Montag, 15. Februar 2021

Dr. Wise erklärt, wie man das Virus besiegt - und wie man es nicht macht!



Der Film wurde 1919 vom britischen Local Government Board (LGB), das u.a. für Fragen der öffentlichen Gesundheit zuständig war, als Reaktion auf die verheerende Spanische Grippe in Auftrag gegeben. Sir Arthur Newsholme, der damalige Chief Medical Officer des LGB, dürfte den Anstoß dazu gegeben haben, der eigentliche Produzent war aber Joseph Best (der zuvor auch schon einen Film über Geschlechtskrankheiten gemacht hatte). Ob Best auch als Regisseur fungierte, und wer die sonstigen Mitwirkenden waren, weiß ich nicht. Der Film lief wohl im Vorprogramm der regulären Kinos, aber erst 1919, als die zweite Welle der Spanischen Grippe (die in England im Oktober 1918 begonnen hatte) schon im Abklingen war, und angeblich gab es auch nicht genügend Kopien für einen wirklich flächendeckenden Einsatz. Viele Kinobetreiber hatten auch keine Lust mehr, ständig "Public Information Films" vorführen zu müssen. Es ist also fraglich, ob DR. WISE ON INFLUENZA überhaupt eine größere Wirkung entfaltete. Nicht zuletzt als Reaktion auf die Pandemie und die unzureichenden Maßnahmen dagegen wurde 1919 in Großbritannien ein Gesundheitsministerium eingeführt, auf das die gesundheitspolitischen Aufgaben des LGB übertragen wurden.

DR. WISE ON INFLUENZA ist fast ein Unikum, denn ansonsten wurde die Spanische Grippe im britischen Film praktisch totgeschwiegen - weder im Spielfilm noch in Wochenschauen wurde sie thematisiert. Man wollte wohl zunächst in Kriegszeiten alles vermeiden, was die Bevölkerung in Panik hätte versetzen können, und nach Ende des Ersten Weltkriegs kam man nur schwer wieder aus diesem Modus heraus. Es scheint aber zumindest 1920 noch einen weiteren (und nur 90 Sekunden dauernden) Influenza-Film gegeben zu haben, den sich Christopher Addison, der erste Gesundheitsminister, als Erfolg auf die Fahnen schrieb. Angeblich haben den 30 Mio. Briten gesehen, so behauptete zumindest Addison. DR. WISE ON INFLUENZA hat in den Archiven des British Film Institute (BFI) die Zeiten überdauert und wurde im letzten Sommer aus naheliegenden Gründen erneut der Öffentlichkeit präsentiert. Die hier eingebettete Version wurde allerdings stark bearbeitet. Nicht nur die Farbe wurde künstlich hinzugefügt, es wurden auch viele Szenen stark gekürzt. Vielleicht wurde auch die Abspielgeschwindigkeit etwas erhöht. Auf dem YouTube-Kanal des BFI gibt es die unbearbeitete Version des Films, die dem ursprünglichen Seherlebnis offensichtlich viel näher kommt. Da hat man dann auch genug Zeit, um in Ruhe die Zwischentitel zu lesen.

Viele der vom fiktiven Dr. Wise empfohlenen Maßnahmen wirken für uns von der Pandemie Gebeutelten erstaunlich zeitgemäß und vertraut. Nur das Gurgeln mit Kaliumpermanganat würde man heute wohl nicht mehr empfehlen. Und es gibt im Film sogar Bilder des Erregers zu sehen! Oder etwa doch nicht? Nein, natürlich nicht. Bekanntlich wird die Grippe, und damit auch die Spanische Grippe, von Viren verursacht, und die konnte man in den damaligen Lichtmikroskopen überhaupt nicht sehen. Das gelang erst mit dem Elektronenmikroskop, doch das wurde erst in den 30er-Jahren entwickelt. Außerdem wimmelt und wuselt da nichts, sondern das Elektronenmikroskop liefert nur statische Bilder. Uns werden hier also x-beliebige Mikroben als angebliche Erreger untergejubelt (wenn nicht gar ein begabter Animationskünstler am Werk war). Freilich sollte man nachsichtig sein, denn das Influenzavirus wurde auch erst in den 30er-Jahren als Verursacher der Krankheit nachgewiesen - vorher zog man auch Bakterien in Betracht. Das BFI allerdings schrieb begleitend zur Neuveröffentlichung des Films: "Look out for some impressive microscopic footage of the deadly microbes in question [...]" - und das ist dann doch eine etwas dreiste Aufschneiderei. Aber zum Ausgleich dafür hat uns das BFI auch diesen lesenswerten Artikel von Bryony Dixon über den Film und seine Begleitumstände spendiert, in dem übrigens auch auf die Nöte der damaligen Kinobetreiber eingegangen wird, die den heutigen durchaus ähnlich waren. Interessante Informationen enthält auch dieser Artikel über die damalige Situation auf der Insel und die Maßnahmen des LGB.

