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Donnerstag, 2. Januar 2020

Volljährig, schlaflos & lustvoll in Nürnberg (Teil 2)

Euphorien vom 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos (2.-6. Januar 2019)
Freitag, 4. Januar


15:00 Uhr

StÜF – Der stählerne Überraschungsfilm

DIE LUSTIGEN 4 VON DER TANKSTELLE
Regie: Franz Antel
Österreich/BRD 1972
35mm, OV
Michael (Michael Schanze) und Gaby (Uschi Glas) arbeiten bei einer Tankstelle, die unter einer kürzlich gebauten Umgehungsstraße leidet: es fahren einfach keine Autos mehr vorbei. Mit dem aktuellen Pächter schließen sie eine Wette: wenn sie in kurzer Zeit den Umsatz massiv steigern, gehört die Tankstelle ihnen. Der schnittige Tommy (Hans-Jürgen Bäumler) und der Junge Nicki (Der kleine Nicki) helfen dabei...
Agnes Babinski (Gisela Schlüter) in Aktion, kurz davor, Kindern auf der
Straße ein Kakäochen anzubieten
"FAIL!" rief einer der Hofbauer-Kommandanten laut in Richtung des "STUC – Der stählerne Filmclub" wenige Sekunden nach Ende des Films. Was als harter Stahl kredenzt wurde, entpuppte sich dann als doch ganz unterhaltsame Komödie auf akzeptablem Niveau. Leichte Unterhaltung sozusagen, mit einigen gelungenen (und manchen nicht so gelungenen) Gags, sicherlich kein Höhepunkt des Kongresses und nicht sonderlich erinnerungswürdig – aber eben doch Unterhaltung.
Am vergnüglichsten habe ich besonders das Zusammenspiel von Uschi Glas, Michael Schanze und Hans-Jürgen Bäumler in Erinnerung: die Chemie stimmt einfach und es fühlt sich an, als ob sie Spaß am Film hatten. Uschi Glas, die ich bis 2017 (als ich Brynychs unglaublichen DIE WEIBCHEN sah) nur als Teleshopping-Verkäuferin für Hautcremes wahrgenommen hatte, stellte auch hier in DIE LUSTIGEN 4 VON DER TANKSTELLE  ihre markante Leinwandpräsenz unter Beweis, mit ihrer ganz eigenen Mischung aus zugeknöpftem Schwiegertochter-Traum und purem Sexappeal.
Die große und zugleich ambivalente Show-Stehlerin des ganzen war aber Gisela Schlüters markerschütternde Darstellung des Kindermädchens Agnes Babinski, die sich eigentlich um den kleinen Nicki kümmern soll. Sie sieht aus wie aus dem feuchten Traum eines Wirtschaftswunders-Marketingmenschen entsprungen: mit ihrem leicht verkrampften Amokläuferlächeln, ihrer fies hochgepitschten Kreischstimme, ihrer geradezu manischen Dienstfertigkeit und ihrer nervös-roboterhaften Geschäftigkeit würde sie wahrscheinlich selbst Blanche Hudson aka Bette Davis aus WHATEVER HAPPENED TO BABY JANE? weinend und um Gnade winselnd davonrennen lassen. Eklige Freundlichkeit in Person! Ihre große Punch-Line kommt immer, wenn sie dem kleinen Nicki einen Kakao anbietet: "Möchtest du vielleicht ein KAKÄOCHEN?" (mit hochgepitschter Stimme und leichtem Keuchgeräusch am Ende "KACKOOOOOICCHHEN" auszusprechen).


17:30 Uhr

24 STUNDEN AUS DEM LEBEN EINER FRAU
Regie: Robert Land
Deutschland 1931
35mm, OV
Eine gutsituierte Dame mittleren Alters (Henny Porten) lässt sich in Monte Carlo mit einem jungen Spielsüchtigen (Walter Rilla) ein.
Auf wenige Filme des Kongresses war ich so gespannt wie auf diese Adaption von Stefan Zweigs gleichnamiger Erzählung. Und diese hohe Erwartungshaltung war dann wohl auch der Grund für meine große Enttäuschung. Ich muss einfach zugeben: ich bin in 24 STUNDEN AUS DEM LEBEN EINER FRAU nicht reingekommen. Es gab einige interessante Bilder: eine lange Kamerafahrt durch das Foyer des Hotels und durch das Casino; eine Montage am Roulettetisch, bei der nur das Roulette und die angespannten Hände der Spieler zu sehen war. Aber letztendlich hat mich der Film gelangweilt. Erschwerend kommt hinzu, dass ich einige Tage zuvor zufällig Zweigs Erzählung gelesen hatte und nun meine Eindrücke aus dem Gelesenen sich mit den gesehenen Bildern bissen: wahrscheinlich hat mir das den Zugang zum Film mehr erschwert als einem unbefleckteren Zuschauer.
24 STUNDEN AUS DEM LEBEN EINER FRAU wurde nicht nur vom Hofbauer-Kommando, sondern von vielen anderen Kongressniki als einer der Höhepunkte des 18. Kongresses gesehen. Einige lesenswerte Worte zu diesem Film gibt es von Robert (in seinen Filmtagebüchern) und Udo (in der XXL-Collage bei critic.de).


21:00 Uhr

8mm- und 16mm-Kurzfilmprogramm

"Paul und Erna machen Urlaub"
Regie: Paul N.N., Erna N.N.
BRD 19NN
Super8mm mit Tonspur, OV
Ein Amateurvideo zweier deutscher Rentner aus den späten 1970er oder frühen 1980er Jahren.
Dieser Super-8mm-Film wurde von einem Bekannten des Hofbauer-Kommandos auf einem Flohmarkt unter anderen Objekten einer Haushaltsauflösung gefunden und vertrauensvoll übergeben. Zu sehen ist der Lebensalltag eines bundesdeutschen Rentnerpaars, wie man es sich zwar manchmal vorstellt – aber hier nun tatsächlich auch in farbigen Bildern sieht. Gutbürgerliche, anständige Leute, die sich hinter verschlossenen Türen bei Familienfeiern eher zwanghaft als lustvoll betrinken, dabei singen und dreckige Witze reißen ("Wer hat die härteste Arbeit der Welt? – Der Postbote: er geht von Schlitz zu Schlitz, bis der Sack leer ist"!). Zuschauer mit einer umfangreicheren HK-Erfahrungen konnten bestätigen, hier die in vielen fiktionalen Kongressfilmen zu beobachtende, alles zersetzende bundesdeutsche Tristesse nun in dokumentarischer Form zu erleben. Neben dem (selbst)dokumentarischen Aspekt verwunderte aber das künstlerische Selbstbewusstsein, mit dem Paul und Erna an ihre Amateurvideos herangingen: immer wieder werden die Aufnahmen von Bildern einer Blumenvase auf dem heimischen Balkon unterbrochen. Fast wie "pillow shots" in einem Ozu-Film. Immer wieder Blumen zwischen Urlaubsspaziergang, Geburtstagsfeier und Morgentoilette.
Nach dem Filmblock wurde auf der Dachterrasse des KommKinos recht lebhaft darüber diskutiert, ob es in Ordnung sei, diese Aufnahmen im Rahmen eines öffentlichen Filmfestivals zu zeigen. Einerseits sei dieser Film für den eher privaten Gebrauch gedreht worden und sie zu sehen hinterließe doch ein etwas merkwürdiges Gefühl. Andererseits sei der Film doch gedreht worden, um etwas zu zeigen. In heutigen Zeiten der Reizüberwältigung durch soziale Medien sei der Film nicht nur in seiner materiell originalen Form gezeigt worden, sondern auch in einem Rahmen, der sich insgesamt zugleich neugierig und respektvoll diesen Artefakten nähert. "Jede Projektion ein Akt der Zärtlichkeit" – schrieb Lukas Foerster einmal über analoge Off-Kino-Veranstaltungen. Eine Antwort gab es keine, aber die Frage wurde doch diskutiert.
Mehr zu Paul und Ernas Film hat Thomas Groh hier geschrieben.


UND DIE MUTTER BLICKET STUMM AUF DEM GANZEN TISCH HERUM...
Regie: Hedda Rinneberg, Hans Sachs
BRD 1982
16mm, OV
Eine Hausfrau sitzt allein am Frühstückstisch, den Mann und Kinder kürzlich mit schmutzigem Geschirr hinterlassen haben und steht kurz vor dem Nervenzusammenbruch.
Das war der erste von drei FWU-Filmen, die in diesem Block gezeigt wurden. Also "Film in Wissenschaft und Unterricht". Das macht den Film noch mal doppelt so interessant, denn wir sehen tatsächlich nur knapp 12 Minuten lang in gnadenlosen Schwarzweißbildern, wie eine Frau mit einem nahenden Nervenzusammenbruch kämpft, verzweifelt und den Tränen nah über ihren Alltag lamentiert, sich zwischendurch schon das erste Glas Wein einschenkt, um ihre Heulkrämpfe herunterzuschlucken. Ich kann mich nicht erinnern, ob der Film in einer einzigen Einstellung gedreht war (wahrscheinlich nicht), aber er war auf jeden Fall ein sehr streng gefilmtes Tableau seelischer Verwüstung, der mich persönlich auch völlig verwirrt zurückgelassen hat.
UND DIE MUTTER BLICKET STUMM AUF DEM GANZEN TISCH HERUM... würde bei manch einem Mainstream-Kurzfilmfestival heute wohl als "schwieriger" und äußerst "sperriger" Kurzfilm gelten. Und doch wurde er als "Gebrauchsfilm" für den Schulunterricht konzipiert! Ein Kongressnik hat das Unglaubliche dann sehr konzise zusammengefasst in Form einer potentiellen Unterrichtsfrage (ich paraphrasiere): "Welche familiären Probleme werden hier gezeigt? Worin haben sie ihren Ursprung? Gäbe es eine Lösung dafür? Diskutiert das!"


