Freitag, 29. April 2011

Plädoyer für Hitchcock's "Marnie"

Marnie
(Marnie, USA 1964)

Regie: Alfred Hitchcock
Darsteller: 'Tippi' Hedren, Sean Connery, Diane Baker, Martin Gabel, Louise Latham, Bruce Dern u.a.

Hitchcock's "Marnie" ist so bekannt, dass man sich mit einer kurzen Inhaltsangabe begnügen und auch einige Spoiler in Kauf nehmen kann (ohne das Ende zu verraten, versteht sich). Gleichzeitig scheut man vor einer halbwegs umfassenden Interpretation des Films zurück, wurde er doch vielleicht noch mehr als andere Werke des Regisseurs von allen erdenklichen Seiten durchleuchtet. - Dass ich mich trotzdem an ihn heranwage, hat einen anderen, sehr persönlichen Grund: Ich möchte der Frage nachgehen, warum ich zu der zahlenmässig sicher kleineren Gruppe gehöre, die den umstrittensten Hitchcock für ein (verkanntes) Meisterwerk hält, wie ich meine Einstellung begründe und ob es mir gelingt, sie anderen halbwegs glaubwürdig zu verkaufen. Eine wirklich überzeugende Erklärung habe auch ich nicht zu bieten - was vielleicht den Reiz des Films ausmacht, aber nach einer Menge Arbeit aussieht.

Die Kleptomanin Marnie lässt sich als unscheinbare Sekretärin engagieren, um bald darauf die Tresore ihrer Chefs auszuräumen. Wieder einmal ist ihr eine perfekte Flucht gelungen, und nach ein paar Tagen bei ihrer stets kalt wirkenden Mutter lässt sie sich vom Witwer Mark Rutland anstellen, dem sie bereits an ihrem vorherigen Arbeitsplatz auffiel. Mark wartet förmlich darauf, dass die junge Frau, die eine unerklärliche Angst vor Gewittern und der Farbe Rot hat, sich auch über seinen Tresor hermacht. Er stellt die Flüchtige, fährt mit ihr zu seinem Familiensitz - und zwingt sie zur Heirat! Während Mark's eifersüchtige Schwägerin Lil  Marnie zu kompromittieren versucht, will er selber dem Problem seiner frigiden Frau auf die Spur kommen. Eine Reise in Marnie's Kindheit beginnt...

 

Der Film wurde im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern kein Erfolg; und Hitchcock reagierte ein wenig pikiert, als ihm François Truffaut diese Tatsache in seinem berühmten Interview ("Le cinéma selon Hitchcock", 1966) dezent unter die Nase rieb. Das Publikum empfand "Marnie" als altbacken und langweilig, Kritiker warfen dem Film vor, sich einer überholten Psychologie zu bedienen und in tricktechnischer Hinsicht eine Peinlichkeit zu sein. - Tatsächlich wirken Mark's Versuche, seiner Frau mit amateurpsychologischen Methoden zu helfen, mehr als veraltet (bewusst?), und die plötzliche Erinnerung an Verdrängtes am Ende erscheint lediglich formal begründet. Zu den tricktechnischen Nachlässigkeiten werden der leicht als zweidimensionales Bild erkennbare Hintergrund der Hafenstrasse, in der Marnie's Mutter lebt, ein höchst künstlich wirkendes Gewitter (es verhilft Mark immerhin zu seinem ersten Kuss!) und eine offensichtlich im Studio aufgenommene Reitszene gezählt. - Andererseits: Hitchcock legte oft nicht besonders grossen Wert auf tricktechnische Perfektion, wenn es ihm auf den eigentlichen Effekt der Szene ankam (ich denke etwa an die Autofahrten in "North by Northwest", 1959, oder sogar "Family Plot", 1976) - ohne dass man es ihm zum Vorwurf machte!

Meines Erachtens müssen zwei weitere Faktoren berücksichtigt werden, wenn man die teilweise bis heute anhaltende laue Aufnahme des Films verstehen will: Erstens hatte das Publikum einen neuen Schocker erwartet und war enttäuscht über die Rückkehr des Meisters zum Thriller-Melodram (auch die nach "Marnie" gedrehten Spionagefilme fanden bekanntlich nicht den erhofften Beifall, der erst mit dem überschätzten "Frenzy", 1972, zurückkehrte). Es ist deshalb absurd, "Marnie" als Abschluss einer sich mit psychologischen Themen befassenden Trilogie, die mit "Psycho" angefangen habe und mit "The Birds" fortgesetzt worden sei, zu betrachten; der Film knüpft - ich komme später darauf zu sprechen - vielmehr bewusst an frühere Filme an, bedeutet eine Abkehr vom Schocker. - Zweitens spielen Gerüchte um Hitchcock's Umgang mit seinem "Besitz" 'Tippi' Hedren (er verpasste ihrem Künstler-Vornamen sogar die einfachen Anführungszeichen) eine Rolle. Die Schauspielerin, die schon die Dreharbeiten zu "The Birds" als grauenvoll empfunden hatte, fühlte sich während der Arbeit an "Marnie" vom Regisseur sexuell belästigt. Man weiss nichts Genaues, bloss, dass Hedren ihren Kontakt zu Hitchcock beendete und von ihm nicht wieder eingesetzt wurde. - 1983 erschien jedoch eines der für den Ruf des Regisseurs nachhaltig schädlichsten Bücher: Donald Spoto's höchst unbeglaubigte Biographie "The Dark Side of Genius: The Life of Alfred Hitchcock". Spoto genoss es regelrecht, den Regisseur zum seinen unterdrückten sexuellen Begierden ausgelieferten Monster zu machen, das während der Dreharbeiten zu "Marnie", bereits dem Alkohol verfallen, sich nicht mehr wie bei Grace Kelly habe zurückhalten können. Der Autor, dem zwei kurze Interviews mit Hitch gewährt worden waren und dem sich alle dem Regisseur verbunden Fühlenden verweigerten, weiss natürlich im Detail, was sich genau bei der Entstehung von "Marnie" ereignete - und leider wurde vieles von dem, was er schrieb, kolportiert und blieb in den Köpfen des Filmpublikums hängen. Besonders hübsch: Hitchcock's Interesse am Film habe nach dem Konflikt mit Hedren nachgelassen, was die vielen oben erwähnten "Flaws" erkläre. Wäre Spoto tatsächlich ein Hitchcock-Kenner, wüsste er, wie minutiös der "Master of suspense" seine Filme vorplante, so minutiös, dass er - möge es sich nun um Narkolepsie oder einen Fimmel gehandelt haben - am Set oft den Eindruck eines Schlafenden erweckte. Der Film war also im Grunde genommen bereits "fertig", als er gedreht wurde; und die Beziehung zu einer Hauptdarstellerin konnte daran kaum etwas ändern.

