Mittwoch, 23. Juni 2010

Grossmuttis Schmachtfetzen

Drei Münzen im Brunnen
(Three Coins in the Fountain, USA 1954)

Regie: Jean Negulesco
Darsteller: Clifton Webb, Dorothy McGuire, Jean Peters, Louis Jourdan, Rossano Brazzi, Maggie McNamara u.a.

Während sich die vom Krieg geschundenen Deutschen in den 50er Jahren mit Filmen zufrieden geben mussten, die ihnen die Schönheit ihres Landes schmackhaft zu machen versuchten, sehnte sich der durchschnittliche Amerikaner nach einem Trip durch bedeutende europäische Städte, und sei’s auch nur auf der Leinwand. Rom, die ewige Stadt, war besonders gefragt, was wohl nicht zuletzt damit zu tun hatte, dass in Studios hergestellte  “Bibelpornos” (ich benutze den Begriff, weil ich die Frömmelei in den betreffenden Monumentalfilmen geradezu obszön finde) wie “Quo Vadis” (1951) die Zuschauer neugierig auf das wirkliche Rom machten - oder auf das Rom, das ein amerikanischer Tourist zu sehen wünschte...

William Wyler lieferte 1953 mit “Roman Holiday” eine bis heute unerreichte Vorlage, die vorführte, wie man eine Stadt mit vielen ihrer Eigenarten grandios in eine passende Story einzubetten vermag. Diese Paramount Pictures-Produktion in Schwarzweiss versuchte Twentieth Century Fox 1954 mit dem ersten ausserhalb der Staaten gedrehten Cinemascope-Spektakel “Three Coins in the Fountain”  zu übertrumpfen. Was die Zuschauer jedoch vorgesetzt bekamen, war eine sich in einem Postkarten-Rom abspielende Soap Opera der heute eher als unerträglich empfundenen Art. - Und sie fand Anklang.

Drei amerikanische Sekretärinnen, Anita, Frances und die eben erst in Rom eingetroffene Maria stehen im Mittelpunkt der Handlung. Maria erfährt von ihren neuen Freundinnen, dass man eine Münze in den Trevi-Brunnen werfen und sich wünschen kann, ein Jahr lang in Rom bleiben zu dürfen. Anita, die in die Staaten zurückkehren will (angeblich wird sie dort heiraten; in Wirklichkeit ist sie in ihren Mitarbeiter, den Übersetzer Giorgio, verliebt, den sie - Firmenpolitik! - nicht privat treffen darf), verzichtet dieses Mal auf den Wurf, während Frances, die sich seit vielen Jahren nach ihrem Arbeitgeber, dem Schriftsteller Shadwell, verzehrt,  die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat. - Und schon bald nehmen drei belanglose Liebesgeschichten, die die Aufnahmen von der Spanischen Treppe und der Villa Borghese rechtfertigen sollen, ihren Lauf. Maria verliebt sich ausgerechnet in den Prinzen Dino, einen stadtbekannten Frauenhelden, der seine Eroberungen zu einem Ausflug nach Venedig einzuladen pflegt (die “Neue” nimmt die Einladung an, trudelt aber zusammen mit Frances, einem früheren Opfer des Prinzen, ein - was dem Bilderbuch-Film Gelegenheit bietet, Venedig zusammen mit Rom in einem Aufwasch mitzunehmen). Anita wird unterdessen von Giorgio, der später Anwalt werden will, zu einem Familienfest aufs Land eingeladen - und auch die Beziehung zwischen Frances und Shadwell scheint sich in die gewünschte Richtung  zu entwickeln. Maria versucht sogar, ihren Prinzen zu zähmen, indem sie vorgibt, die gleichen Dinge zu mögen, die er mag (Kunst, Essen, Musik). All dies führt zu “amore” vor neo-impressionistischen Gemälden im Museum, in einer Rossini-Oper, vor der Schreibmaschine und zwischen Apfelbäumen. --- Natürlich bedarf es einiger  die 102 Minuten Laufzeit notdürftig ausfüllender Komplikationen (Giorgio erhält die Kündigung, weil er zusammen mit Anita beobachtet wurde,  Shadwell erfährt, dass er an einer schweren Krankheit leidet, was der unterschätzten Dorothy McGuire - sie erhielt trotz ihrer grossen Rollen nicht einmal einen Stern auf dem Walk of Fame - nach einem Besäufnis mit ihrem Arbeitgeber die Möglichkeit bietet, noch vor Anita Ekberg in einen römischen Brunnen zu steigen), bevor das unausweichliche Glück der drei Paare besiegelt werden kann.

