Dienstag, 2. Juli 2013

Bittere Rache und vertauschte Kinder, oder: Montags immer Ravioli

LA VIE EST UN LONG FLEUVE TRANQUILLE (DAS LEBEN IST EIN LANGER, RUHIGER FLUß)
Frankreich 1988
Regie: Étienne Chatiliez
Darsteller: André Wilms (Jean Le Quesnoy), Hélène Vincent (Marielle Le Quesnoy), Catherine Hiegel (Josette), Daniel Gélin (Docteur Mavial), Benoît Magimel (Maurice „Momo“ Groseille-Le Quesnoy), Valérie Lalande (Bernadette Le Quesnoy-Groseille), Patrick Bouchitey (Père Auberger), Catherine Jacob (Marie-Thérèse)




Es ist Heiligabend, und die Krankenschwester Josette freut sich darauf, den Abend mit ihrem Liebhaber, dem Gynäkologen Mavial, zu verbringen – so wie er es ihr versprochen hat. Doch daraus wird nichts, denn im letzten Moment beschließt der Arzt, den Feiertag doch zu seiner Ehefrau nach Hause zu gehen. Josette tobt! Schon wieder ist sie versetzt worden und steht nach dem Weggang Mavials wie bestellt und nicht abgeholt da. Und dann schreien die beiden kleinen Kinder, die Mavial gerade entbunden hat, sich gleichzeitig auch noch die Lunge aus dem Hals. Impulsiv beschließt die völlig entnervte Krankenschwester, die Identität der beiden Neugeborenen zu tauschen, um ihrem griesgrämigen Liebhaber und überhaupt auch der ganzen Welt eins auszuwischen: das Mädchen der Unterschichtsfamilie Groseille wird fortan bei den gutbürgerlich-reichen Le Quesnoy leben, während deren Junge in der Sozialwohnung aufwachsen wird. Und nur Josette weiß es.

Docteur Mavial und Josette
Zwölf Jahre später sind sie und der Doktor Mavial immer noch ein Paar, doch Mavial lebt immer noch mit seiner Frau, die nun mittlerweile auch erkrankt ist. Josette behandelt er wie stets äußerst verächtlich, wenn er sie nicht zwischen zwei Gläsern Weißwein und der nächsten Entbindung ins Sprechzimmer zerrt, um sich mit ihr zu vergnügen. Als Madame Mavial verscheidet, sieht die Krankenschwester ihre Chance und lädt ihren langjährigen Liebhaber dazu ein, endlich mit ihr zusammen zu ziehen, doch der Arzt lehnt ab. Da gehen Josette definitiv die Pferde durch: sie verfasst ein paar böse Briefe, in denen sie die „Umtausch-Aktion“ von vor zwölf Jahren enthüllt und schickt sie an die Familie Le Quesnoy, an die Familie Groseille, an Mavial (und, wie anzunehmen ist, auch an den örtlichen Ärzteverband).

Die Karriere des ehemals respektierten Arztes ist zerschmettert. Doch Étienne Chatiliez‘ schwarze Komödie überlässt dann die beiden zerstrittenen Liebhaber ihren Problemen und folgt den Auswirkungen der Enthüllung auf die beiden völlig unterschiedlichen Familien. Die Le Quesnoy sind eine überaus wohlhabende, großbürgerliche Familie wie aus dem Bilderbuch (bei der Sichtung könnte man auch denken: wie aus der Hölle). Vater Le Quesnoy ist der Direktor der städtischen EDF, Mutter Le Quesnoy ist Hausfrau und kümmert sich um die fünf Kinder und die Organisation des Haushaltes (das heisst, sie kommandiert die Haushälterin herum). Alles ist streng durchorganisiert: die Kinder waschen sich natürlich vor dem Essen die Hände und Montags gibt es immer Ravioli. Am Essenstisch wird das nächste Kanu-Ferienlager der Kinder mit Vorfreude, die vielleicht jüdische Herkunft des Verlobten einer Familienfreundin mit skeptischer Sorge und die schwierige Situation der sozial Benachteiligten mit salbungsvoller Selbstgerechtigkeit diskutiert. Das Milieu ist konservativ-katholisch: begeistert nehmen die Le Quesnoy am kirchlichen Gemeinde-Leben teil, regelmäßiger außerschulischer Religionsunterricht für die Kinder und Engagement bei kitschigen Kinderchor-Aufführungen inklusive. Der Stock, den alle Le Quesnoy offenbar Tag und Nacht im Arsch tragen, ist gewissermaßen de rigeur!