Was habe ich, der ich "Marnie" erstmals als zehnjähriger Bengel und seither unzählige Male sah, nun all den negativen Beurteilungen des Films entgegenzusetzen? Es ist nicht viel, lohnt aber vielleicht doch eine Überlegung: Man erhält insbesondere in gewissen melodramatischen Filmen des Regisseurs gelegentlich den Eindruck, er "leihe" seinen Protagonisten die Kamera für eine Weile, gebe sie ihnen als "Auge", damit sie dem Zuschauer für ein paar Momente die Welt zeigen können, wie sie sie sehen. Dieses Phänomen begegnete mir in aller Deutlichkeit erstmals bei "Rebecca" (1940): Die namenlose zweite Mrs. de Winter zeigt uns nicht bloss die im ganzen Haus scheinbar übermässig verstreuten Zeichen ihrer Vorgängerin, sie nimmt auch die Bewegungen von Mrs. Danvers, der unheimlichen Haushälterin, als nicht hörbares Schweben wahr und lässt es den Zuschauer als solches empfinden. In "Notorious" (1946) etwa ist es vor allem die berühmte Gleitfahrt der Kamera vom ganzen Festsaal bis zur Hand von Ingrid Bergman, die den Schlüssel zum Weinkeller hält, von der ich den Eindruck habe, es gehe hier um die Bewegung vom "Das seht ihr!" zum "Das spüre ich!". Und in "Vertigo" (1958) ist es letztlich neben der Musik nur die Kamera, die dem Zuschauer als Auge von James Stewart vermitteln kann, wie vom Tode umgeben er die Ausstrahlung der scheinbaren Madeleine wahrnimmt.

Bei "Marnie" scheint es mir, als würde diese eigenartige Funktion der Kamera beinahe zum Prinzip erhoben, was den Film über weite Strecken zum (ich möchte sagen: halluzinatorischen) Ereignis macht, das uns miterleben lässt, wie die Hauptperson sich und ihre Welt (die "Wirklichkeit" verdrängend?) wahrnimmt. Bereits der Beginn, der eine dunkelhaarige Frau zeigt, die selbstsicher einen Bahnsteig entlanggeht, erscheint wie ein Sich-Betrachten der gespaltenen Marnie von hinten: "Seht doch, wie gut ich das kann!". Die Hafenstrasse mit ihrem riesigen Schiff im Hintergrund, das so symbolträchtig ist, dass es in den jetzt kindlich gewordenen Augen ruhig zweidimensional wirken darf, offenbart dann einen anderen im Untergrund drohenden Teil der Geschichte dieses Wesens (man beachte auch die unbesorgt spielenden Kinder, zu denen Marnie nie gehören konnte!). Die Tresorräume wirken wie billige Theaterkulissen, und als solche nimmt sie Marnie auch wahr: Einzig der riesige, immer gleich aussehende Tresor spielt eine Rolle. - So gerät der Zuschauer zunehmend in die Welt dieser eigenartig-fremden Frau, empfindet das Gewitter so, wie sie es empfindet, lässt den Landsitz der Rutlands plötzlich im Vergleich zur bisherigen "Welt" so überreal erscheinen, dass er ihm beinahe Angst einjagt - und erlebt das Reiten als das einzige wirklich befreiende Erlebnis in diesem Traum, in dem sich das scheinbare tricktechnische Manko vielleicht sogar als Vorteil entpuppt (ein Reiten wie ein Schweben!). Man könnte einige dieser "Flaws" ins Gegenteil verkehren, wenn man der Welt von Marnie erst ausgeliefert ist.


Ab und zu will Hitchcock aber offenbar daran erinnern, dass es sich bei diesem Trip, dem wir zu verfallen drohen, durchaus um die Welt "in Marnie's Augen" handelt. Er tut dies raffinierterweise, indem er uns in Zweifel versetzt: Während der ersten Autofahrt zum Landsitz der Rutlands etwa wirft Sean Connery der Hedren einen derart ordinären "Dich nehm ich mir!"-Blick (den der hervorragend spielende Schauspieler nicht von seinen James Bond-Rollen her hat, sondern Hitchcock verdankt!) zu, dass man sich unweigerlich fragt, ob er bloss in Marnie's Wahrnehmung existiert oder real ist. Und ist das Gesicht, das wir von der Vergewaltigten sehen, das Gesicht, das ihr Mann sieht? Müsste er, der ihr doch helfen will, dann nicht von ihr ablassen? Sehen wir etwa vielmehr bloss das Gesicht, das Marnie ihm zu zeigen glaubt? - Eigenartige Situationen, die uns zumindest etwas erkennen lassen: Die Heldin sieht sich als in sich Brüchige umgeben von in sich selber brüchigen, z.T. zwielichtigen Gestalten (ich denke neben Lil an Strutt und den Mann, der sie beim Pferderennen erkennt: Beide begehren sie sexuell und wollen sie zugleich der Polizei ausliefern respektive erpressen). Wie aber soll sie in einer Welt voller in sich brüchiger Wesen, die wie ihre die Wahrheit verdrängende Mutter und der zwischen Begehrendem und Helfendem schwankende Mark nicht in der Lage sind, Macht über sich auszuüben, gesunden, "gut" werden? - Und letztlich: Wer ist in diesem Traum, den wir mitträumen, der Bösewicht, falls es überhaupt einen gibt?

