Samstag, 8. Januar 2011

Kurzbesprechung: Die Frau in Weiss


Die Frau in Weiss
(Die  Frau in Weiss, Deutschland 1971)

Regie: Wilhelm Semmelroth

In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts vermochte das Deutsche Fernsehen gelegentlich noch eine ganze Nation vor die - wesentlich weniger - Bildschirme zu locken. Dafür zuständig waren nicht unbedingt Olympische Spiele oder königliche Hochzeiten, sondern die Mehrteiler des britischen Krimischriftstellers Francis Durbridge (u.a. “Das Halstuch”, 1962, “Melissa”, 1966), die am Arbeitsplatz, beim Friseur oder am Stammtisch diskutiert wurden, kurz: identitätsstiftend waren. Mit der Zeit begann die Qualität der “Strassenfeger” von Durbridge jedoch merklich nachzulassen, obwohl sie jetzt in Farbe und mit wesentlich grösserem Aufwand gedreht wurden; und spätestens “Das Messer” (1971) kündigte mit seinen billigen Spannungselementen das Ende jener Zeit an, als es der ARD noch gelang, sich bis zu 90% der Zuschauer zu sichern.

In diesem kritischen Augenblick entdeckten Drehbuchautor Herbert Asmodi und Regisseur Wilhelm Semmelroth, Chef der Fernsehspielabteilung des WDR, einen Autor für sich, der in England als kleiner Klassiker galt, im deutschsprachigen Raum aber offensichtlich wenig bekannt war: Wilkie Collins (1824-1889), Freund von Charles Dickens, für dessen Zeitschrift “All The Year Round” er “Mystery Novels” schrieb, die in Fortsetzungen abgedruckt wurden und die Leser begeisterten. Die äusserst komplex konstruierten Romane (sie bestanden aus Tagebucheinträgen, Briefen und Geständnissen mehrer Personen, gaben die Ereignisse also aus verschiedenen Blickwinkeln wieder) schienen sich wenig für Verfilmungen zu eignen. Dennoch hatte man gerade “The Woman in White” (1860) schon mehrfach - auch als Stummfilm - auf die Leinwand gebannt.

Und so sassen denn auch 1971 an drei Sonntagabenden noch einmal unzählige deutsche Zuschauer vor ihren Fernsehern und verfolgten eine im viktorianischen England spielende Geschichte, hinter deren gepflegtem Grusel  schon bald ein finsteres, möglicherweise perfektes Verbrechen vermutet werden durfte, dessen Auflösung man gespannt entgegenfieberte: Der junge Maler Walter Hartright soll auf einem abgeschiedenen Landsitz die beiden Halbschwestern Marian und Laura im Zeichnen unterrichten. Auf dem Weg dorthin begegnet ihm nachts eine unheimliche, offensichtlich verwirrte Frau in Weiss, der, wie Walter bald feststellen muss, die schöne Laura zum Verwechseln ähnlich sieht. Laura wiederum, in die er sich augenblicklich verliebt, ist dem jähzornigen Sir Percival Glyde versprochen, der es zusammen mit seinem Freund, dem schleimigen Conte Fosco, lediglich auf ihr Vermögen abgesehen hat. - Die deutschen Schauspieler, neben Heidelinde Weis, der die Doppelrolle sichtlich Spass bereitete, Christian Bantzer, Pinkas Braun und Eva Christian auch schrullige Nebenfiguren darstellende Künstler wie Helmut Käutner als hypochondrischer Sir Frederic Fairlie oder Jennie Thelen als eisige Frau Catherick schreiten überzeugend über die knarrenden Holzböden englischer Häuser und durch die Landschaft Cornwalls, wo der Dreiteiler gedreht wurde.

Wer wissen möchte, welcher “Plüschkrimi” uns seinerzeit das Nägelkauen lehrte, kann sich “Die Frau in Weiss” zusammen mit dem weniger gelungenen Nachfolger “Der rote Schal” (1973) auf DVD anschauen (er wurde in der Reihe “Strassenfeger” veröffentlicht). Die Romanverfilmung ist ein beeindruckendes  und noch immer grosses Vergnügen bereitendes Dokument deutscher Fernsehgeschichte.

