Samstag, 1. Januar 2011

Ein unterschätzter Regisseur oder "He didn't know a sh-t about construction"?

Midnight - Enthüllung um Mitternacht
(Midnight, USA 1939)

Regie: Mitchell Leisen
Darsteller: Claudette Colbert, Don Ameche, John Barrymore, Francis Lederer, Mary Astor, Hedda Hopper u.a.

1939 gilt als das “Goldene Jahr” der amerikanischen Filmindustrie, das Jahr, in dem die Traumfabrik am Vorabend einer durch den  Zweiten Weltkrieg verursachten Zeitenwende in verschiedenen Genres  Höchstleistungen hervorbrachte, von denen wir noch heute sprechen und die in ihrer Art nie wieder auch nur annähernd überboten wurden. Darf man es deshalb einem Film als Schande anrechnen, weil er - obwohl damals finanziell erfolgreich - zwischen “Gone With the Wind”, “Wuthering Heights”, “Destry Rides Again”, “Ninotchka”, “The Wizard of Oz”, “Stagecoach” und anderen Meisterwerken etwas unterging, mittlerweile sogar weitgehend in Vergessenheit geraten ist? Dies insbesondere, wenn er in jedem anderen Jahr als glanzvoller Höhepunkt der Screwball-Comedy gefeiert worden wäre?

Letzteres behaupten zumindest Fans von “Midnight”, dessen Regisseur Mitchell Leisen in diesem Zusammenhang auch als der am meisten unterschätzte Regisseur seiner Zeit bezeichnet wird. - Billy Wilder, der zusammen mit Charles Bracket das Drehbuch zum Film geschrieben hatte, sah die Sache allerdings ein wenig anders: Er war überzeugt, eine perfekte Vorlage geliefert zu haben, die Leisen, der offenbar einer schön arrangierten Vase mit weissen Lilien grössere Aufmerksamkeit schenkte als dem Dialog, regelrecht zerstörte. Mitchell Leisen, der Aesthet, der, den Launen seiner Hauptdarstellerinnen gehorchend, ganze Seiten aus einem Script herauszureissen pflegte, blieb für ihn denn auch zeit seines Lebens nichts anderes als “a window dresser”. Ähnlich äusserte sich Steven Bach, ein intimer Kenner der Filmwelt: “Leisen ... could always make a picture look better than it was, but never play better, for he had no sense of material.” Ein hartes Urteil, das da über einen Mann gefällt wurde, der seine Karriere als Dekorateur und Kostümdesigner unter dem Despoten Cecil B. DeMille begonnen hatte und Mitte der 30er Jahre langsam zum gefragten Frauenregisseur (ein Etikett, das er mit anderen schwulen* Regisseuren wie George Cukor und Vincent Sherman teilte) aufstieg, Filme wie “Frenchman’s Creek” (1944) oder “To Each His Own” (1946) drehte - und vielleicht berechtigterweise nur als Mann der alten Schule, der seinen Schauspielerinnen jeden Wunsch von den Augen ablas, sie aber nicht zu führen verstand, in Erinnerung bleibt.


“Midnight”, der ursprüngliche Titel lautete - die Essenz von “Screwball” betonend - “Careless Rapture”, erzählt tatsächlich eine Geschichte, von der man annehmen darf, sie sei in den Händen von Wilder und Bracket gut aufgehoben gewesen: Eve Peabody, ein abgebranntes amerikanisches Showgirl, landet mitten in einer regnerischen Nacht mit dem Zug aus Monte Carlo in Paris, wo sie eine “Karriere” beginnen, sprich: einen reichen Mann finden will. Der freundliche Taxifahrer Tibor Czerny erklärt sich bereit, das Mädchen, das nichts ausser seinem Abendkleid bei sich hat, von einem Nachtclub zum anderen zu fahren, um ihm ein Vorsingen zu ermöglichen. Als er ihr sogar anbietet, sie bei sich übernachten zu lassen, ergreift die nach mehr dürstende Eve die Flucht und landet mithilfe  eines Pfandscheins in einer Veranstaltung der gehobenen Gesellschaft, wo sie sich als Baronin Czerny ausgibt. Der exzentrische Millionär Flammarion entdeckt rasch, dass sie eine Hochstaplerin ist, bringt sie jedoch im Ritz unter und bietet ihr eine beachtliche Belohnung, wenn es ihr gelingt, seiner Frau den Liebhaber, einen  stadtbekannten Playboy, auszuspannen. Eve lässt sich auf den Deal ein, und das Cinderella-Abenteuer, auf das der endgültige Titel anspielt (“Don’t forget, every Cinderella has her midnight.”), nimmt seinen Lauf. - Als die Millionärsgattin Helene bemerkt, dass ihr Liebhaber tatsächlich der angeblichen Baronin verfällt, überkommt sie die Eifersucht und es gelingt ihr beinahe, Eve als Betrügerin zu entlarven. Doch dann erscheint Eves Gatte, Baron Czerni, unter der Tür. Es handelt sich natürlich um den Taxifahrer, der sich in das undankbare Wesen verliebt und sie zusammen mit seinen Freunden unaufhörlich gesucht hat...