Meiner Ansicht nach ist "Marnie" bleibend aktuell, von seiner Gestaltung her (und sie ist letztlich von grösserer Bedeutung als Mark's freudianische Spielchen!) auch in psychologischer Hinsicht keineswegs überholt. Der Film verfügt, wie sogar der "Biograph" Spoto zugeben muss, über eine eigenartige Anziehungskraft, zieht den Zuschauer auf seltsam traumhafte Weise in die gequälte Seele einer gebrochenen Frau hinein - und hebt die Zeit derart auf, dass man seine Länge gar nicht wahrnimmt. Dazu trägt die seltsam hypnotisierende, aber das Meer des Unbewussten immer wieder aufwühlende Musik von Bernard Herrmann wesentlich bei. Das erscheint mir einzigartig, meisterhaft. - Vielleicht haben letztlich das Erschiessen von Marnie's Lieblingspferd und das Aufdecken ihres Geheimnisses etwas Enttäuschendes, weil sie das Ende dieses Traums ankünden: Am Schluss verlässt eine mit dem Zuschauer "erwachte", ratlose Marnie in Mark's Armen das Haus ihrer Mutter.


Gegner von "Marnie" könnten mein höchst unvollständiges Plädoyer in der Luft zerreissen, wie ich ihre Argumente zu widerlegen versuche. Nicht viele Filme können sich rühmen, derart umstritten zu sein. Lynch's "Mulholland Drive" mit seinen ergebenen Verehrern und gandenlosen Verächtern gehört zu ihnen. Dies spricht meiner Meinung nach für "Marnie", der auf den ersten Blick sicher viel weniger komplex ist, jedoch eine Menge Stoff für Interpretationen, Liebe und Hass bietet. - Ich habe lange behauptet, "Marnie" sei nicht mein absoluter Hitchckock-Favorit; ich würde ihn lediglich zu meinen sechs, sieben Lieblingen (so viele muss man dem Regisseur schon zugestehen) zählen. Aber muss ein Film, den man, gerade weil er die Zuschauer derart dezidiert in zwei Lager spaltet, jederzeit mit viel Herzblut und wenig Verstand verteidigen würde, nicht mehr als alle anderen Arbeiten des Meisters geliebt werden? -  Es liesse sich sogar darüber spekulieren, ob Hitchcock die Hedren nicht bewusst mit sexuellen Anspielungen zur Leistung ihres Lebens getrieben habe; was allerdings nichts daran ändert, dass er anschliessend ihre Karriere kaputtmachte.

Kommentare:

  1. Die gemischte Aufnahme von Marnie zur Entstehungszeit ist sicher inzwischen auch schon historisch geworden. In den 1960er Jahren wandelte sich nun mal innerhalb von wenigen Jahren das Kino und das Publikumsinteresse sehr stark. Und gemessen an den neuen Sehgewohnheiten wirkte Hitchcock vom äußeren Anschein her eben altmodisch.

    Ulkigerweise entstanden die Truffaut-Interviews ja auch in der Zeit und trugen maßgeblich zu einem neuen Hitchcockbild bei. Genau zu der Zeit, als Hitchcock dem Tagespublikum altmodisch erschien, entdeckten die Filmfreunde den Künstler und sein imposantes Werk.

    Heute können wir frei auf das gesamte Werk blicken und müssen die Tagesaktualität von 1964 nicht mehr zum Maßstab unserer Meinung machen. Insofern brauchst du dich gar nicht unter Rechtfertigungszwang fühlen. Deine Beobachtungen zu Marnie und zur eigenwillgen Künstlichkeit von Hitchcocks Welt, die doch auf rätselhafte Weise berührt und das Gefühl eines Kontakts mit sonst verschlossenen Sphären menschlicher Psyche hervorrufen, treffen doch genau den Kern dieser faszinierenden Wirklichkeitsproduktion. Hitchcocks Bilder erzeugen weitere und komplexere Räume, als sie das Drehbuch vorgibt zu liefern.
    Es gibt ja viele Leute, die Marnie für den letzten klassischen Hitchcock halten, nicht zuletzt, weil er sich danach leider Gottes mit Bernard Herrmann zerstritt.

    Persönlich bevorzuge ich zwar Vertigo, aber die Faszination von Marnie sehe ich auch.

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  2. Ich wiederum kann deine Bevorzugung von "Vertigo", dessen Freigabe nach 25 Jahren ich entgegenzitterte, verstehen. Meine Liebe zu "Marnie" ist vielleicht auch beinahe so etwas wie eine Trotzliebe. :)

    Interessanterweise gewinne ich verschiedenen späteren Filmen des Meisters (ich wuchs förmlich mit ihnen auf!), die seinerzeit nicht so ankamen, zunehmend positive Seiten ab. Dazu gehören etwa "Torn Curtain" (1966), den ich in den nächsten Jahren auch mal besprechen möchte - und vor allem "Family Plot" (1976), den viele für einen unwürdigen Abschluss hielten. Dies hat vielleicht nicht zuletzt damit zu tun, dass mir "Psycho" oder "The Birds" schon beinahe ein wenig zu sehr zerredet wurden.

