Donnerstag, 28. Januar 2016

Krakatit - der gefährlichste Sprengstoff der Welt!

KRAKATIT
Tschechoslowakei 1948
Regie: Otakar Vávra
Darsteller: Karel Höger (Prokop), Jiří Plachý (d'Hémon), Florence Marly (Prinzessin Wilhelmina), Eduard Linkers (Carson), František Smolík (Dr. Tomeš), Nataša Tanská (Anči Tomeš), Miroslav Homola (Jiří Tomeš), Vlasta Fabianová (verschleierte Frau), Jaroslav Průcha (Kutscher)

Der Protagonist - er hat schon bessere Zeiten gesehen (rechts unten mit Jiří Tomeš)
Ironischerweise gilt Otakar Vávras KRAKATIT als einer seiner besten und das von ihm selbst inszenierte Remake TEMNÉ SLUNCE (DUNKLE SONNE, 1980, auf Video auch als NEUTRONENINFERNO) als einer seiner schlechtesten Filme. Doch der Reihe nach!

Bei Dr. Tomeš auf dem Land ist die Welt noch in Ordnung - vorerst
Wie eine Einblendung am Anfang des Films ganz überflüssigerweise erklärt, handelt es sich bei der Geschichte um ein Fiebertraumgebilde. - In einem Krankenhaus schwebt ein Unbekannter, der ohne Papiere aufgefunden wurde, an schwerer Meningitis leidend und mit merkwürdigen Verletzungen und Verbrennungen an den Händen, zwischen Leben und Tod. Während sich ein Arzt und eine Krankenschwester um ihn kümmern, dringt die Kamera sozusagen in seinen Kopf ein, und wir erfahren - eben als seinen Fiebertraum - seine Geschichte. Somit bleibt unklar, zu welchen Anteilen die Geschichte eine "echte" Rückblende oder aber ein Wahngebilde ist, und dieser Erzählmodus erlaubt es Vávra, zwischen weitgehend realistischen Passagen immer wieder ohne Erklärungsnot ins Surreale zu gleiten. Der Protagonist ist ein Chemieingenieur namens Prokop, und seine Geschichte beginnt damit, dass er, gesundheitlich schon angeschlagen und halb im Delirium, in Prag auf der Straße umherirrend von seinem Studienkollegen Jiří Tomeš aufgegriffen wird. Dieser nimmt Prokop zu sich in seine Wohnung, steckt ihn ins Bett und erfährt aus Prokops wirren Erzählfetzen den Grund für seinen desolaten Zustand: Prokop hatte in seinem Labor einen gigantisch starken atomaren Sprengstoff namens Krakatit entwickelt, und eine winzige Menge war - aus zunächst völlig unbekanntem Grund - spontan detoniert und hatte Prokop verletzt und kontaminiert. (Der Name des Sprengstoffs leitet sich natürlich vom Krakatau ab, dessen Eruption 1883 einer der stärksten Vulkanausbrüche in historischer Zeit - und im Zeitalter des Telegrafen auch bereits ein weltweites Medienereignis - war.) Tomeš gelingt es, Prokop die Formel für Krakatit zu entlocken, dann packt er seine Sachen und lässt den Studienkollegen zurück, um, wie er auf einem Zettel hinterlässt, seinen Vater auf dem Land zu besuchen.