oben: die Le Quesnoy; unten: die Groseille
Die Groseille hingegen wohnen in einem Sozialbau und zapfen ihren Strom illegal ab. Vater Groseille ist ein Kriegsinvalide, der den ganzen Tag Karten spielt, über die Araber schimpft und stolz darauf ist, wie er ihnen während des Algerienkriegs eingeheizt hat. Mutter Groseille guckt vor allem Fernsehen und kümmert sich darum, in welchem Blond-Ton sie heute ihre Haare färben wird. Den einen Sohn sieht man erst später im Film, weil er wegen Diebstahl im Gefängnis sitzt und der jüngste ist offenbar geistig etwas zurückgeblieben. Die älteste Tochter teilt Beschäftigungsarten der Mutter. Um den Lebensunterhalt der Familie kümmern sich die beiden mittleren Söhne, (besonders aber Maurice, der vertauschte Le Quesnoy), in dem sie alten Damen Handtaschen klauen oder sonstige kleine Betrügereien organisieren.

Auf die Nachricht, die ihnen die frustrierte Josette schickt, reagieren beide Familien ebenfalls sehr unterschiedlich. Nachdem die erste Nervenkrise (und die Brechreiz-Anfälle) Marielles überwunden sind, beschließen die Le Quesnoy-Eltern, den „verlorenen Sohn“ Maurice unter jeglichem Preis wieder in seine recht- und standesmäßige Umgebung „zurückzuholen“. Über den Preis haben sich die Groseille ihrerseits schon Gedanken gemacht, und besonders der „verlorene“ Maurice regt dazu an, die Le Quesnoy ordentlich auszunehmen. Nachdem einige Bündel Geldscheine übergeben worden ist, einigen sich Jean Le Quesnoy und die Groseille-Eltern darauf, dass Maurice zu seiner biologischen Familie übersiedelt, Bernadette jedoch erst einmal eine Weile bei den Le Quesnoy bleibt, um die junge Teenagerin zu schonen – angesichts dessen, dass sie erste Anzeichen pubertärer Bockigkeit und Rebellion zeigt, ist das vorerst keine schlechte Idee.

Maurice verrät Bernadette ein Geheimnis.
Ihr vergeht daraufhin der Appetit auf Suppe.
Maurice passt sich an die neue Situation sehr schnell an, zumal ihm das nunmehr sehr viel bequemere Leben verständlicherweise gut behagt. Die großbürgerlichen Umgangsformen seiner „neuen“ Familie nimmt er rasch an, wenngleich nur äußerlich: emotionale Bindungen baut er keine auf, denn diese gehören seiner „alten“ Familie, den Groseille. Auch das Tafelsilber der Le Quesnoy eignet sich Maurice nach und nach an, um es in seinem alten Viertel zu Bargeld zu verwerten. Seine „neuen“ Geschwister wurden von den Eltern nicht über die wahren Hintergründe informiert: ihnen sagen sie, dass sie Maurice aus christlich-wohltätigen Motiven adoptiert haben. Als jedoch Bernadette ihrem „neuen“ Bruder gegenüber sehr „klassenbewusst“ mitteilt, dass sie arme Leute hasst und verabscheut, weiht er sie in das Geheimnis ein. Es kommt zur Krise: in einer sehr denkwürdigen Szene verschüttet Bernadette beim Familien-Mittagsmahl ihre grüne Suppe auf das weiße Tischtuch, verstößt mit aller verbaler Gewalt ihre Eltern, ihre bisherige Familie und ihre „richtige“ Familie, sperrt sich in ihrem Zimmer ein und reißt schließlich sogar aus.