Die Produktion war von Anfang an vom Pech verfolgt (ich übernehme die folgenden Informationen von Wikipedia und anderen Seiten, die sich mit dem Film beschäftigen): Ursprünglich sollte “Midnight” als Vehikel für Marlene Dietrich dienen, als Regisseur war Fritz Lang vorgesehen, für die männliche Hauptrolle Ray Milland. Später kam Barbara Stanwyck ins Gespräch; sie musste aber wegen anderer Verpflichtungen absagen. - Als nach schier endlosem Hin und Her Mitchell Leisen, der sich mit “Easy Living” (1937) als Komödien-Regisseur empfohlen hatte, verpflichtet wurde, sah er sich mit einem regelrechten Problemhaufen konfrontiert: Ein als Taxifahrer Czerny erstaunlich blass agierender Don Ameche stand nur gelegentlich zur Verfügung, weil er neben “Midnight” noch “The Story of Alexander Graham Bell” drehen musste; Mary Astor, die die Helene spielte, war unübersehbar schwanger, was man auf alle möglichen Arten verbergen musste (sie trägt stets weite Kleider und versteckt den Unterleib hinter Requisiten; dies ändert freilich nichts daran, dass sie eher schwanger als eifersüchtig oder gewohnt “bitchy” wirkt); und letztlich hatte das Alkoholproblem des berühmten “Saufkopps” John Barrymore mittlerweile dazu geführt, dass er seinen Text als Georges Flammarion nicht mehr beherrschte und so genannte Cue Cards benötigte. Francis Lederer, einst eine nicht unbedeutende Hoffnung des deutschen Stummfilms, wiederum erweckt den Eindruck, er sei nur  als dümmlich vor sich hingrinsender Schönling (ein Vorgänger von Louis Jourdan), nicht als sich glaubhaft verliebender Playboy zu gebrauchen gewesen. - Mit Claudette Colbert, der Neurotikerin, die nur ihre linke Gesichtshälfte in Profilaufnahmen zeigen wollte, soll Leisen hingegen vorzüglich ausgekommen sein: Manche behaupten, er habe ihr zu einer der besten Leistungen in ihrer Karriere verholfen; meines Erachtens gab er ihren eigenartigen Wünschen so sehr nach, dass der Zuschauer gelegentlich den Eindruck erhält, er bekomme über weite Strecken vor allem eine Wange in Grossaufnahme zu sehen - und dem schrecklichen Akzent nach zu schliessen handle es sich um die Wange einer Kuh aus einem  billigen Western. Welch ein Abfall nach “It Happened One Night” (1934) oder “Bluebeard’s Eighth Wife” (1938)!

