Samstag, 14. Mai 2011

Des Schweizers Stolz und seine Schande

Achtung, fertig, Charlie!
(Achtung, fertig, Charlie!, Schweiz 2003)

Regie: Mike Eschmann
Darsteller: Michael Koch, Melanie Winiger, Myriam Aegerter, Marco Rima, Martin Rapold, Nicolas Steiner, Mike Müller u.a.

Es war einmal ein Schweizer Bundesrat, der von seiner Partei nur als halber Bundesrat betrachtet wurde, weil er ihr nicht fremdenfeindlich genug war und offenbar nur unwesentlich  mehr zustandebrachte als sein Nachfolger, der ihn als halben Bundesrat bezeichnet hatte, jedoch entschieden fremdenfeindlicher ist. Dieser halbe Bundesrat hatte die hehre Schweizer Armee unter sich und kam eines Tages zusammen mit seinen Beratern auf die Idee, es sei mal wieder an der Zeit, einen süffigen Werbefilm zu drehen, damit inskünftige Rekruten auch Freude am Soldatendasein bekämen. - Tatsächlich wurde man seit meiner Zeit (und ich rede von Äonen!) lediglich mit jenen öden Informationsstreifen beliefert, die uns zeigten, dass Füsiliere mit vielen Handgranaten im Kampfanzug und dem Sturmgewehr in der Hand über hügeliges Gelände zu hüpfen hatten, damit sie dem Feind auch gleich als  Kanonenfutter zur Verfügung stünden, dass Funker ohne Garantie auf Sprecherlaubnis schwere Kisten mit sich herumschleppen mussten, während die Küchenmannschaft den Kochwein soff und die Sanitäter in der Sonne liegend genussvoll ihre Patienten vor sich hinsiechen liessen. Aus den wenigen intelligenten Stellungspflichtigen machte man hingegen Nachrichtensoldaten, die in atomsicheren Kommandoräumen mit Raffinesse den Feind im letzten Augenblick überrumpelten. Was war wohl ich? Na? Na?

Jetzt also sollte etwas Zeitgemässes, Lustiges her. Und der halbe Bundesrat unterstützte die geplante Rekrutenkomödie anfänglich mit Begeisterung. Als er über das Resultat  - auf welchem Wege auch immer - informiert wurde, legte diese  sich erheblich, und auf die Frage, ob er “Achtung, fertig, Charlie!” gesehen habe, erwiderte er: “Nein! Ich habe die Klamotte unterstützt mit Kasernen, Waffenplätzen, Panzern und Helikoptern. Aber die Endfassung zielte dann haarscharf an meinem Alterssegment vorbei.” - Ich nehme ihm die Antwort ab, bin mir auch ziemlich sicher, dass er noch nie eine Gummipuppe gefickt hat. Was seinen fremdenfeindlichen Nachfolger, der sich für einen ganzen Bundesrat hält, anbelangt: Nun ja, er hat mit Sicherheit noch nie eine Gummipuppe, die sich nicht als echte Schweizerin mit reinem Stammbaum auszuweisen vermochte, gefickt.