Der wunderschöne Schein der Le Quesnoy-Familie bricht immer mehr zusammen. Sohnemann Paul bandelt mit der grell-vulgären Groseille-Tochter Roselyne an und will sich ein Motorrad kaufen. Logisch, dass es für ihn und die anderen Le Quesnoy-Söhne nur noch wenige Schritte hin zu Baden an illegalen Stränden, Bier-Trinken, Rauchen und schließlich Klebstoff-Schnüffeln ist. Das alles ist dann auch für Marielle Le Quesnoy zu viel, die nach und nach eine erhöhte Neigung zu Alkoholkonsum und erratischem Verhalten an den Tag legt.

Der Debütfilm des früheren Werbespot-Filmers Étienne Chatiliez zeichnet sich, wie auch seine späteren zynischen Komödien, durch ein hervorragendes Schauspieler-Ensemble aus, das bis in die letzte kleine Nebenrolle perfekt besetzt ist. Mehr als alles andere ist LA VIE EST UN LONG FLEUVE TRANQUILLE ein Schauspieler-Film, dessen zahlreiche Humor-Pointen eben vor allem dank der tollen Darsteller gelingen. Wo soll man hier nur anfangen? Bei den Kindern? Die Hauptrolle des Films hat zweifelsohne Benoît Magimel als Maurice. Als 12-Jähriger wurde er über eine Anzeige in der Tageszeitung „Libération“ auf die Rolle des „Momo“ aufmerksam. Dass er damals nur ein Laie war, ist fast unglaublich: die verschiedenen „Masken“ (von Zynismus bis Engelsgesicht), die seine Rolle jeweils in unterschiedlichen Umgebungen fordert, meistert er scheinbar mühelos. Magimel ist mittlerweile ein etablierter Schauspieler (er hat u. a. mit Michael Haneke, Jean Becker und mehrmals mit Claude Chabrol gedreht), ganz im Gegensatz zur nicht weniger überzeugenden Valérie Lalande: die angepisst-rebellische Bernadette blieb ihre einzige Filmrolle. Das selbe gilt auch für Guillaume Hacquebart, der die Wandlung des Paul Le Quesnoy vom musterhaften Ältesten zum Möchtegerne-Motorrad-Rebell solide darstellt. Claire Prévost, die ihm als nuttig-trashige Groseille-Tochter Roselyne im Film den Kopf verdreht, spielt seitdem eher gelegentlich in TV-Produktionen mit. 

Bei den Erwachsenen ist Daniel Gélin derjenige, zu dem man hier an dieser Stelle wohl am wenigsten sagen muss. Besonders denkwürdig ist der Moment, nach dem er den Rachebrief seiner Geliebten gelesen hat: der sonst immer so gefasste Arzt kommt vor lauter Erstaunen kaum noch klar, und stammelt völlig ungläubig und empört wiederholt „la salope“ (diese Schlampe) vor sich hin. Catherine Hiegel, die zwar einige Filme gedreht hat, ist in Frankreich vor allen Dingen als renommierte Theater-Schauspielerin der Comédie-Française bekannt. Auch André Wilms, der den Vater Le Quesnoy mit überaus passender Trockenheit darstellt, ist vor allen Dingen ein Theaterschauspieler, hat aber auch immer wieder mit Aki Kaurismäki (u. a. LE HAVRE) zusammengearbeitet und später auch in Chatiliez‘ TATIE DANIELLE und TANGUY gespielt.

Zunächst streng und resolut, später etwas aufgelöst:
Die wunderbare Hélène Vincent als Marielle Le Quesnoy.
Ohne Zweifel die schwierigste, weil zutiefst undankbarste Rolle, spielt Hélène Vincent als Marielle Le Quesnoy: katholisch-verklemmte, scheinheilige Spießigkeit auf zwei Beinen, die nach und nach immer mehr die Fassung verliert und als groteskes Alkohol-Wrack endet. Grandioser Mut zur Hässlichkeit! Zwischendurch erinnert ihre Stimme ein wenig an den Klang von Kreide auf einer Schultafel, was hier sehr adäquat erscheint. Der „César“ für die beste weibliche Nebenrolle im Jahr 1989 war mehr als verdient!