Noir-typische Gitter
Als Prokop am nächsten Morgen allein in Tomeš' Wohnung erwacht, erscheint dort eine verschleierte, sich mysteriös gebende Frau, die Prokop dringend bittet, Tomeš einen Brief von ihr zu überbringen. Ihren vagen Andeutungen entnimmt Prokop, dass Tomeš in Geldnöten steckt und sich deshalb das Leben nehmen könnte. Obwohl kaum gesünder als am Vortag, erklärt sich Prokop bereit, mit dem Brief in das Dorf zu fahren, wo Tomeš' Vater als Arzt praktiziert. Dort angekommen, erfährt Prokop, dass Tomeš überhaupt nicht hier ist, und kollabiert dann erst mal, wird aber von Dr. Tomeš und seiner Tochter, Jiřís Schwester Anči, wieder hochgepäppelt. Prokop, der sich kaum an die Ereignisse der letzten Wochen erinnern kann, bleibt auf Einladung von Dr. Tomeš erst einmal im Dorf. Der Doktor ist ein sympathischer Humanist, und Anči verliebt sich in Prokop, was der aber, in seine Gedanken versunken, kaum bemerkt. Diese Sequenz im Dorf ist die realistischste im ganzen Film, und die einzige, die keinem Albtraum entspricht. Doch bald ist es damit vorbei. Prokop liest in der Zeitung eine Notiz, in der ein gewisser Carson in Zusammenhang mit Krakatit erwähnt wird. Das Stichwort "Krakatit" bringt Prokops Erinnerung teilweise zurück, und er bricht sofort auf, um in sein Labor zurückzukehren, wo er dem mit einer Pistole bewaffneten Carson in die Arme läuft. Wie sich herausstellt, ist Carson ein Vertreter des ausländischen Kapitalismus. Der englische Name kommt also nicht von ungefähr, er benutzt auch gelegentlich Anglizismen. Derzeit vertritt Carson die Interessen der Balttin-Werke, eines Rüstungskonzerns im fiktiven europäischen Staat Balttin.

Die Exzellenzen von Balttin - in Agonie erstarrt
Wie Carson nun ausführt, hatte sich Tomeš an die Balttin-Werke gewandt, um das Krakatit, das er in Prokops Labor in jener Nacht entwendet hatte, mitsamt der Formel zu verkaufen. Die Versuche damit verliefen erfolgreich, doch die Formel allein genügte nicht, weil es den Chemikern von Balttin nicht gelang, den Sprengstoff selbst herzustellen. Deshalb braucht man nun Prokop, damit er die Details des Herstellungsprozesses herausrückt, und die Zeitungsanzeige diente nur dazu, ihn aus der Reserve zu locken. Carson erzählt auch, dass regelmäßig zweimal pro Woche ein vorerst unbekannter starker Störsender in Aktion tritt, um alle Radiostationen in Europa vorübergehend lahmzulegen, und dass dieser Sender als Nebeneffekt jegliches Krakatit in seiner Reichweite, das nicht in Bleibehältern sicher verwahrt ist, zur Detonation bringt. Das war auch der Grund für die scheinbar spontane Explosion in Prokops Labor, und dafür, dass nur eine kleine Menge, die auf dem Labortisch herumlag, detonierte. Wäre die sicher verstaute Hauptmenge (die später Tomeš mitgehen ließ) betroffen gewesen, wäre nicht nur das Labor, sondern ganz Prag in die Luft geflogen. - Carson macht nun also das Angebot, Prokop 20 Millionen Kronen zu bezahlen, wenn er sein Wissen preisgibt. Doch der lehnt entschieden ab, weil er nicht am zu erwartenden Massenmord eines neuen Krieges mitschuldig werden will. Deshalb entführt Carson ihn kurzerhand nach Balttin.

Prinzessin Wilhelmina
Und nun wird der Film für einige Minuten wieder ziemlich surreal. Balttin ist ein Fürstentum, und der gefangene Prokop wird nun im Palast der Fürstenfamilie vorgestellt. Dabei handelt es sich um lauter ältere bis sehr alte Herrschaften, die alle regungslos auf ihren Stühlen sitzen. Nur die unvermeidlichen ganz minimalen Bewegungen zeigen an, dass es sich überhaupt um Menschen und nicht um Wachsfiguren handelt. Doch die Botschaft ist eindeutig: Es handelt sich um eine in Agonie erstarrte Kaste, die unvermeidlich ihrem endgültigen Aussterben entgegendämmert. Die einzige Ausnahme ist die junge und schöne Prinzessin Wilhelmina, die noch sehr lebendig ist - doch sie ist auch kalt, arrogant, standesbewusst, und sie setzt ihre Reize nicht nur ein, um Prokop zu ihrem persönlichen Vergnügen um den Finger zu wickeln, sondern auch, um ihm aus Gründen der Staatsraison das Geheimnis des Krakatits zu entlocken. Nachdem ihr Prokop kurzzeitig verfallen ist, durchschaut er sie bald, woraufhin sie vor seinen Augen zu einer Statue erstarrt - auch das ein sehr surrealer Moment.