Worum gehts? Der Secondo (in der Schweiz aufgewachsener Italiener) Antonio wird von der Militärpolizei direkt vom Traualtar weg zur Rekrutenschule geschleppt, weil er sein Aufgebot völlig zu vergessen beliebte. Und da ihn seine Braut samt mafioser Verwandtschaft aus Sizilien zur Hochzeit drängen, lautet die Devise: Nichts wie raus aus dem Club, der sich Schweizer Armee nennt! Diesem Ansinnen steht sein ständig fluchender Hauptmann (“Es ist so, so war es immer, und so wird es auch weiterhin bleiben!”) leider ablehnend gegenüber. Also muss Antonio, der zusammen mit seinem Kumpel einen vergeblichen Plan nach dem anderen ausheckt, sämtliche Wochen, in denen er den Umgang mit dem Gewehr im Dreck, den Häuserkampf, das Ficken einer Gummipuppe oder das Ausharren in einer Hütte mit Tränengas erlernt, durchleben, anfangs gelegentlich im Knast (fundamentalistisch-evangelikale Kreise zeigten sich über eine Szene empört, in der er dort auf seine Bibel masturbiert, obwohl diese doch mit so hübschen Pornobildern vollgeklebt ist), später zunehmend begeistert bei der Sache, weil sich die weibliche Kampfsau (wichtige Info an Rekruten: heutzutage gibts auch Frauen in der Armee!), die ihn am Anfang nicht ausstehen konnte, als vollwertiger Ersatz für die Gummipuppe erweist. Und dann hütet der stets finster dreinblickende Hauptmann natürlich noch ein dunkles Geheimnis, das ich hier nicht verraten werde, weil sich unser Intergalactic Ape-Man bereits gierig auf die DVD stürzen möchte (er ist - dies unter uns! - der Vater der weiblichen Kampfsau). - Mag das Geschehen, in dessen Verlauf sich unter anderem zeigt, wie unterlegen die arroganten Grenadiere den Füsilieren sind, auch zunehmend unübersichtlicher werden - am Ende beweist “Achtung, fertig, Charlie!”, dass in der Rekrutenschule hetero, schwul und  möglicherweise sogar Gummipuppe den Partner fürs Leben findet, was doch das Dasein als Soldat erstrebenswert macht.

Wer je einen “American Pie” hinter sich brachte, wird nach der Sichtung dieses “Swiss Army Pie”  von den begnadeten Schauspielern, die er damals geniessen durfte, schwärmen. Denn der Werbefilm des halben Bundesrats glänzt mit Gestalten, die noch bockiger in der Gegend herumstehen als wir es damals taten, während die weibliche Kampsau von einer ehemaligen Miss Schweiz, die dem Irrtum verfiel, ihr Miss-Titel mache sie zur zweiten Duse, “dargestellt” wird - und dann gibt es noch diesen eigenartigen Hauptmann mit Schnauzer, der den Eindruck erweckt, man habe ihn schon irgendwo erblickt. Ah ja, Marco Rima! Aber wie sollte der sich in diesem untalentierten Haufen, dessen einzige herausragende Figur die Gummipuppe ist, entfalten können?

“Achtung, fertig, Charlie!” wurde zum erfolgreichsten Schweizer Film seit Rolf Lyssys “Die Schweizermacher” (1978). Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass immer mal wieder die Drohung in den Raum gestellt wird, man fasse eine Fortsetzung ins Auge. Sollte der fremdenfeindliche, sich für einen ganzen Bundesrat haltende Nachfolger des "halben" Samuel Schmid  das Ding unterstützen, kann natürlich mit keinem Secondo als zentraler Figur gerechnet werden, eher mit einem  Alp-Öhi, der von Anfang an stolz darauf ist, der Schweiz dienen zu dürfen. Ob er aus Altersgründen noch fähig wäre, über eine Bibel zu masturbieren, wissen freilich höchstens die Götter und SVP-Bundesrat Ueli Maurer, der im Gegensatz zu seinem Vorgänger tatsächlich  ein ganzer Clown ist.


Kommentare:

  1. Vielleicht sollte ein verbindlicher Sprachtest für Gummipuppen eingeführt werden, damit da Sicherheit für Schweizer Bundesräte herrscht! Das gäbe dann den Stoff für den Blockbuster DIE SCHWEIZERGUMMIPUPPENMACHER. - Aber Ernst beiseite: Der IMDb entnehme ich, dass die zweite weibliche Kampfduse eine Ausbildung am Lee Strasberg Institute absolviert hat - allerdings erst nach ihrem Kampfschweinauftritt. Vielleicht wird ja noch was aus ihr? Ob übrigens die Gummipuppe auch eine Anhängerin des method acting ist?