Was aber macht Leisen aus der reizvollen Geschichte? -  Nach einem charmanten Anfang im nächtlichen Paris hangelt sich “Midnight” von einem seltenen Höhepunkt zum nächsten. Wirkliche Lacher verdanken wir Tratschtante und Teilzeit-Schauspielerin Hedda Hopper, die als unterbrochene Gastgeberin des Galaabends, in den sich Eve einschleicht, mehrmals das vom Pianisten erwartete elfte Prelude von Chopin ankündigt, bis dieser - völlig in Rage geraten - ein “It is the twelth, and it is an etude!” brüllt. Ein weiterer kleiner Glanzpunkt: Tibor versammelt sich mit sämtlichen Taxis seiner Freunde vor dem Ritz, und als man dort die Adresse von Eve nicht preisgeben will, beginnen diese gnadenlos zu hupen. - Vor allem aber reisst noch immer der grosse John Barrymore einen seiner letzten Filme an sich: Schon die Blicke, mit denen er jede Bewegung einer sich verunsichert gebenden Eve kommentiert, zeugen von dem Witz, der "Midnight" zustünde, sein hinterhältig-freundliches Auftreten in jeder Szene ist ein Genuss - und zum wahrhaften Brüller wird sein “Fake”-Telefonanruf, der ihm Gelegenheit bietet, sowohl die angebliche Mutter von Baron Czerny als auch dessen an Masern erkranktes Töchterchen zu mimen. --- Dies sind sie, die wenigen Szenen, die eine Sichtung überhaupt lohnen, wenn man sich nicht gerade mit wunderschönen Dekors und Abendkleidern (die Leisen natürlich selber entwarf) zufrieden geben mag. Denn der aufmüpfige Humor, den man von einer Screwball-Comedy erwartet, verschwindet im wahrsten Sinne des Wortes hinter den - erschlagenden! - Kulissen: Pointen, aus denen sich etwas machen liesse, sind eine Rarität (etwa Colberts offensichtlich sexuelle Anspielung, sie sei “certainly not looking for needlework at this time at night”, oder ihre Bemerkung, als Flammarion ihr sein Anwesen zeigt: “Nice little bungalow you’ve got here. I wish I’d brought my rollerskates.”). - Vor allem artet der Schluss zum billigen Schwank aus. Und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Drehbuchautoren von “Ninotchka” und “Ball of Fire” (1941) tatsächlich einen solchen Mist geliefert haben sollten.


Verteidiger von “Midnight” haben - was ihr gutes Recht ist - eine Begründung für ihre Begeisterung: Allein schon die Änderung des Titels zeige, dass der Film das Ende jener durch die Depressionszeit hervorgerufenen eskapistischen Phase ankündige, welche die Screwball-Comedy erst möglich und nötig gemacht habe. “Midnight” nehme sogar den Skeptizismus vorweg, der die Nachkriegszeit prägen sollte. - Nun bin ich - vermutlich wiederhole ich mich - wirklich für jede nicht allzu abwegige Interpretation zu haben. Aber ein Regisseur, der vor lauter Interesse an Nebensächlichkeiten die Bedeutung des Dialogs für eine Screwball-Comedy gar nicht erkannte, als Wegbereiter einer neuen Ära, einer Ära, die aus der Komödie erst noch für längere Zeit ein oft gezähmtes, biederes Lustspielchen machte? Begegnen wir da nicht einigen  -  Lobhudeleien gar nicht rechtfertigenden - Ungereimtheiten? Und hätte Billy Wilder, zwar berühmt für seine giftigen Bemerkungen, aber doch offensichtlich das nie vergessend, was aus einem nahezu perfekten Drehbuch gemacht worden war, dann Worte für Mitchell Leisen gefunden wie: “He didn’t know a sh-t about construction”?


*Was Vincnet Sherman anbelangt: möglicherweise ein Irrtum meinerseits (siehe Kommentar von Manfred Polak!)

Kommentare:

  1. Sehr schöner und äusserst aufschlussreicher Text!
    Diesen Film habe ich auf meiner Wunschliste; aufgrund eines Films, den ich vor Jahrzehnten mal im Fernsehen gesehen hatte und der mir sehr gefallen hatte, von dem ich aber weder Titel noch Hauptdarsteller erinnere.
    Ich weiss nur noch, dass ich mir damals vornahm, den Namen Mitchell Leisen im Auge ztu behalten.
    Nun, das habe ich bis heute getan: Ich hatte den Namen im Auge, obwohl ich seither keinen einzigen Film mehr von ihm gesehen habe.

    Kann es nicht auch sein, dass das Drehbuch zu "Midnight" nicht soo toll ist? Wie hier bereits erwähnt wurde: Billy Wilder trennte sich ja von einigen seiner weniger gelungenen Werken...
    Wenn ich Leisens Filme bei imdb durchgucke, dann erhalten nicht wenige seiner Streifen Höchstwertungen. Er verfilmte nicht nur Drehbücher von Wilder/Brackett, sonder auch von Hackett/ Goodrich und Preston Sturges.