    Nach deinem bestätigendem Kommentar harre ich nun getrost der Verrisse meines Plädoyers, die doch, sieht man sich in der Blogosphäre so um, auch eintrudeln sollten.

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  3. Sehr schöne Besprechung! Filme, deren Rezeption bei den Konsumenten derart polarisiert, faszinieren mich generell sehr, auch wenn ich in schockierend häufigen Fällen der Gruppe angehöre, die den jeweiligen Film zu verteidigen versucht. Auch wenn ich "Marnie" in einem anderen Licht sehe, kann ich deine Punkte durchaus nachvollziehen. Ich glaube, ich werde dem Film mit deiner Besprechung im Hinterkopf noch eine zweite Chance geben.

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  4. Ich muss natürlich gestehen, dass mein Ding etwa zwei Jahre alt ist. Es wäre also sinnvoll, wenn ich anlässlich einer erneuten Sichtung dem von dir seinerzeit gerügten psychologischen Dilettantismus mehr Beachtung schenke. Hitch verteidigte ihn gegenüber Truffaut vehement (es sei aus filmischen Gründen nötig gewesen, die vielen "Therapie-Sitzungen" auf eine Nacht zu verdichten etc.). Vermutlich handelte es sich bei der literarischen Vorlage um eine eher triviale Sache, was ja für die Umsetzung oft, jedoch nicht immer, Vorteile mit sich bringt. - Vor einigen Wochen stellte ich fest, dass mich "Marnie" noch immer fasziniert, während ich diverse als misslungen betrachtete Filme wie "The Paradine Case" (1947) oder "Stage Fright" (1950) heute nicht mehr gnadenlos verteidigen würde. ;)

    Es geht mir mit polarisierenden Filmen ähnlich wie dir: Sie reizen mich als Konsumenten regelrecht, weil sie etwas Aktuelles behalten werden. Andererseits setzen vom Zeitgeist kurzfristig auf den Thron gesetzte Dinger als DVDs langsam Staub an und eignen sich vielleicht höchstens für eine Kurzbesprechung.

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  5. Sehr schön, ich veranstalte ja gerade selbst eine kleinere Hitch-Retro; da finde ich aktuelle Texte zu seinen Werken sehr begrüßenswert :)

    Aufgrund der Spoiler-Warnung in der Einleitung, verschiebe ich eine vollständige Lektüre des Textes aber noch ein paar Tage nach hinten, ich muss nämlich tatsächlich gestehen, den hier -trotz seiner relativen Bekanntheit- noch nicht gesehen zu haben :/

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  6. Das machst du schon richtig; es ist nämlich oft schwer, über einen Hitchcock zu scheiben, ohne bestimmte Details zu verraten, die der Filmfreund selber entdecken, vielleicht auch anders wahrnehmen möchte. Auf jeden Fall bin ich gespannt, wie du die umstrittenste Kleptomanin der Filmgeschichte beurteilen wirst.

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  7. Dein Text macht mir wieder Mut vom Film vereinnahmt zu werden. Wir haben neulich DIE 39 STUFEN gesehen, der mir, stehe ich doch ein wenig auf Kriegsfuß mit dem guten Hitch, ein "Augenöffner" war. Da wir allerdings chronologisch vorgehen, werden wir noch lange brauchen, bis wir zu MARNIE kommen.

    Überholte psychologische Darstellungen sind, zumindest m.M.n. für einen Film völlig unerheblich. Es handelt sich um ein künstlerisches Werk. Die Psychologie funktioniert innerhalb des Rahmens, den der Kosmos des Filmes entwirft. Außerdem: Wer will den beurteilen können, ob etwas psychologisch überholt ist. Es erfordert ein Studium, im Anschluss eine 2-5-jährige Ausbildung (je nach Therapieschwerpunkt) und einige Jahre Arbeit in klinischen Einrichtungen, um sich ein annäherndes Bild von psychologischen Vorgehensweisen zu machen. Da dies nur auf einen geringen Teil der Bevölkerung zutrifft, hat der große Rest überhaupt keine Ahnung davon, was als psychologisch überholt gelten kann. ;)

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  8. Hm, ich weiß nicht so recht. Natürlich werde ich dein "höchst unvollständiges Plädoyer" nicht in der Luft zerreissen. Dazu fehlt mir auch die Substanz, weil meine 2 oder 3 Sichtungen des Films schon zu viele Jahre zurückliegen. Aber überzeugt hast Du mich auch nicht. Wenn MARNIE wieder mal im Fernsehen kommt, werde ich dein Plädoyer nochmal durchlesen und mich dann vielleicht umstimmen lassen, aber vorerst bleibt er in meiner Schublade der weniger gelungenen Hitchcock-Filme.

    Was mich an SPELLBOUND, dem angepappten Schluss von PSYCHO und an MARNIE stört, ist weniger die möglicherweise überholte Psychopathologie, die einem da aufgetischt wird, sondern die wortreiche, um nicht zu sagen geschwätzige, Art, wie das geschieht. Dass weniger manchmal mehr ist, hat ja THE BIRDS gezeigt. Man stelle sich vor, am Ende wäre ein siebengescheiter Ornithologe aufgetaucht und hätte Rod Taylor (und damit uns) langatmig erklärt, warum die Vögel durchdrehen. Der Film wäre nur noch halb so gut.