Kommentare:

  1. Uns werden hier also x-beliebige Mikroben als angebliche Erreger untergejubelt
    Keineswegs x-beliebige Mikroben! ...sondern Treponema pallidum – oder anders gesagt: Syphillis. Oder vielleicht auch nicht: eine Schneeballsystem-Suche des Links über den Produzenten Joseph Best führte mich zur BFI-DVD-Edition von "The Joy of Sex Education", in der sein Film WHATSOEVER A MAN SOWETH (der Film über Geschlechtskrankheiten, den du erwähnst) enthalten ist. Infos zu dieser Edition fand ich auf DVD-Beaver (http://www.dvdbeaver.com/film2/DVDReviews50/joy_of_sex_education.htm), wo auch einige Screenshots zu sehen sind. Der erste Screenshot unter "Screen Captures" zeigt genau die gleichen Mikrobenaufnahmen, die auch in DR. WISE ON INFLUENZA zu sehen sind (siehe Timemark 1:06 bei der unbearbeiteten BFI-Fassung). Aber ob diese Aufnahmen wiederum wirklich Syphillis-Erreger sind, weiß ich natürlich als Laie auch nicht ;-)

    Ansonsten wieder eine interessante Entdeckung im Bereich des Virus-Films. Wobei sich mir der Sinn der stark bearbeiteten, gefärbten, beschleunigten und gekürzten Fassung nicht so ganz erschließt. Die Zwischentitel sind tatsächlich kaum zu lesen, Details kaum zu erfassen und die Kürzungen sind ganz widersinnig: kurz vor dem Zwischentitel über "Exclusion of fresh air (ventilation on opposite side of room) involves retention of germs in deadly strength" fordert Brown seinen Schreiber-Kollegen auf, das Fenster zu schließen. Dieser kurze Teil fehlt in der Farbfassung, womit der Zwischentitel danach völlig willkürlich wirkt.
    Die unbearbeitete Fassung ist tatsächlich sehr reizvoll, weil man hier die Details sehr schön sieht: die ganzen zeitgenössischen Ladenschilder und Werbeanzeigen und die unterschiedlichen Reaktionen der Passanten (in die Kamera gucken, zur Seite gehen, sich stolz präsentieren).

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    1. Aber ob diese Aufnahmen wiederum wirklich Syphillis-Erreger sind, weiß ich natürlich als Laie auch nicht ;-)

      Spirochäten, zu denen die Syphilis-Erreger gehören, sind lang und korkenzieherartig gewunden. Insofern könnten die dünnen länglichen Gebilde im Film tatsächlich zumindest irgendwelche Spirochäten sein, denn man kann da eine Spiralform zumindest erahnen. Aber die runden Dinger im Vordergrund sind definitiv etwas anderes. Auf jeden Fall hat der Herr Best hier ökonomisch gearbeitet. Nur keine Ressourcen verschwenden, Recycling rules ...

      Wobei sich mir der Sinn der stark bearbeiteten, gefärbten, beschleunigten und gekürzten Fassung nicht so ganz erschließt.

      Die kurze bunte Version ist wohl für die heutige YouTube-Generation gedacht, für die die sprichwörtliche MTV-Generation auch schon zu den Altvorderen gehört.

      Die unbearbeitete Fassung ist tatsächlich sehr reizvoll, weil man hier die Details sehr schön sieht: die ganzen zeitgenössischen Ladenschilder und Werbeanzeigen und die unterschiedlichen Reaktionen der Passanten (in die Kamera gucken, zur Seite gehen, sich stolz präsentieren).

      Die Außenaufnahmen fanden im Londoner Westend (die Gegend um Leicester Square / Trafalgar Square, die gar nicht im Westen, sondern mitten in der Stadt liegt) statt. Dort ballen sich die Theater und Kinos, und einer der Herren hat ja ein Theater besucht, bevor er von der Krankheit ereilt wurde. Und in der Tat gab es da beim Dreh offenbar keine Absperrungen oder Instruktionen für Passanten.

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  2. Und noch eine kleine Zugabe:

    LA PEUR DES MICROBES (Frankreich 1907)

    Der Film wurde von Pathé produziert. Hier bei der Library of Congress gibt es den Film nochmal und ein paar Informationen dazu. Diese amerikanische Fassung liegt auch der eingefärbten zugrunde, wie man an den Texttafeln unschwer erkennt. Hier bei der LoC steht auch, dass der Originaltitel einem Katalog von Pathé entnommen ist - die Originalversion selbst könnte verschollen sein. Ob in diesem Katalog auch der Name des Regisseurs verzeichnet ist, weiß ich nicht - ich habe ihn jedenfalls auf die Schnelle nicht herausfinden können. Die Version bei der LoC dauert 3:30, was bei der angegebenen Länge von ca. 320 Fuß eine Abspielgeschwindigkeit von 24 fps bedeutet, und das kommt mir für einen Film von 1907 ziemlich forsch vor. Die bunte Fassung dauert 5:35, was 15 oder 16 fps bedeutet, und das halte ich für angemessener.

    Ironischerweise könnte der jetzt bunte und zuvor schwarzweiße Film ursprünglich auch bunt gewesen sein. Pathé hat ja die Handcolorierung zu ihrer quasi-industriellen Form Pathécolor weiterentwickelt, die mit Pantograph, Stempeln und Schablonen arbeitete. Viele Pathé-Filme damals waren also farbig, aber dieser auch? Da müsste wohl erst jemand in besagtem Katalog nachsehen (falls das dort verzeichnet ist). Dass der Film in der IMDb als s/w gekennzeichnet ist, sagt jedenfalls nicht viel aus.

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