    Also, ich glaube Wilders Urteil erst, wenn ich selbst einige Leisen-Filme gesehen habe. Irgendwann - wenn ich nach Clair, Chaplin, Lang mal Zeit dazu habe...

    Ein frohes und interessantes neues Jahr von meiner Seite! Und mach weiter so - Dein Blog ist wirklich ein Abo wert!

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  2. Ich bin erleichtert, dass du mich nicht für des Weisheitszahns letzten Schluss hältst. Die Sichtung von "Midnight" erfolgte nämlich tatsächlich, weil einer meiner Kollegen in den höchsten Tönen davon schwärmte - und ich konnte aus meiner Enttäuschung kein Hehl machen. Etliche Internet-Quellen bestärkten mich in meiner Haltung, andere - nun ja, der Film und sein Regisseur polarisieren offensichtlich. Schon aus diesem Grund lohnt es sich, eine eigene Begegnung mit Mitchell Leisen, den ich hier genussvoll zu meinem ersten Opfer des Jahres 2011 mache, zu "riskieren".

    Ich möchte dein Kompliment von Herzen erwidern und auch dir ein frohes und spannendes Neues Jahr wünschen. - Leute, die Schweizer kommen!!!

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  3. Es ist schon interessant, wie/ dass gewisse Filmleute derart polarisieren.
    Mir ging's neulich mit Harry Langdon so: Im Zuge meiner Recherchen bin ich auf absolut unvereinbare, diametral entgegengesetzte Einschätzungen seiner Leistungen gestossen und kam dann nach einigen "Selbstversuchen" mit Langdons Filmen - wie Du bei Leisen - zu einer negativen Einschätzung.
    Am liebsten würde ich mir gleich ein paar Leisen-Filme 'reinziehen. imdb listet einige wirklich verlockende Titel.

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  4. Endlich erlöst Du mich von meiner Grübelei, welchen Wilder-Film er wohl mit seiner ominösen Ankündigung gemeint haben könnte. Aber ein früherer Januar-Termin war wohl gerade nicht frei ... :-Þ

    Mitchell Leisen also. Ich hab auch ein Wilder-Zitat: "On TV, I would watch only a picture by a director I hated. There is no director I hate that much. Not even Mitchell Leisen."

    In den 80er oder frühen 90er Jahren war mal eine Leisen-Reihe in ARD oder ZDF. Ich hab wohl 3 oder 4 Filme davon gesehen, kann mich aber an fast nichts erinnern, außer dass meistens Fred MacMurray die Hauptrolle spielte, und dass es unspektakuläre Wohlfühl-Filme waren. An andere Komödien, die ich vor ebenso langer oder noch längerer Zeit sah, erinnere ich mich viel lebhafter, z.B. MY MAN GODFREY, NOTHING SACRED oder THE MORE THE MERRIER. Das mag dein Urteil bestätigen. Andererseits hat natürlich auch gabelingeber Recht: Drehbuchautoren, deren Bücher vom Regisseur verändert wurden, neigen zu beleidigten Reaktionen. Da darf man sich nicht von großen Namen wie Billy Wilder beeindrucken lassen, sondern muss das Ergebnis selbst begutachten.

    Ein schönes Beispiel dafür ist Hitchcocks STRANGERS ON A TRAIN. Da ist von Raymond Chandlers ursprünglichem Drehbuch nicht viel übrig geblieben (die endgültige Fassung stammt hauptsächlich von einer gewissen Czenzi Ormonde), und Chandler war über die für ihn unersprießliche Zusammenarbeit mit Hitchcock sauer und brachte das zu Papier (kann man auf Deutsch in irgendeinem Diogenes-Taschenbuch mit Chandler-Texten nachlesen). Aber natürlich ist STRANGERS ON A TRAIN ein ausgezeichneter Film.

