Dienstag, 17. Mai 2011

EIN GROSSER GRAUBLAUER VOGEL







Aktion DÖS

EIN GROSSER GRAUBLAUER VOGEL
Deutschland 1970
Regie: Thomas Schamoni
Darsteller: Klaus Lemke (Tom-X), Bernd Fiedler (Knokke), Umberto Orsini (Morelli), Rolf Becker (Lunette), Thomas Braut (G.O. Gio), Olivera Vuco (Diana), Sylvie Winter (Luba), Lukas Ammann (Cinque), Marquard Bohm (Bill), Walter Ladengast (Belotti), als Gast Robert Siodmak

"Es konnte eigentlich nur schief gehen." (Thomas Schamoni)
"Der Thomas Schamoni hat für die Vorbereitung vom GROSSEN GRAUBLAUEN VOGEL mindestens so viel ausgegeben, wie unser Film [LIEBE IST KÄLTER ALS DER TOD] ganz gekostet hat, nur für die Vorbereitung, fürs Telefonieren und fürs Rumfliegen und fürs Schauspielerengagieren." (Rainer Werner Fassbinder)

Thomas Schamoni ist der weniger bekannte Bruder von Peter (SCHONZEIT FÜR FÜCHSE, POTATO FRITZ) und Ulrich Schamoni (ES, CHAPEAU CLAQUE; ein vierter Bruder war Kameramann beim Fernsehen, der Vater war Filmwissenschaftler). Neben seiner sporadischen Tätigkeit als Regisseur, Autor und Produzent gehörte er 1971 zu den Gründern des Filmverlags der Autoren. Es hat den Anschein, als wollte er gleich in seinen ersten Spielfilm alles hineinstopfen, was er jemals in einen Film zu stecken gedachte. Entsprechend überfrachtet wirkt EIN GROSSER GRAUBLAUER VOGEL. Dass der teure Film kein kommerzieller Erfolg wurde, lag auch an den Schwierigkeiten, überhaupt einen Verleih zu finden, und an der Pleite des italienischen Coproduzenten. Aber immerhin gewann er zwei Filmbänder in Gold.


Die Handlung ist kompliziert - weniger wohlwollend könnte man auch sagen "wirr". Ein alter Landstreicher names Belotti nimmt sich das Leben, als man ihn zu entführen versucht. Beobachtet und gefilmt wird die schiefgegangene Entführung von einer Truppe Journalisten. Der bullige und geschäftstüchtige Reporter Gio ist die treibende Kraft; er ist der einzige bürgerliche Typ in der Gruppe, seine Kollegen sind dagegen hippiesk angehaucht: Der Kameramann Knokke, der flapsige Bill, die toughe Luba und der Dichter Tom-X, der die Hälfte seiner Zeit von Drogen benebelt zu verbringen scheint - jedenfalls erweckt sein Verhalten diesen Eindruck. Tom-X kannte Belotti schon einige Zeit und erfuhr von diesem eine erstaunliche Geschichte: Er, Belotti, gehörte vor ca. 30 Jahren zu einer Gruppe von fünf Wissenschaftlern, die an einer Erfindung zur Manipulation des Raum-Zeit-Kontinuums arbeiteten. Eine Maschine, mit der man "den Raum verflachen", die Zeit manipulieren und ähnliche Dinge anstellen konnte. Doch dann, kurz vor dem 2. Weltkrieg, verschwanden die Fünf mitsamt ihrer Erfindung spurlos, angeblich, um eine militärische Nutzung zu verhindern. Seitdem gelten die Forscher offiziell als tot, doch scheinbar leben sie noch unerkannt und treffen sich regelmäßig. Angeblich haben sie die Formel ihrer Erfindung in einem Gedicht codiert, von dem jeder nur einen Teil kennt, der gleichzeitig zum Nachweis seiner Identität dient. Gio witterte eine große Story und einen Haufen Geld, deshalb war seine Truppe Belotti auf den Fersen, aber nach dessen Tod rückt Tom-X nur widerwillig und bruchstückhaft mit den Informationen heraus, die er von ihm erhielt. Es hat aber den Anschein, als ob Tom-X von Belotti als eine Art Erbe seines gesamten Wissens eingesetzt wurde - wenn diese ganze Geschichte überhaupt stimmt.