MAMA UND PAPA: AFRIKANER ALS UNTERMIETER
Regie: Michael Bückner
BRD 1973
16mm, OV
In einer westdeutschen Kleinstadt bei Lüneburg kommen nigerianische und ghanaische Studenten bei einem deutschen Ehepaar unter. Die beiden Rentner nehmen gerne das Geld und lassen sich von ihren Untermietern "Mama" und "Papa" nennen, beschweren sich aber lautstark über die "Neger", die angeblich nichts können, zurückgeblieben sind, alles schmutzig machen und außerdem nur darauf aus seien, deutsche Frauen und Kinder zu vergewaltigen.
Papa und Mama auf der Couch bei einem Schnäppschen
Freeze-Frames mit den "Lebensweisheiten" Mamas und Papas
Und schon wieder eine unfassbare Reise in das kackbraune Herz des deutschen Alltagsfaschismus. MAMA UND PAPA: AFRIKANER ALS UNTERMIETER verschlägt einem immer wieder die Sprache und wirkt gleichzeitig (leider) doch auch immer unglaublich vertraut und aktuell. Die beiden Rentner schwadronieren, jeder ein Glas Schnaps vor sich stehen (wie Paul und Erna!), über die Minderwertigkeit von Afrikanern, über ihre angeborene Begriffsstutzigkeit und sogar darüber, dass der kleine, etwa zehnjährige Enkel auf Besuch gut überwacht werden muss, damit ihn die Untermieter nicht vergewaltigen. "Wenn ich zufasse, dann gehen sie meist in die Knie" – der auf Ordnung bedachte Rentner rühmt sich ganz stolz, seine Untermieter im Zweifelsfall sogar zu schlagen. "Begegnungen mit fremden Völkern machte Herr Immerz im Zweiten Weltkrieg" erklärt uns der Off-Kommentar. Ja, es ist sehr überdeutlich, dass diese beiden deutschen Rentner keine "Gnade der späten Geburt" hatten.
"Papa" schildert an einer Stelle auch die Nachricht einer angeblichen Vergewaltigung durch Afrikaner und beschreibt im Detail, wie zwei Afrikaner eine deutsche Frau angeblich auf einem Tisch festhalten haben, während der Dritte "sein Geschäft machte": das Faszinierende an diesem Moment ist vor allem Herr Immerz' lustvolles und genüsslich-schmieriges Lächeln im Gesicht. Er scheint sich selbst daran leicht aufzugeilen: empörte Aufgeilung bzw. aufgegeilte Empörung sind kein neues Phänomen sozialer Medien. Überhaupt: Fake News ist eben keine Erfindung des Facebook-Zeitalters. Die Hypothese, dass die Anonymität sozialer Medien Grundvoraussetzung für die verbalen Enthemmungen und Entgleisungen der späten 2010er Jahre war, widerlegt MAMA UND PAPA: AFRIKANER ALS UNTERMIETER ganz deutlich: die beiden gutbürgerlichen deutschen Rentner haben keinerlei Hemmungen, allerlei Ungeheuerlichkeiten in die Kamera aufzusagen.
Interessant ist, dass der Film ganz offensichtlich Position bezieht. Nach den im Sekundentakt niederprasselnden Ungeheuerlichkeiten stoppt der Film manchmal im Freezeframe und blendet das Letztgesagte noch mal ein. Wie um zu sagen: ja, lieber Zuschauer, du hast richtig gehört! Es scheint mir sehr deutlich zu sein, dass das Gesagte ironisiert wird. Um diesen Film so zu verstehen, muss man natürlich eine Offenheit dazu haben, den "rohen Text" gegen den Strich zu bürsten (wahrscheinlich wären viele Zuschauer mental auch in der Lage, bei jeder Texteinblendung nickend zuzustimmen mit den Worten "Ja, genau so ist es!"). An manchen Stellen scheint der Interviewer mit Nachfragen die beiden Rentner zu noch zugespitzteren Antworten provozieren zu wollen (was meist auch tatsächlich funktioniert).
MAMA UND PAPA: AFRIKANER ALS UNTERMIETER ist so erschreckend wie auch deprimierend. "Wir müssen euch erziehen" sagt "Mama" an einer Stelle. Mit Rassisten jedenfalls scheint das unmöglich zu sein: mit ihnen zu reden bringt nichts (nicht 1932, nicht 1989, nicht 2014, nicht 2019, nicht 2020 und auch nicht in Zukunft), und vor allem werden sie sich auch bei engem Kontakt mit den "Objekten" ihres Hasses nicht "überzeugen" lassen.


ACHTERBAHN DER GEFÜHLE
Regie: Josef Kluger
Deutschland 1995
16mm, OV
Schmetterlinge im Bauch, erste Periode, nächtlicher Samenerguss: Jugendliche kommen in die Pubertät und entdecken langsam ihren Körper und neue Gefühle.
Hier liegt ganz klar ein Film vor, der zum Einsatz im Sexualkundeunterricht gedacht war. Wenn man das liest, denkt man an steife Erklärbärvideos, die Fremdscham hervorrufen und die einem Sexualität für ziemlich lange Zeit verhageln. Nicht so ACHTERBAHN DER GEFÜHLE: ein explosiver, impressionistischer Filmrausch voller sinnlicher, rauchig-nebliger Bilder in sanften und doch strahlenden Farben, mehr gepinselt und gemalt als wirklich gefilmt. Josef Kluger war der Regisseur, und trotzdem wird man bei diesem Film nicht das Gefühl los, dass es sich um eine unterschlagene und verschwiegene Zusammenarbeit zwischen Just Jaeckin und Tony Scott handelt. Die luftige Sinnlichkeit des 16mm-Materials tat ihr übriges dazu, ACHTERBAHN DER GEFÜHLE zumindest visuell zum großen Höhepunkt des Tages werden zu lassen.
Der Film sah allerdings nicht nur schön aus. Ich hatte zumindest auch das Gefühl, dass er seine jugendlichen Protagonisten ernst nimmt, sich offen und ohne Herablassung auf ihre Lebens- und Gefühlswelten einlässt, und dass er Sexualität als normale Alltagserscheinung darstellt, und nicht als etwas Schmutziges, Verdammenswertes.


TUNGEKYSSET ("Annes erster Kuss")
Regie: Berit Nesheim
Norwegen 1988
16mm, DF
Zwei Jugendliche, die die gleiche Schule besuchen, nähern sich nach und nach und sehr mühsam einander.
TUNGEKYSSET ist ein Film, der vor allem von Hemmungen handelt. Da beide Protagonisten sich nicht trauen, wirklich miteinander zu sprechen, sagen sie sich aus Verlegenheit meist einfach nur "Hallo". Als Echo gibt es dann ein Hallo. Jedes Mal, wenn sie sich näher kommen, zieht sich Anne dann doch zurück und bietet ihrem Angehimmelten Süßigkeiten an. Nur am Ende, beim Schulball, als ein anderes Mädchen zur Ballkönigin erklärt wird, da "wacht" Anne auf, zieht sich ihren Geliebten in einen Nebengang und küsst ihn dort, damit er ja nicht die Ballkönigin sehen und sich vielleicht in sie verlieben kann.
Ein Film, der vor allem mit seinem etwas heruntergerocktem 1980er-Jahre-Look (diese aufgetürmten Fönfrisuren!) punktet. Mein Verdacht, dass in einem Moment die Lens-Flares die Form von Herzchen annehmen, hat sich dann bei einer späteren Sichtung des Films (im Rahmen von "Sweet Movies") bestätigt: ja, da sind Herzchen zu sehen.


23:30 Uhr

SPICE WORLD
Regie: Bob Spiers
UK 1997
35mm, DF
Die Spice Girls machen gerade eine Konzerttournee und werden dabei von einem Filmteam begleitet. Alles würde perfekt gehen, wenn da nicht ein Boulevardblättchenverleger und sein Spezialagent alles darum geben würden, die Band zu sabotieren.
Die Spice Girls waren zu ihrer Erfolgszeit ein Phänomen, das mir – mit Verlaub – ziemlich am Allerwertesten vorbeiging. Die Begeisterung einiger Mitschülerinnen hat dies nicht gerade verhindert, ganz im Gegenteil. Als Band (also Musikerinnen) fand ich sie fürchterlich und das hat sich auch heute nicht geändert. Ein ganzer Film also mit und über sie? Nun... seit Sommer 2018 habe ich durchaus eine gewisse Offenheit für Filme, deren scheinbares Ziel es ist, das Ego eines gerade trendigen Popstars auszustellen (besonders natürlich, wenn sie sich als völlig eigensinnige und singuläre, halb-avantgardistische Genre-Experimental-Hybride entpuppen). Zwischen diesen beiden Polen war meine Erwartung zu SPICE WORLD angesiedelt. Dass das so ein Stahlbad werden würde, hätte ich allerdings nicht erwartet...
SPICE WORLD leidet natürlich in erster Linie daran, dass er vor allem eine Aneinanderreihung von Witzen ist, die irgendwo zwischen grottenschlecht und grenzdebil rangieren, dabei aber niemals völlig bizarr oder abgründig genug werden, um irgendwie wirklich etwas Besonderes zu werden. Er hetzt sich mit einem irren Tempo von Nummer zu Nummer, ohne jemals Luft zu holen und folglich geht dem Film auch sehr rasch die Puste aus: mit jeder neuen Situation, jeder neuen "Nummer" wurde mir diese zunehmend egaler. SPICE WORLD ist auf geradezu schmerzhafte Weise "neunziger'ig" und leidet auch an einer der größten Krankheiten seines Jahrzehnts: die extrem penetrant ausgestellte Selbstironie. Der Film lacht scheinbar immer über sich selbst, immunisiert sich dabei aber auch gegen jegliche wahre Emotionen.
Mit einem Budget von 25 Millionen Dollar hat es SPICE WORLD sichtlich an nichts Materiellem gemangelt, auf dem Regiestuhl saß mit Bob Spiers jemand, der aus dem Fernsehen kam (unter anderem hatte er bei der zweiten Staffel von FAWLTY TOWERS Regie geführt) und über 20 Jahre Erfahrung zählen konnte: der Film ist handwerklich viel zu gut, professionell und routiniert inszeniert, als dass er jemals wirklich interessant werden könnte. Die "humoristischen" Entgleisungen auf der inhaltlichen Ebene kommen im professionellen Look daher. Im Grunde ist der Film zu "normal"... Blieben noch die Spice Girls, von der nach meinem Empfinden keine auf der großen Leinwand irgendeinen besonderen Eindruck machte. Ein Grundproblem besteht natürlich darin, dass sie sich im Grunde selbst verkörpern.
SPICE WORLD war bei diesem Kongress mein eigentlicher StÜF des Herzens. Er hat die Kongressteilnehmer (und selbst das Hofbauer-Kommando) durchaus polarisiert mit vielen sehr negativen und vielen sehr positiven Stimmen. Ich selbst saß während des Films wortwörtlich zwischen zwei Polen. Mein rechter Sitznachbar lachte und jubilierte viel während des Films. Mein linker Sitznachbar war sichtlich genervt, sank mit zunehmender Laufzeit immer verzweifelter in seinen Sitz hinein und verließ nach zwei Dritteln schließlich, sichtbar am Ende seiner Nerven, den Kinosaal. Ich hielt zwar durch, aber es war schon sehr schwer.