    Zwei Fragen drängen sich mir auf: Was hat der Ape-Man tatsächlich mit Frau Winiger zu tun? Und woher kommt der Ausdruck "Secondo"? Zweit-Schweizer, Zweit-Italiener, oder wie?

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  2. Lass Dir vom anderen Schweizer helfen: "Secondo" kommt von "zweite Generation" - also in der Schweiz geborene Kinder von eingewanderten Ausländern.

    ...und was Frau Winniger "method acting" angeht: Die Schweizer wagen sich erst an eine Sache heran, wenn sie schon längst überholt ist und sich andernorts als untauglich erwiesen hat. Von Frau Winniger habe ich übrigens ausser einiger dünner Home Stories in Zeitschriften seither nichts mehr gehört...

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  3. @gabelingeber

    Ich fürchtete schon, du würdest meine Kochkünste rühmen... - Aber ich war tatsächlich Nachrichteler, das Regiment musste nach meinem letzten EK sogar aufgelöst werden. ;)

    @Manfred Polak

    Die Schweizer kommen! Da wurde von gabelingeber ja schon ganze Arbeit geleistet. Bleibt mir nur noch mein kleiner Hinweis auf unseren Intergalaktischen: Er hat nicht nur einen Film für seine "Aktion DÖS", sondern dürfte als Jungaffe auch an Erfahrungen in Sachen Gummipuppe und Kampsau Melanie Winiger interessiert sein. ;)

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  4. Mach dir nichts aus der Auflösung deines Regiments! Wenn Du wirklich beim Küchendienst gewesen wärst, und nach deinem letzten Einsatz hätte das Regiment aufgelöst werden müssen, das wäre tragisch gewesen!

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  5. Wir hatten tatsächlich mal einen Küchenchef, der uns - welche Abwechslung bei diesem eintönigen Frass! - Kartoffelpuffer zu servieren schien. Es stellte sich dann heraus, dass der "Kartoffelpuffer" aus ehemaligen Teigwaren bestand... :(

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  6. Ich hatte mal eine KüSche, der im wirklichen Leben Chefkoch im Mövenpick war. Der hat es fertiggebracht, John Wayne zu Laurence Olivier aufzuwerten.

    Für Nicht-Schweizer: "John Wayne" wird im schweizer Wehrdienst liebevoll der undefinierbare Inhalt der Armee-Fleischkonservendosen genannt.

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  7. So ähnlich ging es mir mit einem ehemaligen Chefkoch des Basler Traditionsrestaurants "Gifthüttli". - Und jetzt dürften wir diverse Leser aus Deutschland als Söldner angeworben haben: Gummipuppen, Melanie Winiger - und begnadete Diners. ;)

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  8. Ausländer in unserer Armee?! Ueli Maurer, äh... Gott bewahre!

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  9. Wenn ich eine Kampfsau zur Tochter hätt, säh diese wohl nicht so unbehaart aus wie Melanie Winiger. Allerdings tät mich Breakout interessieren, denn mit Brille hat sie schon was. Was die Beziehungen von Schweizern zu Gummipuppen angeht, bin ich mir nich sicher, ob ich nach Love Object noch weitere Aha-Erlebnisse benötige. Sowas kommt wohl nicht im Fernsehen nördlich der Alpen? ;)
    Ein braver Whoknows ist er, der sich nun auch todesmutig an derartige Stoffe wagt. Da hat der alte Militärgeist wohl gute Disziplin gezüchtet.

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  10. Ich staune selber über meinen Mut, wobei ich das Wörtlein "ficken" nur mehrmals benutzte, weil ich mir ein paar Clicks von schweinischen Google-Suchern erhoffe. ;) - Ich muss dir allerdings zustimmen: Ferkeleien wie "Love Object" waren im Schweizer Fernsehen bislang nicht zu sehen (du scheinst überhaubt so ziemlich der einzige deutschsprachige Blogger zu sein, der sich des Films annimmt). Aber der "Charly" durfte natürlich unser Glotze-Publikum begeistern, und wer weiss: Vielleicht schreibe ich mal über den Dokumentarfilm "Heidi im Pornoland" (1996), der zeigt, was im Alpenland so alles abgeht. :)

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  11. Überhaupt: Nur schon der Titel ("Achtung, fertig, Charlie!") spricht Bände über den geistigen Zustand des aktuellen Schweizer Filmschaffens.

