Freitag, 27. April 2012

Bilderflut aus den Karpaten

FEUERPFERDE (DDR-Titel SCHATTEN VERGESSENER AHNEN, original (ukrainisch) TINI ZABUTYCH PREDKIW, russisch TENI ZABYTYCH PREDKOW)
UdSSR (Ukraine) 1964
Regie: Sergej Paradschanow
Darsteller: Iwan Mikolaitschuk (Iwan), Larissa Kadotschnikowa (Maritschka), Tatjana Bestajewa (Palagna), Spartak Bagaschwili (Jurko), Nina Alisowa (Iwans Mutter)


FEUERPFERDE, der erste Film, in dem sich Sergej Paradschanow künstlerisch voll verwirklichen konnte, ist von fast unfassbarer Schönheit. Paradschanow findet erlesene Bildmotive ohne Ende, die meist in leuchtenden Farben präsentiert werden. In Verbindung mit der ungemein beweglichen Kamera ergibt sich ein visueller Rausch, der unablässig auf den Zuschauer einwirkt. Man kommt manchmal nicht mehr dazu, die Untertitel zu lesen, weil man ständig von den Bildern überwältigt wird.


Die Handlung ist - zum Glück, könnte man fast sagen - nicht besonders kompliziert. Sie spielt bei den Huzulen, einem Volk von halbnomadischen Schafzüchtern in den nördlichen Karpaten, und ist in einer unbestimmten vormodernen Vergangenheit (die bei den abgeschieden lebenden Huzulen bis ins späte 19. Jh. andauerte) angesiedelt, in der noch Mythen, Legenden und Aberglaube ins Alltagsleben hineinwirkten. Neben den Bildern trägt auch der Soundtrack, der sich teilweise aus huzulischer Volksmusik speist, zur Schönheit des Films bei. So gibt es archaisch-dissonant wirkende Klänge der Trembita, eines entfernt mit dem Alphorn verwandten Blasinstruments, und fremdartig-schönen Frauengesang, der an "Le Mystère des Voix Bulgares" erinnert.


Es handelt sich um eine Verfilmung der Erzählung "Schatten vergessener Ahnen" (1912) des ukrainischen Schriftstellers Michailo Kozjubinskij (1864-1913), der sich dabei seinerseits bei huzulischen Märchen und Legenden bedient hatte. Der erste Teil des Films ist eine Art "Romeo und Julia auf dem Dorfe". Am Anfang sind die späteren Liebenden, Maritschka und Iwan (von ihr "Iwanko" genannt), noch Kinder. Maritschkas Vater erschlägt Iwans Vater im Streit, nachdem dieser ihn ausgerechnet beim Gottesdienst in der Kirche provoziert hatte. Trotz der Bluttat befreunden sich die Kinder. Die Jahre vergehen, und aus den Freunden wird ein Liebespaar. Aber Iwans Mutter hat für die Tochter der verfeindeten Familie nur Hass übrig. Iwan, der als einziger von vielen Geschwistern noch lebt, muss für seine verwitwete Mutter sorgen und hat nicht genug Geld, um Maritschka heiraten zu können. Um doch noch genug zu verdienen, um einen eigenen Hausstand gründen und die Geliebte heiraten zu können, verdingt sich Iwan als Schäfer auf einer weit entfernten Weide. Doch die große Liebe endet tragisch. Während seiner Abwesenheit stürzt Maritschka beim Versuch, ein entlaufenes Lamm aus einer Felswand zu retten, in einen reißenden Wildbach und ertrinkt. Iwan ist am Boden zerstört und versinkt in Apathie.


Die zweite Hälfte des Films verfolgt Iwans weiteren Weg. Nach Jahren der Verwahrlosung und des ziellosen Umherschweifens (der Film ist hier für einige Minuten schwarzweiß, um seine Verfassung widerzuspiegeln) findet er langsam ins Leben zurück. Er heiratet die wohlhabende und gut aussehende Palagna, doch die Ehe steht unter keinem guten Stern. Sie bleibt kinderlos, und Iwan kann Maritschka nicht vergessen, was schließlich auch Palagna nicht verborgen bleibt. Um ihn trotzdem an sich zu binden, will sie mit Hilfe von Magie für Nachwuchs sorgen, doch das geht nach hinten los. Palagna verfällt dem mächtigen Zauberer Jurko, der sogar Stürme bändigen kann, und wird seine Geliebte. Schließlich planen die beiden sogar, Iwan mit Hilfe schwarzer Magie loszuwerden. In einer Dorfschänke kommt es zu einem Kampf der Rivalen, und Jurko verletzt Iwan mit einem Beilhieb am Kopf. Halb besinnungslos torkelt Iwan in einen Wald, wo ihm Maritschka erscheint. Ein Geist, oder nur eine Halluzination? Paradschanow lässt die Unterschiede verschwimmen. Als ihn Maritschkas Erscheinung schließlich berührt, stirbt Iwan. Den Schluss des Films bildet Iwans Totenfeier, die nahtlos in ein bacchantisches Fest übergeht, das von staunenden Kindern durch ein Fenster beobachtet wird.


