Mittwoch, 29. Juni 2011

Kurzbesprechung: Absolution


Absolution
(Absolution, Grossbritannien 1978)

Regie: Anthony Page

Father Goddard waltet über seine ihm Anbefohlenen  in einer katholischen Knabenschule mit fester Hand, erweist sich jedoch für einen gottesfürchtigen Priester nicht als sonderlich gerecht. Während er seinen “Liebling” Benjamin sogar mit Privatstunden fördert, verachtet er den mit einer Beinschiene ausgestatteten und von den Mitschülern gemiedenen Arthur Dyson als Krüppel, obwohl doch gerade dieser um seine Zuneigung buhlt. Benjamin wiederum treibt sich lieber mit einem Hippie im Wald herum, und als die Vorwürfe des Lehrers wegen seines Umgangs drängender werden, der Hippie sogar offensichtlich vertrieben werden soll, lässt sich das Engelsgesicht ein perfides Spiel einfallen. Er erzählt seinem Priester und Lehrer unter Berufung auf das Beichtgeheimnis von Dingen, die Goddard immer häufiger in den Wald treiben, wo er beim Buddeln Dinge entdeckt, die sein ohnehin schon fahles Gesicht noch fahler aussehen lassen...

Richard Burton hatte in der zweiten Hälfte der 70er Jahre ein eher unglückliches Händchen  bei seiner Rollenwahl selbst in auf den ersten Blick viel versprechenden Filmen. Zu diesen gehörten der damals eigenartigerweise recht grosses Aufsehen erregende “Equus” (1977), die mit Schockelementen versehene Verfilmung eines heute jeder Logik entbehrenden Bühnenstücks von Peter Shaffer, aber auch der sich vor allem durch Längen auszeichnende unentschlossene Genre-Mix “The Medusa Touch” (1978), in dem er über telekinetische Fähigkeiten verfügte, damit das Spiel von Lee Remick jedoch nicht zu verbessern vermochte.  “Absolution”  nach einem Drehbuch von Anthony Shaffer, dem Bruder von Peter und Verfasser des grandiosen “Sleuth”, muss als trauriger Tiefpunkt in dieser Reihe von Filmen, aus denen vielleicht etwas hätte werden können, betrachtet werden. - Dass er völlig misslang, mag zum Teil bereits am Drehbuch gelegen haben, ist aber sicher auch der lieblosen Regie von Anthony Page zuzuschreiben, der später eher durch seine Arbeiten fürs Fernsehen von sich reden machen sollte.

Burton legt die Rolle des Priesters (er hatte sich bekanntlich schon in "Exorcist II: The Heretic", 1977, darin geübt) grundsätzlich gut an, entwickelt sich aber viel zu rasch vom strengen Lehrer zum psychischen Wrack, das anlässlich jeder Beichte mehr und mehr in sich zusammenfällt und nächtens voller Panik  die Schlafräume seiner Schüler betritt, um sich zu vergewissern, ob auch alles in Ordnung sei. Die Privatstunden, die er seinem Liebling Benjamin gibt, wirken wenig glaubhaft, müssten wenigstens andeutungsweise Gründe für die Bevorzugung des Schülers (unterdrückte sexuelle Zuneigung?) liefern. Der Zuschauer dürfte überhaupt schon damals in der schwülen Atmosphäre eines Internats ein wenig Erotik erwartet haben, wenn sie filmisch auch erst mit "Another Country" (1984) in aller Deutlichkeit durchzubrechen begann. Aber die Versuche des verkrüppelten Arthur, sich Schülern wie Lehrer anzubiedern, entbehren hier  jeder Begründung, was mit der Reduktion des Ganzen auf eine vor sich hin plätschernde Thriller-Ebene zu tun hat, die sich wiederum auf das Herumrennen des Priesters mit seiner Schaufel im Wald beschränkt, sonst aber nichts bietet, was die Spannung aufrecht zu erhalten oder durch Überraschungen zu erhöhen vermöchte. Man wartet denn auch eher gelangweilt als gefesselt auf des Rätsels Lösung, die so unerwartet nun wirklich nicht ist. - Ein grosser Schauspieler, verheizt in einem jämmerlichen Film, der sich überhaupt nicht um atmosphärische Glaubwürdigkeit bemüht und ganz darauf setzt, man gebe sich mit dem zufrieden, was so alles ausgebuddelt wird.

Kommentare:

  1. Hm, die DVD hab ich mal für 2 € irgendwo mitgenommen, aber frag mich nicht wo die liegt, sonst würd ich jetzt direkt versuchen bei dir zu sein. Andererseits bist du auch nicht wirklich appetitanregend mit deiner Prognose. Equus aber, den fand ich ganz groß.

