Donnerstag, 16. Dezember 2010

Kurzbesprechung: Driving Miss Daisy


Miss Daisy und ihr Chauffeur
(Driving Miss Daisy, USA 1989)

Regie: Bruce Beresford

In Gesprächen über unverdiente Oscars für den “Besten Film” wird zu meinem Erstaunen oft recht schnell an “Driving Miss Daisy” erinnert. Auf meine Nachfrage, weshalb man sich nicht lieber für einen pompös aufgemachten Schmachtfetzen entschieden habe, folgt eine Begründung, die ich zwar nachvollziehen kann, die aber meines Erachtens nicht gegen den Film als solchen spricht: Im Jahre 1989 hatte Spike Lee seinen epochalen “Do the Right Thing” gedreht, der sich boshaft mit dem Thema “Rassismus” auseinandersetzt - und war nicht einmal für den begehrtesten aller Oscars nominiert worden. Das “kleine Filmchen” über eine exzentrische Südstaaten-Lady und ihren Chauffeur, das am Rande auch von Rassismus handle, sei - so hiess es - hingegen gleich zum besten Film des Jahres gekürt worden.

Tatsächlich geht es in der Verfilmung eines Theaterstücks von Alfred Uhry um eine schwierige Beziehung, die über 25 Jahre heranreift und in eine zutiefst berührende, kaum ausgesprochene Freundschaft mündet: Als die nicht mehr taufrische, aber immer noch höchst resolute Miss Daisy ihren Wagen Ende der 40er Jahre unfreiwillig im Garten des Nachbarn parkiert, engagiert ihr Sohn für sie den Schwarzen Hoke Colburn als Chauffeur. Die Dame lehnt es zu Beginn strikt ab, sich von ihm überhaupt irgendwohin fahren zu lassen. Doch die Abmachung gilt: Sie kann mit dem Angestellten zwar umgehen, wie sie will; feuern kann sie ihn nicht. - Und so hält Hoke mit der ihm eigenen Höflichlichkeit durch, folgt ihr und zeigt ihr gelegentlich auch seine Grenzen auf. Nach und nach entwickelt sich über die Jahre und Jahreszeiten hinweg, von Kilometer zu Kilometer, in oft unbedeutenden Gesprächen so etwas wie Vertrautheit. Als die ehemalige Lehrerin entdeckt, dass ihr Chauffeur Analphabet ist, lehrt sie ihn das Lesen - und nach einem Anschlag auf die Synagoge von Atlanta erkennt die sich als liberale Jüdin bezeichnende Daisy, was Ausgrenzung  bedeutet und wohnt zusammen mit Hoke einem Vortrag des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King bei. - Am Ende des Films lässt sich die mittlerweile unter Altersdemenz leidende Frau im Heim von ihrem langjährigen Weggefährten füttern und weiss noch immer, wer er ist.

Es sind neben der ausnahmsweise wirklich passenden südstaatlich angehauchten Musik von Hans Zimmer die schauspielerisch bravourös dargebotenen kleinen, scheinbar alltäglichen Szenen, die den Film so sehenswert machen: ein Gespräch auf einem Friedhof, ein Lächeln in den Rückspiegel, ein Weihnachtsgeschenk, das die Lady ihrem Chauffeur mit der Bemerkung überreicht, es handle  sich um kein Geschenk, die tiefe Menschlichkeit und das ständige Beharren, man wolle ein Individuum bleiben und als solches akzeptiert werden.

Jessica Tandy, bekannt als starrsinnige Mutter in Hitchcocks “The Birds” (1963), sonst aber vor allem in Broadway-Inszenierungen zu sehen, wurde erst im Alter als einzigartige Schauspielerin entdeckt (“Cocoon”, 1985) und erhielt für ihre Miss Daisy einen verdienten Oscar. Neben dem wie immer hevorragenden Morgan Freeman als Hoke mit von der Partie: Dan Akroyd als Sohn Boolie.

Ich halte den Oscar für den kleinen, auch mit wunderschönen Bildern an die Herzen der Zuschauer klopfenden Film für mehr als berechtigt, weitaus berechtigter als die Statuen, die in den 80ern an verlogene Schwarten wie “Chariots of Fire” (1981) oder “Terms of Endearment” (1983) gegangen waren - und ich nehme dabei in Kauf, dass Hollywood eben noch nicht reif genug für “Do the Right Thing” war. - Vielleicht  ist “Driving Miss Daisy” schon beinahe ein Pflichtfilm für die Adventszeit: märchenhaft, jedoch nie  unangenehm überzuckert.