Prokops Bewacher in Balttin - Assoziationen an Wehrmacht und Gestapo
Prokop hält auch in Balttin dem Druck stand und gibt seine Geheimnisse nicht preis. Zwar demonstriert er seine Fähigkeiten, indem er eine Puderdose der Prinzessin in Sprengstoff verwandelt, der jedoch nicht an Krakatit heranreicht. Ansonsten aber wartet er nur auf eine Gelegenheit zur Flucht. Auf dem Gelände der Balttin-Werke ist er von elektrisch gesichertem Stacheldraht eingeschlossen, und er wird von einer ganzen Kompanie Soldaten bewacht, deren Uniformen und Helme stark an die der Wehrmacht erinnern, was gerade mal drei Jahre nach Kriegsende schwerlich irgendwem im Publikum entgangen sein kann. Auch einige deutsche Wortfetzen sind von den Soldaten zu hören, und dass Prokops persönlicher Bewacher in den Balttin-Werken mit seinem schwarzen Ledermantel wie ein Gestapo-Mann aussieht, ist sicher auch kein Zufall. Zusammengenommen präsentiert Vávra hier also eine aristokratisch-kapitalistisch-faschistische Achse des Bösen - eine Tendenz, die den neuen Machthabern im Land wohl nicht schlecht gefallen hat (die Kommunisten hatten im Februar 1948 die vollständige Kontrolle in der Tschechoslowakei übernommen).

Oben die geheimnisvolle verschleierte Frau, unten nochmals die Prinzessin
Noch jemanden hat Prokop im Fürstenpalais kennengelernt, nämlich den sinistren Baron d'Hémon, der nicht zur Fürstenfamilie und zu den Balttin-Werken gehört, sondern der sein eigenes Süppchen kocht. Der verhilft nun Prokop zur Flucht, indem er mit seiner schweren Limousine, Prokop auf dem Beifahrersitz, die Wachsoldaten einfach über den Haufen fährt. Nachdem man Balttin hinter sich gelassen hat, gerät der Film nun in seinen finalen surrealen Taumel. Zunächst erweist sich, dass der Name des Barons Programm ist: d'Hémon = Dämon. Er solle ihn nun "Kamerad Dämon" nennen, meint der Baron zu Prokop, den er seinerseits "Kamerad Krakatit" nennt. Zusammen besuchen sie nun eine wilde, frenetische Versammlung von abgesetzten, vertriebenen, entmachteten Potentaten, Kapitalisten, Raffkes aller Art, die einen neuen großen Krieg fordern, um mit dessen Hilfe wieder an ihre alten Macht- und Vermögenspositionen zu gelangen, und der dämonische Baron stellt Prokop gegen dessen Willen als den Mann vor, der ihnen mit Hilfe des Krakatits dazu verhelfen werde. Doch das ist noch nicht das eigentliche Ziel der Reise. Auf diese Leute sei kein Verlass, meint der Baron, und er gibt sie der Vernichtung preis, indem er einen Restposten Krakatit unter ihnen verteilt.