Sehr bemerkenswert ist auch Patrick Bouchitey als hyperaktiv-engagierter und überaus schleimiger katholischer Priester Auberger. Seine Sternstunde hat er bei der Kinderchor-Aufführung, als er das Lied „Jésus reviens“ (Jesus komm zurück) anstimmt. Dass LA VIE EST UN LONG FLEUVE TRANQUILLE in Frankreich als Kultfilm gefeiert wird, ist sicherlich in erheblichen Teilen dieser Szene zu verdanken, die zwar dramaturgisch relativ sinnfrei ist, jedoch die Atmosphäre bissiger Satire gegen katholisch-konservative Spießer-Kultur auf die Spitze treibt.

Dieser unglaubliche Moment ist hier zu sehen. Damit auch Leser, die des Französischen nicht mächtig sind, ihn mit Genuss anschauen können, ist hier der Text (von Étienne Chatiliez und Co-Drehbuchautorin Florence Quentin) mit eigener Übersetzung:

Quand il reviendra il fera grand jour
Pour fêter celui qui inventa l‘amour
Au fond d‘une étable, il naquit de Marie
Personne n‘avait voulu de lui
(Wenn er zurückkommt wird es taghell sein
Um jenen zu feiern, der die Liebe erfand
In der Tiefe eines Stalls wurde er von Maria geboren
Niemand hatte ihn haben wollen)

Jésus reviens, Jé-ésus reviens
Jésus reviens parmi les tiens
Du haut de la croix indique-nous le chemin
Toi qui le connais si bien
(Jesus komm zurück, Jesus komm zurück
Jesus komm zurück zu den Deinigen
Zeig uns von oben am Kreuz den Weg
Du, der ihn so gut kennt)

Toute sa vie, il prêchait le bonheur, la paix
La bonté et la justice étaient sa loi
Quand il reviendra, il nous pardonnera
Comme il l‘avait fait pour Judas
(Sein ganzes Leben lang predigte er das Glück, den Frieden
Die Güte und die Gerechtigkeit waren sein Gesetz
Wenn er zurückkommt, wird er uns verzeihen
Wie er das für Judas getan hatte)

Jésus reviens, Jé-ésus reviens
Jésus reviens parmi les tiens
Du haut de la croix indique-nous le chemin
Toi qui le connais si bien

Dans une grande clarté il apparaîtra
Comme il le fit pour Marie de Magdala
Le monde entier laissera éclater sa joie
En chantant: Jésus est là
(In einem großen Licht wird er erscheinen
Wie er es für Maria von Magdala getan hat
Die ganze Welt wird wird vor Freude platzen
In dem sie singt: Jesus ist hier)

Jésus reviens, Jé-ésus reviens
Jésus reviens parmi les tiens
Du haut de la croix indique-nous le chemin
Toi qui le connais si bien

LA VIE EST UN LONG FLEUVE TRANQUILLE war 1988 mit knapp über vier Millionen Eintritten der vierterfolgreichste Film, der in diesem Jahr in den französischen Kinos lief. Der überwältigende Erfolg ermunterte die Macher dazu, eine Single des Liedes (mit einer zusätzlichen Strophe!) herauszugeben (hier ein Link mit Abbildung des Covers und einer Hörprobe).