    Die Geschwätzigkeit ist es meiner Meinung nach auch, die dem von dir erwähnten THE PARADINE CASE schadet. Ohne die endlosen und etwas moralinsauren Dialoge zwischen Gregory Peck und Ann Todd wäre er gar nicht schlecht (zum Glück bilden die herrlich zynischen Dialoge zwischen Laughton und Ethel Barrymore ein gewisses Gegengewicht). Was STAGE FRIGHT betrifft, so finde ich den überhaupt nicht misslungen. Hitchcock selbst tat es, aber nur deshalb, weil man ihm die "betrügerische" Rückblende übelnahm und der Film deshalb durchfiel. Aber hier halte ich es mit dem Argument des Siebengebirges: Wir brauchen uns heute nicht mehr darum kümmern, ob ein Film vor über 60 Jahren an der Kasse oder bei den Kritikern durchfiel, und deshalb dürfen wir auch Hitchcocks Meinung in diesem Fall ignorieren. Ich finde es jedenfalls sehr gelungen, wie er uns hier an der Nase herumführt (was nicht heißt, dass der Film perfekt wäre).

    FRENZY finde ich wiederum nicht überschätzt, sondern sehr gelungen. Weil Du die Kameraarbeit so ausführlich gewürdigt hast, möchte ich nur die Szene erwähnen, in der sich die Kamera sozusagen diskret zurückzieht, um Anna Massey in der Wohnung des Unholds ihrem Schicksal zu überlassen.

    Ach ja, was ich fast vergessen hätte: Hitchcocks allgemein schlechte Trickeffekte hat ihm sehr wohl jemand zum Vorwurf gemacht, nämlich ich - aber auf mich hört ja niemand ...
    Ich hab mich im Zusammenhang mit SPELLBOUND schon mal bei einem der Kollegen darüber geäußert.

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  9. Ich denke, die Erklärung bei PSYCHO zum Schluss ist schon nötig. Es handelt sich um eines der komplexesten Phänomene in der Psychopathologie. Die Psyche von Vögeln ist nicht nur weniger komplex, sondern eine Erklärung wäre, wie Du ja selbst anführst, zerstörerisch für den verstörenden Effekt des Films. Die Erklärungen des Psychiaters zum Schluss steigern eigentlich nur noch das Faszinierende an Norman Bates. Es gelingt Bates eine Abspaltung von den Taten der intrusionierten Person zu erlangen, indem er sich vollständig der dissoziierten Identität annimmt und eine Verleugnung der Taten dieser Identität erreicht und auf seine eigentliche Person abwälzt. Dieser Verdrängungsmechanismus, zumindest wie er im Film dargestellt wird, ist brillant und eine psychologische Besonderheit. Der abschließende Monolog des Psychiaters hat damit einen, anders als gerne kolportiert wird, zeitlosen Stand. Er erklärt ein in der Psychopathologie außergewöhnliches Phänomen, welches in seiner Dialogkraft als maßstabsgebend für die Erklärung dissoziativer Identitätsstörungen mit mangelnder Impulskontrolle über den Drang der Vernichtung des konditionierten Konfliktreizes mit Tötungsabsicht gesehen werden kann.

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  10. @Der Außenseiter und Manfred Polak

    Ach, könnte ich doch jetzt Manfred einfach mit der Bemerkung abspeisen, er solle sich mit seiner dicken Abhandlung über "Hintergründe des Bösen" Gehör verschaffen! Es sieht aber so aus, als müsse ich selber eine schreiben; und der Einfachheit halber packe ich euch beide in meine Antwort. ;)

    Ich muss vielleicht damit beginnen, dass "The 39 Steps" tatsächlich der erste Hitchcock war, den ich als Bubi zu sehen bekam. Danach waren seine Spielfilme (mit den Kurzfilmen fürs Fernsehen wusste ich noch nicht viel anzufangen) einfach der Garant für spannende Geschichten. Der kakulierende Techniker interessierte mich nicht; auch seine manchmal altmodischen Trickeffekte (sie wirken heute oft wie Chaplin's Trotzreaktion gegenüber dem Tonfilm) beschäftigten kaum. - Ich habe nur wenige seiner Tonfilme nie oder ein einziges Mal gesehen, lasse mich aber noch heute in erster Linie von den Geschichten in Beschlag nehmen - was etwas heissen will. Im Falle von "Marnie" versuche ich dem Phänomen auf die Spur zu kommen.

    Es gibt freilich Filme, die in meiner Gunst gesunken sind. Bei "Stage Fright" z.B. ist es interessanterweise nicht die "Lüge als Beginn" (der Regisseur tippte selber, s. Kim Novaks fehlender Büstenhalter, oft auf das Falsche), sondern die vertane Chance, zwei weibliche Stars (die Wyman war damals einer!) zum Zickenkrieg aufzufordern. Die Geschichte geht einfach nicht vorwärts, findet nur einen kleinen Höhepunkt beim Gartenfest. Stattdessen gibt es langatmige Szenen auf dem Boot des Vaters. Ich muss allerdings zugeben, dass ich mit den Filmen nach "The Paradine Case" grundsätzlich nicht viel anzufangen weiss. Dies betrifft auch ein anerkanntes Meisterwerk, dessen Titel ich hier lieber nicht nennen will (Patricia Highsmith-Verfilmungen scheinen mir nicht so zu liegen).

    Was die Redseligkeit anbelangt: Ich denke, es gehe hier um die langen Aufklärungen des tumben Publikums in Sachen Psychologie (im Falle von "Marnie" durch Mark). Nun bin ich wahrlich kein Experte, überlasse also das Urteil lieber dem Außenseiter. Es gilt jedoch zu bedenken, dass die moderne Psychologie in den USA mit grosser Verspätung (nämlich mit den emigrierten Psychologen) Einzug hielt. Erste "Manifestation": die grossen psychologischen Thriiller Mitte der 40er Jahre (Siodmak, Lang etc.). Vielleicht war Aufklärung nötig, obwohl ich sie in den von Manfred erwähnten Beispielen auch als seltsame Anti-Klimax empfinde.