Carson (links oben) und der dämonische Baron
Und nun zeigt sich die ganze Tragweite seiner Pläne: Mit Prokop fährt er weiter zu einer geheimen Sendestation - kein anderer als der Baron selbst betreibt jenen geheimen Sender, der Krakatit zur Detonation bringen kann. Mit Hilfe des zunächst ahnungslosen Prokop nimmt der Baron den Sender in Betrieb, und in der Raffke-Versammlung, in Balttin, in einer weiteren Fabrik, wo Jiří Tomeš inzwischen auf eigene Faust am Krakatit forscht, sowie an weiteren Orten, wo Flugzeuge im Auftrag des Barons Krakatit abgeworfen haben, detonieren alle noch verbliebenen Reste des Sprengstoffs und lösen ein (wenngleich immer noch begrenztes) atomares Inferno aus. Wenn Prokop nun neues Krakatit produzieren werde, erläutert der Baron, hat dieser mit Sender und Krakatit in einer Hand unbegrenzte Machtmittel zur Verfügung. Mit anderen Worten, der Baron bietet nichts Geringeres als die Weltherrschaft. Prokop, der das alles überhaupt nicht will, versucht, den Baron zu erwürgen, doch der löst sich vor seinen Augen in Luft auf. Nunmehr allein in desolater Landschaft, torkelt Prokop, dem Delirium nahe, ziellos umher, bis er von einem Kutscher aufgegriffen wird - demselben, der ihn noch vor kurzer Zeit ins Dorf zu Dr. Tomeš gebracht hatte. Doch handelt es sich mittlerweile um einen Fuhrmann des Todes, oder wird er ihn zurück ins Leben bringen?

Das atomare Inferno wird in Gang gesetzt
KRAKATIT ist eine wüste und faszinierende Mischung mehrerer Genres und Stile, mit SciFi mit leichtem Horror-Einschlag und Film Noir als Hauptbestandteilen - und nebenbei gibt es auch noch die politische und pazifistische Botschaft. Otakar Vávra kann mit Hilfe seines Kameramannes Václav Hanuš vor allem im Visuellen punkten. Nicht selten fühlt man sich optisch an klassische Hollywood-Werke erinnert, etwa von Murnau, oder auch von John Ford in den 30er und 40er Jahren. So erinnert etwa die Sequenz am Schluss, als Prokop bei Dunkelheit und Nebel durch die Landschaft irrt, stark an eine Szene in SUNRISE. Die Prinzessin wiederum wird mit ihrem Geschmeide funkelnd und schillernd in Szene gesetzt, wie es einst Sternberg mit Marlene Dietrich gemacht hatte. Und dann gibt es wieder Bilder, wie man sie von Siodmak und anderen Noir-Spezialisten kannte. - Technisch gesehen ist das, was man über Krakatit erfährt, meilenweit von dem entfernt, was 1948 schon in der allgemeinen Öffentlichkeit über Atomwaffen bekannt war. Aber erstens ist das ganze ja, wie schon mehrfach erwähnt, ein Fiebertraum. Und zweitens beruht der Film auf dem gleichnamigem Roman, den Karel Čapek 1922 geschrieben und 1924 veröffentlicht hatte, und natürlich kann man nicht verlangen, dass Čapek damals schon der Realität späterer Atombomben nahe kam (auch wenn Eric Ambler genau das in seinem Debütroman The Dark Frontier von 1936 erstaunlich gut gelang). Čapek war ein durchaus vielseitiger Schriftsteller, aber heute kennt man ihn vor allem als einen Vertreter der Fantastik und Science Fiction (bekanntlich prägte er in einem seiner Werke den Begriff "Roboter").

Der Baron ist zufrieden mit seinem Werk; unten ein etwas merkwürdiger Kutscher
Otakar Vávra (1911-2011) konnte am Ende seines langen Lebens auf rund 50 Filme und zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen zurückblicken. Er hatte auch einige Jahrzehnte als Dozent an der Prager Filmhochschule FAMU gewirkt, die er selbst mitgegründet hatte. Unumstritten war er indes nicht: Man warf ihm gelegentlich vor, er habe sein Fähnlein in den Wind gehängt, um sich mit den jeweiligen Machthabern zu arrangieren. Wenn man sich sein Œuvre ansieht, dann fallen über die Systeme hinweg (Tschechoslowakische Republik der 30er Jahre, Nazi-Okkupation, kommunistische Tschechoslowakei vor und nach dem Prager Frühling) zumindest zahlenmäßig keine Brüche auf. Ob er aber wirklich ein Opportunist war oder nur Selbstschutz in einem legitimen Ausmaß betrieb, das kann und will ich von hier aus nicht beurteilen.