Brutal gestählt war ich zu Beginn der letzten Vorstellung des Tages, die sich als dessen Höhepunkt entpuppen sollte...


01:45 Uhr

BOTH WAYS
Regie: Jerry Douglas
USA 1975
DVD, OV
Donald (Gerald Grant) ist glücklich mit Janet (Andrea True) verheiratet und hat mit ihr einen kleinen Sohn: ein echter Musterehemann und -vater! Oder auch nicht: er hat nebenbei noch eine Affäre mit dem College-Studenten Gary (Dean Tait). Mit der Zeit fällt es ihm zunehmend schwerer, sein verborgenes Doppelleben zu führen...
Donald führt ein Doppelleben und gerät nicht nur mit seiner
Frau, sondern auch mit seinem Liebhaber in Dispute
Der Schwulenporno BOTH WAYS beginnt zunächst als leicht satirisch angehauchte Screwball-Komödie, und entwickelt sich dann gegen Ende zum harten Melodrama. Zu Beginn befinden wir uns auf einem Jahrmarkt mit Donald, Janet und Sohnemann, ausgelassene Familienidylle, Luftballons werden gekauft und dann losgelassen: sie fliegen zum blauen Himmel und erinnern wohl nicht ganz zufällig an Spermien. Ein Bild der Familienidylle, ironisch gebrochen. Wenig später sehen wir dann Donald beim ausgelassenen Sex mit Gary. Doch auch das keine richtige Idylle. Donald wird sich bald mit beiden Partnern aussprechen müssen, nackt, kniend auf dem Bett vor einem Spiegel, der jeweils ein Bild von ihm und Gary bzw. Janet zurückwirft. Die Ehe mit Janet ist gar nicht so idyllisch, wie sie nach außen hin wirken soll, während Gary nach und nach mehr für Donald sein möchte als ein gelegentlicher Bettpartner.
Die sexuelle Revolution der 1960er Jahre hat zwar gewirkt, ist aber gleichzeitig auch stecken geblieben bzw. in gutbürgerlich geordnete Bahnen gelenkt worden. Bei einer größeren Party unter Freunden, die Donald und Janet besuchen, wird zuerst ganz gesittet und gutbürgerlich geplaudert und getrunken (na ja, bis auf die eine Dame, die viel zu viel getrunken hat und immer wieder in den unmöglichsten Momenten auftaucht, um sich ihr Glas füllen zu lassen – eine großartige comic-relief-Figur, wie ich finde). Zu späterer Zeit geht die Hausdame durch die verschiedenen Räume, in denen sich die Gäste aufhalten und ruft laut "Orgy time!". Zeit für Gruppensex, der wie ein Pflichtprogrammpunkt abgehakt werden muss (und wer nicht mitmachen möchte, muss gehen). Donald und Janet bleiben eher missmutig dabei. Bei einem Vierer mit befreundeten Paar ergreift Donald ganz sachte und sanft den Penis des anderen Mannes – seine Hand wird sofort schroff zurückgestoßen.
Gary nimmt auch an dieser Feier teil – auf der anderen Seite des Tresens: als Caterer versorgt er die Gäste mit Essen und Getränken. BOTH WAYS handelt auch implizit von Klassen- bzw. Statuskonflikten. Donald ist nicht nur ein Familienvater, der nebenbei mit einem Mann schläft, sondern eben auch ein gesetzter Universitätsdozent, der mit einem Studenten schläft, der nebenbei als Caterer für Leute wie ihn arbeiten. Status ist Macht. Und Status ist auch Schwäche, wenn er auf dem Spiel steht.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Janet die Bisexualität ihres Ehemanns zu tolerieren bereit wäre (mehr als die Heimlichtuerei), aber da die Ehe gerade kriselt, ist es für Donald ein denkbar schlechter Moment, um über seine Seitensprünge zu reden. Währenddessen drängelt ihn Gary zunehmend dazu, mehr zu seiner Beziehung mit ihm zu stehen. Das bringt Donald manchmal in schwitzende Hektik, und zwar wortwörtlich. Der visuelle und zugleich humoristische Höhepunkt von BOTH WAYS ist dann auch eine Montage aus Sex mit Donald und Janet / Donald im Auto, der sich zwischendurch umzieht / und Sex mit Donald und Gary. Am Anfang noch recht gemächlich, dann steigert sich das Tempo, bis alles (Donald, Janet, Gary, Umziehen im Auto) fast verschwimmt.
Als ich über CITY OF SIN schrieb, erwähnte ich die größere sexuelle Offenheit von Schwulenpornos im Vergleich zu Heteropornos. BOTH WAYS handelt nicht nur thematisch, sondern auch visuell von Bisexualität: es gibt genau so viele heterosexuelle wie homosexuelle Sexszenen. Trotz der männlichen Figur wird auch dem weiblichen Begehren viel Platz eingeräumt. Der Film nimmt sich Zeit, um auch Janet zu zeigen, die sich in aller Ruhe ein Bad einlässt und dann in der Wanne masturbiert. Ihr Liebesleben mit Donald gibt ihr Inspiration. Kurz, bevor sie kommt, sind plötzlich einige wenige Bilder (soweit ich mich erinnere vielleicht 1 bis 2 Sekunden nur) von Donald und Gary beim Sex zu sehen. Ist das eine Fantasie Janets? Eine Erkenntnis? Oder nur eine ironische Brechung des Films? Nicht Bisexualität, sondern eine eingeengte Auffassung von monogamischer Beziehung steht Donalds und Janets und Garys Glück im Wege.
BOTH WAYS ist über weite Strecken ein leise humoristischer Film, der tatsächlich ein wenig wie die modernisierte Variante einer klassischen Hollywood-Screwball-Komödie wirkt. Gegen Ende schlittert er in ein bretthartes Melodrama. Bei einem Streit mit Gary gerät Donald in Rage und er erschlägt seinen Liebhaber im Affekt mit einem Bierkrug der Universität (der gleiche Bierkrug, der zu Beginn für die beiden als lustiges Sujet für Smalltalk diente) und lässt anschließend seine Leiche verschwinden. Bei einem Streit mit Janet hingegen schlägt er sie. Als sie in das nahegelegene Wäldchen wegrennt, verfolgt er sie und vergewaltigt sie dort. BOTH WAYS ist am Ende auch ein bitter moralischer Film, der Donald für seine Taten büßen lässt: sein Liebhaber ist tot, seine Frau verlässt ihn zusammen mit dem gemeinsamen Sohn und nun ist er dazu verdammt, alleine am Schaukelreifen im heimischen Garten traurig hin und her zu schaukeln. "No Ways!"
Ein anderer Kongressnik hat zu BOTH WAYS einen schönen und lesenswerten Text geschrieben (hier zu lesen).


Samstag, 5. Januar


15:00 Uhr

"Gli italiani si voltano" ("Die Italiener drehen sich um" – Episode aus L'AMORE IN CITTÀ)
Regie: Alberto Lattuada
Italien 1953
35mm, OV
Schöne Italienerinnen gehen, spazieren und fahren durch die Straßen Roms und die Italiener drehen sich nach ihnen um.
"Gli italiani si voltano" ist ein etwa 15-minütiges audiovisuelles Gedicht der begehrenden Blicke (jener der Männer im Film – und jene der Zuschauer selbst): keine Dialoge, keine Erklärungen, kein Voice-Over, nur die Frauen und die Männer, die sie anblicken, unterlegt von Musik. Der Film reiht strukturlos, oder viel besser ausgedrückt: impressionistisch seine Bilder aneinander, ohne wirklich eine Dramaturgie zu entwickeln und das ist auch gut so. Nur gegen Ende, da blickt ein Mann eine Frau nicht nur an, sondern bleibt hartnäckig im Bus sitzen, der sich Station nach Station leert, verfolgt die junge Frau, nachdem sie ausgestiegen ist und lässt auch erst von ihr ab, nachdem sie in ein Gebäude (wir befinden uns einem ärmlichen Vorort) eingetreten ist. Aus dem hartnäckigen, aber letztendlich noch harmlosen Blicken wird hier plötzlich etwas latent Bedrohliches. Aus dem heiteren Spiel wird bitterer Ernst. Die leichte Komödie gleitet in etwas, was in einem Thriller nicht deplatziert wäre. Der Film und die Blicke des Films verlieren ihre Unschuld.
Beim Sonntagabendumtrunk nach Kongress-Ende sprach Udo Rotenberg (vom Blog "L'amore in città") sehr begeistert vom Regisseur Alberto Lattuada. Er hat – unabhängig vom Kongress – über den Film und auch die Episode "Gli italiani si voltano" hier geschrieben. Katrin Doerksen hat kurz nach dem Kongress im bereits mehrfach zitierten Sammeltext zu "Gli italiani si voltano" einige Worte geschrieben.