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  12. Was haben wir da erst noch vom "Sennentuntschi" zu erwarten? ;) - Und ja niemandem erzählen, dass der Film recht gut sein soll! Sonst müssen wir ihn noch besprechen...

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  13. Morgarten! Sempach! Wilhelm Tell! Arnold Winkelried! Und nun das hier.

    Weiß eigentlich der Papst davon, dass Schweizer Soldaten so eifrig in der Bibel lesen? Ich meine, die Schweizergarde wirbt doch nur Leute an, die die Rekrutenschule der Schweizer Armee durchlaufen haben.

    Aber sehr schön und richtig, dass dieser Blog sich der geistigen Landesverteidigung widmet. Denn merke: soeben hat Peer Steinbrück durchblicken lassen, dass er als Kanzlerkandidat der SPD zur Verfügung stünde. Wer stellt sich in der Schweiz dann dem drohenden Kavallerieangriff entgegen? Eben.

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  14. Zu meiner Zeit kam man eben um Rekrutenschule und Wiederholungskurse nicht herum, selbst wenn man drohte, die ganze Kompagnie zu vergewaltigen. Ich erlebte sogar noch die berühmte Identitätskrise, weil der Feind (auch Böfei genannt) nicht mehr von Osten her kam und auf der Landkarte mit Rot markiert werden durfte. Wer weiss: Vielleicht hat Ueli Maurer mit Peer Steinbrück jetzt tatsächlich eine neue Bedrohung gefunden und setzt ein höheres Budget für Armee und Biblen durch?

    Jetzt wo dus erwähnst: Schon meine letzte Besprechung eines Schweizer Films ("Gilberte de Courgenay") drehte sich um die beste, weil nie auf die Probe gestellte Armee der Welt - jetzt schon wieder. Scheint ein nationales Trauma zu sein... - Und der Papst machts doch selber auch (in der Bibel "lesen"). ;)

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  15. Aber aber, ferkelig ist Love Object gar nicht. Ein... modernes Drama! Und es ist eine Schande, daß ausgerechnet ein Weltraumaffe da mutterseelen allein zwischenfunken muß. Mit der televisionalen Verfügbarkeit meinte ich jedoch deinen Gummipuppenfickrekrutenfilm in den Breiten nördlich der Schweiz. Da könnte man ihn dann ja mit Glück mal ohne Aufpreis erwischen. ;)

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  16. @Intergalactic Ape-Man

    Ich wusste es doch: Du bist ein Army-Freak. ;) - Doch, der Film wurde tatsächlich mal im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt - um 20.00! Schliesslich soll geworben werden.

    Und ich habe gerade mit Staunen registriert, zu welchem Preis man in der Schweiz an das Ding rankommt: Während gute Schweizer Filme wegen der kleinen Auflage rasch mal über 30 SFr. kosten, gibts die Gummipuppenklamotte für sagenhafte 9.90 SFr. - Offenbar rechnete man mit Jungaffen aus Deutschland. :)

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  17. Nachschlag: Auch bei "amazon.de" gibts den Film samt Gummipuppe und Bibel erstaunlich billig - entweder in Schweizerdeutsch mit Untertiteln oder in Deutsch zu "geniessen".

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  18. Hatte den Film auch mal bei Ebay.de gesehen, das war dann aber nur ein kurzzeitiges Vergnuegen, und da hatte mir ein Alemanne aus Rheinfelden den doch glatt vor der Nase weggeschnappt.

    A. Larsson, laundry Freak aus Zuerich

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