Sonntag, 27. März 2011

JONAS - Man geht nicht mehr ohne Schädelindex!

JONAS
Deutschland 1957
Regie: Ottomar Domnick
Darsteller: Robert Graf (Jonas), Elisabeth Bohaty (Nanni), Dieter Eppler (M.S.), Willy Reichmann (der fremde Herr)

Die Vergangenheit ist ein Bumerang aus Filz!

Eine Einblendung im Stil eines Nachrichtenagentur-Tickers am Anfang des Films gibt die Grundstimmung vor: "meldung ... 10. August 1957 ... mehr selbstmorde als verkehrsopfer ... täglich gehen 30 personen freiwillig aus dem leben ... tag für tag das gleiche schicksal ... trotz wohlstand trotz wirtschaftlicher blüte ... grund: schwermut ... 47% der befragten bevölkerung äusserte: ANGST...". Eine Reihe von Architekturaufnahmen zeigt eine moderne, anonyme deutsche Großstadt als Betonwüste. (Tatsächlich handelt es sich um Stuttgart, aber das spielt keine Rolle.) Einer ihrer Bewohner ist Jonas. Er ist Arbeiter in einer Druckerei, bewohnt ein möbliertes Zimmer, lebt isoliert. Von seiner Vermieterin erfährt er, dass jemand, der seinen Namen nicht genannt hat, hier war und sich nach ihm erkundigt hat. Man kennt seine Adresse! Was will man von ihm?


Auch in der Arbeit fragt jemand nach ihm. Doch als Jonas im Büro erscheint, ist der Unbekannte verschwunden. Er muss auf der Hut sein! "Was, Du kennst niemand hier? Eine Verwechslung?" "Jonas, Du bist im Labyrinth! Hier gibt es keine Verwechslung!" Es sind zwei Stimmen aus dem Off, die hier zu hören sind. Es ist kein einzelner Erzähler, der aus "göttlicher Perspektive" dem Zuschauer berichtet, auch kein innerer Monolog von Jonas, sondern ein bald vielstimmiger Kanon von Kommentaren, die zu Jonas sprechen, die über ihn sprechen, die gelegentlich auch gegeneinander argumentieren, die den Zeitgeist sarkastisch wiedergeben, etwa wenn echte zeitgenössische Werbeslogans, Pressemeldungen oder amtliche Texte sowie Bibelzitate aufgegriffen und ironisch abgewandelt werden. "Man geht nicht mehr ohne Hut!" Aus einer Laune heraus kauft sich Jonas einen teuren Hut. "Die deutsche Industrie-Norm sieht für die Herren-Konfektion acht Hutgrößen vor, die nach dem Schädelindex zu bestimmen sind." Im Hutladen gibt es einen sogenannten Konformateur, ein kompliziertes Gerät zur Messung des "Schädelindex". "Man geht nicht mehr ohne Schädelindex!"