Sonntag, 12. Dezember 2010

Eben einer jener Geheimtipps...

A Little Trip to Heaven
(A Little Trip to Heaven, Island/USA 2005)

Regie: Baltasar Kormákur
Darsteller: Forest Whitaker, Julia Stiles, Jeremy Renner, Peter Coyote, Alfred Harmsworth u.a.

Die erste isländisch-amerikanische Co-Produktion wurde von den US-Kritikern nicht gut aufgenommen und gelangte zumindest im deutschen Sprachraum gar nicht erst in die Kinos. Mittlerweile stellt sich der ablehnenden Gruppe eine Schar enthusiastischer Fans entgegen, die den ursprünglichen Vorwurf, “A Little Trip to Heaven” wolle wie “Fargo” sein, mit der Floskel “als hätten sich die Coen-Brüder und David Lynch getroffen” kontert und den Film zum “Geheimtipp” erklärt. Man wundert sich ein wenig, dass Kormákur nicht gelegentlich als eigenständiger Regisseur betrachtet (schon im Zusammenhang mit “101 Reykjavik” ernannte man ihn zum Almodóvar Islands) und sein filmisches Schaffen entsprechend interpretiert wird.

Zur Handlung: Abe Holt ist Mitarbeiter beim Versicherungsunternehmen “Quality Life” und als “Schadensbegrenzer” dafür zuständig, dass Begünstigte mit allen denkbaren legalen und illegalen Mitteln (Überwachung, Druck etc.) um ihren Anteil geprellt werden. Als 1985 ein Mann bei einem Autounfall ums Leben kommt, bei dem es sich vermutlich um den gesuchten Trickbetrüger Kelvin Anderson handelt, wird die “Maschine” Holt auf einen “Wochenend-Trip” ins verschneite Nest Hastings in Minnesota geschickt, wo Kelvin’s Schwester Isold lebt, die im Fall seines Ableben Anrecht auf eine Million Dollar hat. Abe’s Aufgabe: Einen Versicherungsbetrug aufzudecken! - Er stösst auch rasch auf Unstimmigkeiten, lässt sich aber zunehmend in das triste Leben von Isold, die mit ihrem dubiosen Ehemann Fred und dem kleinen Thor in ärmlichsten Verhältnissen lebt, hineinziehen, vielleicht sogar in die traurige Atmosphäre jenes Städtchens, das man eigentlich nur verlassen möchte, um nie wieder zurückzukehren.

Obwohl die Handlung in Minnesota angesiedelt ist, wurde “A Little Trip to Heaven” zum grössten Teil in Island gedreht; und dies merkt man dem Film, hinter dem ein weitgehend isländisches Produzenten-Team und eine einheimische Crew stehen, auch an. Er wirkt mit seinen eigenwilligen Kamerapositionen, stilisierten Bildern und und schnellen Schnitten nicht so gefällig wie eine “glattgebügelte” amerikanische Mainstream-Produktion, lässt sich zum Widerwillen vieler Kritiker auch nicht ganz in ein herkömmliches Genre (Neo-Noir etc.) pressen. Wer dies nicht akzeptiert, gar Vergleiche mit amerikanischen Filmemachern heranzieht, verkennt die zunehmende Eigenständigkeit des isländischen Films in den letzten Jahren (ich denke neben den Werken von Kormákur etwa an “Englar alheimsins”, 2000, oder “Nói albinói”, 2003).

Es geht in “A Little Trip to Heaven” nicht in erster Linie um die eigentliche Story; deshalb die Logiklöcher und fehlenden Erklärungen. Die anfängliche äussere Brutalität (der Film beginnt mit einem Mord) wird rasch von einer inneren abgelöst, weil der Fokus auf die Figuren, ihre oft unausgesprochenen Beziehungen und die Umgebung, in der sie sich befinden, gelegt wird. Und die oft düsteren Bilder lassen auch erkennen: Hastings ist eine Art Vorhölle, ein Ort, an dem selbst die Farben ihre Farbe verlieren (man beachte die Wände der Dreckhütte, in der Isold lebt). Hier gibt es nichts Schönes; in dieser Gegend, die sich einem Schwarz-Weiss annähert, drückt man sich wie die fette Wirtin sogar beim Tanzen an einen Fremden, darauf hoffend, “etwas anderes” zu spüren. - Wer aber kann an so einem Ort ohne oft verheimlichte Schuld leben, weil er bloss an eines denkt: wie er seinem erbärmlichen Dasein entkommen kann ? Und passt Abe Holt, der Schadensbegrenzer, nicht genau hierher?


