Dienstag, 18. Mai 2010

Her mit der deutschen DVD! - die Erste

Beim Wühlen in der Erinnerung, dank eines auf YouTube entdeckten Trailers  - oder wenn meine englische Kollegin ihr Giftschränkchen öffnet, in dem sich all die VHS-Kassetten und DVDs befinden, von denen ihr mittlerweile etwas gar christlich gesinnter Göttergatte nichts (mehr) wissen will, begegnet man immer mal wieder Filmen, die vor Urzeiten  vor der Flimmerkiste genossen wurden und von denen man denkt, eine Veröffentlichung auf DVD sei  in Deutschland mehr als überfällig. Ich möchte hier gelegentlich an solche Filme erinnern, kann aber naturgemäss nicht immer mit Bildern aufwarten. - Beginnen wir mit dem herrlichen Schöckerchen eines Mannes, der als einer der renommiertesten B-Movie-Regisseure von Horrorfilmen galt:  

Was ist denn bloss mit Helen los?
(What’s the Matter with Helen?, USA 1971)
Regie: Curtis Harrington
Darsteller: Debbie Reynolds, Shelley Winters, Dennis Weaver, Micheál MacLiammóir, Agnes Moorehead, Helene Winston u.a.

Im Jahre 1934 hält - wie uns die Wochenschau zeigt - nicht nur Präsident Roosevelt eine berühmte Rede; in Iowa werden auch die minderjährigen Söhne der Freundinnen Adelle und Helen wegen eines brutalen Mordes verurteilt. Von nun an wird das Leben der beiden einem Spiessrutenlauf unterworfenen und von anonymen Telefonanrufen gequälten Frauen unerträglich, und Adelle überredet Helen dazu, mit ihr nach Hollywood zu ziehen, wo sie, früher selber Tänzerin, eine Tanzschule eröffnen und ein neues Leben beginnen will. Schon bald unterrichten die nicht mehr ganz taufrischen Mädels unter den wachsamen Augen ehrgeiziger Mütter zukünftige Shirley Temples, wobei Adelle, die sich mittlerweile in einen Mae West-Klon verwandelt hat, ihre grandiosen Stepkünste zur Schau stellt, während das mütterliche Pummelchen Helen, das sich in der neuen Umgebung offensichtlich nicht wohl fühlt, die Lehrstunden am Klavier begleitet. - Doch während Adelle nichts anderes als ein neues Leben an der Seite eines wohlhabenden Mannes sucht, fühlt sich ihre Freundin von den Geistern der Vergangenheit verfolgt und fürchtet zunehmend jeden Schatten, jede sich öffnende Tür, jeden fremden Menschen, der ihr über den Weg läuft. Als die anonymen Telefonanrufe tatsächlich auch am neuen Wohnort wieder einsetzen, sieht sie sich in ihren Vorahnungen bestätigt und entwickelt sich vollends zum zitternden Nervenbündel, das Trost in einer evangelikalen Radiosendung sucht, in der die geldgierige Sister Alma (Agnes Moorehead, die grösste Nebenrollendarstellerin aller Zeiten, darf einen Kurzauftritt hinlegen, der es in sich hat!) die Worte des Herrn verkündet. Diese nützen allerdings nicht viel; denn die unheimlichen Ereignisse setzen sich fort und entwickeln sich - gelinde gesagt - zunehmend blutiger. Da fragt sich nicht nur Adelle: “Was ist denn bloss mit Helen los?”.


Der fiese kleine Thriller setzt ganz offensichtlich eine mehr oder weniger von Robert Aldrich (“What Ever Happened To Baby Jane?”, 1962) begründete Tradition fort und macht aus langsam alternden Schauspielerinnen --- Ghouls! Dabei stehen Shelley Winters als hysterisches Psychowrack und Debbie Reynolds als sich künstlich verjüngendes Lebeweibchen (man fragt sich nicht nur, welche der beiden Damen wohl der grössere Ghoul ist, sondern auch, ob sich Debbie auf ihre auch im Leben gespielte Rolle - sie gilt bekanntlich als die Schauspielerin, die nicht in Würde altern konnte - überhaupt gross vorbereiten musste) ihren Vorgängerinnen Bette Davis und Joan Crawford in nichts nach. Einen weiteren Glanzpunkt setzt Micheál MacLiammóir, der - beinahe ein Replacement für Victor Buono in den Filmen von Aldrich - als arbeitsloser Sprachlehrer Hamilton Starr von Adelle eingestellt wird und den kleinen Mädchen Unterricht in “perrrfect En-glish” erteilt, damit sie als angehende Filmstars auch über das nötige Rüstzeug verfügen. - Es ist vielleicht nicht erstaunlich, dass Henry Farrell, der Autor des Romans “What Ever Happened To Baby Jane?” auch das Drehbuch zu Curtis Harrington’s kleinem, aber wertvollen Schocker mit garantiert unvergesslichem Ende schrieb.


Ich könnte mich jetzt lang und breit über die von Kennern oft diskutierten homosexuellen Implikationen des Films (hat Helen lesbische Neigungen? waren die Söhne der Freundinnen schwul und begingen den Mord, weil sie damit symbolisch ihre Mütter umbringen wollten?) auslassen,  halte mich jedoch ausnahmsweise zurück und fordere die geneigten Freunde dreckiger kleiner Altweiber-Schocker auf, für eine auch im deutschen Sprachraum erhältliche DVD von “What’s the Matter with Helen?” auf die Barrikaden zu gehen oder sich wenigstens zu einem Sitzstreik vor der ZDF-Sendezentrale zu versammeln, damit sich der Sender dieses Films mal wieder annimmt. - Vielleicht bringt es ja etwas, wenn wir mit Sister Alma  voller Inbrunst “What a Friend We Have In Jesus” singen und anschliessend einen erheblichen Geldbetrag in ihren goldenen Topf  legen. Kaninchenfreunde dürften von solchen Aktionen freilich nicht sonderlich begeistert sein...

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