Es ist tragisch, dass es in Paradschanows Biographie eine Lücke von 15 Jahren gibt, in denen er keinen Film drehen durfte. Sergej Paradschanow wurde als Kind armenischer Eltern (sein Geburtsname war Sarkis Paradschanian) in Tiflis geboren, wo er aufwuchs und zunächst studierte. Dann ging er nach Moskau an die staatliche Filmhochschule, wo Alexander Dowschenko, der Altmeister des ukrainischen Films, zu seinen Lehrern zählte. Nach seinem Abschluss 1951 ging Paradschanow auf Dowschenkos Anraten zu den nach ihm benannten Filmstudios in Kiew. Dort drehte Paradschanow eine Reihe von Dokumentar-, Kurz- und Spielfilmen, die er später alle als wertlos bezeichnete. Die stalinistische Doktrin des Sozialistischen Realismus wurde seit der Tauwetterperiode (nach dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956) nicht mehr durchgesetzt, schwebte als Ideal aber immer noch über dem sowjetischen Film, und Paradschanow konnte oder wollte sich nicht komplett davon lösen. Umso radikaler tat er es dann mit FEUERPFERDE. Dass ein völlig anderer sowjetischer Film möglich war, hatte ihm vor allem Andrej Tarkowskijs erster Spielfilm IWANS KINDHEIT gezeigt. Paradschanow und Tarkowskij wurden bald enge Freunde und blieben es bis zu Tarkowskijs Tod 1986.


Auch FEUERPFERDE wurde von den Kiewer Dowschenko-Studios produziert. Dass das überhaupt möglich war, lag vor allem am ukrainischen Parteichef Petro Schelest, der ein starker Förderer der kulturellen und in gewissem Ausmaß auch der politischen Autonomie der Ukraine war, und der selbst ukrainischen Dissidenten erstaunlichen Spielraum gewährte. Es ist auch nicht richtig, dass Paradschanow wegen FEUERPFERDE unmittelbar in Schwierigkeiten kam, wie manchmal behauptet wird. Ein Teil der kommunistischen Kulturbürokratie war sicher irritiert, aber ein erstaunlich großer Teil der sowjetischen Kritiker feierte den Film, und selbst ein staatliches Gremium wie der ukrainische Zweig von Goskino belobigte FEUERPFERDE und sorgte dafür, dass er auch außerhalb der Ukraine nicht russisch übersprochen, sondern in der ukrainischen Originalfassung in die Kinos kam, was durchaus als Privileg zu verstehen war. Ein Privileg war es auch, dass FEUERPFERDE im westlichen Ausland auf Festivals gezeigt wurde, wo er über ein Dutzend Preise gewann (jedoch keinen BAFTA Award, wie in der IMDb und der deutschen Wikipedia fälschlich behauptet wird).


Bald begannen dann jedoch Paradschanows Probleme. Nach Chruschtschows Sturz im Oktober 1964 stieg zwar Schelest in der Parteihierarchie weiter auf, aber insgesamt wurde das innen- und kulturpolitische Klima der UdSSR rauer. Paradschanow sprach seine Ablehnung des Sowjetsystems offen aus, unterzeichnete Petitionen für inhaftierte Dissidenten etc. und bekam die Folgen zu spüren. Er wurde wegen "ukrainischem Nationalismus" verhaftet (was bei einem armenisch-georgischen Regisseur durchaus bemerkenswert war), aber bald wieder freigelassen. 1966 übersiedelte er von Kiew nach Jerewan in Armenien. Nach FEUERPFERDE wurden sowohl in der Ukraine wie in Armenien vier Jahre lang alle seine eingereichten Drehbücher abgelehnt, abgesehen von einem kurzen Dokumentarfilm 1967. Dann durfte er 1968 in Armenien wieder einen Spielfilm drehen, der um Sayat Nova, einen armenischen Dichter, Troubadour und Mönch des 18. Jahrhunderts, kreist, und der sich einer stringenten Handlung verweigert und stattdessen Tableaus von atemberaubender Schönheit präsentiert. Doch der vorgesehene Titel SAYAT NOVA musste in ZWET GRANATA (DIE FARBE DES GRANATAPFELS) geändert werden, und unmittelbar nach der Fertigstellung wurde der Film verboten. 1971 wurde dann eine von Sergej Jutkewitsch entschärfte und verstümmelte Fassung des Films in die sowjetischen Kinos gebracht. 1980 wurde eine weiter korrumpierte Kopie der Jutkewitsch-Fassung in den Westen geschmuggelt und sorgte dort trotz ihrer Mängel für Aufsehen.