Die leeren Gesichter (selbst ein Lächeln von Julia Stiles wirkt leer) der Hauptfiguren zeigen es: Man ist zu jeder Brutalität fähig, kann der von Regengüssen und Schneestürmen dominierten Vorhölle Hastings (sie befindet sich auch im Versicherungsgebäude mit Abe’s zynischem Vorgesetzten) aber doch nicht entrinnen, weil man dafür längst zu schwach ist. Es sind die Umstände! - Der Zuschauer kann sich nicht mit den Figuren in diesem Film identifizieren, verstehen kann er sie wohl alle ein wenig - sogar Isold’s brutalen Mann. An diesem Ort hülfe nur ein Akt der Menschlichkeit, und der bietet sich dem ständig mit schwarzer Wollmütze herumlaufenden Holt (auch ein Mensch mit einem leeren Gesicht!) unerwartet an. Es gibt nämlich sogar in Hastings jene Unschuld, der er nicht so leicht zu widerstehen vermag: den kleinen Thor, der wissen möchte, ob es ein weiter Weg bis zum Himmel ist. Mit ihm legt sich Abe in den Schnee und formt “Engel mit Flügeln”, von ihm erhält er die Chance, aus seinem kleinen Trip nach Hastings einen vielleicht auch nur kleinen Schritt Richtung Himmel zu machen, ohne Rücksicht auf die “Quality Life”, deren heuchlerische Werbung immer wieder im TV zu sehen ist. Wird er diese Chance nutzen? Und wen dieser “Schuldigen” soll er dem kleinen Jungen mit auf den Weg in die Freiheit geben?

“A Little Trip to Heaven” zeichnet ein düsteres Bild von der Menschheit und der Welt, der sie ausgesetzt ist. Es fehlt ihm auch weitestgehend jener “schwarze Humor”, der “Fargo” recht unterhaltsam macht. Wer sich einem solchen Thema nicht aussetzen möchte, dürfte mit dem Film, dessen optische und atmosphärische Klasse (warum wohl brachte man nicht auch noch Jarmusch als Vorbild ins Spiel?) ebenso zu überzeugen vermag wie die Darsteller, nichts anfzufangen wissen. Für mich vergingen die 90 Minuten dank der straffen Inszenierung wie im Flug. - Sicher kein Meisterwerk, aber eben ein “Geheimtipp”. Und “Geheimtipps” haben es leider an sich, dass man sie sich alleine ansehen muss und weder eine bestätigende noch eine ablehnende Diskussion in Gang setzt.

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Aktion KINO KANN

Aktion KINO KANN...


Christian, Betreiber von ChristiansFoyer und Blogger vom Scheitel bis zur Sohle (manchmal frage ich mich, welches seiner Organe er kurz entbehren konnte, als er den männlichen Anteil zu seiner Vaterschaft leistete), durfte am 25.11. sein einjähriges Jubiläum feiern (Glückwunsch auch noch von hier aus!) und nutzte diese Gelegenheit für eine Aktion, die sich “KINO KANN” nennt. Er möchte möglichst viele Assoziationen zu diesem Thema sammeln und verlost nebenbei auch ein paar DVDs. Dass er sich diese Aktion sponsern lässt, löste eine vielleicht nicht ganz unberechtigte Diskussion aus, die ihn, einen äusserst sympathischen jungen Mann, aber wohl ebenso überraschte wie mich.

Ich habe mich nun entschlossen, an seiner Aktion teilzunehmen, tue dies jedoch ausser Konkurrenz. Das heisst: Ich schicke meinen Lottoschein ein und bitte zugleich die Gesellschaft, mich im unwahrscheinlichen Fall eines Sechsers einfach nicht zu berücksichtigen. - Hingegen möchte ich allfällige Leser bitten, sich doch auch ein paar Gedanken zum Thema “KINO KANN” zu machen und sie Christian zukommen zu lassen. Eine möglichst grosse und den Bereich auf vielfältige Weise abdeckende Sammlung dürfte in unser aller Interesse sein. - Ihr bekommt erst noch ein paar unerwartete Clicks und vielleicht neue Stammleser!