Jonas hat nicht viel von seinem edlen "Homburg Royal". In einer Schnellgaststätte wird er ihm gleich wieder von der Garderobe weg gestohlen. "Für Garderobe wird nicht gehaftet. Aber keine Angst, es kommt ja nichts weg!" Jonas stiehlt kurzerhand selbst einen Hut und macht sich davon. "Auge um Auge, Hut um Hut!" Doch Jonas wird mit dem "Ersatzhut" nicht froh: Er fühlt sich ertappt, beobachtet. Er betrachtet sein Beutestück und findet darin das Monogramm "M.S.", was ihn in Panik versetzt. Eine Rückblende, der noch weitere folgen werden, offenbart den Grund: Jonas war vor Jahren in einem Lager interniert. (Die Natur dieses Lagers bleibt unklar - vielleicht ein Kriegsgefangenenlager nach dem Zweiten Weltkrieg.) Zusammen mit seinem Freund Martin Seiler wagte er die Flucht. Schüsse fielen, Martin brach getroffen zusammen. Jonas kümmerte sich nur kurz um ihn, dann setzte er die Flucht fort und ließ den Sterbenden, der noch nach ihm rief, im Stich. Doch ist Martin wirklich tot? Hat etwa er sich nach ihm erkundigt? Fordert er Rechenschaft? Ist er ihm schon auf den Fersen, und hat Jonas unwissentlich seinen Hut gestohlen? Er muss den Hut loswerden. In der Schnellgaststätte hängt er den Hut unauffällig an den Ständer und macht sich aus dem Staub. "Geh ohne Hut, ohne Monogramm, ohne Schuld!" Doch ein aufmerksamer Kellner glaubt, er habe den Hut vergessen, und trägt ihn ihm hinterher. "Er kommt zurück! Ein Bumerang aus Filz!" Auch ein zweiter Versuch scheitert: Jonas wirft den Hut von einer Brücke, aber ein Junge bringt ihn wieder. "Die Vergangenheit, Jonas, ist ein Bumerang aus Filz!" Zuhause zerschneidet er den Hut geradezu panisch mit einer Schere und verbrennt ihn im Ofen. "Aber die Vergangenheit, Jonas, ist feuerfest."


Zusehends angeschlagen, wandert Jonas durch die Stadt und kommt dabei auch in eine Kirche, in der gerade von Jonas und dem Wal gepredigt wird. "Niemand wird hören deine Stimme ewiglich!". Er trifft Nanni wieder, die Verkäuferin aus dem Hutgeschäft. Die beiden gehen miteinander spazieren, sind sich sympathisch, doch letztlich reden sie aneinander vorbei. Nanni erzählt von ihren kleinbürgerlichen Vorstellungen vom Glück, mit denen Jonas nichts anfangen kann, und er ergeht sich in Andeutungen, ohne auszusprechen, was ihn umtreibt. Die beiden besuchen die fragliche Schnellgaststätte, doch M.S. hat inzwischen den Verlust des Hutes gemeldet und seine Adresse hinterlassen. Jonas wird aufgefordert, die Angelegenheit in Ordnung zu bringen, aber in Panik sucht er das Weite. Während er ziellos durch die anbrechende Nacht irrt, lässt sich Nanni von einem Schnösel in ein Restaurant einladen. Er lässt sich dort "Herr Direktor" nennen, doch in Wirklichkeit ist er nur Versicherungsvertreter. Jonas wird wegen seines auffälligen Verhaltens von der Polizei aufgegriffen, aber wieder freigelassen. "Es ist die letzte Chance, Jonas! Der Herr verfolgt dich mit seinem Zorn wegen deiner alten Schuld, verfolgt dich bis zu der Erde Gründen!". Jonas beschließt, M.S. aufzusuchen, der vielleicht sein alter Freund Martin ist. Er klingelt, doch er bleibt im dunkeln, er wagt nicht, sich zu zeigen. Er findet keine Erlösung von seinem Schuldkomplex. "Die Erde hatte mich verriegelt ewiglich."


Jonas strandet nächtens wieder im Hutladen bei Nanni, doch die Begegnung endet mehr denn je in Jonas' Sprachlosigkeit. Nanni ergreift die Initiative und fährt mit dem Taxi selbst zu M.S., um die leidige Angelegenheit aus der Vergangenheit zu regeln. Doch M.S. kennt keinen Jonas, er heißt nicht Seiler, sondern Schmidt. Während ihrer Abwesenheit steigert sich Jonas - allein unter Hüten - in eine Art Delirium; als sie zurückkehrt, ist er verschwunden, aufgebrochen zu einer neuerlichen ziellosen Wanderung durch die Nacht.