Es gibt KRAKATIT auf zwei verschiedenen tschechischen DVDs. Die eine hat noch einen zweiten Film (von einem anderen Regisseur, aber ebenfalls mit Karel Höger in der Hauptrolle) sowie engl. Untertitel an Bord. Die andere enthält nur KRAKATIT und keine Untertitel (man findet aber engl. Untertitel im Internet zum Download). - Verwirrende Angaben herrschen bezüglich der Laufzeit des Films. Laut engl. Wikipedia und IMDb sollen es 110 Minuten sein, laut tschechischer Wikipedia dagegen nur 106 Minuten. Das Lexikon des internationalen Films nennt eine Laufzeit von 98 Minuten, was sich offenbar auf eine deutsche Fassung bezieht, die erstmals 1974 im DDR-Fernsehen lief. Falls die 98 Minuten die Fernseh-Laufzeit sind, entspricht das im Kino 102 Minuten. Auf meiner DVD wiederum (die zweite der oben erwähnten) dauert der Film nur 96:30 Minuten, was im Kino 100:30 entspricht. Und für die erstgenannte der beiden DVDs habe ich jetzt auf die Schnelle sowohl eine Angabe von 97 Minuten (was natürlich auch aufgerundete 96:30 sein können, womit die beiden Versionen identisch wären) als auch 106 Minuten gefunden. Da soll einer schlau draus werden ...

UPDATE: Mittlerweile ist KRAKATIT in Deutschland beim Label ostalgica auf DVD und Blu-ray erschienen. Eine leicht gekürzte und angepasste Version dieses Artikels findet sich im Bonusmaterial. Schon einige Monate zuvor ist auch eine tschechische Blu-ray erschienen. Beide Editionen beruhen auf einer Restaurierung des Tschechischen Nationalen Filmarchivs. Bei den Blu-rays beträgt die Laufzeit ca. 100:40 min, was ziemlich exakt der umgerechneten Laufzeit meiner alten tschechischen DVD (100:30 min, siehe oben) entspricht, die somit vom Inhalt her identisch ist, und was vermutlich auch die Originallänge des Films ist. Die 106 und 110 min sind wohl irgendjemandes Fantasie entsprungen.

Bilder wie bei Murnau oder Ford

Sonntag, 17. Januar 2016

Keaton aquaphob: die "deleted scenes"

A SEA DOG‘S TALE
USA 1926
Regie: Del Lord
Darsteller: Billy Bevan (Wilbur Watts), Andy Clyde (King Gumbo), Madeline Hurlock (Princess Vanilla), Vernon Dent (Jo Jo)

Buster Keaton war bekanntlich nicht gerade ein ideenarmer Mensch. Das, was wir in seinen Filmen sehen, zeigt vielleicht nur einen Bruchteil der Visionen, die dieser geniale Filmemacher hatte. In THE NAVIGATOR, den ich hier schon besprochen habe, taucht die Keaton-Figur im letzten Drittel des Films unter Wasser, um das Schiff zu reparieren: ein toller Moment Keaton‘schen Surrealismus‘. Die Sequenz sollte allerdings ursprünglich länger dauern. Eine der Ideen war, dass Rollo (so Keatons Figur) von einem rasenden Fischschwarm überrollt wird, sich in Reaktion darauf einen Seestern an die Brust heftet und anfängt, den Fischverkehr unter Wasser zu regulieren. Eine (wie vieles bei Keaton) unglaublich aufwendige Szene, bei der wohl Aberdutzende von Gummifischattrapen an Fäden durch das Wasser manövriert wurden (das ganze wurde ja tatsächlich unter Wasser gedreht). Die Szene war sogar fertig gedreht und soll wohl grandios ausgesehen haben. Doch aus Gründen des dramaturgischen Rhythmus – die Unterwassersequenz unterbricht die eigentliche Handlung bereits für mehrere Minuten – trennte sich Keaton schweren Herzens von dieser Szene, die also leider „verloren“ ging...