    And now for something completely different: Bist Du sicher, dass Vincent Sherman schwul war? Das wäre mir neu, und Sherman war ja Jahrzehnte verheiratet und hatte zwei Kinder (was allein natürlich noch nichts beweist), er hatte auf seine alten Tage (er wurde fast 100) noch eine neue Partnerin, und in der IMDb steht unter Trivia:

    "Romanced many of his famous actresses, and he wrote about them in his 1996 autobiography, "Studio Affairs." Though both were married at the time, he and Bette Davis had an affair that began during the filming of Old Acquaintance (1943) and continued through Mr. Skeffington (1944) which was released the following year. His dalliance with Joan Crawford lasted through three movies, and another with Rita Hayworth happened during Affäre in Trinidad (1952) after she had divorced Prince Aly Khan."

    Seinen Titel als "Women's Director" soll er gehasst haben. Falls er wirklich schwul oder bi war, hat er es anscheinend gut verborgen, während es beispielsweise bei Cukor oder Dorothy Arzner kein Geheimnis war. Vielleicht waren Studios wie Paramount und MGM da auch toleranter als Shermans Heimat Warner Brothers, das Studio der harten Jungs und toughen Girls.

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  5. @gabelingeber: Man muss sich an dem Mann wohl wirklich selber versuchen. Ich war überrascht, nach Ruhmesworten einem in meinen Augen derart schwachen Film zu begegnen, der entschieden gegenüber vielen Screwball Comedies, deren Fan ich bin, abfiel. Du könntest zu einem ganz anderen Urteil kommen.Falls ja: Mach mich ruhig fertig! Auch Widerspruch bringt uns weiter. ;)

    @Manfred Polak: Uii! Nun bringst du mich in Verlegenheit. Ich hatte nämlich gerade im Zusammenhang mit "Old Acquaintance" (1943), den ich an anderer Stelle mal besprach, irgendwo aufgeschnappt und leichtfertig kolportiert, dass das Duo des Schreckens (Davis/Hopkins) gleich zwei schwule Regisseure zur Schnecke gemacht habe (Edmund Goulding erlitt bekanntlich einen vorgetäuschten Herzinfarkt), bin mir meiner Sache jetzt aber selber nicht mehr sicher. Möglicherweise stiess ich damals auf eine Gay-Site, die es etwas übertrieb. Dass sowohl der als zumindest bisexuell bekannte Goulding als auch Sherman den Titel hassten, war mir bekannt (solche Festlegungen haben ja wirklich etwas Unerträgliches). - Das von dir hier angeführte Wilder-Zitat (thanks ever so much!) verkniff ich mir, weil ich nicht noch zusätzliche Boshaftigkeiten verstreuen wollte. Aber er wusste schon, wie man es anstellt, der gute Billy! ;)

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  6. Wenn man die Kommentare sämtlicher verfilmter Drehbuchautoren über ihre ausführenden Regisseure sammeln würde, käme möglicherweise ein Kompendium des Hasses zusammen.
    Wilders Kommentar zu Leisen wurde öffentlich, da Wilder selbst später zu Weltruhm gelangte und seine Bonmots öffentlich gefragt wurden - ein Schicksal, welches die allermeisten anderen Drehbuchautoren nicht teilten...

    Kennst Du denn noch andere Leisen-Filme?

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  7. Das mit den schwulen "Frauenregisseuren" ist wirklich eine fragwürdige Angelegenheit, auch wenn die Dreiheit Cukor, Goulding und Leisen das auf den ersten Blick nahelegt. In diesem interessanten Beitrag über Goulding, auf den Du mich durch seine Erwähnung gebracht hast, wird das auch thematisiert. (In den Kommentaren zu diesem Artikel entfaltet sich übrigens ein eigenes kleines Drama.) Ergänzen kann man noch, dass der vielleicht größte "Frauenregisseur" überhaupt, Kenji Mizoguchi, alles andere als schwul war (er frequentierte in jungen Jahren selbst die Rotlichtbezirke, die er so treffend beschrieb).

    Bette Davis und Miriam Hopkins zusammen in einem Film, das muss wirklich ein Duo des Schreckens gewesen sein. Skylla und Charybdis. Goulding hatte das ja schon in THE OLD MAID (1939) durchgemacht. Aber Goulding konnte sich ja bei seinen Orgien erholen, von denen ich bis jetzt nichts wusste - wieso hat Kenneth Anger das in "Hollywood Babylon" nicht ähnlich ausführlich gewürdigt wie die Ausschweifungen von Alla Nazimova oder Lionel Atwill?