MICHI NO SEX ("Sprechen, Flüstern, Stöhnen: Michi no sex")
Regie: Yamashita Osamu
Japan 1966
35mm, DF
Sommer in einem überfüllten und recht hellhörig gebauten Apartment-Haus in Tokyo: die Bewohner kommen nicht drum herum, sich kennenzulernen und sich vor allem zu hören – sei es beim Radiohören oder bei intimeren Tätigkeiten.

"[...] Ride into the sun
Where everything seems so pretty
When you're lonely and tired of the city
Remember, it's a flower made out of clay
To the city
Where everything seems so ugly
When you're sitting at home in self pity
Remember, you're just one more person
Who's living there
It's hard to live in the city
It's hard to live in the city
It's hard to live in the city
It's hard to live in the city
It's hard to live in the city
It's hard to live in the city"
("Ride Into the Sun" – The Velvet Underground)

Es ist schwer, in der Stadt zu leben. Auch wenn ich absolut kein Spezialist für dieses Genre bin: Isolation, Entfremdung, Einsamkeit und daraus resultierender, obsessiver Wahnsinn, die aus dem Leben in der Großstadt resultieren, scheinen ein wiederkehrendes Thema von Pink-Filmen zu sein, ganz besonders in jenen, die in der Megapolis Tokyo spielen. Beim letzten Hofbauer-Kongress sah ich TENSHI NO HARAWATA: AKAI KYOSHITSU und ebenso TENSHI NO HARAWATA: AKAI MEMAI unter anderem auch als Filme über jeweils zwei seelisch kaputte Menschen, die in der lebensfeindlichen Großstadt nach Liebe suchen. Bei ZOOM IN: BŌKŌ DANCHI (in dem ein Serienvergewaltiger ein Stadtviertel unsicher macht) scheint mir ebenfalls die lebensfeindliche, anonyme, zugemüllte, kalte, abweisende Großstadt der eigentliche Ausgangspunkt für die Obsessionen der Figuren zu sein. Der frühe und noch in Schwarzweiß gedrehte Pink-Film MICHI NO SEX ist weitaus weniger hart, extrem und wahnsinnig als die eben genannten Filme und wesentlich zurückhaltender und züchtiger. Er ist zudem auch eher in einer "trivialen" Alltagsrealität verankert.
Im Zentrum steht vor allem der junge Student und die nebenan wohnende junge Lehrerin (?), die sich im Laufe des Films näher kommen und schließlich miteinander schlafen. Die junge Lehrerin ist bereits verheiratet, doch die Ehe scheint nicht sonderlich erfolgreich zu sein – ist auch schwierig, in einem solch winzigen Apartment (gefühlt höchstens drei Meter mal drei Meter) vernünftig eine Ehe zu führen. Alles spielt in extrem beengten Räumen, jede Wohnung eine Schuhschachtel, der Korridor zu den Wohnungen ein extrem enger Gang. Gerade für ein solch klaustrophobisches Setting kann Cinemascope das ideale Format sein, und MICHI NO SEX macht davon exzellenten Gebrauch: der Film sieht unglaublich toll aus. Besonders kann ich mich an ein Bild erinnern: zwei Frauen gehen in dem engen Korridor aneinander vorbei, dann bleiben sie kurz stehen, drehen sich um und sehen sich einander (zumindest von dem einen sichtbaren Augenpaar ausgehend) mit giftigen Blicken an.
Zwischendurch ist mir aufgefallen, dass MICHI NO SEX auf eine gewisse Weise auch eine logische Fortführung von Ozu-Filmen sein könnte. Auch Ozu-Filme handeln oft von "kleinen" Leuten und ihren Mühen des Lebens in der Großstadt: von Routine, die einen von seiner sozialen Umgebung entfremdet, von Anpassungsschwierigkeiten, die die Jugend oft besser meistert als die älteren Personen, vom Umgang mit Traditionen in einer hochmodernen Umgebung. Familienfeiern, Besäufnisse, organisierte Ausflüge, Workaholismus und Heiratsintrigen sind die Wege, mit denen Figuren bei Ozu ihre Probleme angehen. Die Figuren von MICHI NO SEX (Studenten, kleine Angestellte) könnte man sich auch bei Ozu vorstellen. In den drei Jahren, in denen sie noch weiter in der großen Stadt vor sich hin geschmort haben, haben sie nun den Sex als Möglichkeit gefunden, ihre Probleme anzugehen...
Robert sieht auch eine Verbindung zu Ozu-Filmen, allerdings mehr auf der visuellen Ebene: "MICHI NO SEX könnte fast ein Ozu-Film sein, so wie er seine Figuren in ihren abstrakten Räumen sitzend zeichnet." (hier zu seinen Ausführungen).


17:00 Uhr

ICH
Regie: Roswitha vom Bruck
BRD 1972
35mm, OV
Monika (Renate Carol) heiratet relativ jung den ersten Mann, mit dem sie schläft: Kai (Frank Glaubrecht). So sehr sie den Ingenieur auch liebt, so sehr ist ihr Sexleben für sie frustrierend, weil Kai nur 30-sekündige Schnellgymnastik in Missionarsstellung als Liebemachen akzeptiert und ihre Bedürfnisse ignoriert. Das Mauerblümchen beginnt auf Anraten von Freunden und Bekannten, mit Selbstbefriedigung, dann mit Seitensprüngen zu experimentieren, um mehr Anregungen für Liebestätigkeiten im ehelichen Bett zu erhalten. Monika blüht dabei sexuell regelrecht auf, was Kai allerdings gar nicht gerne sieht...
Eine so völlig unglaubliche und erschütternde Cine-Epiphanie wie beim letzten Kongress mit Ulli Lommels DER ZWEITE FRÜHLING gab es beim diesjährigen Kongress nicht. Es gab kleinere Epiphanien, die es zumindest in Sichtweite schafften: DIE TOTENSCHMECKER, WAIDMANNSHEIL IM SPITZENHÖSCHEN – und eben Roswitha vom Brucks einzige Regiearbeit ICH (auf den Plakaten, allerdings nicht auf der gezeigten Filmkopie selbst: "Ich, das Abenteuer, heute eine Frau zu sein").
Eine große Besonderheit von ICH besteht darin, dass es sich um einen Sexploitationfilm handelt, der von einer Frau geschrieben und inszeniert wurde und die Reise, die er zeigt (es ist im Grunde ein filmischer Bildungsroman), eine weibliche Perspektive einnimmt. Vor allem aber war der Film inhaltlich, in seinen Dialogen, in seinen Situationen, seinen Bildern, seinen Einfällen absolut wahnwitzig und peitschte zwischendurch die Zuschauerschaft in regelrechte Stürme von Begeisterung und ungläubigem Staunen. Beginnen tut der Film mit einem Schlag ins Gesicht: Monika wird von ihrem Ehemann Kai wortwörtlich aus der gemeinsamen Wohnung hinausgeprügelt – dann beginnt sich Monika zu erinnern...
Es beginnt so schmachtend-süß und kitschig, dass es eigentlich zum Dahinschmelzen wäre: Monika und Kai, die sich in weichgefilterten, sich fast auflösenden Bildern ihre Liebe versichern, dann der erste Sex, in ebenso weichen Bildern festgehalten – und doch auffallend kurz, weil Kai wortwörtlich nur etwa 30 Sekunden über Monika drüberrutscht. Filmische Konvention? Nein, daran wird sich im Laufe des Films nie etwas ändern. Kai interessiert sich nicht dafür, seine Frau sexuell zu befriedigen und wird es auch niemals tun.
Der erste Seitensprung (nach bereits einigen pikanten Gesprächen mit Freundinnen und Arbeitskolleginnen) von Monika wird dann ausgerechnet ihr Hausarzt: ein älterer Herr, der sie schon als kleines Mädchen gekannt hat. Ein erstes Gespräch zwischen der verunsicherten Monika und dem altväterlichen Mediziner in dessen Kabinett: dabei der Gynäkologenstuhl, der zwischen den beiden überdeutlich in der Bildmitte im Hintergrund prangt, und das scheinbar unschuldige Gespräch mit seiner Direktheit brutal stört. Später das erste Schäferstündchen im Auto des Arztes: "Du solltest dein Haar offen tragen... so wie deinen Schoß!", sagt der wesentlich ältere Mann, der weniger attraktiv als der Ehemann ist, dafür sich aber sichtlich Zeit nimmt, damit nicht nur er, sondern auch Monika beim Sex auf ihre Kosten kommt.
Der Arzt war nur das Appetithäppchen, und Monika ist nun hungrig geworden auf mehr. Mit offenen Augen geht sie nun durch ihre eher triste Umwelt (einem recht beschaulichen, anonymen deutschen Provinzstädtchen, wenn ich mich recht erinnere – oder doch der Vorort einer größeren Stadt?). Auf der Baustelle ihres Mannes erblickt sie das Gerippe eines großen Wohnungskomplexes: in jedem Fenster steht ein Bauarbeiter, den sie mit ihren Blicken auszieht, so dass dann ein Dutzend Männer splitternackt wie in einem Katalog dasteht. Und Monika probiert aus, immer weiter aus, um mehr über die vielen Möglichkeiten von Sex zu lernen (und Kai mit ihrem Wissen zu instruieren). Wie sie selbst sagt: "Bei der Liebe ist es wie beim Essen: man muss Dinge ausprobieren, um zu wissen, ob sie einem schmecken. Das Reiten wurde meine Leibspeise!"
Einer der Männer, den sie sich anlacht, sieht ein wenig aus wie der entfernte und sehr sehr schmierige deutsche Cousin von Marcello Mastroianni. Wobei: sie sich anlacht – er bringt sie zu sich nach Hause, täuscht vor, seinen Schlüssel vergessen zu haben, hebt sie in die Arme und wirft sie durch das von außen geöffnete Küchenfenster in die Wohnung hinein. Soweit lässt sich das Monika gefallen. Nur, als er später zu einem der wiederholten Schäferstündchen ein halbes Dutzend Kumpel einlädt, die dann allesamt nackt auf ihren Einsatz warten, wird es Monika etwas zu viel.
Nur Kai, den sie trotz seiner hartnäckigen Ignoranz gegenüber ihren sexuellen Bedürfnissen weiterhin innig liebt (und den sie auch keineswegs "betrügen" möchte), wehrt sich gegen Monikas Bemühungen, mehr Würze in das eheliche Liebesleben zu streuen. Ein Urlaub an der spanischen Küste, eine ideale Situation, um mal was anderes auszuprobieren, gerät zum Fiasko: alle ihre Bemühungen, ihn zu etwas anderem als 30 Sekunden Missionarstellung zu überreden, scheitern ("Du stehst hier herum wie eine Statue: komm, lass uns Denkmalschändung spielen!"). Ein engumschlungener Tanz mit einem fremden Mann in einer Taverne animiert Kai nicht zu feurigeren Liebesspielen, sondern nur dazu, den Ahnungslosen anzupöbeln und zu prügeln...
Nein, Monika wird mit Kai nie glücklich werden. Nach einer sehr intensiven Szene, in der Monika auf einem Gleisbett vor einem herannahenden Zug kurz vor dem Selbstmord steht, landet sie schließlich wieder bei dem altväterlichen Hausarzt, mit dem sie dann wohl erst mal eine Weile zusammenbleiben wird. "Ach Monika... Wirklich? Du hast doch nach diesen ganzen Strapazen mit Kai etwas Besseres verdient." denkt man sich als Zuschauer etwas enttäuscht. Aber so hat Monika nunmal vorerst entschieden...
Bei den anschließenden Abendessensgesprächen wurde sehr kontrovers diskutiert, ob "Roswitha vom Bruck" das Pseudonym eines männlichen Regisseurs sei und wie "weiblich" der Film in seinen Perspektiven tatsächlich sei (ich bin der Meinung, dass man einen "anderen" Blick in vielen Momenten deutlich erkennen kann).  Zumindest ersteres wurde kurz vor Beginn des 21-Uhr-Films eindeutig geklärt: die Dame hat ein relativ leicht zuzuordnendes Profil bei einem sozialen Medium und arbeitete jahrelang als Journalistin mit Schwerpunkt Film. ICH blieb leider ihre einzige Regiearbeit, sodass sich der Name Roswitha vom Bruck nun nahtlos einreihen lässt mit Charles Laughton, Leonard Kastle, Saul Bass, Akramzadeh, Aleksandr Askol'dov, Bert Williams... Ebenso einzigartig blieb ICH für die wunderbare Hauptdarstellerin Renate Carol: das ist schade, weil sie eben nicht nur attraktiv ist, sondern vor allen Dingen die Protagonistin mit Haut und Haaren sehr intensiv und emotional darstellt und im Grunde nicht weniger als die Seele des Films ist. Von Kais Frank Glaubrecht hat man später mehr gehört – wortwörtlich: mehr denn als Darsteller ist er vor allem als Synchronsprecher und Hörbuchsprecher in Erscheinung getreten. Kameramann Werner M. Lenz war ein echter Profi des bundesdeutschen Genre- und Reportfilmkinos, hatte unter anderem diverse Filme fotografiert, die auf der Edgar-Wallace-Welle ritten, Ernst Hofbauers DAS GEHEIMNIS DER DREI DSCHUNKEN in äußerst schönem Scope fotografiert (und am Schnitt mitgewirkt) sowie auch mehrere Oswalt-Kolle-Filme inszeniert und fotografiert.
Im bereits mehrfach zitierten Sammeltext zum Kongress hat Silvia Szymanski wunderschöne, persönliche Worte zu ICH geschrieben. Ein anderer Kongressnik hat hier einen Text zu ICH verfasst.