Nach DIE FARBE DES GRANATAPFELS wurden wiederum alle Drehbuchentwürfe abgelehnt, und Ende 1973 wurde Paradschanow verhaftet und angeklagt. Die Anklage war ein wildes Gebräu, das Homosexualität, eine angebliche Vergewaltigung, Verbreitung von Pornographie, illegalen Handel mit Ikonen und weiteres umfasste. Richtig daran war nur, das Paradschanow bisexuell war, die anderen Punkte waren an den Haaren herbeigezogen oder frei erfunden. Paradschanow wurde zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt und in verschiedenen Straflagern in Sibirien untergebracht, meist unter Schwerkriminellen und in unwürdigen Bedingungen. Seine Freunde Tarkowskij und Michail Wartanow protestierten öffentlich, und es gab auch internationale Proteste, vor allem von französischen und italienischen Künstlern und Intellektuellen. Aber erst nach vier Jahren wurde Paradschanow freigelassen. Angeblich gab ein persönliches Treffen von Louis Aragon und dessen russischer Frau mit Leonid Breschnew den Ausschlag.


Paradschanow lebte jetzt in Tiflis und durfte weiter keine Filme drehen. 1982 wurde er erneut verhaftet und angeklagt, nach einem Dreivierteljahr im Gefängnis aber freigesprochen. Und 1984, kurz vor Beginn der Ära Gorbatschow, erhielt er endlich wieder eine Drehgenehmigung. Mit dem in Georgien gedrehten DIE LEGENDE DER FESTUNG SURAM (1985) und dem in Aserbaidschan entstandenen KERIB, DER SPIELMANN (1988) griff Paradschanow seinen Stil der 60er Jahre wieder auf (der bei beiden Filmen als Co-Regisseur genannte Schauspieler Dodo Abaschidse ist nur aus formalen Gründen aufgeführt, in Wirklichkeit hat Paradschanow allein inszeniert) und erneuerte auch seinen bereits in den 60er Jahren errungenen internationalen Ruf. Beide Filme gewannen diverse Preise, und Paradschanow reiste auch in den Westen, so 1988 zum Münchner Filmfest, wo er Ehrengast war und eine Retrospektive seiner Filme gezeigt wurde. Ein weiterer begonnener Film, der autobiographische Elemente enthalten sollte, blieb durch Paradschanows Tod unvollendet. Er starb 1990 in Tiflis an Krebs, und er hinterließ große Fußstapfen, die kaum jemand ausfüllen konnte. "Wer versucht, mich zu kopieren, ist verloren", soll er einmal gesagt haben.


FEUERPFERDE ist in Russland bei RUSCICO und in England bei Artificial Eye (engl. SHADOWS OF FORGOTTEN ANCESTORS) auf DVD erschienen. Eine deutsche Lizenzausgabe der RUSCICO-Scheibe scheint derzeit nicht mehr erhältlich zu sein. - Selten habe ich mich mit dem Aussortieren der Screenshots so schwer getan wie hier, deshalb muss ich jetzt einfach noch ein paar bringen. Zum Vergrößern draufklicken.








Kommentare:

  1. Sehr sehr interessant. Ich hatte bislang nichts von Paradschanow gehört, aber zum Glück gibt's diesen Blog! Ich werde diesen Film auf meine Eines-Tages-zu-besorgen-Liste setzen. Die Stills lassen tatsächlich alle auf einen visuell beeindruckenden Film hoffen.
    Nur ein kleiner Hinweis auf ein Transliterationsfehler beim russischen Titel: es müsste "zabytych" heissen, nicht "zabypych".

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    1. Nur ein kleiner Hinweis auf ein Transliterationsfehler beim russischen Titel: es müsste "zabytych" heissen, nicht "zabypych".

      Danke für den Hinweis, ich hab's korrigiert (und den falsch geschriebenen Chruschtschow auch - warum konnte der nicht Maier oder von mir aus Petrow heißen?).