Hier mein Beitrag:

Kino kann jungen Pärchen in der hintersten Sitzreihe das Knutschen und notgeilen Kerlen das Wichsen ermöglichen. Es kann jeden billigen Schund als Meisterwerk verkaufen und zum Blockbuster machen. Kino kann auch junge Menschen mit Gewaltszenen konfrontieren, über deren Auswirkungen auf die Psyche man sich streiten mag. Kino kann aber nur noch selten zeigen, was der Film als Kunstform zu erschaffen vermochte und sogar heute zu erschaffen fähig ist. Denn Kino ist auf Einnahmen angewiesen - und wer rennt schon in Ingmar Bergman- oder Luis Buñuel-Retrospektiven? Wer sieht sich einen grossen, aber den Intellekt herausfordernden Film an? - Aus diesem Grund kämpfen die kleinen Programmkinos ums Überleben oder haben ihre Pforten bereits geschlossen.

Was aber, ausser der grossen Leinwand und den technischen Raffinessen, unterscheidet das Kino heute noch vom Fernsehen, das auch um Quoten kämpft und dem Zuschauer möglichst rasch so genannte Blockbuster auftischt, selbst im Nachtprogramm nur selten an wirklich bedeutende Werke  erinnert?

Vielleicht sollten wir dankbar sein, dass wir solchen künstlerischen Höhepunkten des Films gelegentlich auf DVD begegnen dürfen...

Aktion KINO KANN...

Freitag, 3. Dezember 2010

Japanisches Wagnis

Gegen Ende meiner Blogger-Ferien - es wird langsam zur üblen Gewohnheit - halten mir liebe Freunde den Revolver an die Schläfe und fordern ultimativ die Besprechung eines von ihnen bestimmten Films. Dieses Mal machen sie es mir besonders schwer; denn das Werk, mit dem ich um mein mehr oder weniger blühendes Leben kämpfen soll, stammt aus Japan - und jeder, der mich kennt, weiss, dass ich weder von der japanischen Kultur noch vom japanischen Film auch nur die geringste Ahnung habe. --- Immerhin: Für einmal liess man mir wenigstens ein paar  unbezahlbare anonyme  Informationen zukommen, die ich lediglich in ungelenke Sätze verpacken muss. Lassen wir uns also auf das japanische Wagnis ein! Es ist mein erstes und wird vermutlich auch für lange Zeit mein letztes bleiben...

Seisaku's Wife
(Seisaku no tsuma, Japan 1965)

Regie: Yasuzo Masumura
Darsteller: Ayako Wakao, Takahiro Tamura, Nobuo Chiba, Yuzo Hayakawa, Yuka Konno, Mikio Narita u. a.


Yasuzo Masumura (1924 - 1986) gilt in der westlichen Hemisphäre als einer der grossen Unbekannten des japanischen Kinos. Dies hat nur unwesentlich damit zu tun, dass über einige Details aus seinem Leben lediglich Spekulationen angestellt und manche seiner  Entscheidungen kaum nachvollzogen werden können. Es liegt vor allem daran, dass uns nicht mehr als ein Bruchteil seiner 58 Filme wenigstens mit englischen Untertiteln zugänglich ist, was es nahezu verunmöglicht, seine Bedeutung als Regisseur einer Übergangszeit  angemessen zu würdigen und Konstanten in einem offenbar äusserst vielgestaltigen, möglicherweise qualitativ höchst unterschiedlichen Werk auszumachen.