21:00 Uhr

AMOK ("Neun Mädchen auf der Hölleninsel")
Regie: Dinos Dimopoulos
Griechenland 1963
35mm, DF
Eine Gruppe von Frauen flieht aus dem Gefängnis und kommt auf eine Insel, wo zu ihrem Unglück einige Gangster eine vor langer Zeit vergrabene Überfallbeute bergen wollen.
AMOK beginnt ein wenig wie eine mediterrane und etwas langsamere Version von DAS RASTHAUS DER GRAUSAMEN PUPPEN, mit dem er sich die Grundsituation teilt: einige toughe Frauen, die aus dem Knast ausbrechen und dann flüchten – freilich ohne das völlig irrsinnige Tempo von Olsens Reißer, sondern den hohen sommerlichen Temperaturen geschuldet eher verlangsamt. AMOK hat viele sehr schöne Bilder: der Film ist fast komplett unter freiem Himmel an einem kargen, steinigen Strand gedreht worden und funktioniert ein wenig wie ein Freiluftkammerspiel. Ich muss allerdings trotzdem sagen, dass mich der Film (vielleicht eben, weil ich mir zu sehr etwas in Richtung DAS RASTHAUS DER GRAUSAMEN PUPPEN "versprochen" habe) insgesamt gepflegt gelangweilt hat. Ich kann mich auch nicht an besonders viel erinnern und verweise daher gerne auf einen Text NIcolai Bühnemanns, dem der Film wesentlich mehr gegeben hat.


23:15 Uhr

LISA!
Regie: Mario Schollenberger
Deutschland 2018
DCP, OV
Lisa (Nora Pandora) verbringt ihre Zeit damit, es sich in Berlin gutgehen zu lassen, ein bisschen zu kiffen und mysteriöse Typen mit Schweigegelübden (Mario Schollenberger) abzuschleppen. Eines Tages erhält sie von einem anderen jungen Mann (Charlie Umlaut) beim Bier einen Schnaps ausgegeben, der mit K.O-Tropfen angereichert ist. Er entführt sie und vergewaltigt sie stunden-, vielleicht sogar tagelang in seiner Wohnung. Als sie wieder freikommt, spürt Lisa ihren Vergewaltiger auf und... lädt ihn zum Abendessen zu sich nach Hause ein. Verblüfft nimmt er an: ein ziemlich großer Fehler, denn Lisa hat ein ausgiebiges Programm für ihn vorgesehen...
Lisa und ihr "domestizierter" Vergewaltiger
Beim Hofbauer-Kongress wird viel gelacht und gejubelt. Rufe der Freude, der Ekstase, der Bewunderung sind an der Tagesordnung. Bei LISA! hätte man hingegen über weite Strecken des Films den Fall der sprichwörtlichen Stecknadel hören können. Dieser auf einer Videokamera gedrehte Film mit einem Budget von etwa 80€ (wie der anwesende Regisseur im anschließenden Q & A schätzte) raubte den Zuschauern vor Anspannung und Grauen den Atem.
Im Gegensatz zu anderen Protagonistinnen in anderen Rape-and-Revenge-Filmen verwandelt sich Lisa nicht in eine großstädtische Rächerin, die nächtens den "Abschaum" auf den Straßen (hier: Berlins) beseitigt, sondern rächt sich tatsächlich auf einer sehr individuellen Ebene und auf eine selbst für dieses sehr entgrenzte Genre sehr perfide Weise: sie entscheidet sich dazu, ihren Vergewaltiger nicht nur einfach zu töten, sondern verdinglicht ihn und hält ihn sich wie einen lebenden Einrichtungsgegenstand oder wie ein Haustier in ihrer Wohnung. Sie zieht ihn aus, stülpt ihm eine Maske über den Kopf, betäubt ihn mit starken Beruhigungsmitteln und sperrt ihn im Stauraum ihrer aufklappbaren Wohnungscouch ein. Ihr Vergewaltiger ist aber eben ein lebendiger Organismus und kein Gegenstand: als die Zeit ihren natürlichen Tribut fordert, beginnt sie dann auch, Windeln für ihn zu kaufen, ihn zu säubern, neu zu wickeln und zwischendurch auch zu füttern, wie ein neugeborenes Kind. Auf eine perverse Art behandelt sie ihn geradezu zärtlich, hegt und pflegt ihn. Dann demütigt sie ihn wieder, degradiert ihn zum Sexspielzeug und zwingt ihn, sie zu lecken.
LISA! ist auf eine gewisse Weise natürlich zweifelsohne ein bestialischer und grausamer Film, aber das ist nur eine Seite. Es mag bizarr klingen, aber LISA! hat auch eine sehr zärtliche Seite, es ist eben auch Film mit einer ganz eigensinnigen Poesie. Zwischen Lisa und ihrem Vergewaltiger entspinnt sich nach und nach eine eigenartige Beziehung, die sich den Worten entzieht. Er wird zum Ding, das in die Couch weggesperrt wird, aber doch immer wieder herausgeholt und gehegt und gepflegt wird. Ein unumgänglicher Gegenstand auf ihrem Weg zu irgendeiner Form von Heilung – oder zumindest der Aufarbeitung ihres traumatischen Erlebnisses. Und vor allem: ohne ihn in der Couch keine Beziehung mit dem Mann, der ein dreimonatiges Schweigegelübde abgelegt hat. Vielleicht ist das der Kern von LISA!: die unvorstellbar brutale, perfide und grausame Rache ist zugleich der Beginn einer zarten, zunächst wortlosen Liebesgeschichte. Horror- und Liebesfilm sind in LISA! untrennbar miteinander verschlungen.
Ich bin kein Freund des digitalen Heimvideo-Looks. Ich finde, dass es meist eher hässlich aussieht, und es fällt mir als Zuschauer oft schwer, diese Hässlichkeit im Laufe des Films zu vergessen. Ausnahmen bestätigen die Regel: Bei Giulio Questis späten Kurzfilmen hat das perfekt funktioniert. Und bei Mario Schollenbergers außergewöhnlichem und tollem LISA! ebenso!