Hinter Belotti waren auch andere Leute her, wie die mißglückte Entführung zeigt. Drahtzieher im Hintergrund ist der mysteriöse, im Rollstuhl sitzende Cinque. Er beauftragt seine Leute, mit den Journalisten Kontakt aufzunehmen, und fährt dabei zweigleisig. Einerseits setzt er den Wissenschaftler Morelli auf sie an, der in Cinques Auftrag an derselben Erfindung arbeitet wie seinerzeit die Fünf. Andererseits soll eine ganze Schar von Agenten unter Führung des coolen Lunette die Journalisten überwachen, aber auch Morelli, der möglicherweise eigene Pläne verfolgt. Doch auch Lunette scheint ein doppeltes Spiel zu spielen. Überhaupt ziehen sich unklare Fronten durch den ganzen Film. In einer Villa an einem (italienischen?) See trifft man sich. Dort logiert bereits die mondäne und rätselhafte Diana, die eine Nichte von Belotti sein soll. Angeblich sollen sich die verschwundenen Wissenschaftler demnächst in dieser Gegend treffen - eine Voraussage, die offensichtlich nur auf der Intuition von Tom-X beruht. Oder will er nur Diana nahe sein, mit der er ein Verhältnis hat (wie auch mit Luba, während sich Diana dann auch mit Morelli einlässt - auch hier unklare Fronten)? Gio hat sich inzwischen mit Lunette geeinigt, sehr zum Mißfallen seiner Kollegen, die den Agenten mißtrauen. Ziel der versammelten Gäste der Villa ist es, alle sich am Ort aufhaltenden alten Männer zu filmen, um anhand alter Fotos die Forscher zu identifizieren. Inzwischen hat sich herauskristallisiert, dass Cinque selbst einer der Fünf ist, abzüglich des toten Belotti werden also noch drei Kandidaten gesucht - und tatsächlich ausfindig gemacht. Sie werden zu Cinque in ein kleines Bergschloss gebracht, und anhand des ominösen Gedichts, in dem der titelgebende "große graublaue Vogel" vorkommt (tatsächlich handelt es sich um das Gedicht "Bottom" von Arthur Rimbaud) wird ihre Identität verifiziert. Cinque will mit ihnen und mit Tom-X als Belottis Nachfolger neu anfangen und die Forschungen wieder aufnehmen. Doch dann gibt es im Schloss und im umgebenden Bergwald eine wilde Schießerei, die mehr Leichen als Lebende zurücklässt ...


EIN GROSSER GRAUBLAUER VOGEL zeichnet sich durch eine Vielzahl von komplexen und dynamischen Bild- und Tonmontagen aus, in denen auch die treibende Musik von Can, seinerzeit eine der progressivsten Krautrockbands, eine tragende Rolle spielt. Und immer wieder werden von Knokke mit seiner tragbaren 16mm-Kamera aufgenommene Filmschnipsel von den Protagonisten angesehen und kommentiert; ein Teil der Geschichte wird durch diese Aufnahmen und somit nichtchronologisch erzählt. Auch Genre-Elemente wie rasante Autofahrten, Schießereien und Flugszenen sowie spektakuläre Schauplätze sind geschickt integriert. Beim ersten Sehen des Films dauert es lange, in dieser Collage einen roten Faden zu finden, den man dann doch immer wieder zu verlieren droht. Auch beim wiederholten Ansehen lichten sich die Nebel nicht vollständig, was sowohl die Details der Handlung als auch den tieferen Sinn des Ganzen betrifft. Es ist klar, dass einem der Film etwas sagen will - doch was eigentlich? "Die überkomplizierte Handlung, das aufdringliche Pop-Beiwerk und die Überfrachtung mit Krimi-Klischees dürften das eigentliche Thema kaum verständlich werden lassen, nämlich das gestörte Vertrauen in die Wirklichkeit und das Herrschen der Einbildungskraft über die Wirklichkeit." (Lexikon des internationalen Films) - Mag sein. Klar scheint immerhin, dass die ominöse Erfindung als Metapher für das Medium Film dient: Auch hier wird "der Raum verflacht" und die Zeit eingefroren und manipuliert. Knokke heißt so (oder er nennt sich so) wie die belgische Stadt, in der insgesamt fünfmal ein einflussreiches Experimentalfilmfestival stattfand, und er sagt einmal, dass er in seiner Arbeit nur der Wahrheit verpflichtet sei und profane Zwecke ablehne. Doch gegen Gios Geschäftstüchtigkeit und die Gewalt der Agenten zieht er den Kürzeren. Als Gio wegen seinem Pakt mit Lunette von seinen Kollegen angegriffen wird, verteidigt er sich, er habe sie nicht verkauft, sondern gerettet, weil sie alle schon auf der Abschussliste standen. Und Robert Siodmak hat einen Gastauftritt im Film, als ein Mann, der von den Agenten drangsaliert wird. Man könnte aus all dem vielleicht den Schluss ziehen, dass hier verklausuliert die Situation des Autorenfilmers angesprochen wird, der den Zwängen des Kommerz ausgesetzt ist und Kompromisse eingehen muss, wenn er überleben will. Das würde nicht zuletzt Schamonis eigene etwas verfahrene Situation damals widerspiegeln. Aber auch dieser Interpretationsansatz ist letztlich nur eine vage Möglichkeit. Einige Interpreten fragten sich, ob die bizarren Teile der Handlung womöglich nur Hirngespinste von Tom-X sein könnten - was für mich eigentlich keinen rechten Sinn ergibt, aber wer weiß? Wie dem auch sein mag - EIN GROSSER GRAUBLAUER VOGEL ist ein schillernder, ein ambitionierter und wohl überambitionierter Film, der mehrfaches Sehen verlangt, der einen dann trotzdem etwas ratlos zurücklässt, aber gleichwohl zu faszinieren vermag.


