Sonntag, 3. Februar 2019

Valkoinen peura - das weiße Rentier

VALKOINEN PEURA (DAS WEISSE REN, auch DAS WEISSE RENTIER)
Finnland 1952
Regie: Erik Blomberg
Darsteller: Mirjami Kuosmanen (Pirita), Kalervo Nissilä (Aslak), Åke Lindman (der Finne), Arvo Lehesmaa (Tsalkku-Nilla)


Das Volk der Samen, früher meist als Lappen bezeichnet (was mittlerweile als politisch unkorrekt gilt), lebt bekanntlich in den nördlichen Gegenden Norwegens, Schwedens und Finnlands (und in einem nordwestlichen Zipfel Russlands) - lange Zeit vorwiegend als (halb-)nomadische Rentierzüchter (die heute nur noch eine Minderheit innerhalb der samischen Minderheit darstellen). Die abgelegenen Weiten im Norden wurden nur sporadisch für den Spielfilm erschlossen (beispielsweise entstanden Teile von Victor Sjöströms wegweisendem BERG-EJVIND OCH HANS HUSTRU (1918) im Nationalpark Abisko). Umso erfreulicher ist es, dass der finnische Regisseur und Kameramann Erik Blomberg (1913-96) 1952 ein wunderprächtiges Genrestück bei den Samen drehte, eine Mischung aus mythologischer Erzählung, Märchen- und Horrorfilm und düsterem Drama.

Rentierschlittenrennen - hier ist die Welt noch in Ordnung
Es beginnt mit einem Prolog: Man hört ein von einer Sängerin gesungenes Lied - vielleicht ein samisches Volkslied, vielleicht auch "nur" für den Film geschrieben -, dessen Text schon mal in abstrahierter Form das böse Schicksal der "Rentierfrau" Pirita vorwegnimmt, die hier schon als Hexe von Geburt an bezeichnet wird, dazu gibt es Bilder von der Geburt in einem Zelt bei grimmiger Kälte. Nach dem düsteren Prolog beginnt die eigentliche Handlung in einer wesentlich helleren Tonart: Es gibt ein zünftiges Rentierschlittenrennen bei schönstem Wetter. Daran nimmt auch die mittlerweile erwachsene und ebenso hübsche wie forsche Pirita teil. Bald liefert sie sich ein Duell mit dem ebenso draufgängerischen Aslak, und am Ende kugeln sie gemeinsam durch den Pulverschnee und werden flugs ein Paar. Alsbald wird geheiratet, doch es ziehen Schatten auf. Aslak ist oft als Hirte mit den wandernden Rentierherden unterwegs, während Pirita daheim bleibt, und wenn er mal da ist, ist er manchmal so erschöpft, dass er seine ehelichen Pflichten nicht ausreichend erfüllt - und das arbeitet in ihr. Muss er wirklich so lange weg bleiben, ist er auch treu?

Pirita und Aslak
So sucht sie den etwas gnomenhaften Schamanen Tsalkku-Nilla auf. Der braut sich zur Aktivierung seiner seherischen Fähigkeiten erst mal einen Trank aus Rentierhoden und weiteren Ingredienzien und schlägt dann eine magische Trommel, die als Orakel dient. Schließlich gibt er Pirita den Rat, bei einem einsam auf einem Hügel gelegenen animistischen Freiluft-Altar das erste Lebewesen zu opfern, das sie beim Heimweg zu sehen bekommt. Das ist nun ausgerechnet ein weißes Ren-Kitz, das ihr Aslak beim letzten Abschied geschenkt hatte, und Aslak selbst kehrt früher als gedacht zurück - doch Pirita setzt den einmal eingeschlagenen Weg fort. Sie fährt also mit dem Schlitten zu dem Altar und schlachtet dort das Kitz mit einem Messer. Doch das hätte sie lieber bleiben lassen sollen. Schon Tsalkku-Nilla ist erschrocken vor ihr zurückgewichen, weil er etwas Böses erkannte, das schon in ihr angelegt war. Und mit der Opferung ist sie sozusagen auf die dunkle Seite gewechselt, ohne es zunächst selbst zu begreifen.