Enzzeitstimmung beim Kongress!

01:45 Uhr

WAIDMANNSHEIL IM SPITZENHÖSCHEN
Regie: Jürgen Enz
BRD 1982
35mm, OV
Die junge Ausreisserin Eva (Sandra Atia) gelangt in das Schloss des Grafen Reginald (Dietz-Werner Steck). Zum Glück, denn der steckt bis über beide Ohren in Schulden und begrüsst Evas wunderbare Idee, die gräflichen Finanzen mit Hilfe einer Jagdschule aufzubessern. Der Gutsförster Hubert (Günther Amann) bietet sich auch als Lehrer an. Die Schule wird zum großen Erfolg, auch wenn die meisten Kursbesucher sich etwas gar zu leicht von ihrer Libido ablenken lassen.
Die Jagdschule wird eröffnet, der Unterricht kann beginnen
Die Schüler lernen begierig
Der Regisseur Jürgen Enz und seine eigensinnigen, merkwürdigen und einzigartigen Sexfilme gehören zu den großen (Wieder-)Entdeckungen der Hofbauer-Kongresse. Entsprechend sehr gespannt war ich als Enz-Neuling auf den für Samstag Nacht angekündigten Enz-Film (ursprünglich sollte INTIME STUNDEN AUF DER SCHULBANK gezeigt werden, der bei einem früheren Kongress mal als in digitaler Fassung lief). Meine Enzjungferung gehörte dann tatsächlich zu den großen Höhepunkten dieses Kongresses: WAIDMANNSHEIL IM SPITZENHÖSCHEN hat mich hypnotisiert, ganz wortwörtlich: ich fühlte mich während der Sichtung wie in eine Art Trancezustand versetzt – vorangetrieben in erster Linie natürlich durch den merkwürdigen, aufreizend langsamen Rhythmus des Films (und natürlich durch die chronische Festivalmüdigkeit, die stark vorangeschrittene Uhrzeit und dem wahrscheinlich schon vierten oder fünften Bier des Abends).
Die merkwürdige Faszination von WAIDMANNSHEIL IM SPITZENHÖSCHEN in Worte zu fassen, fällt mir sehr schwer. Nachdem ich in der Zwischenzeit Enz' HERBSTROMANZE gesehen habe, der unter vielen Kongressbesuchern als sein Magnum Opus und unter langjährigen Teilnehmern sogar als einer der besten jemals beim Kongress gezeigten Filme gilt, weiß ich zumindest, dass das keineswegs ein "Zufallstreffer" war.
WAIDMANNSHEIL IM SPITZENHÖSCHEN beginnt wie ein Märchen: eine junge Frau reißt von zu Hause aus, wird beim Autostoppen von einem bösen Wolf (einem widerlichen, übergriffigen Autofahrer, der sie sexuell bedrängt) angegriffen und flüchtet dann in den Wald, wo ein gutmütiger Untertan des Fürsten (der Förster) sie rettet und ihr Unterkunft in seiner Hütte gewährt (wo die beiden auch gleich miteinander schlafen). Und dann geht es auf das Schloss, wo alle "happily ever after" leben würden, wenn da nicht das finanzielle Problem wäre – dafür wird dann aber auch schon schnurstracks eine Lösung gefunden und zu diesem Zeitpunkt ist wohl vielleicht höchstens ein Viertel des Films vorbei. Enz' Film hat im Grunde fast nichts, was man irgendwie als Plot, als Grundkonflikt, als Schablone für eine dramaturgische Entwicklung bezeichnen könnte, sondern etabliert eine versuchslaborartige Situation, in die er seine Figuren platziert. Bei vielen Autoren im Umfeld der Hofbauer-Kongresse kann man lesen, dass Enz voller Zärtlichkeit für seine Figuren ist, dabei doch gleichzeitig auch merkwürdig distanziert zu ihnen steht: als wäre er ein Zoologe, der eine bislang unentdeckte Spezies filmisch dokumentiert.
Stillleben mit Tänzern und angeknabbertem Buffet
Da wäre zum Beispiel wie eben kurz geschildert die Ankunft Evas bei Hubert: nachdem die beiden miteinander geschlafen haben, kommt eine Aufblende und man sieht in einer Totalen Huberts Hüttenzimmer. Die beiden liegen fein säuberlich im Bett, die Decke passgenau und ohne Knitterungen über sie gezogen (als wären sie von einer mysteriösen Kraft nach dem Einschlafen noch schön eingemummelt worden). Der Rest der Hütte, mit den ganzen Jäger-Regalien und dem farblich etwas geschmacklosen Teppichläufer vor dem Bett sieht fast wie ein Diorama aus, wie eine 3D-Kunstinstallation.
Die Art und Weise, mit der Enz seine Räume wie Dioramen fotografiert, hat etwas leicht Manisches und Obsessives (das geht manchmal in Richtung Kubrick: die Tableaus von WAIDMANNSHEIL IM SPITZENHÖSCHEN nach kleinen Details zu durchsuchen dürfte genauso ergiebig und spannend sein, wie jene von THE SHINING – auch ein Berghotel-Film – zu durchforsten), aber es gibt immer wieder Elemente, die das ganze "aufbrechen", im HK-Jargon könnte man von Eintrübungen bundesdeutscher Tristesse sprechen: spießige Zinn- oder Porzellansammelteller, auffällig platzierte Steckdosen, Bierkrüge, groteske Jagdtrophäen, angeknabberte Wurstplatten. Zum Beispiel letzteres: gegen Ende des Films findet eine große Feier statt (anläßlich der endgültigen Rettung des Schlosses vor dem finanziellen Ruin). In einem ziemlich unglaublichen Tableau, dem vielleicht stärksten Bild des ganzen Films, sieht man im unteren Drittel ein bereits stark angeknabbertes Büffet, während in den oberen zwei Dritteln die Partygesellschaft ausgelassen tanzt. Dieses Tableau, das ganze 45 Sekunden zu sehen ist, bildet den Abschluss einer längeren Kamerafahrt aus der Mitte des Raumes – die Kamera wurde also sehr bewußt in dieser Position platziert. Das Bild wirkt etwas grotesk, aber keineswegs ironisierend oder satirisch, sondern eher wie eine Art naturalistische Bestandaufnahme: ungebremste Zärtlichkeit auch im Angesichts von alltäglichen Trivialitäten und Imperfektionen?
Weiterbildende Lektüre und kleine Zärtlichkeiten zum Trotz: es wird im
im Schloss auch ordentlich gearbeitet und die Jagddeko geputzt
Ein ganzer Subplot dreht sich um zwei Angestellte des Schlosses, die ein Paar sind und die beide mit einigen Pfunden zu viel gesegnet sind. Beide haben sich offensichtlich wirklich lieb, und er ist offenbar regelrecht dauergeil auf sie und kann von ihr selbst dann nicht die Finger lassen, wenn sie gerade arbeitet. Im Sinne eines kommerziellen Sexfilms sind die beiden und ihr Treiben eigentlich eher unerotisch und es steckt auch viel Slapstick drin: trotzdem werden die beiden nie bloßgestellt; die Kamera scheint sie wirklich lieb zu haben, und lädt auch den Zuschauer zu diesem Lieb-Haben ein. Die Welt in WAIDMANNSHEIL IM SPITZENHÖSCHEN hat etwas leicht Utopisches: man kann anderthalb Stunden einfach nur entspannt Menschen beim Juxen, Feiern, Vögeln, Plaudern und Jagdtrophäe-Putzen beobachten.
WAIDMANNSHEIL IM SPITZENHÖSCHEN wurde bei keinem mir bekannten Rückblick auf diesen Kongress besprochen (abgesehen von einigen wenigen Sätzen bei Robert hier). Dafür gibt es von Lukas Foerster einen schönen, etwas älteren Text hier.

Was für ein Film! Mit fröhlich-penetranter Alpenbläsermusik als Ohrwurm im Kopf torkele ich wie in Trance zu meinem Hotel zurück.