    Was "Frenzy" anbelangt: Die Schelte musste ja mal kommen. ;) Und sie wurde raffinierterweise mit der sich zurückziehenden Kamera begründet. Aber seien wir ehrlich: Das rausgestreckte Zünglein und der knacksende Finger sind doch ein verzweifelter Versuch, an die berühmten Schocker anzuknüpfen. Ansonsten: eher nostalgische Covent Garden-Stimmung. ;)

    Und noch speziell @Der Außenseiter: Ich hoffe, ihr genehmigt euch auch "Young and Innocent" (1937). Der Film kam mit grosser Verspätung ins deutsche Fernsehen und war für mich ein Genuss.

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  11. @Außenseiter:
    Oha, mir scheint, da spricht der Experte, der sein Fachgebiet ordentlich (also fachlich korrekt) repräsentiert sehen will. Aber Du schreibst ja selbst, dass eine überholte psychologische Darstellung (im Fall von MARNIE) für einen Film unerheblich ist. Dann ist aber auch eine (zufällig?) korrekte Darstellung (im Fall von PSYCHO) unerheblich, auch wenn sie für den Fachmann interessant und komplex sein mag. Für das Funktionieren des Films reicht es doch, wenn das Publikum weiß, dass Norman gelegentlich im Wahn die Identität seiner längst verblichenen Mutter annimmt und seine Untaten begeht, und hinterher nichts mehr davon weiß. Um das zu zeigen, ist der dozierende Psychiater nicht notwendig. Es reichen das Kleid und die Perücke, in die Norman schlüpft, und die Mumie der Mutter. Beides bekommt man in einem genielen Schlag in die Magengrube präsentiert, und unmittelbar nach Normans Überwältigung hätte der Film enden sollen. Ich bleibe dabei, dass der Epilog überflüssig ist.

    @Whoknows:

    Zunächst meine dicke Abhandlung über die Hintergründe des Bösen:

    Das Böse ist immer und überall!

    So, das wäre erledigt. Nun zu Hitchcock. Natürlich habe auch ich mich als Kind und Jugendlicher nicht für formale und technische Feinheiten oder Unzulänglichkeiten interessiert, sondern für die meist spannende und gelegentlich makabre Handlung der Filme. Aber das kam dann eben bei wiederholten Sichtungen im Lauf der Jahre. Und dazu bot sich für uns etwas ältere Semester ja genug Gelegenheit. Hitchcock dürfte derjenige Regisseur sein, der vom deutschsprachigen Fernsehen am besten erschlossen ist. Tatsächlich hatte ich schon über 30 Hitchcock-Filme im Fernsehen gesehen, bevor ich mir überhaupt den ersten auf DVD zu Gemüte führte. Und ich bin ja auch kein Pedant, was schlechte Filmtricks betrifft, aber irgendwann fiel es mir bei Hitchcock eben unangenehm auf. Dass man die Psychoanalyse dem US-Publikum erst wortreich nahebringen musste, kann ich vielleicht noch für den 1945 gedrehten SPELLBOUND gelten lassen, aber nicht mehr für PSYCHO und MARNIE.

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  12. Im Falle von "Marnie" warte ich mit einer guten Ausrede auf: Mark erklärt die psychpathologischen Hintergründe seinem Schwiegermutti, das nun ausser der Bibel in den letzten Jahren wirklich nichts gelesen hat. Die "Aufklärung" ist also gut in den Film eingebettet.

    Was wir aber miteinbeziehen müssen: Alle drei hier als abschreckende oder gute Vorbilder eingebrachten Filme ("Psycho", "The Birds", "Marnie") beruhen mehr oder weniger lose auf einer literarischen Vorlage. Im Falle von "The Birds" handelt es sich um eine Kurzgeschichte der prinzipiell verfilmten Daphne du Maurier, die sich wiederum tatsächlich UNGEKLÄRTEN Vogelangriffen annimmt. Da gibt es nichts aufzuklären. - Die Vorlagen der anderen Filme: Trivial- respektive Kolportageromane.

    Das mag als Ausrede nicht reichen, da der Außenseiter und ich gegen einen wahrhaften Hitchcock-Hasser zu kämpfen haben ("Mein ist die Rache", spricht Whoknows!). ;) Ich erwähnte aber schon in meiner Besprechung, dass "Marnie" vielleicht noch mehr als andere Filme des Regisseurs umstritten ist. Irgendwie ist das auch schön: Ich stelle mir vor, wie wir drei Bierstengel knabbernd vor der Flimmerkiste hocken und uns Gründe für unsere Zu- oder Abneigung zurülpsen (vermutlich zieht die Gattin des Außenseiters den wöchentlichen Frauenabend vor). - Man kann solche Erlebnisse sicher noch mit anderen Filmen haben; viele sind es allerdings nicht. :)

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  13. Nun ja, die Schwiegermutti muss aufgeklärt werden, weil das Drehbuch es so will. Man hätte es auch so schreiben können, dass die Aufklärung nicht stattfindet - beispielsweise hätte man die Schwiegermutti am Schluss sterben lassen können.

    Das Argument mit den Literaturverfilmungen überzeugt mich auch nicht. PSYCHO, THE BIRDS und MARNIE sind ja alles Hollywoodfilme, und bekanntlich war man in Hollywood nie zimperlich damit, literarische Vorlagen auch drastisch abzuändern, wenn es nötig war (oder wenn es der Produzent oder die Studiobosse in ihrer Beschränktheit für nötig hielten). Die von dir nicht genannt sein wollende Highsmith-Verfilmung ist ein gutes Beispiel. Da wird im Roman nämlich der "Revanchemord" sehr wohl begangen, den Hitchcock und seine diversen Drehbuchautoren (das meiste stammt von einer gewissen Czenzi Ormonde) ihrem sauberen Helden ersparen. Und wenn Hitchcock für das Ende von THE BIRDS eine Erklärung für sinnvoll befunden hätte, dann hätte er es auch gemacht. Dass er es nicht tat, lag kaum am Respekt für Daphne du Maurier, sondern er hatte hier ein besseres Gespür als bei PSYCHO.