    PS: Ich hoffe dir ist positiv aufgefallen, daß ich mal ein anderes Themengebiet angerissen habe? :P

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  2. "Ich hoffe dir ist positiv aufgefallen, daß ich mal ein anderes Themengebiet angerissen habe? :P "

    O ja! Der frühe Film des Regisseurs, den wir hier nicht verraten wollen, wurde mit mehr als wohlwollendem Kopfnicken aufgenommen. :) Von mir gibts irgendwann nach der Sommerpause, die ich herbeisehne, mal einen späten.

    "Equus" gefiel mir seinerzeit auch, was ich heute beim besten Willen nicht mehr nachvollziehen kann, so wahr ich Anglist heisse. Und ich habe einen Erzfeind (hoffentlich liest er den kurzen Text), der mich für meine abfällige Bemerkung über "The Medusa Touch", gar zu seiner Göttin Lee Remick vermutlich häuten und garen würde, damit er zur Abwechslung etwas anderes Alkoholisches als Kochwein zu trinken bekommt. ;)

    "Absolution" gabs bei mir auch verdächtig günstig. Ich hätte beachten sollen, welchem Herausgeber wir die DVD verdanken...

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  3. Ging ja komplett an mir vorbei, aber dass "Medusa Touch" einen uentschlossenen Genre-Mix darstellt ist ja nicht richtig.
    "Und wenn Sie das anders sehen, sehen Sie das falsch"

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  4. @JMK: Zum Glück bist du nicht der dezent erwähnte mit Vorliebe alkoholisierte Erzfeind. Kann ich mein sorgsam gepflegtes Häutchen doch noch eine Weile behalten. ;)

    Ich muss gestehen, dass mir der Film aus unerklärlichen Gründen vor langer Zeit auch gefiel. Als ich ihm später erneut begegnete, erklärte ich augenblicklich "Torn Between Two Lovers" (1979) zu meinem Lieblingsfilm mit der Remick...

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  5. Oh, das schreit nun aber nach einer längeren Begründung, in Kritikform, was an Equus nicht (mehr) nach deinem Gusto ist.

    Übrigens schere ich Billiglabel nicht über einen Kamm. Ich finde einfach immer noch zu häufig kleinere Perlen darunter, auch wenn mein Trashausschuß dadurch selbstverständlich steigt. Und man darf nicht vergessen, daß manche Werke ohne solcher Label hierzulande gar nicht verfügbar wären. Man denke z.B. an Die schwarze Narzisse (in den USA bei Criterion). Die Qualität allerdings, soviel muß man wissen, ist alles andere als optimal. Nur wer, außer ein paar Freaks, schaut sowas im O-Ton?

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  6. Remick spielt ja nur eine untergeordnete Rolle. Ich will mich auch gar nicht lange auslassen: Jack Gold hat schon mit seinem "Who?" einen richtig tollen kalter Kriegs Thriller drehte, der natürlich, wie auch "Medusa" durchaus Trashanleihen aufweist, aber in seiner Konsequenz und Doppelbödigkeit immer noch richtig Freud macht. Sicherlich nimmt er Anleihen am Horror und Thriller-Genre, aber diese bedingen sich hier gegenseitig und stehen sich mal nicht im Wege.

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  7. Ich stimme euch ja beiden in gewissen Punkten knirschend zu: Dem Trash-Label verdanke ich z.B. Ferrara's "Fear City" (1984), auch in unterirdischer Qualität (im Falle von "Absolution" wird allerdings auf der Rückseite sogar das Ende mehr oder weniger deutlich verraten). Und der Tritt mit "Medusa" galt schon ein wenig besagtem Erzfeind, wobei ich betonen muss, die (einst auch von mir geteilte) Faszination für Horrorfilme der 70er nicht mehr nachvollziehen zu können. Selbst Splatter-Mutti jault heute gelangweilt auf, wenn sie von "Omen" liest. Man müsste der Sache mal nachgehen; aber das Genre scheint sich doch weiterentwickelt zu haben, indem es eine gewisse unnötige Langeweile, die den Eindruck einer Unentschlossenheit erweckte, ablegte. Lee Remick wirkte übrigens sogar in einem Klassiker mit: in Preminger's "Anatomy of a Murder" (1959).