Sonntag, 6. Januar


15:00 Uhr

SCHWARZER MARKT DER LIEBE
Regie: Ernst Hofbauer
BRD 1966
35mm, OV
Harald (Claus Tinney), Rolf (Rolf Eden) und die "Gräfin" (Tilly Lauenstein) treiben in Berlin Geschäfte – ihre Ware sind junge Frauen, die sie mit fingierten Jobangeboten anlocken, um sie im Nahen Osten als Prostituierte zu verkaufen. Der Konkurrenzkampf ist hart und fordert manchmal den einen oder anderen Mord, und die Nachfrage so groß, dass dringend eine Party organisiert werden muss, um weitere "Ware" anzulocken, darunter die naive Astrid (Astrid Frank).
Rolf "begutachtet" potentielle "Ware" / Harald und Rolf in Besprechung
Harald und die "Gräfin" in einem Berliner Terrassen-Café / Tanz in Rolfs Club
Bei der ersten Sichtung des Films vor einigen Jahren (Sommer 2014) hatte mir SCHWARZER MARKT DER LIEBE mäßig gefallen: ganz okay, aber nicht mehr. Auf der großen Leinwand und von einer knackigen 35mm-Kopie war der Film nicht nur wesentlich beeindruckender, sondern wirkte irgendwie auch wesentlich geschlossener. Das niederschmetternde Ende war noch mal wesentlich ergreifender.
Was mir zum Beispiel jetzt erst aufgefallen ist: der Score von Frank Valdor war sehr überdeutlich an Monty Normans James-Bond-Thema angelegt, was im Saal mehrmals für Erheiterung sorgte. Zumal der Kontrast so besonders deutlich wurde: SCHWARZER MARKT DER LIEBE ist kein Eurospy für die Matinee-Veranstaltung mit einem flotten Spion als Helden, sondern ein kinntief in Niedertracht watender Exploiter mit skrupellosen Menschenhändlern als Hauptfiguren. Das ändert aber nichts daran, dass sich Hofbauers Film inszenatorisch vor den besten Spionfilmen seiner Zeit nicht zu verstecken braucht: wahlweise stürzt sich der Film mit einer dynamischen, flotten Kamera mitten hinein in sein wildes Getümmel oder aber dokumentiert präzise beobachtend in reichen Tableaus. Der visuelle Höhepunkt ist dann auch die "große Party" (zum Anlocken "frischer Ware"), die im letzten Drittel in einem prunkvollen Schloss abgehalten wird und wo sich die ahnungslosen weiblichen Gäste, berauscht von den "afrikanischen" Zigaretten, die ihnen die Gastgeber kredenzen und der hypnotischen Bongo-Musik, die ohne Unterlass gespielt wird, zunehmend in einen Rausch aus halluzinatorischen, leicht unscharfen Bildern trudeln. Auch sehr schön ist der Eintritt der Kamera in einen von Rolf betriebenen Nachtclub: die Kamera tritt ein in die stehende Menge und mischt sich dann unter die Tänzer. Zwischendurch legt sie sogar auf den Rücken. SCHWARZER MARKT DER LIEBE ist aber auch ein sehr schöner Berlin-Film, mit einigen fast semi-dokumentarischen Bildern der lebendigen Stadt. Besonders in Erinnerung ist mir visuell ein eigentlich banaler Dialog zwischen Harald und der "Gräfin" auf der Terrasse eines Cafés geblieben: im Hintergrund sieht man und hört in die Straße mit dem regen Autoverkehr (u. a. fährt ein Bus mit einem Wodka-Gorbatschow-Werbebanner vorbei).
Wenngleich Claus Tinney als Harald etwas blass bleibt, so stechen natürlich vor allem Rolf Eden und Tilly Lauenstein in ihren Schurken-Performances hervor. Mit seinem unverkennbaren Gesicht und seinem Charisma veredelt Eden prinzipiell jeden Film, in dem er einen brutalen Gangster spielt. Die "Gräfin" ist im Dreierbund hingegen diejenige, die die "Ware" selbst gerne vor dem Verkauf gen Nahen Osten "verkostet", nachdem sie die unschuldigen Mädchen mit ihren vornehmen Manieren erst einmal in Sicherheit gewogen hat – und diese Mischung aus Vornehmheit und Niedertracht zaubert Lauenstein wunderbar auf die Leinwand.


17:00 Uhr

CARIBIA
Regie: Arthur Maria Rabenalt
BRD 1978
35mm, OV
Haiti im späten 18. Jahrhundert: der Plantagenbesitzer Villeneuve (Rossano Brazzi) lässt in einem Experiment drei Knaben und drei Mädchen in jeweils völliger Isolation an sechs verschiedenen Stellen der Insel aufwachsen. Kontakt haben sie nur mit zwei Dienern. Im erwachsenen Alter sollen die sechs jungen Menschen nun in die Zivilisation eingeführt werden, was nach und nach in die Katastrophe mündet.
Sexploitation unter Frauenregie, Enzianischer Wahnwitz, ein Anti-Heimatfilm aus der Hölle des deutschen Alltagsfaschismus, der Missing Link zwischen Ozu und Pinku – der Hofbauer-Kongress ist ein Füllhorn für filmische Neuentdeckungen. Doch wahrscheinlich war CARIBIA auf eine ganz eigene Weise der bizarrste, merkwürdigste und wahnsinnigste Film des Kongresses: ein Kaspar-Hauser-artiges Zivilisationsdrama, das als tropischer Ballett-Sexploitationfilm inszeniert wurde (und zugleich der letzte Film einer so faszinierenden wie dubiosen Figur des deutschen Films).
CARIBIA ist die Verfilmung des Theaterstücks "La dispute" von Pierre de Marivaux aus dem Jahr 1744, in dem es natürlich um die Idee des Naturzustands geht, der "künstlich" durch ein Experiment hergestellt wird. Vom Theatralischen ist in Rabenalts Film (glücklicherweise?) nichts zu sehen. Vielmehr spielt der Film in weiten Teilen in der haitianischen Landschaft, in den tropischen Wäldern und einigen Steppengebieten, am Strand und teilweise in den Ruinen einer militärischen Festung (ist es vielleicht die Zitadelle La Ferrière? In diesem Fall wäre das inhaltlich ein Anachronismus, der freilich der visuellen Opulenz des Films keinen Abbruch tut). Auch wenn es sich so etwas befremdlich liest: CARIBIA ist größtenteils als Ballettfilm inszeniert. Nachdem die drei jungen Frauen und die drei jungen Männer von den Dienern Villeneuves frei gesetzt worden sind, tanzen sie sich ihren Weg durch die haitianische Landschaft. So besteht ein guter Teil von CARIBIA aus langen (zunächst Solo-)Tanzchoreographien von Tänzerinnen und Tänzern, die nur mit einem dürftigen Lendenschutz gekleidet sind. Die Qualität der Tänze macht schon sehr früh deutlich, dass das keine Schauspieler im engeren Sinne sind, sondern professionelle Balletttänzerinnen und -tänzer (Dimas Casinha und Erich Payer leiten seit den frühen 1980er Jahren eine Ballettschule in der Nähe von Augsburg und sind auch privat liiert; Celi Barbier hat einige wenige Einträge in TV-Serien, darunter EIN FALL FÜR ZWEI, arbeitet aber in erster Linie als Choreografin und Ballettkritikerin; über die drei anderen, Sophie Gouin, Ines Jönke und Ulrich Busse, habe ich gar nichts gefunden).
Die Tanzchoreografien sind wie gesagt großartig und werden auch sehr toll gefilmt. Der Tanz dient über gut die Hälfte der Spieldauer (schätze ich) auch als einziges "Erzählmittel". Die Figuren erkunden tanzend die für sie neue Welt. Als sie aufeinander treffen, kommunizieren sie tanzend. Zwei der Männer führen tanzend eine Art Duell aus, um ihre Stärke zu beweisen. Als einer der drei Männer eine der drei Frauen trifft, kommt es auch zu einer Vergewaltigung: auch diese hochstilisiert als Tanzchoreografie inszeniert. Es ist ein sehr unangenehmer Moment, der aber konsequent nicht vom Tanz abweicht.
Die "Freilassung" der sechs jungen Leute ist Teil von Villeneuves Experiment und wird auch zu einem Spektakel gemacht: bei einer prunkvollen Abendgesellschaft sollen seine Versuchskaninchen in die Zivilisation eingeführt werden. Einige der jungen Leute werden von Villeneuves Dienern schließlich am Strand abgefangen, wo sie sich für den Empfang umziehen sollen. Diese Umkleideszene ist mir etwas aus dem Gedächtnis entschwunden, aber ich hatte mir notiert, dass da offenbar die vierte Wand gebrochen wird: beim Umziehen schienen die Tänzer, oder genauer gesagt die in der Wildnis aufgewachsenen jungen Leute plötzlich aus ihrer Rolle zu fallen (haben sie miteinander gesprochen? sich einfach anders bewegt? direkt in die Kamera geschaut? ich weiß es nicht mehr). Fortan wurde dann nicht mehr getanzt, aber die "Action" fing dann richtig erst an: einige Gäste Villeneuves bieten sich an, die jungen Leute abzuholen. Die "Zivilisierten" benehmen sich dabei keineswegs so "zivilisiert" und vergewaltigen erst einmal eines der Mädchen – was wiederum einen der Wildnis-Männer auf den Plan ruft, der einen Teil der Vergewaltiger an Ort und Stelle tötet. Mord und Totschlag finden dann auch ihren Weg in Villeneuves prächtige Plantagenvilla, bis am Ende praktisch nur noch Schutt und Asche übrig bleiben...
Ich habe immer noch Mühe, CARIBIA richtig einzuschätzen, was vielleicht damit zusammenhängt, dass es auch ein solch disparater Film ist: Ballettfilm und Sexploitation, Zivilisationssatire und Rape-and-Revenge, das ganze im Gewand eines Kostüm-Historienfilms. Sicher ist, dass es ein eigensinniger und oftmals sehr faszinierender Film ist, und das deckt sich zumindest mit dem, was ich bislang von Arthur Maria Rabenalt kenne: eine extrem flotte Screwball-Komödie im amerikanischen Stil mit SciFi-Hintergrund (CHEMIE UND LIEBE, über den ich hier schon mal geschrieben habe), ein verhinderter period-film-noir (AM ABEND NACH DER OPER) und einen Horrorfilm mit Erich von Stroheim als mad scientist und Hildegard Knef als künstlich erschaffene femme fatale (ALRAUNE). Und jetzt dieser Film, Rabenalts letzter, CARIBIA... Wobei die Produktionsumstände wieder einen weiteren Schatten auf den Menschen Rabenalt wirft. CARIBIA wurde nämlich, wie die End Credits dann auch deutlich machten, an Originalschauplätzen in Haiti gedreht. Ein Kongressbesucher wies beim darauffolgenden Abendessen zu recht darauf hin, dass ihm die Danksagungen an die haitianische Regierung, die die Produktion des Films unterstützt hat, sehr sauer aufgestoßen seien: der Dreh fand zu einer Hochphase der äußerst brutalen Duvalier-Dikatur statt. Arthur Maria Rabenalt bewies auch über dreißig Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus, dass er ganz schmerzbefreit und skrupellos war, wenn es darum ging, Filmprojekte mit Unterstützung dubioser Regierungen zu realisieren.