Masumura, der schon als Jugendlicher ein begeisterter Kinogänger war, brach sein Jura-Studium ab, um als Regieassistent bei Daiei arbeiten zu können.  Ein Stipendium ermöglichte es ihm später als erstem Japaner, in Rom unter Visconti, Fellini und Antonioni, mit dem er sich befreundet haben soll, Regie zu studieren. Nach seiner Rückkehr 1955 arbeitete er erneut bei Daiei, blieb dem japanischen Studiobetrieb auch weitgehend treu und drehte bis zu vier Filme im Jahr. - Bereits sein erster Film “Kisses” (1957), ein Misserfolg, lässt auf eine gewisse subversive Tendenz schliessen (das Zeigen von Küssen war im japanischen Film lange Zeit, genauer: bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs verboten gewesen), und später bemühte er sich noch um wesentlich grössere Tabubrüche (etwa in "Manji", 1964, dem Film über eine lesbische Liebe), mit denen er sich von der Tradition lossagte, ohne sich je dem “Nuberu Bagu”,  der japanischen Nouvelle Vague, anzuschliessen (gerade seine Filme aus den 70er Jahren sollen im Gegenteil dem “Goldenen Zeitalter” des japanischen Films, den 50er Jahren,  immer wieder ihre Reverenz erwiesen haben). Er gehört also zu jenen Figuren einer Übergangszeit, die Filmemachern wie Oshima, der ihn sehr bewunderte, und Imamura den Weg ebneten, sie inspirierten. Zu seinen Merkmalen gehören ein ausgeprägtes soziales  Bewusstsein  (“In Japanese society, which is essentially regimented, freedom and the individual do not exist.”), das er, der westlich "Geschulte", mit grossem Engagement in seine Filme einfliessen liess, und die Darstellung eines übermässigen, oft sexuellen Begehrens, auf grausam schöne Weise zelebriert. - Dies sind in etwa die wenigen Dinge, mit denen sich selbst ein "Kenner" der Materie wie Jonathan Rosenbaum zufrieden geben muss, weshalb die Bewertung des Regisseurs, in dem sich die “Energien des Umbruchs” bündeln, so unterschiedlich ausfällt: Während die einen ihn für den - vermutlich neben Mizoguchi, seinem Mentor,  Ozu und Kurosawa - "vierten grossen Meister des japanischen Films" halten, betrachten ihn die anderen lediglich als überschätzten Handwerker des Studiosystems, als Regisseur von B-Filmen (obwohl doch diese westlichen Kategorien sich auf das Kino Japans gar nicht anwenden lassen).

Die 60er Jahre gelten als das Jahrzehnt, in dem Yasuzo Masumura seine besten Werke drehte; es sind auch die Jahre seiner Literaturverfilmungen. “Seisaku’s Wife” ist eine von ihnen. Die Geschichte,  derer sich 1924 bereits  Murata Minoru angenommen hatte, ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts, am Vorabend des Russisch-Japanischen Kriegs angesiedelt: Die junge Okane, Tochter eines verarmten Hafenarbeiters, hat sich mit einem älteren wohlhabenden Mann verheiratet, um sich und ihrer Familie eine finanzielle Absicherung zu ermöglichen. Als ihr Gatte, ein fordernder, sie ständig an seine Grosszügigkeit erinnernder Widerling, bei einem Unfall ums Leben kommt, wird die “Mätresse” die von ihm schon ausreichend mit Kimonos versorgt worden sei, von der Familie mit einer kleinen Geldsumme abgespiesen. Die junge Frau kehrt zu ihren Eltern zurück, und als auch ihr Vater stirbt, verlangt die Mutter - weinerlich  und stets nur auf ihre eigenen Interessen bedacht - die Rückkehr ins Dorf, aus dem sie, das verarmte Pack, einst vertrieben worden waren.

Nun erst beginnt der eigentliche Film, den man - allerdings keineswegs im abwertenden Sinne - als Heimatfilm bezeichnen könnte. Ein paar wenige Bilder vermitteln uns eine Ahnung von dem abgeschiedenen Ort, an dem sich das zukünftige Geschehen abspielen wird: ein Weg, eine Brücke, der Berg, dem wir immer wieder begegnen werden,  ärmliche Häuser - und schon sieht man die Weiber, die beim Waschen einer Kuh am Fluss über die Zurückgekehrte lästern. Einst sei sie verjagt worden, jetzt bilde sie sich etwas ein auf ihre vielen Kimonos und ihr Vermögen. Man werde sich auf keinen Fall mit ihr abgeben, sondern ihr, der abgeschieden Lebenden, weiterhin die kalte Schulter zeigen. Ähnlich, wenn auch scheinbar gesitteter, äussern sich die Männer des Dorfs: Okane und ihre Mutter hätten ja gar kein Interesse am Dorfleben. Weshalb also sollte man sie in die Gemeinschaft aufnehmen? - Eine Verweigerng der Integration ins Kollektiv, wie sie einem in westlichen Heimatfilmen ebenfalls immer wieder begegnet, offensichtlich sogar universellen Charakter hat.