Schneebedeckte Weiten
Denn schon bald verwandelt sich Pirita unversehens in ein stattliches weißes Rentier. Ein Jäger folgt dem Tier, um es zu fangen und zu zähmen - und wird am nächsten Tag tot und übel zugerichtet aufgefunden. Bei seiner unmittelbaren Begegnung mit Pirita erlangte diese wieder menschliche Gestalt, doch es war eine animalische Frau mit langen Eckzähnen wie ein Raubtier oder auch ein Vampir - und gleich danach war es um den Mann geschehen. Später ist Pirita wieder "normal" und unauffällig, wenn auch beunruhigt. Zu Recht, denn es war nicht ihre letzte Verwandlung. Bald gibt es weitere tote Männer, und immer wurde das ominöse weiße Rentier in der Nähe gesehen. Auch ein "Mann aus dem Süden" (also ein ethnischer Finne, kein Same), der als eine Art Forstbeamter den Kontakt mit den Samen pflegt und mit einem Gewehr ausgerüstet ist, zieht den Kürzeren - doch Pirita lässt ihn unter schallendem Gelächter lebend entkommen. Der war wohl kein standesgemäßes Opfer für sie. Die Einheimischen wissen ohnehin, dass man so einem magischen Wesen nicht mit einem Gewehr beikommen kann - nur eine schmiedeeiserne Speerspitze kann so ein Malefiz-Ren töten.

Beim Schamanen
Nach ein, zwei weiteren Toten sieht man nun alle Männer der Gegend solche Speerspitzen hämmern, und Pirita verfolgt es mit wachsendem Unbehagen, ja Panik - denn sie weiß ja, wem das gilt, und dass sie auf Dauer nicht wird entkommen können. In ihrer Verzweiflung sucht sie abermals Tsalkku-Nilla auf, damit der den Zauber zurücknimmt. Doch der Schamane liegt nur (vermutlich betrunken) in seiner Hütte und rührt sich nicht. So zieht Pirita weiter zum steinernen Altar, doch auch hier tut sich nichts. Nachdem der Versuch, den Weg ins Verderben durch Doppelung rückgängig zu machen, fruchtlos geblieben ist, zieht sich die Schlinge zu. Fatalerweise ist es ausgerechnet Aslak, der den tödlichen Speer auf das weiße Rentier schleudert. Am Ende liegt Pirita wie in einem Werwolf- oder Jekyll&Hyde-Film in ihrer normalen menschlichen Gestalt tot, aber (hoffentlich) vom Fluch erlöst auf dem Boden vor ihrem fassungslosen Ehemann.

Opferung am steinernen Altar
In Texten über VALKOINEN PEURA wird Piritas tödliche Erscheinungsform meist als Vampir gedeutet. Aber wie schon geschrieben, könnten ihre "Beisserchen" auch einfach die Reißzähne eines Raubtiers sein, und es wird im Film nie ausgesprochen, dass den Toten das Blut ausgesaugt worden wäre. Da die Verwandlungen offenbar zu zufälligen Zeitpunkten und ohne Piritas Zutun, wahrscheinlich sogar gegen ihren Willen, geschehen, könnte man an eine Art Werwolf (oder eben Wer-Ren) denken, oder auch an die Katzenfrauen aus den Filmen von Tourneur und Schrader. Es ist aber müßig, darüber zu streiten, was das nun genau für ein Wesen sein soll. Ich weiß auch nicht, ob es dieses männermordende Wesen in der authentischen Mythologie der Samen tatsächlich gibt, oder ob Erik Blomberg und seine Hauptdarstellerin und Ehefrau Mirjami Kuosmanen (1915-63), die zusammen das Drehbuch schrieben, sich "nur" in der damals schon globalen Welt der Horrorliteratur und des Horrorfilms bedient haben. (Mirjami Kuosmanen soll sich auch an der Regie beteiligt haben, aber ich weiß nicht, wie belastbar das ist.)

Die erste Verwandlung
Letzten Endes kommt es auf die Umsetzung an, und die ist vorzüglich gelungen. Blomberg erzählt seine Geschichte schnörkellos und kompakt in einer guten Stunde. Er findet dabei eine gute Balance zwischen realistischen und fantastischen Elementen. Manche Szenen haben fast ethnografische Anmutung. Und obwohl der Film märchenhafte Elemente aufweist, spielt er weder in einer Märchenwelt noch in einer unbestimmten grauen Vorzeit, in der die Samen isoliert vom Rest der Menschheit gelebt hätten. Die Samen im Film sind Christen, auch wenn unter der Oberfläche alte animistische und schamanistische Traditionen fortleben. Und wenn sie nicht gerade mit den Rentierherden unterwegs sind, dann leben sie nicht in Zelten oder Jurten, sondern in festen Hütten und Häusern mit Glasfenstern. Und auch der finnische Forstbeamte mit Gewehr verortet die Geschichte in der Neuzeit.