Der zweite Teil enthält übrigens einen Anachronismus, auf den Fernsehansagerinnen (auch das gab es mal!) anlässlich von Wiederholungen immer wieder aufmerksam machen mussten: Während eines Spaziergangs summt der Conte eine Opernarie (es war Verdi, wenn ich mich recht entsinne) vor sich hin, die zur Zeit, in der die Geschichte spielt, noch gar nicht komponiert war.

Kommentare:

  1. Ha, Erinnerungen werden wach. Weil ich bei der Erstausstrahlung mit 9 noch etwas zu jung war, waren DER ROTE SCHAL und DER MONDDIAMANT meine ersten Begegnungen mit Wilkie Collins, und DIE FRAU IN WEISS kam in der Wiederholung dazu. Obwohl diese damaligen Produktionen im Vergleich zu den heutigen "Event-Filmen" der großen Fernsehsender fast etwas akademisch steif wirken, hatten sie das Zeug zum Straßenfeger. (Wer sich übrigens über Durbridge informieren will, kann das im wie immer gut geschriebenen Artikel von Hans Schmid in Telepolis.)

    Das gilt auch für andere Mehrteiler, wie den Wallenstein-Vierteiler mit Rolf Boysen und den Dostojewskij-Vierteiler DIE DÄMONEN, in dem Christoph (nicht Christian) Bantzer zu großer Form aufläuft. Solche Produktionen, mit ihrer komplexen Handlung - ob nun vordergründige kriminelle Machenschaften oder, wie bei Dostojewskij, Abgründe der Seele -, und gepflegten bis gediegenen Schauspielerleistungen, haben bei mir dazu beigetragen, mich jenseits der Sachen, die man als Kind und Jugendlicher so sieht, für anspruchsvollere Filme zu begeistern.

    Was andere Verfilmungen des Stoffs betrifft, so kenne ich THE WOMAN IN WHITE von 1948. Den finde ich nicht so besonders, aber immerhin spielen Sydney Greenstreet und Agnes Moorehead mit, und die retten ja bekanntlich jeden Film.

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  2. Meinen peinlichen Patzer mit Christoph Bantzer lasse ich jetzt mal so stehen. Möge er mir verzeihen!

    Ich war zur Zeit der Erstausstrahlung schon (halb-)reife 13 Jahre alt. Ein "Whoknows, ab ins Bett!", das im Zusammenhang mit "Melissa" von Durbridge zu einem Trauma führte (ich bin heute noch überzeugt, die billige Auflösung sei Teil einer Verschwörung, die mich im Nachhinein trösten sollte), kam nicht mehr in Frage. ;)

    Die Verfilmung aus dem Jahr 1948 habe ich auch in (schwacher) Erinnerung. Ich weiss noch, dass mich selbst Sydney Greenstreet als Count Fosco nicht beeindruckte. Wäre vielleicht Zeit für eine neue Sichtung - wobei ich in diesem Fall definitiv auf das Fernsehen warte.

    Edit: Vielen Dank für deinen Link! Sogar an Evelyn Hamann in einem ihrer fönsten Sketfes wird erinnert. :)

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  3. Fein, daß du an alte TV-Zeiten erinnerst, daß der Film mittlerweile als DVD herausgekommen ist, hatte ich noch gar nicht mitbekommen! Die Version von 1948 habe ich eigentlich als recht stimmungsvoll in Erinnerung, ist aber auch schon wieder eine Weile her, daß ich sie gesehen habe. Grundsätzlich waren die viktorianischen Klassiker in England wohl auch besser aufgehoben als in Hollywood.

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  4. Es gab ja auch einmal eine schreckliche Hollywood-Adaption von "Pride and Prejudice" mit Laurence Olivier und Greer Garson (1940), in der die Damen so üppig ausgestattet waren, dass sie kaum im Bild Platz fanden. - Zu Wilkie Collins muss ich hinzufügen: Ich lernte ihn erst dank der Dreiteiler von Semmelroth kennen und schätzen. Eine solche erste - vor allem jugendliche - Begegnung lässt natürlich andere Adoptionen häufig schal erscheinen.

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