Die Zusammenfassung der Handlung tönt abschreckend genug. Was dem heutigen Zuschauer jedoch den Rest geben dürfte, ist der Oscar-prämierte Titelsong, den Frank Sinatra schon zu einer rund vier Minuten dauernden Pre-Credit-Sequenz von sich geben darf, die die magischen Fähigkeiten der neuen Cinemascope-Kameras, welche ein idealisiertes Rom in seiner ganzen Länge und Breite einfangen, vorführt. - Wir wissen nicht, wie unsere Grosskinder einmal über die Titelsongs der heutigen Filme urteilen werden; aber die Schmachtfetzen der 50er Jahre warteten mit einigen musikalischen Erzeugnissen auf, die nun wirklich höchstens unsere Grossmütter zum Schluchzen gebracht haben dürften. Und in meiner “Hitparade des Schreckens” nimmt “Three Coins in the Fountain” neben “Raintree County” (1957) den Spitzenplatz ein. - Fox vergass im Eifer des Gefechts übrigens, sich die Rechte am Song zu sichern, weshalb diverse Sänger und Gruppen (u.a. “The Four Aces”) ebenfalls Geld damit verdienen konnten.

Das Cinemascope-Verfahren betont die herrlichen Schauplätze dermassen, dass die Darsteller  in den luxuriösen Innenräumen, vor den Bildern, die ein antikes und ein modernes Rom einzufangen versuchen, beinahe verloren gehen, was angesichts ihrer begrenzten Möglichkeiten, sich in diesem flachen Liebesfilmchen zu entfalten, nicht weiter bedauerlich ist: Louis Jourdan spielt eben das, was er  schon immer spielen konnte: einen Schönling. Die Schauspielerinnen müssen sich  hingegen wie Dummchen erster Güte aufführen, die nur die Liebe respektive das Einfangen von Männern im Kopf haben - was eigentlich entwürdigend wirkt. Einzig der grosse Clifton Webb kann als blasierter Schriftsteller mit herrlich britischem Akzent einige Szenen für sich verbuchen. - Was jedoch am meisten stört: Im Gegensatz zu Wyler bezieht “Three Coins in the Fountain” Rom in keinster Weise in die Geschichte mit ein. Man geht zwar am berühmten “Mund der Wahrheit” vorbei, sieht das Kolosseum im Hintergrund - aber all dies nur, damit der amerikanische Kinogänger überhaupt erfährt, dass sich die Dinger in Rom befinden. Einzig der Brunnen von Trevi wird mit derart kitschiger Bedeutung aufgeladen, dass die Legende entstand, erst seit dem Film würden Münzen hineingeworfen. Abgesehen davon wird Rom - und das sagt eigentlich schon alles - höchstens durch ein paar Trauben heraufbeschworen, die sich in einer Schale auf einem Tisch mit grundsätzlich kariertem Tischtuch befinden. - Es verwundert nicht, dass “Three Coins in the Fountain” auch für die beste Farbkamera einen Oscar bekam; dass man das traurige Ereignis jedoch neben Meisterwerken wie “On the Waterfront” und “The Caine Mutiny” als “Besten Film” nominierte, ist ein Skandal.