Kurz darauf findet auch eine ganz anders geartete Rückkehr ins Dorf statt: Seisaku, als Kriegsheld geehrt, wird von der Gemeinschaft mit jenem überbordenden Patriotismus empfangen, der beinahe den Eindruck erweckt, er, der “Vorzeigesoldat”, vermöge den Krieg ganz alleine zu gewinnen - und werde seinem Dorf Ehre machen. Seisaku jedoch selber stellt sich ein wenig über die Gemeinschaft: Er hat sich von seinem Sold eine handgefertigte Glocke machen lassen, mit der er die Leute jeden Morgen aus dem Schlaf reisst. Das Kollektiv begrüsst zu Beginn seine Idee, wirft dem Vorzeigesoldaten hinter dessen Rücken jedoch schon bald herrisches Gehabe vor.

Als Okanes Mutter stirbt, steht ausgerechnet Seisaku der jungen Frau bei und hilft ihr bei den Vorbereitungen für die Bestattung (eines jener mächtigen Bilder: man sieht im Hintergrund den kleinen Trauerzug vorüberziehen, dem die ferngebliebenen Bauern doch neugierig nachstieren). Seisaku und die sich bislang  abweisend gebärdende “femme fatale” Okane, die sich von jetzt an auch um einen geistig behinderten Cousin, ihren zukünftigen Beschützer,  kümmern muss,  kommen sich näher. Es entwickelt sich eine sexuelle Beziehung, die sich durch Okanes unstillbares Begehren nach Macht über den Körper des Mannes auszeichnet (sie wird zum ersten Mal geliebt, Seisakus Brust dient als Ersatz für die Gemeinschaft). - Seisaku, der eigentlich eine Frau aus dem Dorf hätte heiraten sollen, teilt seiner Familie mit, dass er mit Okane zusammenleben will, was natürlich auch zu seinem Ausschluss aus dem Kollektiv führt.

Das Glück der beiden Liebenden währt nicht lange: Schon bald wird Seisaku einberufen, weil er, plötzlich wieder zum umjubelten Vorzeigesoldaten geworden, beim Kampf um Port Arthur mitmachen soll. Als er nach einer Verletzung für ein paar Tage nach Hause zurückkehrt, sich jedoch schon bald wieder am Krieg beteiligen will, entschliesst sich Okane, die - mad, bad, and dangerous - nur mit den Waffen einer Frau kämpfen kann, zu einer unvorstellbaren Gräueltat, die letztlich beide zu “Outcasts” machen wird...

All dies - die Liebesgeschichte, die Kritik an einer über das Individuum bestimmenden Gesellschaft und einem überbordenden Patriotismus -  verpackt Masumura in 93 Minuten, was nicht zuletzt deshalb möglich ist, weil er  rasche Szenenwechsel bevorzugt, unvergessliche Bilder, die mehr zu sagen vermögen als tausend Worte, erzeugt (es scheint mir gelegentlich, man erkenne durchaus den Einfluss eines Antonioni, etwa wenn Okane von einer Erhöhung aus auf den Hafen hinunterblickt oder ihr Gesicht abwendend vor dem Haus sitzt) - und  mit harten Schnitten arbeitet (falls ich dem Film aufmerksam gefolgt bin, gibt es nur einen einzigen “Übergang”: Seisaku - seiner Frau langsam verzeihend - stellt sich vor, wie Okane nach ihrer Untat im Gefängnishof, wo sie eine überdimensionale Kette hinter sich her schleift, frieren muss, all dies hinter Rauchschwaden entstehend ). - Hinzu kommt eine überwältigende (auch westlich geprägte?) Musik, die von Anfang an Trauer und Unheil verkündet.

Ayako Wakao, die nicht nur zu einem festen Bestandteil von Masumuras Ensemble geworden war, sondern zu der er auch eine unfreiwillige Abhängigkeit entwickelte (er betonte mehrmals, das launische Wesen lasse sich kaum führen!), spielt eine Okane, die in jedem Augenblick des Films unter die Haut geht; möge man sie nun als Schweigende unter dem ersten Ehemann, als leidenschaftlich Begehrende und sich zu Beginn doch Verweigernde oder als Opfer eines Kollektivs sehen, das in einer grausamen Szene seine aufgestaute Wut an der endlich zur Verbrecherin Gewordenen auslässt, sie beinahe zu Tode prügelt. - Besonders faszinierend wirkt sie in der Schlussszene als das Feld beackernde Frau, die zu ihrem hilflos gewordenen Mann hinüberblickt: Bedeutet dieser Blick  nun Liebe oder Triumph, die Befriedigung, endlich bleibend die Macht über Seisaku erlangt zu haben? - Wer die Schauspielerin in dieser - offenbar einer ihrer besten - Rolle gesehen hat, möchte augenblicklich nach anderen Masumura-Filmen  wie “Akai tenshi” (1966) oder “Tsuma futari” (1967) greifen können.