      Die Transliteration ist für mich ein Quell des ewigen Verdrusses. Jemand, der wie ich nicht Russisch (oder irgendeine Sprache mit kyrillischer Schrift) kann, muss sich die Schreibweise bei jeweils passenden Quellen zusammensuchen (das "zabypych" stammte aus meiner CD-Ausgabe des Lexikon des internationalen Films), die die "normale" oder "umgangssprachliche" deutsche Transliteration verwenden (keine Ahnung, wie das Ding korrekt heißt, jedenfalls nicht die völlig andere wissenschaftliche deutsche Transliteration, die man etwa in Kindlers Literaturlexikon findet).

      Aber selbst Quellen, die eigentlich dieselbe Transliteration verwenden, unterscheiden sich ziemlich oft. So hätte ich statt "Kozjubinskij" (wiederum aus dem Lexikon des internationalen Films übernommen) auch "Kozjubynskyj" schreiben können - diese Schreibweise fand ich auch irgendwo. Da kann ich dann eine letztlich willkürliche Entscheidung treffen.

      Die engl. Transliteration, wie man sie in IMDb, OFDB und engl. Wikipedia findet, und wie sie sich auch bei uns zunehmend durchsetzt, ist auch nicht wirklich besser. Da hätte ich etwa die Wahl zwischen "Parajanov", "Paradjanov" und "Paradzhanov" gehabt. Aber die engl. Transliteration lehne ich sowieso ab, schon wegen der Konsistenz. Wenn ich etwa "Tarkovsky" schreibe, dann muss ich eigentlich auch "Yeltsin" und "Gorbachev" statt "Jelzin" und "Gorbatschow" schreiben, und das will ich nicht, also bleibt es auch beim "Tarkowskij". Aber natürlich kann ich das auch nicht konsequent durchhalten. Wenn etwa ein Herr Kontschalowskij jahrelang in Nordamerika lebt und Hollywoodfilme inszeniert, dann wird er auch für mich irgendwann zum Konchalovsky. Tja.

      Disclaimer: Dieses unvermittelt hervorgebrochene Traktat soll nur mal kurz meinen Standpunkt zu diesem Thema erläutern, aber es soll niemanden angreifen, egal, welche Schreibweise er benutzt. Hauptsache, es ist klar, wer oder was gemeint ist.

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    2. ...es soll niemanden angreifen, egal, welche Schreibweise er benutzt...

      Äh - Drohte mir nicht neulich jemand mit einem Einreiseverbot in Island, wenn ich nicht mein Altenglisch-Trauma überwinden und die isländischen Buchstaben benutzen würde? Dies nur so nebenbei von einem Elefanten, der einfach nicht vergisst. ;)

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  2. Es scheint, als seien nur der Gang ins Märchen oder in eine idyllisierte Vergangenheit in der Lage, Bilder von derart unbeschreiblicher Schönheit hervorzubringen. Der Vergleich mag zwar in jeder Hinsicht unangemessen sein, aber das Stichwort "Ukraine" brachte mich augenblicklich auf Liev Schreiber's "Everything Is Illuminated" (2005), der diesen Gang sogar zum Thema macht - als Reise, die an den Überresten einer sowjetischen Vergangenheit vorbeiführt, zu einer Leere gelangt, um dann plötzlich die "verklärte" Vergangenheit (das Haus in den Sonnenblumen) zu entdecken.

    Von Paradschanow habe ich auch noch nie etwas gehört. Aber wenn dies sogar ein Osteuropa-Experte zugeben darf... ;) - Faszinierende und zugleich tief tragische Biographie!

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  3. Wow. Sieht grandios aus und hört sich sehr vielversprechend an. Paradschanow kenne ich bislang nur vom Hörensagen, das wird sich aber mit Sicherheit sehr bald ändern! Bei diesen irren Bildern wäre mir die Auswahl übrigens auch schwer gefallen. :)

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    1. Paradschanow kenne ich bislang nur vom Hörensagen, das wird sich aber mit Sicherheit sehr bald ändern!

      Wie man hier lesen kann, hat diese deutsche Lizenzausgabe der RUSCICO-DVD, die es derzeit zumindest bei Amazon eh nicht gibt, nur eine Tonspur, bei der der Originalton russisch übersprochen wird, was ja nun nicht das Gelbe vom Ei ist. Ob das für die RUSCICO-Scheibe selbst auch gilt, weiß ich nicht. Ich hab jedenfalls die engl. DVD und kann sie ohne Einschränkung empfehlen. Da hat man den ukrain. Originalton, und für den, der's mag, zusätzlich die russische Spur. Eine US-DVD, die ich zu erwähnen vergaß, gibt es auch noch. Über die weiß ich nichts.

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