    Wer ist denn übrigens der wahrhafte Hitchcock-Hasser?

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  14. "Wer ist denn übrigens der wahrhafte Hitchcock-Hasser?"

    Der Mann, der die Fernsehserie "Der Kommissar" in seine "Aktion deutscher Film"-Liste aufnahm? :þ

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  15. Und das mir, der ich Hitchcock fast schon mit der Muttermilch aufgesogen habe! Ich erinnere mich da noch an ein Fix & Foxi-Heft, in dem ein gewisser Hitchfred Alcock vorkam ...

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  16. @ Manfred

    Aus dramaturgischer Sicht gebe ich Dir recht. Auch ich empfand die Darstellung der psychologischen/psychoanalytischen Erklärungsmuster als ungelenk in den Film integriert und sie haben mich oft bei früheren Betrachtungen gestört. Das ist aber nur dann von Interesse, wenn man ein Schema entwickelt wie der Film zu sein habe und dann "top-down" vorgeht. Die dramaturgische Konzeption eines Filme, die seinen Unterhaltungswert bestimmt, interessiert mich aber nur bei den ersten Betrachtungen. Wenn man sich dem Werk weiter analytisch nähert, spielt es irgendwann keine Rolle mehr, ob der Monolog am Ende von PSYCHO "drangepappt", oder die Konfrontation mit Erkenntnissen in MARNIE überfrachtet und unwahrscheinlich wirkt. Die Erkenntnis, dass der Regisseur es anscheinend nicht so gemacht hat, wie es einem (diffusen) Gefühl von dramaturgischer und inszenatorischer Einheit folgt, wird mit dem Wunsch nach Wertung bei Seite gelegt und man arbeitet mit den Informationen und der Vorgehensweise, die das Werk vorgibt. Wenn man dies macht, kann man sich besser datrauf konzentrieren, dass PSYCHO noch die väterliche Gewalt des aufklärenden Experten beinhaltet, während MARNIE einen interaktionistischen (und damit im realen Leben für einen Patienten viel gefährlicheren) weiblichen Ansatz bietet. Damit bei der Analyse des Werkes dann zu arbeiten erschließt es tiefgehender als der Rücksprung zum ungelenken Einbetten dieser Elemente.
    Darum auch meine Bemerkung bzgl. der Irrelevanz, wenn bestimmte psychologische Aspekte in MARNIE falsch sein sollten. Dann haben sie nur innerhalb der intradiegetischen Ebene Sinn können dort interpretiert werden, aber geraten in Widerspruch zu einer Außenwelt des Rezipienten. Sollten sie aber fachlich korrekt sein, wie im Monolog des Experten in PSYCHO, ergibt sich eine weitere Ebene der Interpretationsmöglichkeit, die sogar einen direkten sinnvollen Zusammenhang mit Überlegungen einer aus dem filmischen Rahmen hinausreichenden Welt hat. Die Analyse wird also komplexer.

    Allein PSYCHO habe ich mit mehr als 20 verschiedenen Personen in meinem Leben gesehen und besprochen. Für alle, welche die Auflösung nicht kannten, war der Monolog etwas "zum festhalten", ja stellte sogar in einem Fall eine falsche Beobachtung richtig. Einer glaubte nämlich mal, dass es sich bei dem verkleideten Norman Bates am Schluss im Keller tatsächlich um die Mutter handle und der herbeispringende Sam Loomis Norman sei, der Lila Crane vor seiner Mutter schütze will. Inwiefern ein Publikum vor einem halben Jahrhundert den erklärenden Monolog zu benötigen schien, zeigt sich m.E. daran, dass Powells AUGEN DER ANGST auf vordergründig gestaltete Erklärungen weitgehend verzichtet und im Vergleich zu Hitchcocks Film beim Publikum ein Fehlschlag war.

    @ Whoknows

    JUNG UND UNSCHULDIG wird natürlich auch geschaut.

    Gegen Frauenabende hat meine Frau eine Abneigung. Nichts findet sie schlimmer als "stereotypes Weibergekungel" und im Rülpsen übertrifft sie mich spielend. Klingt immer wie ein zu laut gestellter synthetischer Geräuscheffekt. :D

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  17. Gut gemacht, Außenseiter! Ich war selber drauf und dran, meinem Fix & Foxi lesenden Co-Admin mit der Rezeptionsebene und ihrem sich im Laufe der Zeit wandelnden Charakter zu kommen, hätte ihn dann aber gnadenlos als typischen Klienten heutiger Slasherfilme mit entsprechender Erwartungshaltung entlarven müssen. - Die Kinofilme VOR "Psycho" waren mit Sicherheit für ein anderes Publikum gemacht als die Fernsehserie "Alfred Hitchcock Presents", die er sich für seine neue Produktion in mancherlei Hinsicht zum Vorbild nahm (deren Episoden endeten übrigens meistens abrupt). Das Fernsehpublikum, das er mit seiner Werbemethode ("It's a shocker! But I'm not going to tell you anything more...") und Machart nun anlockte, verfügte jedoch nicht annähernd über die Bildung der "Elite" und benötigte eine übrigens raffiniert gestaltete (das Denken der katatonischen Hauptfigur!) Aufklärung am Ende. Dieses "neue" Publikum wandte sich ja dann auch nach "The Birds" von Hitch's altmodisch erscheinenden Filmen ab. - Mein Co-Admin, Fan der Fernsehserie "Der Kommissar", wiederum, kennt all jene Horrorfilme, die seit Brian De Palma's "Carrie" (1976) grundsätzlich mit einer abstossenden Schlusspointe aufwarten. - und erwartet von "Psycho", sich nachträglich seinen Sehgewohnheiten anzupassen.