Das ominöse weiße Ren
Mirjami Kuosmanen ist sehr überzeugend, sowohl als die fröhliche Pirita vom Anfang wie auch als die zunehmend animalische und verzweifelte Pirita in der zweiten Hälfte des Films. Der größte Pluspunkt von VALKOINEN PEURA und sozusagen ein weiterer Hauptdarsteller ist aber die Landschaft. Die endlosen schneebedeckten Weiten geben eine phänomenale Kulisse ab, und Blomberg, der auch als Kameramann und Cutter fungierte, hat sie gekonnt in Szene gesetzt und in die Handlung eingebaut. Es gibt relativ sparsame Dialoge, und manche Sequenzen erinnern an Stummfilme und frühe Tonfilme von Arnold Fanck und seinen Epigonen wie Luis Trenker. Zwar spielt der Film überwiegend im Freien und damit im hellen, vom Schnee reflektierten Licht, doch es gibt auch Innen- und Nachtaufnahmen mit expressiver Licht- und Schattensetzung.

Pirita erschrickt vor ihrem Spiegelbild ...
VALKOINEN PEURA stieß seinerzeit auf viel Resonanz. Er gewann 1952 bei den finnischen Jussi Awards in drei Kategorien, erhielt 1953 einen Spezialpreis für den besten Märchenfilm in Cannes und 1954 beim Filmfestival von Karlovy Vary den Preis für die beste Kamera. Und weil er mit einigen Jahren Verzögerung auch in den USA lief, gab es dann noch 1957 den Golden Globe für das Jahr 1956 in der Kategorie Best Foreign Film, freilich nicht als alleiniger Sieger, sondern gemeinsam mit vier weiteren Filmen. In Finnland wird VALKOINEN PEURA alle paar Jahre mal im Fernsehen gezeigt (eine finnische Website kommt auf 15 Ausstrahlungen zwischen 1963 und 2017); außerhalb seiner Heimat verschwand der Film natürlich etwas in der Versenkung, geriet aber nicht völlig in Vergessenheit, sondern wurde gelegentlich mal beim einen oder anderen Festival vorgeführt. 2010 informierten Alex Klotz und Michael Schleeh über VALKOINEN PEURA und animierten mich damit zum Kauf des Films auf einer finnischen DVD.

... und zwar zu Recht
Im letzten November wurde eine neuere 4K-Restauration bei einem Filmfestival in Braunschweig gezeigt, und die aktuelle Ausgabe des Filmmagazins 35 mm sowie eine Festivalbeilage derselben Zeitschrift berichteten darüber. Mein Anlass für diesen Artikel besteht aber hauptsächlich darin, dass VALKOINEN PEURA seit einiger Zeit wesentlich besser zugänglich ist als noch vor Jahren. Die alte finnische DVD hat keine Untertitel (ich konnte aber immerhin eine engl. Untertiteldatei im Netz finden) und war auch nicht ganz leicht aufzutreiben - ich habe mein Exemplar bei irgendeinem skandinavischen Versender erstanden. Doch schon kurz danach erschien eine französische DVD (unter dem Titel LE RENNE BLANC) mit engl., franz. und span. Untertiteln, 2014 eine weitere finnische DVD und schließlich vor ungefähr zwei Jahren eine finnische Blu-ray, die auf der 4K-Restauration beruht, mit engl. und schwed. Untertiteln, und man bekommt sie bei den üblichen Quellen. Auf allen diesen Medien hat VALKOINEN PEURA eine Laufzeit von 68 (Blu-ray/Kino) bzw. 65 Minuten (DVD). Ursprünglich hatte der Film jedoch eine Länge von 74 Minuten. Wo die fehlenden sechs Minuten abgeblieben sind, und was darauf zu sehen ist, ist mir nicht bekannt.

Pirita (links im Vordergrund liegend) wird gejagt und schließlich getötet

Kommentare:

  1. Ich habe DAS WEISSE RENTIER 2017 auf der französischen DVD gesehen, und soweit ich mich erinnern kann, kam ich zu dem mir völlig unbekannten Film durch deine persönliche Empfehlung. Damals nahm ich ihn mit etwas gemischten Gefühlen auf: irgendwie hat er mich trotz der tollen Bilder (die Screenshots zeigen ja wunderbar einige davon) nicht richtig gepackt, sondern plätscherte etwas an mir vorbei. Aber das könnte wohl auch an meiner damaligen Tagesform gelegen haben. Zeit, dass ich demnächst die DVD wieder einwerfe! Mit dem Zweiten sieht man ja besser :-Þ

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    1. Es stimmt schon, dass der Film nicht gerade reich an dramatischen Höhepunkten ist, aber gestört hat mich das nicht. Ich kann mich aber gar nicht daran erinnern, Dir den Film empfohlen zu haben. Muss wohl schon länger her sein, oder es war doch jemand anders.

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