Dass ich als Japan-Neuling zu “Seisaku’s Wife” unmittelbaren Zugang fand, hat sicher in erster Linie mit dem universellen Charakter des Films zu tun, den Motiven, denen man in jedem Film, in dem ein ausgestossenes Individuum einer Gemeinschaft - mit möglicherweise verheerenden Folgen - gegenübersteht (die "Gemeinschaft" nimmt oft die Mitte des Bildes für sich in Anspruch, während die Figuren oder zumindest die Gesichter der von ihr nicht akzeptierten Individuen symbolisch an den Rand gedrängt werden), begegnet. Vor allem aber liegt es auch an der für jeden westlichen Zuschauer nachvollziehbaren Umsetzung (die Lehrjahre in Italien?) dieser Motive. - Erstaunlich, dass Yasuzo Masumura - in Japan längst zum Kult-Regisseur geworden - vom Westen dennoch nicht entdeckt wird!

Sonntag, 21. November 2010

Verzögerungsankündigung und Werbung für "Impressions."

Liebe Fangemeinde (respektive Liebe Frau Mama)!

Eigentlich sollte "Whoknows Presents" Ende November wieder auf Sendung gehen. Ein kurzer, jedoch ziemlich kräftezehrender Krankenhausaufenthalt wird leider eine unfreiwillige Verlängerung meines Urlaubs erfordern, da ich mich erholen muss und es mir nicht möglich war, alle nötigen Vorbereitungen rechtzeitig zu beenden (ich bin Steinbock, was den Abergläubischen unter uns einiges sagen dürfte). Falls jenes Wesen, das Thomas Hardy, der bekanntlich ständig mit Gott wegen dessen Nicht-Existenz haderte, unter anderem als "Immanent Will" bezeichnete, mir nicht einen Strich durch die Rechnung macht, sollte ich spätestens um den 10. Dezember rum wieder mit  einer mir aufoktroyierten Besprechung anrücken.

Dass ich mich trotzdem kurz zu Wort melde, hat mit einem Blog zu tun, auf das ich eure Aufmerksamkeit (wieder einmal) lenken möchte. Es heisst Impressions. und wird von einem jungen, filmbegeisterten Mann betrieben, den ich von einem Forum her kenne. Ich wollte diesen jungen Mann unbedingt als Gastautor, noch lieber als festen Mitarbeiter für mein Blog gewinnen, weil er nicht nur äusserst spannend zu lesende Besprechungen bekannter Filme liefert, sondern auch an Werke erinnert, von denen  man  selten etwas vernimmt. - Als er mir seine Absicht kundtat, sich mit einem eigenen Blog meiner berüchtigten Tyrannei  entziehen zu wollen, ging ich wie weiland das HB-Männchen beinahe in die Luft, setzte mich dann aber hin und genehmigte mir als Ex-Raucher keine Zigarette, sondern freute mich auf seine Einträge. --- Deshalb  meine - mittlerweile bekannte und lohnenswerte - Bitte: Nehmt den Abtrünnigen zur Kenntnis, zeigt ihm, dass ihr ihn lest und würdigt ihn! Es gibt  nämlich neben den "Etablierten" durchaus interessante Blogger, die Beachtung verdienen. "Impressions." ist einer von ihnen, und ich freue mich, auf ihn hinweisen zu dürfen.

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Wie viele Oscars darf Arthur Cohn sein Eigen nennen?

Arthur Cohn ist ein Schweizer Film-Produzent, der nicht nur für das Zustandekommen äusserst erfolgreicher Filme aus verschiedenen Ländern (mit-)verantwortlich war, sondern sogar auf dem Walk of Fame mit einem Stern geehrt wurde - und dessen Namen in Hollywood jede - pardon! - Sau kennt. Da er gleichzeitig der nicht übermässig grossen Schweizer VIP-Szene angehört und an diversen Anlässen zu treffen ist, feierte ihn unsere Presse stets als sechsfachen Oscar-Preisträger. Vielleicht feierte er sich auch selber ein wenig und liess sich gern mit den sechs Statuen ablichten. Das sind allerdings die Dinge, in die der harmlose Zeitungsleser nicht so leicht Einblick erhält...

