Montag, 13. Januar 2014

Stalins letzter Furz, oder: Khroustaliov, fahr schon mal den Wagen vor!

KHROUSTALIOV, MEIN WAGEN! (russ. KHROUSTALIOV, MASCHINU!, franz. KHROUSTALIOV, MA VOITURE!)
Russland/Frankreich 1998
Regie: Alexej German
Darsteller: Juri Tsurilo (General Klensky), Nina Ruslanowa (seine Frau), Michail Dementjew (sein Sohn), Jüri Järvet jr. (finnischer Reporter), Alexander Baschirow (Idiot)

General Klensky
Sowjetunion im Februar 1953: Stalin hat noch ungefähr einen Monat zu leben, aber noch ahnt natürlich niemand, dass der Diktator bald von einem Schlaganfall dahingerafft wird. General Klensky ist ärztlicher Offizier und Leiter einer Klinik, in der es zugeht wie im Irrenhaus. Doch nicht nur die Anstalt ist ein Tollhaus, sondern auch die jüdische Familie von Klenskys Frau - und letztlich auch das ganze Land, in dem völlig willkürlich Menschen von der Geheimpolizei verhaftet oder ermordet werden. Klensky fühlt sich nicht bedroht, doch plötzlich steht auch er auf der Abschussliste. Er versucht unterzutauchen, doch bald wird er von einem staatlichen Schlägertrupp gestellt, verprügelt und inhaftiert. Beim Transport in den Gulag scheint jede Hoffnung zunichte, doch dann wird Klensky in seiner Eigenschaft als Arzt unversehens zu einem ganz besonderen Patienten gebeten ...


KHROUSTALIOV, MEIN WAGEN! ist eine wüste, sehr eigenwillige und nicht immer leicht verständliche Abrechnung mit dem Stalinismus. Es handelt sich aber keineswegs um eine vorwiegend allegorische Abrechnung (wie etwa DIE REUE von Tengis Abuladse), sondern die Handlung hat trotz aller absurden bis leicht surrealen Elemente einen sehr konkreten Hintergrund, nämlich die sogenannte Ärzteverschwörung, ein von Stalin und seinen Helfern erfundenes Mordkomplott jüdischer Ärzte, das Teil einer von oben verordneten antisemitischen Welle in der Sowjetunion der frühen 50er Jahre war (die freilich auch auf große Resonanz in der Bevölkerung stieß, siehe dazu auch den Absatz über das "Jüdische Antifaschistische Komitee" in Davids Text über DIE KOMMISSARIN). Zugleich wurde KHROUSTALIOV, MEIN WAGEN! aber auch von "In eineinhalb Zimmern" inspiriert, einem autobiografischen Bericht des russisch-amerikanischen Literatur-Nobelpreisträgers Joseph Brodsky, der in einer jüdischen Familie im damaligen Leningrad aufgewachsen war (auf Deutsch als Teil des Bandes "Erinnerungen an Leningrad" erhältlich). Ich kenne diesen Text nicht, aber ich nehme doch an, dass vor allem die Szenen mit General Klenskys Familie auf Brodsky beruhen. Ein Teil dieser Szenen wird aus der Perspektive von Klenskys Sohn erzählt, der damit sozusagen die Stelle von Brodsky als Kind einnimmt. Das Drehbuch zu KHROUSTALIOV, MEIN WAGEN! schrieben German und seine Frau Swetlana Karmalita.


Das filmische Werk von Alexej German (1938-2013) ist ziemlich überschaubar: Gerade einmal sechs Spielfilme von 1968 (den ersten inszenierte er gemeinsam mit einem Grigori Aronow) bis 2013 (zwei davon beruhen auf Werken von Germans Vater, des Schriftstellers Juri German). Dass es nicht mehr wurden, lag einerseits an massiver staatlicher Behinderung Germans während der Sowjet-Ära. So wurde sein zweiter Film STRASSENSPERRE von 1971 umgehend verboten und erst 1986 aus dem Giftschrank entlassen. Und angeblich wurde German nach jedem seiner Filme der Sowjet-Zeit von seinem Stammstudio Lenfilm gefeuert, um dann für den nächsten durch die Hintertür wieder hereingelassen zu werden. Ich weiß nicht, ob diese Geschichte wirklich stimmt, aber wenn nicht, dann wäre sie wenigstens gut erfunden. Zum anderen aber scheint German auch ein sehr langsamer Arbeiter gewesen zu sein. KHROUSTALIOV, MEIN WAGEN!, der insgesamt vorletzte und zugleich der erste Post-Sowjet-Film Germans, erschien volle 14 Jahre nach dem vorhergehenden (die Dreharbeiten hatten schon 1992 begonnen). Und bei seinem letzten Werk TRUDNO BYT' BOGOM (nach dem gleichnamigen Roman von Arkadi und Boris Strugazki, dt. "Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein", der 1990 auch schon von Peter Fleischmann verfilmt wurde) dauerten die Dreharbeiten von 2000 bis 2006 - und als German vor einem knappen Jahr starb, war er mit der Postproduction immer noch nicht fertig. Allerdings musste nur noch etwas am Ton gearbeitet werden. Swetlana Karmalita und Alexej German jr., der Sohn der beiden und ebenfalls ein namhafter Regisseur, besorgten die endgültige Fertigstellung des Films, der im letzten November beim Internationalen Filmfestival in Rom Premiere hatte.