Wittert den Duft von Ravioli: Père Auberger
Im Hintergrund: Paul Le Quesnoy
Ebenso für den Kultstatus des Films dürfte eine kleine Phrase des Films sein, die die satirische Darstellung provinzieller Spießbürgerlichkeit am wohl treffendsten zusammenfasst: als der Priester Auberger die Familie Le Quesnoy eines Abends kurz besucht, merkt er beiläufig an, dass es im Haus gut rieche und Marielle Le Quesnoy sagt daraufhin „C‘est lundi, c‘est ravioli“ (sinngemäß: „Es ist Montag, es gibt Ravioli“). Der Spruch erfährt im weiteren Verlauf des Films zwei kleine Variationen. Als Marielle Le Quesnoy ihren Zusammenbruch erleidet und nicht mehr kochen kann, werden (es ist wohl Montags) Fertig-Dosenravioli gereicht: die Kinder sind sich daraufhin uneinig, ob diese besser als Muttis Ravioli schmecken. Wenig später erwischt Jean Le Quesnoy seine Söhne, die Groseille-Söhne und einige von deren Freunden dabei, wie sie Klebstoff in der Garage schnüffeln und fragt zornig, was das denn sein solle. High und kichernd antwortet ihm sein ältester Sohn Paul mit... „C‘est lundi, c‘est ravioli“. Der Spruch ist dermaßen kultig geworden, dass sogar damit bedruckte T-Shirts verkauft wurden (siehe hier: der Status ausverkauft deutet auf den Erfolg dieses Produkts hin)!

LA VIE EST UN LONG FLEUVE TRANQUILLE ein witziger Film ist und bleibt sicher nicht grundlos als satirisch-bissige Komödie in Erinnerung, die mit einem herrlich bösen Humor glänzt. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich Chatiliez‘ Debüt allerdings auch als sehr düster, pessimistisch und zynisch. Stellenweise sind auch blanker Nihilismus und Misanthropie spürbar: ein trostloses Bild der Menschheit durchzieht den Film. So interessant, skurril und witzig die meisten Figuren sind, so sind sie auch durch die Bank antipathisch und zutiefst korrupt – sieht man von den allerjüngsten der Kinder ab, die sowieso eine periphere Rolle spielen. Egoismus, Geldgier, Rassismus, Scheinheiligkeit, Intoleranz und moralische Korruption prägen die Groseille genauso wie die Le Quesnoy. Alle beide treten mit Vergnügen jeweils nach unten, in Richtung der jeweils Schwächeren: die Le Quesnoy in den eigenen vier Wänden gegen die Groseille, die Groseille gegen den arabischen Lebensmittelhändler um die Ecke. Davon sind auch die Teenager nicht ausgenommen. Die Frage, inwiefern Umwelt oder die genetischen Prädispositionen prägender auf den Menschen wirken, wird hier absolut eindeutig beantwortet: egoistisch, dumm und moralisch korrupt sind alle Menschen – kleine Variationen in der Form (aber nicht im Inhalt) ergeben sich aus den sozialen Umständen. Alle Figuren in LA VIE EST UN LONG FLEUVE TRANQUILLE bleiben (fast unmenschliche) Typen und jede weitere Facette, die wir über sie lernen, ist meistens eher abstoßend. Die Radikalität in den Charakterzeichnungen ist für ein Mainstream-Film bemerkenswert: mutigerweise wird der Zynismus bis zum bitteren Ende durchexerziert. In seinen späteren Filmen ist Chatiliez sicherlich nicht zum verständnisvollen Humanisten geworden, milderte jedoch die Erbarmungslosigkeit seiner satirischen Vision etwas ab.

Süße Rache mit einem Schuss Cognac
Vielleicht höchstens bei den beiden Hauptfiguren der Rahmenhandlung, der Krankenschwester Josette und dem Gynäkologen Mavial, findet sich etwas wirklich Menschliches – bedingungslose und reine Liebe, die freilich beide ins Verderben stürzt. Zweifelsohne liebt Mavial seine Ehefrau, und seine tiefe Trauer nach ihrem Tod ist sicherlich nicht gespielt. Trotz dieses sympathischen Charakterzugs ist er aber nicht nur ein gefühlskalter Alkoholiker, sondern missbraucht auch völlig schamlos seine Liebhaberin (die, wie wir dann herausfinden, sogar einmal von ihm schwanger geworden ist und zur Abtreibung genötigt wurde). Josettes bedingungslose Liebe zu Mavial ist in diesem Licht etwas unverständlich, wenngleich um so bemerkenswerter. So irrational ihre Liebe, um so heftiger ist dann auch ihre Rache, die die Haupthandlung des Films überhaupt erst einleitet. Die letzte Minute des Films, nachdem die Konflikte der Groseille und Le Quesnoy vorerst durch die Sommerferien aufgeschoben werden, kehrt wieder zur Rahmenhandlung zurück und fasst den zynischen Humor und das trostlose Weltbild des Films zusammen: zufrieden kann Josette mit Cognac und aufgedrehtem Radio in einem schönen Strandhäuschen feiern – sie hat nun beides bekommen, ihre Rache und ihren Liebhaber!