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  8. @gabelingeber: Da muss ich dir zustimmen - und Billy wusste seine Bomben zu platzieren. Die Strafe: Er wartete bis ins hohe Alter hinein vergeblich noch auf einen weiteren Film.

    Ich bin mir ziemlich sicher, als Fan von Olivia de Havilland "To Each His Own" ("Mutterherz", 1946) gesehen und wieder vergessen zu haben, obwohl ihr der Film den Oscar einbrachte, um den sie ihre Schwester so benied. Und es scheint mir, als sei ich als Kind mal in den "Genuss" des Dietrich-Films "Golden Earrings" (1946) gekommen. Das Schweizer Fernsehen hatte vor langer Zeit eine Schwäche für Filme mit deutschen Untertiteln, der ich ein paar der weniger bekannten Filme mit Marlene aus ihrer nicht so erfolgreichen und verdrängten Phase zwischen "Destry Rides Again" (1939) und "A Foreign Affair" (1948) verdanke.

    @Manfred Polak: Manchmal braucht es diese dreckigen kleinen Biographie-Tratschtanten, die uns die ganze Wahrheit - und ein bisschen mehr - verkünden. Ich erfuhr auch erst von Lawrence J. Quirk ("Fasten Your Seatbelts") vom Dreh der berühmten Szene in "Old Acquaintance", in der Bette die sich ständig in den Vordergrund drängende Hopkins so richtig durchschütteln durfte: sie soll sie so oft vergeigt haben, dass man am Ende schon vor dem nächsten Versuch das zitternde und tränenüberströmte Gesicht der "most thoroughgoing bitch" zu sehen bekam. - Vermutlich steckt ein Kern Wahrheit in der Geschichte: Hopkins trat nach dieser Erfahrung ja erst wieder für Wyler's "The Heiress" (1949) vor die Kamera.

    Was Mizoguchi anbelangt: Könnte es sein, dass ich mich bei Gelegenheit intensiver mit dem japanischen Film beschäftigen sollte? Da (wenn auch nicht nur da) klafft nämlich wirklich eine grosse Bildungslücke...

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  9. "Golden Earrings", gemäss imdb-Rating einer der schwächeren Leisen-Filme, ist vor ein paar Wochen in Deutschland auf DVD erschienen - als Teil einer Marlene Dietrich-Edition. In derselben Reihe erschien übrigens René Clairs "Flame of New Orleans"!

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  10. Wow! Zwei der weniger bekannten Filme der von mir so verehrten, von meiner Mutter gehassten (Neid?) Diva! Vielen Dank für den Hinweis! - Zur Belohnung gibts gelegentlich eine Besprechung von "Seven Sinners" - wobei "gelegentlich" in meinem Fall ein sehr relativer Begriff ist. - Schon interessant, wie das zweifellos tapfere Mädchen vor allem als treue Freundin der Soldaten geschildert wird, weil ihre Filme damals etwas wenig einfallsreich waren.

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  11. A propos Mitchell Leisen: Das filmpodium Zürich zeigt im Januar einen seiner offenbar besten Filme: "Remember the Night" (1940; Drehbuch: Preston Sturges), am Samstag, 15. 1. um 15 Uhr und am Donnerstag, 20. 1. um 290.45 Uhr - im Rahmen einer Barbara Stanwyck-Reihe.
    http://www.filmpodium.ch/Programm/FilmDetails.aspx?t=1&f=14453

    Dooferweise kann ich an beiden Tagen nicht hingehen (das ist immer so im filmpodium: Ich habe immer nur dann Zeit, wenn Uninteressantes gezeigt wird wie z. Bsp. Experimentalfilme aus Burkina Faso, eine Angelopoulos-Reihe oder eine Reihe mit Erstlingsfilmen von Angelopoulos-Schülern... ;-(

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  12. Ein verspäteter Weihnachtsfilm! Was für eine Leisen-Welle habe ich denn da ausgelöst... ;)

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  13. So! Nun habe ich mir auch einen Leisen-Film angeschaut. Es liess mir keine Ruhe.
    "Hands Across the Table" von 1935.
    Und siehe, ich komme zum selben Schluss wie Du und Billy Wilder: Ein screwball-hit-verdächtiges Drehbuch vergeigt mit falschem Timing und uninspirierter Inszenierung.
    Somit krieche ich zu Kreuze und bereue, Deine und Billys Meinung nicht als allgemeingültig anerkannt zu haben. (Mehr demnächst in meinem Blog.)