...oder eben nicht ganz „verloren“. Das Filmmaterial, das offenbar sogar für Trailer genutzt wurde, ist tatsächlich mittlerweile verloren (wie auch etwa zwei bis drei Minuten des eigentlichen Films, die als verschollen gelten). Doch Keaton schenkte seine Idee ganz einfach an Billy Bevan und Mack Sennett, die auf dieser Grundlage einen eigenen Film drehten: A SEA DOG‘S TALE.

Eines vorweg: es handelt sich, mit Verlaub, um Grobian-Slapstick der wirklich ganz fürchterlichen Art. Das geht so: auf der Salami-Insel im Wurst-Archipel organisieren die Eingeborenen (gemeint: weiße Darsteller in Blackface und Fettkostümen) Speerwurfwettbewerbe. Der dickste unter ihnen, Jo Jo, ist ganz besonders geschickt, stößt aber aus Versehen den Stammeschef King Gumbo mit dem Hintern voran in den Kessel mit der Mittagssuppe. Der ist natürlich wütend und verurteilt Jo Jo zu Tode. Währenddessen entdecken zwei andere Eingeborene eine Flaschenpost mit einem Zeitungsausschnitt. Prinzessin Vanilla, die schönste Tochter von King Gumbo, verliebt sich sofort in den Mann, der auf der Titelseite abgebildet ist: Wilbur Watts – der offenbar einen Kuchenesswettbewerb gewonnen hat. Vanilla möchte ihn sofort heiraten. Gumbo begnadigt daraufhin Jo Jo unter der Bedingung, dass er den abgebildeten Mann findet und auf die Insel bringt. Das macht Jo Jo zusammen mit einigen anderen Eingeborenen tatsächlich. Er findet Wilbur in einer Kirche...
...wo dieser gerade dabei ist, seine Verlobte zu heiraten, die (wie er selbst, worauf die Inszenierung allerdings nicht hinweist) wahrscheinlich eher durch innere Werte als durch Schönheit glänzt. Jo Jo macht es nicht kompliziert: er haut Wilbur eine Keule über den Kopf und entführt ihn, während dessen die Nochnicht-Ehefrau schwört, ihn notfalls auch am anderen Ende der Welt zu finden. Dort wird Wilbur tatsächlich gebracht. Zunächst lernt er King Gumbo kennen. Aus einem Zelt kommen ganz viele Frauen (gemeint: weiße Männer in Blackface und Fettkostümen) und Wilbur fragt neugierig, wer denn die ganzen „fat mommas“ seien. Seine Töchter, antwortet pikiert King Gumbo und fügt hinzu, dass er eine von ihnen heiraten wird, was Wilbur etwas beunruhigt.
Nach all der Aufregung sind aber alle erst einmal hungrig. An der Tafel lernt Wilbur die seltsamen Tischsitten der Eingeborenen kennen. Das Brot baumelt an einem Seil, wird von einem Tischgesellen zum nächsten balanciert und wer ihn fängt, kann gleich herzlich reinbeissen. Wilburs Stimmung hellt sich auf, als ihm die hübsche Vanilla vorgestellt und als seine künftige Ehefrau präsentiert wird. Und sinkt wieder in den Keller, als die Vorspeise kommt, denn die Suppe wird von Hand mit einem Schwamm serviert: als Wilbur gerne auf eine derart servierte Vorspeise verzichten möchte, saugt der „Kellner“ sie von seinem Teller einfach mit dem Schwamm zurück. Als Hauptspeise gibt es Spaghetti. Da wilde Südseebewohner natürlich kein Besteck haben, wird mit der Hand gegessen: reingreifen, die Spaghetti wild fuchtelnd über dem Kopf zusammenrollen und dann die ganze Hand mit den noch dran klebenden Spaghetti in den Mund stecken. Als Wilbur das versucht, landen die Teigwaren in King Gumbos Gesicht, der vor Wut kocht. Jo Jo, natürlich mit Hintergedanken, schlägt vor, dass Wilbur als Buße an einem mysteriösen Spiel teilnehmen soll (wie das in dem Zwischentitel genau hieß, weiß ich nicht mehr). Es geht darum: Wilbur soll den Zahn eines ganz bestimmten Hai im Meer fangen.