"Der mutigste, einsamste, und unwiederholbarste deutsche Film unserer Tage. Kein anderer deutscher Film seit Jahr und Tag verfügt über ähnliche Bildkunst." (Gunter Groll, Süddeutsche Zeitung 1957). Im deutschen Filmschaffen der 50er Jahre ist JONAS fast eine singuläre Erscheinung. Auch ambitionierte Filme, wie etwa DER VERLORENE des vorübergehenden Heimkehrers Peter Lorre, wirken im Vergleich konventionell. JONAS wurde 1957 mit Erfolg auf der Berlinale gezeigt, er erhielt das Prädikat "Besonders wertvoll", gewann den Preis der deutschen Filmkritik 1957 für die Bildgestaltung, erhielt zwei Bundesfilmpreise sowie - man glaubt es kaum - einen Bambi. Auch im Ausland, insbesondere Frankreich, erregte er Aufmerksamkeit. Unverständnis und heftige Ablehnung gab es auch - im Adenauer-Deutschland nicht weiter verwunderlich. Das Aufsehen und der Erfolg lagen nicht am dürren Handlungsgerüst - ein Mann schleppt einen Schuld- und Verfolgungskomplex mit sich herum, ein Beziehungsversuch scheitert -, sondern an der formalen Gestaltung. Am ungewöhnlichsten war der polyphone Kommentar, der den größten Teil des gesprochenen Textes ausmacht (Dialoge sind fast auf die Begegnungen von Jonas mit Nanni beschränkt und dünn gesät). Regisseur Domnick schrieb auch das Drehbuch, doch die Kommentare verfasste Hans Magnus Enzensberger, und zwar, nachdem der Film bereits abgedreht war, so dass er - in Absprache mit Domnick - noch eine ganz neue Ebene über den Film legen konnte. Enzensberger war bis 1957 Hörfunkredakteur beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart. Im selben Jahr veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband und begann seine Laufbahn als freier Schriftsteller. Wie bereits erwähnt, bediente sich Enzensberger bei den Kommentaren auch authentischer Textbausteine. So war etwa "Übrigens...man geht nicht mehr ohne Hut!" ein Werbeslogan, der 1955 im Auftrag der deutschen Hut-Industrie von Plakatwänden prangte. Der vielschichtige Soundtrack von JONAS wird komplettiert durch Stücke von Duke Ellington sowie durch Musik und elektronische Geräusche von Winfried Zillig. Der Avantgarde-Komponist und Musiktheoretiker Zillig (1905-1963) war ein Schüler von Arnold Schönberg (was ihn nicht davon abhielt, auch einen Film wie WO DER WILDBACH RAUSCHT zu vertonen). Auch die Bildgestaltung von JONAS ist außergewöhnlich. Neben gelegentlichen Anklängen an den Expressionismus zeigt sich vor allem eine Tendenz zur Abstraktion. Von der Architektur geprägte Linien dominieren immer wieder das Bild. Hierin spiegelt sich Domnicks Begeisterung für abstrakte Kunst wider.


Ottomar Domnick (1907-1989) war ein wohlhabender Neurologe und Psychiater mit eigener Privatklinik in Stuttgart. Er war Kunstsammler und -mäzen, er fuhr Autorennen, spielte Cello - und er drehte unabhängig produzierte Filme. Nach zwei kurzen Dokumentarfilmen über Themen der abstrakten Kunst war JONAS der erste Spielfilm. Bis 1972 folgten vier weitere Filme, in denen sich die Tendenz zur Reduktion konventioneller Handlung zugunsten einer Abstraktion der Bild- und Tonsprache fortsetzte. Auch Domnicks Interessen und Erfahrungen als Nervenarzt flossen immer ein. In GINO (1960) bespitzelt ein junger italienischer Gastarbeiter im Auftrag eines eifersüchtigen Unternehmers dessen Ex-Frau, eine Schriftstellerin. Die mögliche Beziehung der beiden ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. OHNE DATUM (1962) ist eine radikale Reflexion über die Situation eines unheilbar an Krebs Erkrankten, mit Querbezügen zur atomaren Bedrohung. In N.N. (1968) soll ein Architekt ein Gefängnis bauen und kommt zur Erkenntnis, dass die ganze moderne Welt mit ihrer anonymen verwalteten Gesellschaft ein Gefängnis ist. Und AUGENBLICKE (1972) thematisiert die Umweltzerstörung, die damals gerade erst ins öffentliche Bewusstsein rückte, ohne Sentimentalität ("eine lyrische Paraphrase", wie Domnick sagte), gezeigt aus der Perspektive der menschenleeren Nachwelt. Überlagert sind die Reflexionen einer Psychose-Patientin, die den Zerfall ihrer Innenwelt analog zu dem der Außenwelt erlebt. 1979 schließlich drehte Domnick noch für den Süddeutschen Rundfunk das 43-minütige Selbstportrait DOMNICK ÜBER DOMNICK.