21:15 Uhr

ÜBERMUT IM SALZKAMMERGUT
Regie: Hans Billian
BRD 1963
35mm, OV
Das Stadtmädchen Birgit (Helga Sommerfeld) möchte endlich ihren Verlobten Rolf (Claus Biederstaedt) heiraten – oder wenigstens seine Eltern mal kennen lernen. Nach seiner wiederholten Weigerung hat sie die Schnauze voll: sie reist in das Bergdorf im Salzkammergut, wo Rolfs Eltern einen Bauernhof betreiben und bewirbt sich bei ihnen inkognito als Magd. Später reist Rolf zum Elternbesuch an... mit einer gewissen Doris als Begleitung. Grund genug für Birgit, um ihren Rolf "zurück zu erobern". Doch zeitgleich bricht im Dorf noch ein "Jazz-Krieg" aus (Jazz – auszusprechen: "Iiattß"): die jungen Menschen des Dorfes wollen eine Musikkneipe eröffnen, die älteren Herrschaften wollen das unter allen Umständen unterbinden. Und bei vielen Dorfbewohnern spielen auch noch die Hormone verrückt!
Die Sau rauslassen – mal anders
ÜBERMUT IM SALZKAMMERGUT wurde bereits am frühen Nachmittag aromatisch angeteasert: ein markanter Essiggeruch breitete sich im langen Korridor vor dem Eingang des KommKinos aus. Wer auch immer die Kopie vorführen musste: Respekt! Hinzu kam, dass ein Akt einen Wasserschaden erlitten hatte. Etwa fünf Minuten des Films verwandelten visuell zu einem abstrakt-expressionistischen Gebilde. Beim Hofbauer-Kongress könne man manchen Kopien beim Sterben zusehen, liest man immer wieder: diese Kopie von ÜBERMUT IM SALZKAMMERGUT hatte auf jeden Fall keine glänzende Zukunft mehr.
Die Redewendung "die Sau rauslassen" werde ich nach diesem Film niemals wieder hören können, ohne dessen Bilder im Kopf zu haben. Es ist eine Schlagerkomödie, mit vielen Musiknummern, garniert mit zahlreichen Nebenfiguren und Subplots, aber der völlig unvergessliche Höhepunkt ist der Moment, in dem Birgit die Sau rauslässt. Das Städtmädchen hat sich bereits eingangs wenn nicht als tollpatschig, so doch als völlig überfordert mit den Aufgaben einer Bauernhofmagd gezeigt (und wird trotzdem, ich weiß nicht mehr, was den Ausschlag gibt, eingestellt). Nun ist sie ausgehfertig, in einem piekfeinen roten Kleid, hat aber eine allerletzte Aufgabe im Schweinestall vergessen – und schwupps... schon stiehlt sich Elsa, die Sau des Bauernhofs, aus dem Stall. Birgit muss also Elsa wieder einfangen und im Kampf gegen die ausgewachsene Sau erweist sich das Stadtmädchen als unterlegen, landet beim Versuch, das Tier in den Stall zu manövrieren, immer wieder in den Dreck oder wird sogar von Elsa durch den ganzen Hof getragen. Schließlich gelingt es mit der Hilfe zwei der Jungs, also erst zu dritt, die Sau wieder in den Stall zu bringen. Eine der großen Szenen des Kongresses (für den heimischen Bildschirm hier zu bewundern).
Jetzt, fast ein Jahr später, ist vieles von ÜBERMUT IM SALZKAMMERGUT etwas aus dem Gedächtnis verschwunden, bis auf das Gefühl, einen witzigen und flotten Film gesehen zu haben. Ein Film, der seine Musik-Nummern mit Verve inszeniert und seine komödiantischen Momente mit der sicheren Hand eines Slapstick-Spezialisten. Es ist wie gesagt auch ein sehr dichter Film voller verschlungener Subplots (unter anderem um eine fingierte Dorf-Miss-Wahl), aber er wirkt niemals erstickend, weil immer wieder eine gut platzierte Musiknummer für eine kleine Atempause sorgt. Eine Erdung bekommt der Film dank der durch die Bank toll besetzten Nebencharaktere. Wenn bei der Stadtratsitzung einer der Räte die Dorfjugend als "Untermenschen" bezeichnet, dann werden unbewußt Sedimente teutonischer Vergangenheit an die Oberfläche gespült. Dafür gibt es eine besonders schöne und emotionale Nebenfigur mit der tschechisch-stämmigen (? – oder aus Slowenien?) Kellnerin im örtlichen Wirtshaus: ein unverzichtbares Faktotum des Dorfes und doch als Zugezogene auch eine soziale Außenseiterin, die im engen Rahmen dieses Bergdorfs nach einem kleinen Stückchen Glück sucht (und es dann in Form einer Liebschaft mit dem örtlichen Gendarmen bekommt).


23:30 Uhr

DIE MÄDCHEN AUS DER PEEP SHOW
Regie: Adrian Hoven, Wolfgang G. Kruse
BRD 1983
35mm, OV
Arbeit, Alltag und Vergnügen im Leben einiger Frauen, die als Peep-Show-Girls arbeiten.
Spontanes Interview auf der Straße
(Mikrophon und Hintergedanken beide phallisch)
Robert Wagner hielt die wunderbare Einführung zu diesem Film und plauderte etwas aus dem Nähkästchen über frühe Hofbauer-Kongresse (er war, wenn ich es richtig verstanden habe, der erste Kongress-Zuschauer überhaupt, der von außerhalb anreiste): höchstens ein Dutzend Teilnehmer, Beginn frühestens am späten Nachmittag, meist aber eher um 21 Uhr, dann Filme schauen bis die Sonne (auch im Winter) wieder aufging, zwischendurch ggf. vom Kinosaal umziehen in das KommKino-Büro, um dort noch auf dem Rechner ein paar "Videoknüppel" zu schauen. In den frühen Morgenstunden, wenn das körperliche und geistige Energielevel nur noch im Stand-By-Modus war, gab es, so Robert, manchmal die erstaunlichsten Sichtungen, die Gehirne wahlweise zum Schmelzen oder Explodieren brachten und die Handvoll Kongressniki völlig fertig, zerstört und/oder euphorisch zurückließen. Darunter eben DIE MÄDCHEN AUS DER PEEP SHOW. In Anlehnung an J. Hobermans und Jonathan Rosenbaums "Midnight Movies" bezeichnete Robert diese Filme in seiner einleitenden Rede als "Morgengrauen-Movies".
Ich kann Roberts Begeisterung und die des Hofbauer-Kommandos nicht vollkommen teilen, dennoch bin ich sicher: DIE MÄDCHEN AUS DER PEEP SHOW war der richtige Film im richtigen Moment und ein sehr schöner Abschlussfilm für den Kongress (auch wenn er seine ganze zersetzerische Kraft sicherlich erst im Morgengrauen entwickeln dürfte). Es ist eine bizarrer Reportfilm-Sexfilm-Mondo-Hybrid, der in die Arbeits- und Freizeitwelt von Peepshow-Tänzerinnen eintaucht, mit einer "Moderatorin", die immer wieder interveniert und den Zuschauer mit allerlei Anzüglichem zum nächsten Filmsegment überleitet. Ein Film über rohe Männerfantasien mit Frauen, die ebenso rohe Fantasien haben und die sich diese rohen Männerfantasien wahlweise zunutze machen oder aber sie mit einem herzlichen Lachen zunichte machen.
DIE MÄDCHEN AUS DER PEEP SHOW ist auch ein hypnotischer und langsamer Film. Einige der ausgedehnten Peepshow-Performances, die man zu sehen kriegt (wobei immer eine Frau auf einer rotierenden Plattform sich auszieht und sich bewegt), sind so derartig lange gefilmt, dass sich allmählich tatsächlich ein trance-artiger Zustand einstellen kann, als würde man von dieser immerzu drehenden Peepshow-Scheibe hypnotisiert werden. Eine Nahaufnahme von Fingern, die eine Münze in den Schlitz eines bereits sehr schwer heruntergerockten Automaten reinstecken, wird immer wieder wiederholt. Nicht kürzer oder schneller und dadurch mit einer fast genauso hypnotisierenden Wirkung gibt sich die eine oder andere Sexszene, auf einer Jacht etwa, oder – sehr erinnerungswürdig – im erweiterten Kofferraum eines Citroën CX Break: ein sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr langer Dreier zwischen einem Herrn und zwei Damen, der damit endet, dass der Mann mit heruntergelassener Hose, unbefriedigt und völlig überfordert zurückgelassen wird.
Der Sex ist in DIE MÄDCHEN AUS DER PEEP SHOW meist sehr unsexy und wird präsentiert mit der ganzen Anmut einer Tierkopulation wie man sie aus einer Tierdoku kennt. Ja, die Fantasien... die Fantasien und dann diese (Münchener) Realität, mit der sie kontrastiert: voller trister Cafés, in denen Plakate für ein Gewinnspiel der Franziskaner-Brauerei aushängen; eine Realität, in der, wenn man baden möchte, in einen Fluss mit trübem, dreckigem Wasser steigen muss. Das machte dem Film aber nichts aus – immer bis zum Kinn rein in die trüben Gewässer, freudig rumplanschen und dabei ein bisschen Tanzmusik hören. Kalt gelassen dürfte das keinen Zuschauer (in welcher Weise auch immer). Einer der Hofbauer-Kommandanten ließ sich auch während einer fetzig-musikalischen Nummer dazu hinreißen, aus der ersten Reihe aufzustehen, ein paar Sekunden vor der Leinwand mit dem Film zu tanzen – und schritt dann weiter tanzend hoch in Richtung Projektionssaal, um die Schärfe zu überprüfen.

Der Kongress rockt nicht nur: der Kongress tanzt!