Hier erst mal eine kleine Pause. A SEA DOG‘S TALE könnte man als zutiefst rassistisch bezeichnen, wenn er nicht so plump und teils lächerlich inszeniert wäre (vielleicht könnte der Film in einigen Kreisen heute als „Camp“ durchgehen). Allerdings ist der rassistische Content nicht das zentrale Element des Films und jemand wie Griffith hat für wahrhaftig verabscheuungswürdige, antihumanistische Fantasien wesentlich effizientere und manipulativere Bilder erschaffen. Aber auch jenseits jeglicher Ideologiekritik ist A SEA DOG‘S TALE Grobian-Slapstick der üblen „Leute-in-lächerlichen-Kostümen-schubsen-sich-gegenseitig-um“-Manier. Zu grobschlächtig für alles: zu grobschlächtig, um es dem Film wirklich übel nehmen zu können, und zu grobschlächtig, um daran irgendwie Gefallen zu finden.

Dann passiert plötzlich etwas erstaunliches, etwas, das wirklich schwierig zu fassen ist. Als der Film zu der aussortierten Idee aus THE NAVIGATOR kommt, weht plötzlich ein Hauch Keaton‘scher Poesie durch diesen Grobianfilm.

Nun: Gumbo, Jo Jo und Wilbur stehen auf einem Floß und Wilbur soll den Haifischzahn fangen. Er wird von Jo Jo ins Wasser geschubst und findet sich auf dem Meeresboden wieder, wo allerlei Gerümpel liegt. Da ist eine Schatztruhe, die aufgeht – ein Skelett kommt zum Vorschein, erschrickt Wilbur und schwebt Richtung Meeresoberfläche. Dort angekommen dient es für Gumbo und Jo Jo als Signal, dass Wilbur wohl schon von Haien gefressen wurde. Der versucht sich allerdings gerade unter Wasser zu orientieren und zündet ein Streichholz an. Als das nicht hilft, wirft er es weg und löst damit einen kleinen Brand unter Wasser aus (allerspätestens hier schleicht sich ein Keaton-Touch in den Film). An der Oberfläche sehen Gumbo und Jo Jo, wie schwarzer Rauch aus dem Meer steigt. Währenddessen ist Wilbur, der ja nicht dazu gekommen ist, etwas zu essen, hungrig und beginnt, eine Sardinenbüchse zu öffnen, die er gefunden hat. Doch statt Ölsardinen schwimmen quicklebendige Sardinen aus der Dose raus und dann gleich weg. Dann wird Wilbur von anderen Fischen, die unkontrolliert durch das Meer schwimmen, bedrängt. Er greift sich einen Seestern vom Meeresboden, heftet ihn sich an die Brust, und beginnt, den Fischverkehr zu regulieren. Auf sein Kommando hin bleiben die Fische dann auch stehen – oder schwimmen eben weiter. Schließlich kommt eine Meerjungfrau angeschwommen und flirtet Wilbur an, der davon sichtlich begeistert ist. Doch seine Verlobte fliegt schon mit einem Flugzeug über das Meer, wirft einen Anker aus und holt sich ihren Verlobten wieder an die Meeresoberfläche. Der will aber nicht und springt ins Meer zurück. Ende!