    Zu "Equus": Die Kritik galt natürlich bereits der Vorlage und hat mit dem sicher schon in den 70ern völlig veralteten Umgang eines Psychiaters mit scheinbar "Mystischem" zu tun. Ich kritisierte das Ganze schon mal an Jewison's Film "Agnes of God", der sich auch auf eine Bühnenvorlage stützte und ähnlich unglaubwürdig daherkommt. Die Hypnoseszenen (normativer Art und dementsprechend ausartend) wirken heute regelrecht beängstigend und dürften jeden potentiellen Klienten davon abhalten, sich einer Therapie zu unterziehen. - Ich frage mich auch, ob Shaffer's Stück, das damals ja durchaus effektvoll gewesen sein mag, heute überhaupt noch gelesen wird. Die dialoglastige Verfilmung des Stücks dürfte Schauspieler ja durchaus gereizt haben, kommt mir jedoch eher wie ein Ausrutscher in der Karriere des von mir sehr bewunderten Sidney Lumet vor. :(

    P.S.: Eine solche Wirkung entfalten Filme, die offenbar meinen, der Umgang mit psychisch kranken Menschen bleibe immer gleich, nach einiger Zeit oft. Ich erinnere nur an Anatole Litvak's einst "revolutionären" Streifen "The Snake Pit" (1948), der reale Missstände aufdeckte und auch von der Hauptdarstellerin Olivia de Havilland intensive Recherchen erorderte.

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  8. Es mag sein, daß es aus therapeutischer oder fachlicher Sicht dabei Mängel gibt. Mir war diese Seite an Equus ehrlich gesagt jedoch vollkommen egal, sondern mich faszinierte diese eigene Welt, die sich die Figur des Jungen aufbauend auf religiösem Fundament erdacht hat. Ich bin nicht der Mensch, der dann mit Abscheu wegblickt und diesen "Irren" in eine Form pressen will, sondern ich will zunächst einmal verstehen und daraus lernen. Daß es dann Grenzen gibt, die sich so ein "Verrückter" dann wie jeder Mensch zu unterwerfen hat, steht ja auch einem anderen Blatt.

    Zu deinem Beispiel fällt mir dann noch Twisted Nerve ein, der ja auch auf einer wissenschaftlich absurden Annahme basiert. Hier muß ich sagen wird einem die Empathie zum "Täter" nicht so einfach ermöglicht, so daß man sich mehr am naiven Charme der Hayley Mills ergibt und mit ihr fiebert.

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  9. "Twisted Nerve" ist mir nicht einmal bekannt und müsste schon wegen des Soundtracks gesichtet werden. :) Ich strecke selbstverständlich auch meine Waffen. Ging vermutlich etwas vorschnell davon aus, das dialoglastige Drama fände heute keine Anhänger mehr. - Mich würdest du trotzdem nicht zu einer weiteren Sichtung von "Equus" überreden.

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  10. Ich weiß auch nicht, ob ich den Film nochmal so verschlingen würde. Aber einen Versuch wäre es wert. :P

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  11. ABSOLUTION und EQUUS sind komplett an mir vorübergegangen, aber MEDUSA TOUCH ist doch ganz ordentlich. Schließlich spielt da auch noch Lino Ventura mit, einer meiner Favoriten. Und Lee Remick war zwar manchmal etwas blass, aber so schlimm ist sie nun auch wieder nicht. Neben ANATOMIE EINES MORDES spielte sie beispielsweise auch in Elia Kazans WILDER STROM mit Montgomery Clift, ohne zu stören. Aber was war mit Burton in den 70er Jahren los? Vielleicht brauchte er noch Geld für seine beiden Scheidungen von Liz Taylor, oder er hatte schon zu sehr dem Whisky zugesprochen.

    >"Und wenn Sie das anders sehen, sehen Sie das falsch"

    Klingt irgendwie nach Wehner ...

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  12. He, he! :) An den guten Herbert dachte ich dabei nicht mal. Trifft aber wie üblich zu.

    Ich glaube, mit der "Medusa Touch"-Bemerkung habe ich mir was aufgebürdet. Lino Ventura mag ich doch auch (und unter uns: die Remick gefiel mir recht gut in Don Siegel's "Telefon", 1977, :rot anlaufend:). Den Kazan kenne ich nicht einmal. Irgendwie scheint man den Regisseur noch immer verdrängen zu wollen.

    Die 70er waren tatsächlich nicht so Burton's Dekade: "The Wild Geese", "Steiner - Das Eiserne Kreuz II"... - Ziemlicher Abstieg für einen grossen Schauspieler, der wenigstens mit "1984" noch einmal sein Können unter Beweis stellen konnte. Erinnert mich daran, dass ich gerne mal wieder seinen Anfängen nachginge und mir die Daphne du Maurier-Verfilmung "My Cousin Rachel" (1952) anschauen würde. Der Anfang mit dem Spaziergang, der am Galgen vorbeiführt, blieb mir irgendwie in Erinnerung, Olivia de Havilland sowieso.

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