Es liegt nahe, in Domnick einen Vorläufer des "Jungen" oder "Neuen Deutschen Films" zu sehen, doch die Verbindungen zu den Jungfilmern der 60er Jahre waren nur schwach. Sie bestanden im Wesentlichen aus Herbert Vesely. Der in Wien geborene Vesely war in den 50er Jahren mit experimentellen Kurzfilmen hervorgetreten, vor allem NICHT MEHR FLIEHEN, der fast schon Spielfilmlänge hatte. Im Gegensatz zum Autodidakten Domnick hatte Vesely eine Filmschule besucht, und Domnick engagierte ihn für JONAS als technischen Berater. Im Februar 1962 gehörte Vesely zu den Unterzeichnern des Oberhausener Manifests, und sein im selben Jahr erschienener DAS BROT DER FRÜHEN JAHRE ist neben Ferdinand Khittls DIE PARALLELSTRASSE eines der Gründungswerke des Jungen Deutschen Films. Domnick ließ sich 1967 bei Nürtingen in der Nähe von Stuttgart eine Villa als Privatmuseum für seine Kunstsammlung (neben Gemälden abstrakte Metallskulpturen im Park) errichten. Die Villa und die Sammlung werden heute von einer Stiftung verwaltet, die Domnick und seine Frau gegründet haben, und sind der Öffentlichkeit zugänglich.

JONAS ist in Deutschland auf DVD erschienen. Für die, die es genau wissen wollen, gibt es ein Buch über die Entstehung des Films sowie ein weiteres, das sich speziell Enzensbergers Rolle widmet.

Kommentare:

  1. Ist ohne Umschweife auf meiner Kaufliste für die unmittelbare Zukunft gelandet. Muß man noch mehr sagen? Danke!

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  2. Du hast es mal wieder geschafft: Ein mir völlig unbekannter deutscher Film - und erst noch das Kino-Debut meines liebsten Bendix Grünlich, dem früh verstorbenen Robert Graf. - Da ich in irgendeinem Zusammenhang schon von "N.N." hörte, hätte ich natürlich prompt auf Vorreiter des "Neuen Deutschen Films" getippt. Danke für die hervorragende Besprechung eines mit Sicherheit zu Unrecht "vergessenen" Films!

    Du verdienst schon wegen deines spannenden Einsatzes und der hervorragenden Zusammenarbeit eine Belohnung - und jetzt nach dem diskreten Appell unseres Intergalaktischen (s. "Aktion Deutscher Film") erst recht. Ich habe dir deshalb Admin-Rechte gewährt. Aber wehe, du schmeisst mich raus! ;)

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  3. Wunderschöne Besprechung eines in jeder Hinsicht herausragenden Films.

    Für mich war neben der stilistischen Abstraktion (die übrigens im Verlauf des Films stetig zunimmt), die bereits erwähnte Thematisierung der vergeblich verdrängten Schuld besonders bemerkenswert. Definitiv einer der „avantgardistischsten“ deutschen Filme überhaupt… und jederzeit absolut sehenswert…

    Nur der Vollständigkeit halber: Enzensbergers 1957 veröffentlichter Gedichtband trägt den Titel „verteidigung der wölfe“.

    Danke für die Erinnerung an diesen zu Unrecht fast vergessenen Film...

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  4. Ganz hervorragender Beitrag. Prädikat "Besonders wertvoll", sag ich mal. Merci.

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