Wie gesagt: das Bemerkenswerteste an A SEA DOG‘S TALE ist zweifelsohne, dass die Atmosphäre des Films unter Wasser plötzlich kippt und dabei tatsächlich einen eigenartigen Keaton-Touch entwickelt. Die Gags sind plötzlich keine groben Körperkapriolen mehr, sondern entwickeln plötzlich eine feine surrealistische Note (die Sardinen, die aus der Dose schwimmen) oder entstehen aus dem Zusammenspiel von Körperlichkeit und Raum (das Regulieren der Fische) oder sind sogar mehrteilig und mit einem Verzögerungselement versehen (das Skelett, das 1. zuerst auftaucht, 2. Wilbur verschreckt und 3. an der Oberfläche den anderen Beteiligten eine „falsche“ Information vermittelt). Alles Elemente, die man so eher von Keaton als von Slapstick-Stangenware kennt. Das ganze bleibt natürlich unter dem Inszenierungsniveau des „Mannes, der niemals lachte“. Die Unterwasserszene ist nicht unter Wasser, sondern mit einem starken Weichzeichnereffekt gefilmt, mit Ausnahme der Nahaufnahme der Sardinendose (zugegeben war Billy Bevan nicht ein Stuntman wie Keaton und die Szene hatte die Schwierigkeit, dass sie ohne Taucheranzug gespielt werden musste). Die Fische, die den Befehlen des selbsternannten Verkehrspolizisten folgen, sind nur sehr schemenhaft zu erkennen (offenbar wurden schwimmende Fische in einem Aquarium von oben gefilmt und mit einem Freezeframe „gestoppt“).

Der Regisseur von A SEA DOG‘S TALE ist der Kanadier Del Lord, der im Filmgeschäft ursprünglich als Stuntman für Mack Sennett begann und besonders als Fahrer für gefährliche Autostunts in Filmen mit den Keystone Cops sehr geschätzt wurde. Später übernahm er auch Regie für Mack-Sennett-Produktionen. Ab 1935 wurde er persönlich nicht berühmt, führte aber bei den bekanntesten und erfolgreichsten Filmen der „Three Stooges“ Regie. Er hat über 200 Regie-Credits bei der IMDb, die meisten bei stummen oder tönenden Kurzfilmkomödien. Sein letzter Film ist PARADISE FOR BUSTER, von 1952... mit Buster Keaton in der Hauptrolle! Interessanterweise wurde diese mäßig gelungene 40-Minuten-Komödie von  dem Landtechnikunternehmen John Deere produziert (gleichwohl nichts in dem Film erkennbar ist, das man Schleichwerbung nennen könnte).

Der Australier Billy Bevan gehörte in den 1920er Jahren zum Inventar der Mack-Sennett-Komödien und arbeitete über zehn Jahre lang mit dem kanadischen Filmpionier zusammen. Dabei trat er oft mit Andy Clyde zusammen auf, so auch in A SEA DOG‘S TALE. Er hat bei IMDb über 250 Schauspiel-Credits, unzählige davon allerdings in den Filmen selbst ohne Erwähnung. So spielte er kurze Rollen etwa in Howard Hawks‘ BRINGING UP BABY, in Hitchcocks REBECCA und in Willam Wylers MRS. MINIVER. Sein Name wird übrigens wie die Zahl 7 („Seven“) im Englischen, aber mit einem B am Anfang, ausgesprochen.

A SEA DOG‘S TALE taucht in „ausgewählten“ Filmographien Bevans, Lords oder gar Sennetts nicht auf, dürfte also zu den unbekannteren Filmen der drei Künstler zählen. Selbst Screenshots aus dem Film zu finden ist keine einfache Sache (gefunden habe ich nur zwei Stück hier und hier). Verschollen ist der Film allerdings nicht, denn ich habe ihn ja schließlich mit eigenen Augen gesehen, und zwar bei zwei verschiedenen Projektionen auf einer 16-mm-Kopie aus dem Privatarchiv des Weimarer Stummfilmpianisten Richard Siedhoff. Da, lieber Leser, Richard mobil ist und seine persönlichen 16-mm-Filmrollen auch ab und zu mitbringt, kann es sein, dass der Film irgendwann einmal in einem Kino in deiner Nähe gespielt wird.