Klenskys Sohn Alexej
KHROUSTALIOV, MEIN WAGEN! ist in der ersten Hälfte trotz hier schon stattfindender staatlicher Übergriffe vor allem eine wilde Farce, in der zweiten Hälfte, nach Klenskys Flucht und Verhaftung, wird der Ton dann zunehmend bitter, obwohl immer noch reichlich absurde Momente vorhanden sind. Eine Stärke ist die überaus kontrastreiche Schwarzweiß-Fotografie (German hat überhaupt fast nur mit Schwarzweiß gearbeitet), und ein beträchtlicher Teil der Innenaufnahmen wurde mit Handkamera gedreht, wobei offenbar ein leicht verzerrendes Weitwinkelobjektiv zum Einsatz kam, was den engen und dicht bevölkerten Innenräumen eine labyrinthische Atmosphäre verleiht. Ein faszinierender Film, der aber sicher nicht jedermanns Sache ist, denn wie schon angedeutet, ist es nicht ganz einfach, den roten Faden zu finden und zu behalten. - Es gibt zwei Versionen, eine mit 150 und eine mit 137 Minuten. Erstere ist auf einer russischen DVD mit engl. Untertiteln erhältlich. - Zum Weiterlesen sei dieser Text von Tony Wood empfohlen.

Der General in Zivil will untertauchen

Kommentare:

  1. Oh, ich hab mal vor einigen Jahren versucht ihn anzuschauen, war aber irgendwann tatsächlich heillos verwirrt und dann genervt. Dabei ist das Schwarz\Weiß ja wirklich schön. Vielleicht war ich noch ein bißchen zu jung.

    Und apropos Schwarz\Weiß und "Fahr schon mal den Wagen vor": Der Kommissar erfreut sich im Hause Stubenhockerei großer Beliebtheit; danke also nochmal für den Tipp. :)

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    1. Mir hat er sich auch erst beim zweiten Sehen erschlossen, und auch da hab ich noch nicht alles kapiert.

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  2. Von German habe ich selbst erst anlässlich seines Todes Anfang letzten Jahres zum ersten Mal gehört, als eine entsprechende Presse-Meldung über die goEast-Mailing-Liste rumging. Insofern Danke für deine kurze Einführung in dessen Werk.
    Was die Geschichte mit Lenfilm betrifft, so ist das nicht völlig unmöglich: das Petrograder/Leningrader Studio galt als tendenziell etwas offener für Experimente, Abseitiges und für Rebellen als das größere und „prestigeträchtigere“ Mosfilm-Studio. In der Perestrojka-Ära, arbeiteten dort Leute wie Aleksandr Sokurov und Konstantin Lopušanskij.
    Jedenfalls höchst interessant. Würde bestimmt ein spannendes (wenngleich sehr sehr langes!) Stalinismus-Double-Feature mit UTOMLENNYE SOLNCEM von Michalkov bilden.
    In einem symbolischen Sinne war die Ärzteverschwörung ja tatsächlich „Stalins letzter Furz“ (der das gesellschaftliche Klima noch nachhaltig verpestete). Erlebt man diesen Darmwind im Film auf einer wörtlicheren Ebene? Sieht man Stalin denn überhaupt (gemäß Credits bei imdb ja nicht)?

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    1. Beim nächsten goEast soll eine Doku über German gezeigt werden.

      Dass die Regisseure in Leningrad mehr Freiheiten hatten (oder sie sich nahmen) als in Moskau, wusste ich bisher nur aus der Stummfilm- und frühen Tonfilmzeit (Kosinzew & Trauberg, Fr. Ermler). Wieder was dazugelernt! Übrigens hat German bei Kosinzew studiert.

      Und ja: Es gibt nicht nur einen symbolischen Furz! Der "ganz besondere Patient" am Ende ist Stalin selbst, und er liegt schon im Koma. Klensky verabreicht ihm unter Aufsicht von Beria eine Bauchmassage, wodurch der Diktator tatsächlich einen fahren lässt. Und danach stirbt er. Das nimmt Beria zum Anlass, Khroustaliov (einer seiner Männer, und zuletzt Stalins Ober-Leibwächter als Nachfolger des gestürzten Nikolai Wlasik) den Wagen holen zu lassen. Beria soll das nach Stalins Ableben tatsächlich gerufen haben, wie Stalins Tochter berichtet hat.

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