Man mag sich fragen, weshalb ich diesen Film über Rom, dem wahrlich bessere entgegenzustellen wären (neben “La dolce vita”, 1960, etwa sogar “Only You“, 1994), überhaupt bespreche. Nun, es geht mir nicht zuletzt um die Figur, die ich bis jetzt bewusst ausgespart habe: den Regisseur. - Der rumänischstämmige Jean Negulesco (1900 - 1993) gehört nämlich wohl zu den eigenartigsten, sich dem heute an der Geschichte des Hollywood-Films Interessierten am meisten entziehenden Figuren der Traumfabrik. Dies mag nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass sein Name hierzulande höchstens im Zusammenhang  mit gelegentlich ausgestrahlten Belanglosigkeiten wie “How to Marry a Millionaire” (1953) oder “Titanic” (1953) auftaucht.  - Tatsächlich war Negulesco jedoch einmal ein gerade wegen seiner Melodramen (“Humoresque”, 1946,  oder “Johnny Belinda”, 1948, der ihm seine einzige Oscar-Nominierung einbrachte) ausserordentlich geschätzter Regisseur. Er erwies sich aber auch als äusserst “anspassungsfähig” im  Sinne von “gefällig“, weshalb er der Gunst der Kritiker mit der Zeit verlustig ging (spätere Filme wie “Jessica”, 1962, oder “The Pleasure Seekers”, 1964, eine Verlegung des hier besprochenen Films nach Madrid, wirken heute regelrecht peinlich). Diese “Anpassungsfähigkeit” überfiel den Regisseur allerdings  erst mit seinem Ruhm (er galt auch  als einer der frühen Meister des Cinemascope-Verfahrens); sie war nicht von Anfang an vorhanden, und es ist in seinem Werk vielleicht nur eine Konstante auszumachen: die Vorliebe für Episodenfilme, Filme, in denen mehrere Handlungsstränge nebeneinander  herlaufen, wobei man beinahe behaupten könnte, Negulesco sei - obwohl er diese “Neurose” längst nicht in allen seinen Arbeiten kultivieren konnte - auf die Zahl “Drei” geradezu  fixiert gewesen (vgl. neben den hier erwähnten Werken etwa auch “Three Came Home“, 1950).


Negulesco wollte ursprünglich Maler werden, stürzte sich auf Anraten eines Kritikers jedoch ins Filmgeschäft und debütierte nach beinahe zehn Lehrjahren 1944 mit dem Film noir “The Mask of Dimitrius”,  den er unbedingt mit Sydney Greenstreet und dem von ihm ausserordentlich geschätzten Peter Lorre besetzen wollte. Es folgten zwei weitere “Noirs” mit Lorre, von denen “Three Strangers” (1946) als besonders sehenswert bezeichnet werden darf. - Diese frühe Gruppe von “Films noirs”, der noch “Nobody Lives Forever" (1946) hinzuzufügen wäre, ist vielleicht als der  eigentliche  Höhepunkt im filmischen Schaffen des Regisseurs zu bezeichnen, scheint sie doch kompromisslos jenes seltsam Mysteriöse, beinahe Abergläubische (kann man sein Schicksal umgehen?) einzubringen, das anderen “Noirs” fehlte, weil es eben zu einem noch nicht von der Traumfabrik willig “geformten” Negulesco gehörte, etwas Eigenes war. Leider sind die erwähnten Filme, derer sich das ZDF vor Jahren annahm, in Deutschland nicht auf DVD erhältlich.

Wirkliche Berühmtheit erlangte der Regisseur jedoch mit seinen grossen Melodramen der 40er Jahre - und er verfiel bald dem Reiz jener “Anpassungsfähigkeit” (die Engländer würden von “versatility” reden), die ihn wohl sich auf unangenehme Weise derart entziehend  macht, weil er letztlich weniger als jeder andere Hollywood-Regisseur etwas Individuelles zu bewahren vermochte. Man erkannte seine technischen Fähigkeiten, und er liess sich nur zu gerne “verwenden” - wofür auch immer. “Titanic” schrie geradezu nach mehreren Handlungssträngen, und es war verlockend, mit “How to Marry a Millionaire” den zweiten Cinemascope-Film von Fox zu verwirklichen. Vermochte diese reizvolle Komödie jedoch mit Stars wie Marilyn Monroe und Lauren Bacall aufzuwarten, bot “Three Coins in the Fountain” nur noch technische Meisterschaft verschwendet für eine Banalität. Von Negulescos späteren Filmen ist höchstens noch “Daddy Long Legs” (1955) mit Fred Astaire erwähnenswert, der Rest lief der Zeit hinterher - und das belanglose Wesen, zu dem sich dieser im Ansatz interessante Regisseur entwickelt hatte, zeigt sich vielleicht besonders deutlich in einer seiner nichtssagenden Äusserungen gegenüber der “Los Angeles Times”: “I have found nothing to compare to the beauty of the American girl... - She is more confident and independent than the girls in Europe, and she stays young longer.” --- Was für eine tiefgründige Einsicht nach vielen Jahren im Film-Business!!!

Eigentlich ein merkwürdiger Kerl, dieser Jean Negulesco. Man möchte ihn mit Händen greifen, seine mögliche  Grösse beschreiben - und man könnte es vielleicht auch, hätte er weiterhin Filme gedreht, in denen seine Handschrift derart deutlich zur Geltung gekommen wäre wie in den ersten - hierzulande leider vergessenen - Arbeiten.

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