Sonntag, 14. August 2011

SCREAMPLAY - wenn Horror-Drehbücher wahr werden ...

SCREAMPLAY
USA 1984
Regie: Rufus Butler Seder
Darsteller: Rufus Butler Seder (Edgar Allen), Katy Bolger (Holly), George Kuchar (Martin), Eugene Seder (Al Weiner), M. Lynda Robinson (Nina Ray), Bob White (Lot), Ed Callahan (Kleindorf), George Cordeiro (Sgt. Blatz), Basil J. Bova (Cassano)


Edgar Allen hat eine glänzende Zukunft als Drehbuchautor vor sich - hofft er zumindest. Doch sein erstes Script muss der junge Neuankömmling in Hollywood erst noch schreiben. Welche Art von Filmen ihm vorschweben, zeigt sich daran, dass er gleich mal im erstbesten Kino ein Triple Horror Feature besucht - gezeigt werden NOSFERATU, DER GOLEM und DAS CABINET DES DR. CALIGARI. Und danach umtänzelt er auf dem Hollywood Walk of Fame die in den Boden eingelassenen Sterne von Boris Karloff, Bela Lugosi und Peter Lorre. Um zunächst mal ein Dach über dem Kopf zu haben, verdingt sich Edgar als Hausmeister und Mädchen für Alles in einem drittklassigen Appartementhaus, dessen Verwalter Martin, einen unappetitlichen und gewalttätigen Kerl, er unter bizarren Umständen kennengelernt hat.


Wenn ihm jemand zu sehr auf die Nerven geht, reagiert der fantasiebegabte Edgar auf sehr eigene Weise: Er greift spontan zur Schreibmaschine und entwirft eine Drehbuch-Szene, in der die betreffende Person auf brutale und absonderliche Weise ermordet wird. Dazu hat Edgar nun reichlich Gelegenheit, denn das Appartementhaus wird von merkwürdigen und unangenehmen Zeitgenossen bewohnt. Neben Martin, der ihn ständig zur Arbeit drängt und so vom Schreiben abhält, ist da etwa Nina Ray, eine alternde und leicht nymphomanische Schauspielerin. Als sie sich aggressiv über ihn hermacht, während er den Wasserhahn ihrer Badewanne repariert, schreibt er anschließend eine Szene, in der sie in eben dieser Badewanne von einem maskierten Mörder ertränkt wird, nachdem er zuvor schon ihren Pudel zur Strecke brachte. Dann wäre da Lot, ein abgehalfterter Rockstar und jetzt eine Art Guru, der ständig Weltuntergangsprophezeiungen verbreitet, seine Mitbewohner penetrant zur "Umkehr" auffordert, und sich dabei auf der E-Gitarre begleitet. In seinem Appartement huldigt er ausführlich den gods of ganja. Als er beim Versuch, Edgar zu "läutern", diesem die Hand verbrennt, bekommt er eine Szene spendiert, in der er in bekifftem Zustand vom maskierten Killer mit einer brennbaren Flüssigkeit übergossen und abgefackelt wird. Ein weiterer zwielichtiger Bewohner ist der aufdringliche Kleindorf, der ständig im Bademantel herumläuft. Die einzige Normale und Sympathische im Appartementhaus ist offenbar Holly, eine Schauspiel-Elevin, die sich ständig gegen Martins Grapschereien zur Wehr setzen muss.


Es dauert nicht lange, dann wird Edgar das begonnene Script mit den bizarren Morden entwendet. Und bald darauf wird Nina Ray ertränkt in ihrer Badewanne aufgefunden - unter exakt den Umständen, die Edgar beschrieben hatte! Er ist verständlicherweise beunruhigt. Und auch Lot erleidet schnell den ihm zugedachten Drehbuchtod in der Realität. Sgt. Blatz von der Mordkommission ist ob der steigenden Zahl an Leichen zunehmend ungehalten, und er hat bald einen Hauptverdächtigen, denn er erfährt von Edgars Drehbuch-Morden. Aber weil es keine handfesten Beweise gibt, bleibt Edgar auf freiem Fuß. Kleindorf will aus den Geschehnissen Kapital schlagen, und als er deshalb Edgar unter Druck setzt, bekommt auch er seinen Mord, in dem eine Art Shredder, der Küchenabfälle zerkleinert, eine Rolle spielt. Natürlich dauert es nicht lange, bis Kleindorf tatsächlich das Schicksal ereilt. Edgar ist ratlos, aber als ihm Al Weiner, ein heruntergekommener Agent, das noch gar nicht fertige Drehbuch abkaufen will, fasst er einen kühnen Plan: Er wird das Script fertig schreiben, und um den geheimnisvollen maskierten Killer zu enttarnen, wird dieser am Ende ihn, Edgar, selbst umbringen! Natürlich will sich Edgar nicht wirklich ermorden lassen, doch seine Gegenmaßnahmen sind nicht sehr professionell: Er legt sich nur einen schweren Hammer bereit, um sich zu wehren, wenn sich der Killer von hinten anschleicht, um ihn zu erwürgen, wie es die Szene vorsieht. Die Nacht der Entscheidung bricht an, und am nächsten Morgen werden weitere Leichen abtransportiert ...


