, in “Gone With The Wind” (1939) die filmische Zukunft zu erkennen - und forcierten mitten im Krieg die Perfektionierung des - wesentlich billigeren - deutschen Farbfilm-Pendants Agfacolor, mit dem die Konkurrenzfähigkeit des Ufa-Films zur Schau gestellt werden sollte. Dabei wollte Goebbels seine “Kino-Wunderwaffe” wirklich in erster Linie für beinahe ideologiefreie Unterhaltungsfilme einsetzen (lediglich Veit Harlans “Kolberg“, 1945, wurde ein Propaganda- respektive Durchhaltefilm in Farbe), deren erster “Frauen sind doch bessere Diplomaten” sein sollte. - Der Umgang mit dem neuen Farbfilm-Material erwies sich jedoch als ausserordentlich schwierig, zahlreiche Szenen mussten noch einmal gedreht werden und die Fertigstellung des Films, mit dessen Dreharbeiten 1939 begonnen worden war, nahm beinahe zwei Jahre in Anspruch, von den zusätzlichen Kosten gar nicht zu reden. Vielleicht hielt sich das Urteil des Propagandaministers über das Resultat, das die gleichgeschaltete Presse anlässlich seiner Kinopremiere über alle Massen zu feiern hatte,  deshalb in Grenzen: “Stoff schlecht, aber Farbwirkung gut.”


Nein, der Stoff war keineswegs schlecht, schloss er doch nahtlos an eines der wenigen grossen deutschen Lustspiele an, dessen Struktur vom Erschaffer, dem man einfach diesen “Nathan” verübelte, nicht von den Franzosen oder Engländern übernommen wurde, sondern “auf eigenem Boden gedieh“. G.E. Lessings “Minna von Barnhelm” (1767), als “Das Fräulein von Barnhelm” 1940 von Hans Schweikart ebenfalls verfilmt, beweist freilich zur Genüge, dass Frauen die besseren Diplomaten sind, lässt sich jedoch immer wieder erneuern und - was man  dem Jacoby-Film zugestehen muss - einer bunten, leicht frivolen Geschichte anpassen, die mit gelegentlich atemberaubenden Aufnahmen glänzt. - Nach einem etwas zähen Einstieg, der uns die vom Regisseur  in vielen Grossaufnahmen vergötterte Rökk als sich unschuldig gebende, aber raffinierte Gefangene (ihrem ironisch-befehlenden “Na, dann los! Folgen Sie mir!” fügt sie schon bald ein mütterliches "Kochen ist Sache der Hausfrau" hinzu) eines zwischen Pflicht und Neigung hin- und hergerissenen Rittmeisters zeigt, gewinnt das leicht operettenhafte Geschehen an Schwung, was nicht zuletzt einigen sich eher tölpelhaft gebenden Figuren (dem geldgierigen Spielbankenbesitzer, dem müden Landgrafen, einem nach Marie-Luise gierenden Spielsüchtigen - und der Frau Bürgermeisterin mit lispelnder Tochter nebst anderen ledigen Homburgerinnen, die gern einen Soldaten - natürlich zum Einquartieren - möchten) zu verdanken ist. Von Karsteins Bursche Karl, der sich so manches Mädchen anzulachen versucht (ein “Ewig dein” auf einem Lebkuchen, den er bei einem Soldatenfest um den Hals trägt, könnte es nicht besser ausdrücken), übernimmt jenen “niederen”, robusten Part, der auch bei Lessing dem Dienerpaar zugeordnet wird.