LA VIE EST UN LONG FLEUVE TRANQUILLE ist in französischen, britischen und deutschen DVD-Editionen verfügbar.

Kommentare:

  1. Das ist ja eine wilde Geschichte! Was hat denn das explodierte Auto ganz am Anfang zu bedeuten? Ohne Kontext wirkt es so, als würde Chatiliez hier direkt an WEEKEND anknüpfen ...

    Beim Clip mit dem Jesus-Lied und einem Teil der Screenshots fallen mir die Bonbon-Farben auf. Ist das nur Zufall, oder arbeitet der Film durchgehend damit?

    Von Chatiliez kenne ich bisher nur LE BONHEUR EST DANS LE PRÉ, und den fand ich wunderbar, und gar nicht düster und pessimistisch. Da gibt es zwar auch völlig verkorkste Familienmitglieder, aber die Sympathieträger (Serrault, Mitchell, Maura) behalten die Oberhand.

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  2. Das Auto zu Beginn explodiert zunächst in der Tat ohne jeglichen Kontext vor einem Lebensmittelladen (der Händler sucht vorher einer Kundin in der Auslage vor dem Eingang ein paar Tomaten raus und beide gehen vor der Explosion rein). Kurz danach sehen wir Mavial nach Hause kommen. Seine (möglicherweise Demenz-kranke?) Ehefrau sitzt bequem auf dem Wohnzimmer-Sofa und guckt im Fernsehen die Nachrichten: da kommt heraus, dass das Auto einem arabischen Lebensmittelhändler gehört, der ein rassistisches Motiv vermutet. Eine Menschenmenge um ihn herum pöbelt ihn dabei an. Der arabische Lebensmittelhändler ist jener, bei dem die Groseille einkaufen gehen. Er, Hamed, versteht sich sehr gut mit „Momo“. Später kommt raus, dass der Bombenanschlag eigentlich eine fingierte Angelegenheit war: „Momo“ hat selbst den Sprengsatz eingebaut, damit Hamed eine Versicherungsprämie abkassiert und beide das Geld aufteilen können.
    Die weiblichen Groseille tragen zugegeben meist sehr kreischend-grelle Farben (in kitschigen Rosatönen), das stimmt, aber eine besondere oder ausgeklügelte Farbdramaturgie ist mir ehrlich gesagt nicht aufgefallen.
    „Düster“ und „pessimistisch“ ist der Film natürlich nicht vordergründig (er ist wie gesagt eine Komödie, bei der man stets viel zu lachen hat), sondern eher in unterschwelliger Weise. Das ist mir bei der Sichtung letzte Woche noch einmal verstärkt aufgefallen. Ich habe ja auch durchaus argumentiert, dass Chatiliez in späteren Filmen versöhnlicher geworden ist. LE BONHEUR EST DANS LE PRÉ ist in seinem Menschenbild viel milder und hat in der Tat viele sympathische Figuren (unter anderem ja auch die Töchter Mauras und deren Freunde, die schauspielerisch erstaunlich begabten Cantona-Brüder). Selbst Sabine Azéma als nervig-hysterisch-verklemmte Nicole erfährt gegen Schluss eine doch irgendwie sympathische, zumindest aber menschlichere Wendung: das ist weniger radikal als der bis zum Ende unversöhnliche LE BONHEUR EST DANS LE PRÉ, aber auch durchaus komplexer in den Charakterzeichnungen.
    (LE BONHEUR EST DANS LE PRÉ wäre natürlich eine eigene Besprechung wert – sobald ich die DVD mal besorgt habe!)

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