SCREAMPLAY ist eine gekonnte und liebevolle Hommage an die billigen Horrorfilme der 30er bis 50er Jahre, die stilistisch vom expressionistischen Stummfilm beeinflusst waren. Zugleich ist es aber auch eine ebenso witzige wie grimmige Abrechnung mit Hollywood. Letzterer Aspekt kulminiert in einem dreisten Wortspiel am Ende des Films, das ich hier nicht wiedergeben kann, ohne heftig zu spoilern - man kann es bei den Quotes in der IMDb nachlesen. Rufus Butler Seder begann im zarten Alter von 12, Kurzfilme zu drehen. Schon als Jugendlicher und junger Mann gewann er für seine Kurzfilme mehrere Preise, SCREAMPLAY ist sein erster und einziger Spielfilm. Nach einer Ausbildung an der School of the Museum of Fine Arts in Boston und Kursen am American Film Institute in Los Angeles wollte er sich ab 1980 als Regisseur in Hollywood versuchen, doch das wurde zu einer frustrierenden Erfahrung. Seine preisgekrönten Kurzfilme beeindruckten dort niemanden, er bekam keinen Job, und nach zwei Jahren zog es ihn zurück ins heimatliche Massachusetts. Nun wollte er es den Profis in Hollywood zeigen, und er nahm SCREAMPLAY als privates Projekt mit Minimalbudget in Angriff. Das Drehbuch hatte er in den Grundzügen mit seinem Freund Ed Greenberg bereits 1976 geschrieben. Seders Wohnung in Boston wurde zu einem Mini-Studio mit einfachsten Kulissen umgerüstet - nur wenige Sekunden des Film wurden tatsächlich in Hollywood gedreht. Alle Mitwirkenden waren Freunde, Bekannte und Verwandte von Seder, und als Darsteller waren praktisch alle Laien, aber etliche hatten in irgendeiner Form mit Film oder sonstigen Künsten zu tun. Manche Beteiligte übten mehrere Rollen aus, so wurde von George Cordeiro und Basil J. Bova, den Darstellern von Sgt. Blatz und seinem schießwütigen Kollegen Cassano, auch die Musik geschrieben und eingespielt, und Dennis Piana war Produzent, Kameramann und Statist. Und Seder selbst war nicht nur Hauptdarsteller, Regisseur, Co-Autor und Cutter, er fertigte auch einen Teil der Matte Paintings, die nötig waren, um den Aufwand an Kulissen so gering wie möglich zu halten. Der bekannteste Mitwirkende war George Kuchar. Er und sein Zwillingsbruder Mike drehten seit ihrer Jugend in den 50er Jahren Independent-Filme, die zwischen Trash, Underground und Avantgarde angesiedelt sind. Seder hatte Kuchar in Kalifornien kennengelernt und sich mit ihm befreundet.


Das Budget des Films betrug weniger als 50.000 Dollar, und davon entfielen auch noch 11.000 Dollar auf medizinische Behandlungskosten für Kuchar, der sich bei den Dreharbeiten einen Knöchel brach. Das Geld wurde rein privat von den Mitwirkenden und deren Freunden und Angehörigen aufgebracht, so spendierte etwa Katy Bolgers Vater mehrere tausend Dollar. Seder und seine Mitstreiter bemühten sich mit großem Einsatz und technischen Tricks, die finanziellen Beschränkungen zu umgehen. Seders Vater Eugene, ein Journalist, Fotograf und Erfinder, spielte nicht nur die Rolle des Al Weiner, er bastelte auch eine Ausrüstung, mit der das eigentlich recht aufwendige Verfahren der Front Projection auch mit der billigen 16mm-Ausrüstung funktionierte, mit der der Film gedreht wurde (er wurde erst nachträglich zum Verleih auf 35mm aufgeblasen). Trotz allen Einsatzes ist SCREAMPLAY das mickrige Budget jederzeit anzusehen. Doch wenn man das Ziel einer Hommage an alte B-Filme und die liebevoll erdachte aberwitzige Handlung bedenkt, sollte das nicht weiter stören.