Mit dem Einmarsch der Hannoveraner in ein malerisches Bad Homburg  beginnt jene das neue Verfahren feiernde farbenfrohe Rastlosigkeit, die ihren Höhepunkt im Gartenfest findet, das Marika Gelegenheit bietet, ihre vielfältigen Fähigkeiten zum Lied “Einen Walzer für dich und für mich” zur Schau zu stellen. Von Paaren, die aus allen Büschen zu springen scheinen, umgeben, wirbelt sie tanzend in den schönsten Bewegungen von Ort zu Ort, betätigt sich als Balletteuse, scheint einfach omnipräsent zu sein. Die Szene verfügt nicht über die Perfektion der damaligen Hollywood-Musicals, vermittelt jedoch mit ihrer "Unruhe" (jedes Bild ist Bewegung pur) eine unterschwellige Botschaft: Seht, das ist sie, die vorwärts drängende deutsche Jugend, die sich entschlossen ihren Weg bahnt und sich nicht von den alten Männern (auf sie, etwa den eigenwilligen Kerl, der das Parlament als “Quasselbande” bezeichnet, wird das Böse abgewälzt) aufhalten lässt! Man mag zwar nicht Hollywood sein; aber man zimmert sich sein eigenes Hollywood vor deutschem Hintergrund, ein mutig die Welt eroberndes Hollywood - wie ein Bild suggeriert - “unter deutscher Eiche”. - Das Finale des Films erlaubt Marika Rökk sogar eine bescheidene Dietrich-Persiflage: Sie darf als Torero verkleidet zum Lied “Ach, ich liebe alle Männer” verschiedene Damen im Publikum zärtlich anlächeln und zwar nicht wie die von Goebbels Ersehnte in “Morocco” (1930) küssen, aber immerhin am Kinn streicheln. Interessant, dass von den von Franz Grothe für den Film komponierten Melodien gerade das eher bescheiden vorgetragene “Wenn ein junger Mann kommt” zum Evergreen wurde.

Was die Rökk nicht wissen konnte: Der IG-Farben Zweigbetrieb Agfa beschäftigte vor allem in seinem Werk in Wolfen, das für die Perfektionierung des Farbfilms zuständig war, tausende Sklavenarbeiter. Aber vermutlich hätte auch dieses Wissen sie nicht mit Entsetzen erfüllt. Denn sie wollte ja mit Paprika im Blut lediglich eines beweisen: “Frauen sind gescheiter als Männer; deshalb sind sie die besseren Diplomaten.” - Armes, egozentrisches Wesen!
***
Nachtrag

Es gab zum Beispiel in Hollywood mit Sicherheit noch viel mehr Schauspieler als in Nazi-Deutschland oder im ehemaligen Ostblock, die keine Ahnung hatten und sich auch nie darum kümmerten, für welche unterschwelligen Botschaften sie sich in ihren Unterhaltungs- oder Action-Filmen zur Verfügung stellten; und auch wir als Zuschauer erkennen das Tendenziöse in solchen Filmen, wenn es sich nicht gerade regelrecht aufdrängt, meist nicht. Dies ist nicht erstaunlich, haben sich die USA mittlerweile doch "bereits" zur historischen Entschuldigung bei den Indianern durchgerungen. - Dass es uns möglich ist, in Filmen des Dritten Reichs oft bis ins Detail unterschwelligen tendenziösen Aspekten nachzugehen, darf deshalb vom heutigen Deutschland  nicht als “Anklage” missverstanden werden. Es zeigt vielmehr, dass deutsche Historiker die Vergangenheit vorbildlich (manche würden sagen: selbstquälerisch) aufgearbeitet haben. Und es scheint mir wichtig, dass wir aus dieser Aufarbeitung gerade in der heutigen Zeit, in der sich in ganz Europa - auch in der Schweiz (die vom Milliardär Blocher mit unvorstellbaren Geldsummen gefütterte SVP) - rechtspopulistische Parteien und Gruppierungen den Menschen anbiedern, Nutzen ziehen, weil sie zu zeigen vermag, wohin unwidersprochene Ausgrenzung, Selbstverherrlichung und all die die Nazis kennzeichnenden Merkmale führen. - Dass ich hier also sogar einen scheinbar harmlosen Unterhaltungsfilm mit Aufgearbeitetem anreichere, sollten Leser aus Deutschland eher als Kompliment auffassen: Zumindest eure Akademiker haben ihre Aufgaben gemacht!  Und ich gebe, Idealist, der ich bin, die Hoffnung nicht auf, dass Aufklärung tendenziell menschenfeindliche Bewegungen, wozu ich auch die neue Regierung in Finnland zähle, zu Phänomenen macht, die letztlich vorübergehender Natur sind, mag auch eine durch Übersättigung krank gewordene Gesellschaft gerade Gefallen an ihnen finden.