Sonntag, 5. Juni 2011

Kurzbesprechung: BLUT AN DEN LIPPEN

BLUT AN DEN LIPPEN (LES LÈVRES ROUGE, auch LE ROUGE AUX LÈVRES, engl. DAUGHTERS OF DARKNESS, auch BLOOD ON THE LIPS und weitere Alternativtitel)
Belgien/Frankreich/Deutschland 1971
Regie: Harry Kümel
Darsteller: Delphine Seyrig (Elisabeth Bathory), John Karlen (Stefan), Danielle Ouimet (Valerie), Andrea Rau (Ilona), Paul Esser (Portier), Georges Jamin (Kriminalbeamter), Fons Rademakers (Mutter)

Ein frisch verheiratetes junges Paar, mit dem Zug unterwegs nach England, macht Halt in Ostende und steigt in einem Luxushotel am Strand ab - eigentlich nur für eine Nacht. Bis auf den alten Portier scheint das Hotel menschenleer. Doch dann treffen zwei weitere Gäste ein: Die ungarische Gräfin Elisabeth Bathory und ihre Zofe Ilona. Der Portier meint sich zu erinnern, dass die Gräfin schon einmal im Hotel abgestiegen ist - aber in seiner Jugend, also vor Jahrzehnten.


Das junge Paar gerät schnell in den Bann der mysteriösen Fremden. Die Gräfin scheint sich für Valerie, die Braut, zu interessieren, was Stefan, den Bräutigam, nervös und Ilona eifersüchtig macht. Valerie lernt dunkle Seiten ihres Ehemannes kennen, von denen sie bisher keine Ahnung hatte. Ein pensionierter Kriminalbeamter bringt weitere Unruhe. Er ist den beiden Ungarinnen aus Brügge hinterhergereist, wo sie zuvor abgestiegen waren - und wo mehrere junge Frauen ermordet und völlig blutleer aufgefunden wurden ...


Delphine Seyrig (LETZTES JAHR IN MARIENBAD, DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE, JEANNE DIELMAN) in einem (wenn auch zahmen) Horrorfilm am Rande der Exploitation? Harry Kümel hat es zuwege gebracht, mit Hilfe von Alain Resnais. Resnais war nicht nur Seyrigs Regisseur bei MARIENBAD und MURIEL ODER DIE ZEIT DER WIEDERKEHR, er und Seyrig waren damals auch ein Paar. Und er war und ist ein Fan von solchen Genrefilmen, und er überredete Seyrig, das Angebot anzunehmen. Mit ihrer mondänen Erscheinung und ihrer rauchigen Stimme ist sie die Idealbesetzung. Und ihre Kleider! Kümel nahm sich vor, sie in Szene zu setzen, wie es einst Josef von Sternberg in seinen Hollywoodfilmen mit Marlene Dietrich gemacht hatte, und das ist ihm gelungen. Manche Aufnahmen von ihr sind ziemlich atemberaubend.


Der Belgier Harry Kümel konnte 1971 mit seinem Geniestreich MALPERTUIS noch einen draufsetzen, dann verflachte seine Karriere etwas. Neben Arbeiten für Fernsehen und Theater wirkte er auch als Dozent für Film. Mit seiner Mischung von sanftem Horror am Rande des Trash und dezenter Erotik wandelt BLUT AN DEN LIPPEN in ähnlichen Spuren wie Filme von Jean Rollin aus dieser Zeit, z.B. der ähnlich betitelte LÈVRES DE SANG. Aber bei Kümel ist alles viel gediegener. Die Innenaufnahmen fanden in zwei sehr noblen Hotels in Brüssel bzw. Ostende statt, und Kümels Budget war zwar nicht üppig, dennoch hatte er viel mehr Geld zur Verfügung als Rollin jemals.


Das lag auch am Coproduzenten Luggi Waldleitner, der auch Andrea Rau einbrachte. Sie hatte zuvor in einigen deutschen Nackedeifilmchen mitgespielt. Eine große Schauspielerin vor dem Herrn ist sie wohl nicht, aber das musste sie hier auch nicht sein. Mit ihrem Schmollmund und ihrem Talent für laszive Bewegungen (sie hat eine Ausbildung als Tänzerin) ist sie ziemlich perfekt. Mit seinem luxuriösen bis schwülstigen Dekor und den schönen Frauen ist BLUT AN DEN LIPPEN ein Film für's (nicht nur männliche) Auge. Für Horrorfans im engeren Sinn ist er weniger geeignet. Dafür passiert zu wenig, und die Stimmung ist auch nicht wirklich unheimlich, eher morbid bis fatalistisch.


BLUT AN DEN LIPPEN ist in Deutschland, England, USA und weiteren Ländern auf diversen DVDs erschienen, die sich in Bildqualität und Bonusmaterial stark unterscheiden. Die üblichen Quellen wie OFDb und DVD Beaver bieten nähere Informationen. Der Film wurde aufgrund der internationalen Besetzung auf Englisch gedreht, die Sprachfassungen sind also überall identisch.

Kommentare:

  1. Hm, erfasst der Text nun schon diesen unfassbaren Moment oder geht es dir hier ähnlich wie mir und du vermagst kaum in Worte zu fassen, was für ein ästhetisches Faß hier aufgemacht wird?

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  2. Ja, der Hyper-Ästhetizismus ist teilweise fast schon an der Grenze zur Karikatur (man denke an die tuntige "Mutter" oder dieses grüne Getränk). Statt vieler Worte hab ich lieber relativ viele (im Vergleich zur Kürze des Texts) Screenshots gebracht.

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  3. Kaum etwas für die oft beschworene Splatter-Mutti. Mir wiederum könnte der Film schon wegen des Gegensatzes 70er/gediegener Glamour der 30er gefallen. So etwas dürfte wirklich eine morbide erotische Stimmung erzeuen, die einfährt. Wie ich gerade feststelle, wurde "Blut an den Lippen" höchst unterschiedlich bewertet, was erst recht ein Grund für eine Sichtung wäre.

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  4. Habe den Film vor einigen Monaten zum ersten Mal gesehen und mir hat er ziemlich gut gefallen, was insbesondere an der tollen Seyrig liegen dürfte. Ich empfehle die DVD von Blue Underground (Titel: "Daughters of Darkness").

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  5. Tu das, Whoknows. Für Splatter-Mutti ist der Film viel zu sinnlich. Ich mußte sofort den Bildschirm knutschen und habe mich dann geärgert, daß ich selbigen seit einem guten Jahr nicht entstaubt hatte.

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  6. Du solltest mal erleben, wie sinnlich Splatter-Mutti werden kann, wenn sie Kevin Bacon auf der Mattscheibe entdeckt. Der machte sogar den verhältnismässig harmlosen "Stir of Echoes", 1999, zum wahrhaften Erlebnis für sie. Für einen sauberen Bildschirm ist also gesorgt. ;)

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  7. BLUT AN DEN LIPPEN läuft am Samstag um 22:40 Uhr im Digitalkanal ZDF Kultur. Wer den empfangen kann und den Film noch nicht kennt, sollte ihn ruhig mal ansehen, ob nun mit oder ohne Splatter-Mutti ... :-Þ

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