EIN GROSSER GRAUBLAUER VOGEL ist in einer Box mit 50 Filmen vom Filmverlag der Autoren auf DVD erschienen. Die DVD ist gelegentlich einzeln bei eBay zu bekommen. [Update: Inzwischen ist der Film auch einzeln in der Edition Deutscher Film von Zweitausendeins erschienen.]

Kommentare:

  1. Ich weiss, dass ich mir diesen Film schon einmal im Fernsehen gegeben habe! Es muss in den 70ern gewesen sein (Graf Yoster Lukas Ammann hatte sich den damaligen Konsumenten regelrecht ins Gedächtnis eingebrannt) - und ich erinnere mich an ein kindliches schlechtes Gewissen, weil ich das Gefühl hatte, ihn verstehen zu müssen, es aber nicht tat. Vermutlich bot mir das Fernsehen keine zweite Chance, weshalb ich ihn beinahe vergessen habe. Einzelne Screenshots und deine Beschreibung beschwören ihn wieder herauf. Will heissen: Er muss doch einen Eindruck hinterlassen haben. - Jetzt sollte ich also für eine zweite Sichtung reif genug sein. Allein schon der grosse Robert Siodmak als Gast würde mich reizen.

    AntwortenLöschen
  2. Oje, diesen Film als Kind beim ersten Sehen verstehen zu wollen, das kann nicht gutgehen. Hoffentlich hat das schlechte Gewissen keinen Schuldkomplex bei dir hinterlassen ...

    Lukas Ammann lebt übrigens noch und geht auf die 99 zu, und "Graf Yoster" läuft derzeit nächtens auf SWR3.

    Es gibt von 2008 einen interessanten Dokumentarfilm über den Filmverlag der Autoren, GEGENSCHUSS - AUFBRUCH DER FILMEMACHER. Daraus gibt es bei YouTube hier einen Auschnitt, mit Clips aus dem GRAUBLAUEN VOGEL und Statements von Schamoni und seinem Co-Autor Uwe Brandner. Daraus ist auch der eingangs zitierte Satz von Schamoni.

    AntwortenLöschen
  3. Jetzt gibt's wohl keinen vorschiebbaren Grund mehr, die Anschaffung des Films aufzuschieben, Auf in den finanziellen Ruin :)

    AntwortenLöschen
  4. Manfred muss jetzt erst noch mit einer Konkurrenzbesprechung leben. Diese verdankt er KinoTageBuch, einem Blog, auf das er mich schon vorher hingewiesen hatte und das natürlich gleich in unsere Blogroll aufgenommen wurde. - Manchmal frage ich mich, ob mein Co-Admin sein Geld als Elizabeth Teissier verdient...

    AntwortenLöschen
  5. @Sieben Berge:
    Tu das, mein Sohn! Wenn Du dich finanziell ruinierst, bilden wir eben einen Rettungsschirm. Oder Du selbst gründest eine Bad Bank, in die Du deine Schulden auslagerst.

    @Whoknows:
    Von wegen Teissier! Ich bin doch kein Scharlatan!





    Und überhaupt ist mein wahrer Name Criswell.

    AntwortenLöschen
  6. Selten habe ich einen Header mit grösserem Genuss geändert...

    AntwortenLöschen
  7. Gibt's jetzt auch online bei der neuen VOD-Plattform alleskino.de. Kostet nur 2,99.

    https://www.alleskino.de/thomas-schamoni-ein-grosser-graublauer-vogel-1970.html

    AntwortenLöschen