    Dies als Ergänzung (verdanke ich alles meiner Splatter-Mutti, mit der ich mich auch langsam identifiziere). - Dein Hinweis auf Powell's "Peeping Tom" und dessen Rezeption dürfte unserem Slasher-Fan den Rest gegeben haben. Hooray!

    @Manfred Polak: Meine Lieblingsfigur war übrigens Pauli. :blush:

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  18. Whoknows, plötzlich fühle ich mich wie im Schützengraben. ;) Wir wollen hier doch niemandem "den Rest geben". Es bleibt doch ein Prinzip von "Geben und Nehmen".

    Jetzt muss ich aber mal ganz doof nachfragen:

    Wer oder was ist Splatter-Mutti?

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  19. Aber nein! Sind doch bloss Spässchen, die Manfred - bitte, bitte! - auch verstehen möge. Die unterschiedliche Wahrnehmung des Schlusses von "Psycho", im weitesten Sinne auch mit der "geschwätzigen" Aufklärung in "Marnie" zusammenhängend, fiel mir bis jetzt gar nicht auf, und ich musste noch nie über die Strategien nachdenken, mit denen man ihr begegnen kann. Wenn das mal - wie mein Co-Admin überhaupt - kein Gewinn ist!

    Splatter-Mutti - die Bezeichnung stammt entweder von Alex ("hypnosemaschinen", "Hard Sensations") oder mono.micha ("Schneeland", "nachtsichtgeräte" - und so ziemlich alle anderen deutschsprachigen Blogs) - ist tatsächlich meine eigene, noch nicht ganz den Blicken der Geier ausgesetzte Mutter, die ein hoffnungsloser Fan der schlimmsten Splatter-Movies ist. Früher machte sie mich noch mit Tod Browning's "Dracula" bekannt, jetzt reicht ihr nicht einmal mehr "Hostel", weil sie die Sexszenen in der ersten Hälfte langweilig findet. "Hard Candy" fiel bei ihr durch; jetzt setze ich auf "The Loved Ones". "Ruins" gefiel ihr übrigens.

    Wenn ich mir gar nicht mehr zu helfen weiss, suche ich Trost bei GCK ("MovieCops"), der sich in einem Forum tummelt, in dem ich gelegentlich als wurmstichiges kleines Frettchen anzutreffen bin. Er ist Spezialist für solche Widerlichkeiten. ;) - Sie neigt übrigens zu Kurzschlusskäufen, weil sie aufs Cover setzt und den Preis nicht beachtet. Gut, hat sie einen fürsorglichen Sohn! ;)

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  20. @Whoknows:
    Du meine Güte, was Du alles ausgräbst. "Awful Annie" ist ja noch radikaler als ich, denn ich hab ja immerhin noch Normans Überwältigung zugestanden, und die will die böse Annie auch noch weglassen. Ob die ganz unterschiedliche Rezeption von PSYCHO und PEEPING TOM wirklich an der vorhandenen bzw. fehlenden Erklärung am Schluss lag, wage ich doch zu bezweifeln. Letzterer wurde ja von den Kritikern schon hingerichtet, bevor ein nennenswerter Teil des Publikums überhaupt die Chance hatte, ihn zu sehen. Aber darauf will ich jetzt nicht mehr rumreiten und verweise Interessierte lieber auf den ausführlichen Artikel von Hans Schmid, und ich selbst wende mich jetzt lieber Henry und Eleanor zu.

    @Außenseiter:
    Genau, geben und nehmen - zuerst gibt mir Whoknows den Rest, und dann nimmt er mir den Rest! Nein, natürlich nicht. Ein bisschen Kabbelei gelegentlich darf schon sein. Meistens sind wir eh derselben Meinung, nur von guten Fernsehserien wie DER KOMMISSAR hat der geschätzte Kollege leider keine Ahnung!

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  21. Wie immer bin ich etwas spät dran und jetzt erst dazu gekommen meine Bestellung zu lesen (: und ich würde dich gerne in der Luft zerreissen, aber ich weiß nich wie, da ich den Film zu wenig gesehen habe und eine Schwäche für deine Argumente habe. War ja immer eher durch die lächerliche Psychoanalyse im Film abgeschreckt (schlechte Kulissen und Tricks interessieren mich nicht als Kriterium eines Film, da müsste man außerdem auch "The Birds" und seine eher suboptimalen Kulissen auslachen). Jedenfalls mag ich solche subjektiv-auslegungen (alles nur die Sicht der Person) und finde sie sehr spannend und wenn ich es schaffe in dem Berg aus Filme die ich noch sehen muss (und du bist jemand der ihn irgendwie immer arg ansteigen läßt, weil du ständig magst und interessant verteidigst, was ich abgeschrieben habe) werde ich ihn nochmal schauen. Ergebenst ich

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  22. Hallo du! Du hast immerhin in Manfred Polak einen treuen Mitkämpfer. ;) - Es gibt allerdings, und dies muss man wohl im Fall von "Marnie" berücksichtigen, Filme, die sich im Gegensatz zu anderen weder entschieden in die Schublade "unantastbar" noch unter "Schund" ablegen lassen. Und bei solchen Dingern spielt die Argumentation des Schreibenden eine grosse Rolle. Nicht alle Filme, denen ich mich zuwende, sind natürlich als absolut empfehlenswert zu bezeichnen (ich miss unbedingt mal wieder was in der Luft zerreissen, weil das so gut für die Seele ist). Es freut mich auf jeden Fall, dass die Bestellung angekommen ist. :) Wenn ich so fortfahre, werde ich bis Ende Jahr auch noch die restlichen Verpflichtungen abgearbeitet haben.

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