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  14. Wobei ich immer wieder betonen muss: Billy und ich mögen zwar der Weisheit letzter Schluss sein; dass "Weisheit" aber vor allem auf dem Narrenschiff zu finden ist, hat schon dieser Kerl erkannt, der vor rund 500 Jahren von Gutenbergs Buchdruck profiiterte. Wie hiess er doch gleich. - Ah ja: Sebastian Brandt, der alte Verräter. ;)

    Deshalb: Macht euch selber ein Bild! Eines Tages werdet ihr mich ganz fürchterlich entlarven. Und dann krieche ich - zwar nicht zu Kreuze, aber immerhin auf dem Boden. :)

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  15. Der von mir zuletzt gesichtete Film mit Claudette Colbert war TROMMELN AM MOHAWK. In diesem, im gleichen Jahr entstandenen Film, musste sie in Kittelschürze und Schnürstiefeln eine Performance der ganz anderen Art geben. Wenn ich mich daran entsinne, wie sie durch Dreck und Speck gejagt wurde und am Ende diesem 2m Irokesen gegenüber stand, der sich auf sie stürzte und sie in einer Art grotesken Todestanz zur Seite flogen. Da war irgendwie nicht viel mit "der Neurotikerin, die nur ihre linke Gesichtshälfte in Profilaufnahmen zeigen wollte".

    Seit einigen Monaten mache ich mir ja Gedanken darüber, inwieweit das Prinzip der Screwballkomödie durch jüdischen Anarchismus entsteht, der durch den protestantischen Puritanismus der Amerikaner gefiltert wird. Vielleicht hat Hawks (Inbegriff protestantischer Inszenierung) sie deswegen so beherrscht? Cukor wie Leisen (bei Leisen entnehme ich es mal Deinem Text), hatten mit dem Schnitt nichts am Hut. Doch Cukor verfing sich nicht im Dekors, sondern hatte die Schauspielerebene gut im Griff. Da Hawks ein Regisseur war, der selbst Cutter gewesen ist, dachte er beim Dreh jede Millisekunde mit. Der "geborene" Timing-Regisseur. Ich hoffe, es ist i.O., wenn ich mein lautes Denken hier hineinschreibe. Ich fummel mir das gerade selbst erst zurecht, während ich es schreibe.

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  16. Das leuchtet mir durchaus ein. Die "jüdischen Komödien" der Stummfilmzeit könnten mit ihrem Anarchismus durchaus als Vorläufer der "Screwball Comedy" betrachtet werden (Levys "Alles auf Zucker!", 2004, übernimmt auch Elemente des Genres). Es ist vielleicht deshalb bezeichnend, dass man bis heute darüber streitet, ob nun Lubitsch oder Capra als "Erfinder" der Screwball zu betrachten sind. - Die Filterung durch den Puritanismus wirkte; es wurde ihr jedoch nach der Einführung des Hays Code auch Paroli geboten (nicht zuletzt von Hawks, der den Leoparden Baby für den Penis vorschob, der hochgebracht werden sollte). Hawks' unglaubliches Timing zeigt sich ja auf unnachahmliche Weise in "His Girl Friday" (1940), den sich kein Mensch in der Originalfassung ohne Untertitel ansehen kann. ;)

    Cukor schaffte es tatsächlich, die Eleganz von MGM in seine dem Genre zuzuordnenden Filme ("The Women", 1939, "The Philadelphia Story", 1940) einzubringen, ohne lediglich auf die Dekors und die Wünsche seiner Hauptdarstellerinnen Rücksicht zu nehmen.

    A propos Wünsche: Offenbar musste die "linke Gesichtshälfte" ab und zu doch auch jene Stelle zur Schau stellen, die als "The dark side of the moon" bekannt war. Das lohnt eine Sichtung von "Trommeln am Mohawk" allemal. ;)

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