SCREAMPLAY wurde auf einigen kleineren Festivals gezeigt, erhielt jedoch schlechte Kritiken und fand zunächst keinen Verleih. Schließlich kaufte Troma die Rechte, eine Firma, die auf Trash und Schlock spezialisiert ist, und brachte den Film in Umlauf. Troma fügte dazu einen neuen Vorspann hinzu, in dem sich die Troma-Bosse Lloyd Kaufman und Michael Herz frech als Produzenten des Films bezeichnen, obwohl sie mit dessen Entstehung nicht das geringste zu tun hatten. Das wird auf der DVD noch getoppt, wo in einem Vorspann vor dem Vorspann Lloyd Kaufman mit irgendeiner Dame zwei Minuten lang herumkaspert. SCREAMPLAY bekam sowas wie die zweite Luft, als er auf einigen europäischen Festivals lief, sich eine kleine Kult-Gefolgschaft eroberte, und von einem deutschen Fernsehsender ausgestrahlt wurde. (Wenn ich mich richtig erinnere, im ZDF als "Das kleine Fernsehspiel". Damals, vor mehr als 20 Jahren, hab ich ihn auch das erste mal gesehen.) Die Einnahmen daraus gingen an Troma, Seder und seine Mitstreiter verdienten an dem Film keinen Cent. Die frustrierenden Erfahrungen in Hollywood und nach der Premiere von SCREAMPLAY bewogen Seder, seine Filmkarriere zu beenden. Stattdessen fand er eine andere Berufung: Er erfand Lifetiles, eine Art von Glaskacheln, mit denen sich Fassaden so gestalten lassen, dass sich aus verschiedenen Blickwinkeln völlig verschiedene Ansichten bieten. Diese Erfindung vermarktet Seder seither exklusiv, und er gestaltet damit Fassaden von Museen, Bahnhöfen und dergleichen. Auf Seders persönlicher Website und der seiner Firma erfährt man mehr darüber. So sehr ich Seder seinen Erfolg mit den Lifetiles gönne - es ist schade, dass er uns nicht mehr Filme beschert hat.


Wie schon angedeutet, ist SCREAMPLAY in den USA bei Troma auf DVD erschienen. Die Scheibe enthält jede Menge störendes Troma-Beiwerk, aber auch einen Audio-Kommentar von Seder.

Kommentare:

  1. Du hast meine Mutti sehr glücklich gemacht, lieber Manfred. Sie wartet nämlich noch immer auf ein Dreierpaket mit Horrorfilmen. Und jetzt konnte sie sich wenigstens an deinen Bildern erfreuen, während ich mir den ersten Schweizer "Tatort" seit Jahren zu-mutete. "Zu-muten" natürlich nicht im abwertenden, sondern im heideggerschen Sinn, was auch immer der Unterschied sein mag.

    Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass sich "Das kleine Fernsehspiel" der Perle, die ich wohl nie zu sehen bekommen werde, einst annahm. Man entdeckte da manchmal Filme, die man im heutigen Programm regelrecht vermisst.

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  2. So ein "Tatort" an und für sich, ob nun aus der Schweiz oder anderswo, wirft einen doch immer wieder auf die Geworfenheit des Seins zurück. Oder so ähnlich.

    Aber Heidegger beiseite: Die Beglückung der Splatter-Mutti bewirkten hoffentlich nur die Splatter-Bilder, und nicht George Kuchar in Feinripp-Unterwäsche. Sonst müsste ich doch am Geschmack deiner Mutti zweifeln.

    "Das kleine Fernsehspiel" brachte im Lauf seiner langen Geschichte wirklich erstaunliche Entdeckungen. Manche wurden zu Klassikern, wie STRANGER THAN PARADISE, viele verschwanden wieder in der Versenkung, wie etwa DER HÖLLENFLUG (RIPA RUOSTUU), der ähnlich schräg und bizarr wie SCREAMPLAY ist. Den würde ich auch gern wieder mal sehen.

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