Auf jeden Fall ist unser Bundesrat (entspricht der Bundeskanzlerin mal sieben) wieder komplett, und das oft auch nur herbeigeredete Parteiengezänke dürfte die Spalten der Blätter nicht bis zur nächsten nationalen Wahl im Jahr 2011 füllen. Dieser Mangel an politischen Sensatiönchen brachte das Erzeugnis "Sonntag" mutmasslich auf den Gedanken, aus dem ehemaligen Darling Arthur Cohn einen Buhmann zu machen, der mehr für sich beanspruche als ihm tatsächlich zustehe. - Denn man entdeckte: Laut Wikipedia darf sich der plötzlich zum Aufschneider "avancierte" Cohn nur dreier Oscars rühmen, da der Oscar für den besten fremdsprachigen Film an das jeweilige Land, nicht an den Produzenten geht. Auch IMDb spricht dem Produzenten nur Academy Awards für die Dokumentarfilme "Le ciel et la boue" (1961), "American Dream" (1990) und "One Day in September" (1999) zu, während er auf diverse Nominierungen und Oscars (für "Il Giardino dei Finzi Contini", 1970, "Noirs et blancs en couleur", 1976, und "La diagonale du fou", 1984) verzichten müsste.

Nun bin ich der Meinung, jeder Produzent sei mit drei Oscars mehr als ausreichend bedient (manche Gewinner sollen den Staubfänger bekanntlich in einer Kiste im Keller lagern) und schätze es grundsätzlich, mit seinem Geld  Filme ermöglicht zu haben, die nicht so rasch in Vergessenheit geraten (u.a. auch "Les Choristes", 2004). Gerade Arthur Cohn weckte in mir immer den Eindruck, er lebe intensiv für den Film und werde lediglich von der VIP-geilen Presse ständig zum "sechsfachen Gewinner" hochstilisiert ("Lieber Herr Cohn! Dürfen wir Sie zusammen mit Ihren Oscars ablichten, bitte, bitte?"). - Jetzt aber ortet "Sonntag" Enthüllungen über einen möglichen Hochstapler, der sich stets ins Rampenlicht drängte, nicht ohne seine sechs Statuen leben kann und dessen Mitarbeiter abklären  lassen muss, ob Wikipedia die Vergangenheit falsch interpretiere, weil zur Zeit, als Cohn die ihm streitig gemachten Oscars in Empfang nahm, der Produzent tatsächlich noch der "richtige Adressat" war (Regeln ändern sich bekanntlich). 

Vielleicht ist Arthur Cohn ja tatsächlich der Gierschlund, den "Sonntag" mangels anderer Schlagzeilen aus ihm machen will; das kann, wie schon erwähnt, der harmlose Zeitungsleser - ein Umstand, der von  den Erzeugern des täglich Gepressten schamlos ausgenutzt wird - nicht nachprüfen. Vielleicht kann er auch nur über den Wirbel lachen, der um seine Person und seine ihm abgesprochenen Oscars gemacht wird. Oder er könnte darüber lachen, wäre da nicht noch ein Aspekt mit einzubeziehen, der ihn und andere Zeitgenossen mit Sorge erfüllen sollte: Cohn ist Jude! Und da man in der Schweiz unverhohlener mit verstecktem Antisemitismus arbeitet, könnte "Sonntag" auf den Gedanken gekommen sei, es sei  Zeit für eine Wiederbelebung des Bildes vom raffgierigen Juden. - Ich mute es der Zeitung, die  gelegentlich einem mir alles andere als sympathischen Teil ihrer Leserschaft entgegenkommen will, zu...

Wie dem auch sei: Ich lege als Blogger jetzt eine Pause ein - und ich bin froh, dass ich nicht so berühmt wie Arthur Cohn bin. Denn sonst könnte eine Zeitung wie "Sonntag" aus den geplanten vier bis sechs Wochen Urlaub eine Schlagzeile zimmern: "Whoknows pausiert! Tut er es für immer, weil sein Bluff aufgeflogen ist?". - Wäre dem so, böte es mir vielleicht Gelegenheit, mich  mit dem  geschundenen Produzenten in Verbindung  zu setzen, und er würde einen Film mit dem Titel "Verlogene Druckerschwärze" produzieren, für den ich das Drehbuch schreiben dürfte. Ein Regisseur vom Kaliber eines George Clooney liesse sich finden - und der Oscar ginge an das Fürstentum Liechtenstein.

Wir lesen uns!